Alam-Kuh & Siah Sang: Ausweichrouten
Wie immer schlafen wir aus, haben keine Eile, auch an einem Bergtag wie diesem. Lange Schlangenlinien von Berggängern setzen sich in Bewegung, sichtbar nur im ersten Drittel des Weges auf den höchsten Gipfel der Gegend: Alam-Kuh (Alam-Kooh, 4.850 m). Zwei Stunden später betreten wir die staubigen Wege, die sich in der Gerölllandschaft nach oben schrauben. Die vielen steilen Stiche rauben uns kurz den Atem, dann biegen wir vom Weg ab und erkunden eine vorgelagerte Anhöhe – Marji Kesh (4.580 m). Abseits der Wege ist es einsam und beschaulich, der Blick von der höchsten Stelle hinab zum Wanderweg immer noch von langen Reihen Marschierender geprägt.
Wir reihen uns in die Prozession zum Alam-Kuh ein. Sie ist langsam, das Überholen auf diesem Abschnitt mühsam – steil und eng und geröllartig. Während die Iraner uns auf jedem Meter grüßen und in Unterhaltungen verwickeln, kommt uns vom Gipfel eine größere, europäische Gruppe entgegen, die außer starrem Blick kein Wort herausbekommt. Wir denken uns unseren Teil, schreiten weiter und am Gipfelgrat werden wir mit Applaus und „Bravo“-Rufen empfangen. Wir müssen nicht auf unsere Leistung stolz sein, die iranischen Bergkameraden sind es für uns. Dafür müssen wir für ein paar Erinnerungsfotos herhalten. Wir scherzen, wir sind nun auf Instagram die bekanntesten Österreicher im Iran. Es sind wirklich viele Fotos.
Zwei Tage später ein völlig anderes Bild. Weil Wochenende ist, stürmen noch mehr Einheimische die Wanderwege. Wir weichen in offenes Gelände aus, durchschreiten ein einsames Paralleltal auf dem Weg zum Siah Sang (4.604 m). Der Gletscher ist längst in den Untergrund gegangen. Wir fühlen uns fit, unsere Körper haben sich mittlerweile an die Höhe angepasst. Ein steiler, loser Geröllhang benötigt etwas Aufmerksamkeit, dann sind wir auf einem Hochplateau zwischen Alam-Kuh und unserem Tagesziel, folgen dem Grat, der bald zu einer feinen und leichten Gratkletterei ausufert. Drei Stunden später sitzen wir wieder vor unserem Zelt und beobachten die nun aufgelösten Reihen der Rückkehrer nach Hesarchal: die Bauchtasche, Trekkingstöcke, der Regenschutz auf dem Rucksack, die Schildkappe mit langem Nackenschutz sind unverkennbare Markenzeichen iranischen Wanderer. Wer auch noch Gamaschen trägt und Handschuhe, da besteht kein Zweifel mehr.
















