Qerret: mein albanisches Heim


Mein Tag beginnt spät. Draussen ist es hell, das Haus ist ruhig, ich blicke aus dem Fenster in den Garten. Blauer Himmel, Vögel zwitschern, die blühenden Bäume wiegen sich leicht im Wind. Die Welt in den Bergen um Qerret ist eine ruhige, abgeschiedene. Kein Verkehr und kein Lärm, höchstens das Gackern der Hennen und ein Traktor in der Ferne, und das ist schon alles, nicht weil es Sonntag ist, sondern tiefste albanische Provinz. Tirana ist weit weg.

Wir frühstücken draußen. Sandra hat Crepes gemacht, Gaetan frischen Saft aus Karotten, Äpfeln und Orangen gepresst und ich lehne mich zurück und staune, was die beiden alles auf den Weg gebracht haben. Das Berghaus war innen ausgehöhlt, der Garten eine Wüste, die Nebengebäude verwahrlost, als sie all das übernommen haben. Beide unter 30, voller Tatkraft und Träumen, sind hier hängengeblieben auf einem Albanien-Trip. Als sie aus Frankreich loszogen, wollten sie gerade mal zwei Wochen bleiben. Sie sind immer noch da, bald schon ein Jahr. Wenn ich mich so umsehe, lebe ich mit den beiden in einem Paradies: eine Quelle entspringt dem Fels direkt neben dem Haus, der Garten ist riesig, das Haus ist mittlerweile eine Bergpension – die Waschmaschine läuft, es gibt heißes Wasser aus der Dusche und das einzige Internet in der ganzen Gegend.

Wir besprechen die Arbeiten für den Tag. Wir möchten einen Weg anlegen, der quer über das Grundstück zum Obstgarten führt. Unsere Hände sind von Schwielen und Blasen gezeichnet, aber das Wetter passt und wir wollen den Garten ein Stück weiter voranbringen: die Petanque-Anlage ist fertig wie die Zufahrtsstraße, der Hühnerkäfig, die Sitzbänke für die Veranda, ein Sofa auf Rollen und eine Hängematte unter dem Dach. Am meisten beschäftigt uns die neue Webseite: Texte sind zu schreiben, Bilder zu schießen und alles unter einem Hut zu kriegen. Nach zwei Stunden vor dem Schirm haben wir genug und schnappen uns die Kettensäge. Wir wollen einen umgestürzten Baum zerlegen und dann mit der Axt in handliche Stücke für die Feuerstelle hacken. Ich freue mich schon auf das Feuer – in der Nacht kühlt es doch merklich ab und nichts geht über die Freude, ein eigenes Feuer anzumachen.



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