Hesarchal: Lagerleben


Zwischen den Berggängen liegen wir faul an einem Gletschersee, der etwa eine Gehstunde oberhalb des Zeltlagers liegt. Das ist die angenehme Seite der Akklimatisation für den Damavand. Das Wasser ist eiskalt, ein Tauchgang geht sich dennoch aus – die Sonne brennt auf uns herab und wir kneippen die meiste Zeit mit den Füßen im türkis-blauen Wasser. Absolute Stille, abseits etwas Windpfeifen und dem schwirrenden Geräusch von Hummeln. Die Zeit steht, nur die Grashalme beugen sich der Luft, die von den Bergen ins Tal saust.

Die Stunden im Zeltlager sind kurzweilig. Das Leben ist bunt und geräuschvoll, ein beständiges Kommen und Gehen. Die meisten Wanderer bleiben nur eine Nacht: Ankommen am Nachmittag, Zeltaufbau, essen, tratschen bis spät in die Nacht, ein frühes Aufstehen und Aufbruch auf den Alam-Kooh, Rückkehr am frühen Nachmittag und langsames Zusammenpacken für den Rückzug ins Tal. Alles geschieht mit der gleichen Regelmäßigkeit wie der Himmel uns am Morgen mit Sonnenschein begrüßt und am Nachmittag Wolken aufziehen lässt, die am frühen Abend in leichte Nieselschauer übergehen. Sie dauern gerade einmal wenige Minuten.

Die meisten Berggänger kommen in größeren Gruppen, haben Maulesel für den Materialtransport gemietet. Der Zeltaufbau ist für den überwiegenden Teil eine kleine Studie, wir schauen von einer kleinen Anhöhe interessiert zu, während wir am heißen Tee nippen und am selbst gemixten Studentenfutter nagen. Mehrmals am Tag besuchen uns kleine Abordnungen – aus Neugierde, was diese offensichtlichen Nicht-Iraner hier treiben. Fragen über unsere Herkunft, über unser Wohlbefinden, über unsere Eindrücke, wohl gemeinte Tipps, wie wir Berge besteigen sollen, folgen. Wir werden zu Abendessen eingeladen und es werden uns Obst, Wasser, Süßigkeiten und anderes vorbeigebracht, als stünde zu unseren Füßen ein Opferaltar. Wir revanchieren uns mit Gruppen-Selfies und Telefonnummer-Austausch.

Gegen das Wochenende wird Hesarchal zu einem Hühnerstall. Hunderte Menschen irren zwischen den eng gewordenen Wegen der Zeltstadt. Wir sind umzingelt von Gerüchen, Geschwätz und Bewegung. Der Geschäftigkeit entkommen wir auch am Berg nicht mehr – die Wege sind voll, und am kleinen Bergsee ziehen wir durch unsere Präsenz jegliche Aufmerksamkeit auf uns. Es passiert immer wieder, dass sich fremde Menschen einfach zu uns setzen, auch wenn meilenweit Freiraum zur Verfügung steht. Sie sitzen da, schweigen, sprechen plötzlich auf Farsi ein-zwei Sätze, wir antworten unwissend, was die passende Antwort ist, Schweigen folgt, und so geht es meist den ganzen Nachmittag, bis irgendwer aufsteht und weiterzieht.


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