Riga: Vorstadtleben im Sowjet-Bau


Etwas verschlafen schlendere ich in das Zentrum der Stadt. Die Sonne steht bereits über den Häusern und es könnte wie in jeder anderen Stadt Mitteleuropas sein: Verkehr, Cafés, grüne Bäume in Parks und Menschen auf dem Arbeitsweg. Wäre da nicht dieses krächzende, ja lästernde Geschrei von Möwen, irgendwo, ich sehe sie nicht, aber sie müssen sind auf den Dächern tummeln, ganz gewiss. Es beschwingt mich, ich erinnere mich: ich bin an der Baltischen See.

Riga, eine alte Hansestadt. Die Altstadt ist großartig erhalten, die Kuppeln strahlen und die Scharen von Touristen beweisen es – die Stadt ist im Kalender der Reiseanbieter gut gebucht. Es sind so viele da, dass ich links und rechts von ihnen den Ausführungen ihrer Stadtführer folgen kann. Die Stadt ist anders als ihre Schwestern im Süden (Vilnius und Kaunas): wesentlich größer, die Innenstadt hat nicht diesen Kleinstadt-Charakter. Sie ist prächtig und großzügig, genauso wie der Fluss, an dem sie liegt: die Düna.

Ich übernachte bei Arta in einer von Russen dominierten Vorstadtsiedlung. Die Blockbauten stammen noch aus Sowjetzeiten, die Gasleitungen laufen offen unter der Gangdecke, selbst die Zwischenstöcke haben eigens versperrbare Türen. Unter dem Balkon lauert ein kleiner Getränkehändler, ein Zentrum der durstigen Männerschaft. Warum Männer bei der Lebenserwartung bescheiden abschneiden (69 Jahre oder zehn Jahre kürzer als die Frauen), ist in den Seitenstraßen und den Siedlungen leicht zu erkennen. Das ‚Alk Outlet‚, ein Geschäft das ich zufällig in einer Straße entdecke, kann sich über mangelnde Kundschaft nicht beklagen. Im benachbarten Russland schneiden die Männer mit 66 Jahren nochmals niedriger ab. Eine geplante Pensionsreform unter Putin, die ein Eintrittsalter für Männer mit 65 vorsieht, wirkt zynisch. Und was machen wir am Abend? Kochen eine Kleinigkeit und leeren eine Flasche Rotwein.



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