Auf die Balearen: Hip-Hop durch das Mittelmeer


Das dicke Ölzeug hing an unseren Körpern, die Taue klatschten ins schwarze Wasser der Marina. Die Tangaroa schlich vorsichtig in die dunkle Nacht. Wir waren guten Mutes, aufgeregt ist wohl das bessere Wort. Was hatten wir uns bei den früheren Fahrten alles schön ausgedacht und optimistisch geplant und am Ende war alles anders und uns viel schwerer gefallen. Ich sah zu Jonna hinüber, die an den Tauen hantierte, kam zurück in die Gegenwart, verscheuchte diese Erinnerungen wie eine lästige Mücke. Ich steuerte das Boot langsam auf das Dieseldock zu, wollte keinen Fehler machen. Das Steuerrad reagierte furchtbar träge, mein Herz schlug lauter, draussen vor der Hafenmauer rauschten die weissen Wellen und hier in der Marina tuckerte nur der kalte Motor. Jonna lächelte mir zu. Die kleinen Abenteuer einer Segelyacht!

Jonna meint, ich könnte etwas mehr Optimismus an den Tag legen. In dieser anbrechenden Nacht hoffte ich auf keine Wassereinbrüche, betete, dass unser Motor hielt, streichelte das Steuerrad. Lobte den Vollmond für die prächtige Sicht, frohlockte über fehlenden Gegenwind an der Küste Sardiniens. Cagliari schimmerte weit entfernt am Ende der Bucht. Der Motor hielt, das Steuerrad auch. Aber das Wasser suchte sich nach einem wilden Tag seinen Weg in das Boot, flutete beide Duschkabinen wie ein Schwimmbad – auch hier entpuppten sich die Dachluken als rein optischer Schutz, noch nicht fit für eine raue See, die sich, entgegen der Wettervorhersagen, länger hielt als prognoszitiert. Wir hielten Kurs, westwärts auf die Balearen, in guter, alter Manier der Handsteuerung, für drei Tage und Nächte. Die Schwimmbäder waren von den elektrischen Pumpen schon längst trocken gelegt.

Himmel über dem Mittelmeer
Die Nacht fällt bald herein

Ach, die Wettervorhersagen! Vier Wettermodelle stehen uns stets zur Verfügung, alle so ähnlich wie die vier Himmelsrichtungen, wir studieren und grübeln und folgen tendenziell worst-case Szenarien, die sich unserer Logik nach einfach nur besser entwickeln können. Mit einem Satz: wir liegen immer falsch. Dass in diesen Nächten und Tagen der Passage nach Mallorca der Wind hielt und uns in Lichtgeschwindigkeit nach vorne schob, war eine schöne Überraschung auf unserem Hip-Hop von Hafen zu Hafen durch das Mittelmeer. Wir tauchten in der Bucht von Palma zwölf Stunden früher auf als geplant, bewunderten die Lichter der Stadt und dachten: wieder einmal mehr eine Nachtlandung! Die Fender hingen von der Reling, die Navigationsinstrumente hatten unsere volle Aufmerksamkeit, das Funkgerät meldete uns an, wir hatten nur noch eines zu tun – anzukommen, die Tangaroa am Dock festzumachen und vor dem Schlafengehen einen Blick auf die beleuchtete Kathedrale zu werfen, die über unserem Liegeplatz thronte.


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