Kaunas: Montag Morgen
Andrius fährt zu einem Auftrag in den Norden Litauens und nimmt mich im Auto nach Kaunas. Wir verlassen Vilnius im Stau und Nebel, in Kaunas strahlt dann die Herbstsonne. Ich komme in einem schmuddligen Hostel für die Nacht unter, mache mich auf Entdeckungstour durch die Stadt. Die temporäre Hauptstadt Litauens an der Memel punktet mit einer schmucken Altstadt und dem einen oder anderen, ruhigen Park: ich, Kastanienbäume und jede Menge Tauben.
Der Herbst ist nun tatsächlich da. Die Luft ist klar, die Sonne kühl, die Melancholie in den Gesichtern der Menschen entwickelt sich. Die Schule wird bald anfangen und die Heizung demnächst angeworfen, der Pullover ist schon aus dem Schrank gekramt. Auch das Reisen verändert sich. Ich gehe gegen Norden, kein Schwitzen mehr, keine Hitze-bedingte Erschlagenheit, stattdessen Straßen, die nach Montag Morgen riechen. Das schläfrige Schweigen der auf die Busse Wartenden versucht mich zu überwältigen. Ich wehre mich, trotze demonstrativ mit einem T-Shirt und einer extensiv zur Schau getragegen, außergewöhnlich guten Laune, die normalerweise nur Frischverliebte zeigen dürfen, oder Leute, die gerade in den Urlaub in den Süden abfliegen.
Ich teile mein 4er-Zimmer, das einer winzigen Zündholzschachtel gleicht, mit einem glatzköpfigen, muskulösem Russen. Für einen Moment stelle ich mir ein sibirisches Gefängnis vor, wäre da nicht das breite Lachen des in der Nähe von Jekaterinburg Wohnenden, der als Bauarbeiter in Nordost-Europa sein Geld verdient. Es entwickelt sich ein Austausch aus Anglo-russischen Satzfetzen, die stets in Zeichensprache enden. Oder in einer Einladung auf ein deftiges, Speck-bewachsenes Essen. Unsere WG etabliert sich schnell, auch wenn wir noch nicht alle Zimmerregeln ausdiskutiert haben (stundenlanges Telefonieren während der Nacht). Der Lärm von der Straße unter dem Fenster ist bemerkenswert, der Dreck in der Hostel-Küche ebenso. Man gewöhnt sich an alles und schläft irgendwann ein, weil am nächsten Tag wieder Montag Morgen ist und das Leben einen Schritt weitergeht – im T-Shirt und einem Lächeln im Gesicht.















