Madererkamm: die Nacht, das Schönste


Audrey und Benjamin, ich höre ihre Stimmen noch längst, als ich das Licht abgedreht habe. Es ist schön, Stimmen im Haus zu hören, die lachen und Späße machen, das Leben blüht in ihnen. Es ist ein aufregendes Leben mit jungen 21, mit dem Auto durch Europa zu fahren, von einem Tag in den anderen. Sich das Leben zu organisieren, mit wenig auszukommen, das Fahrtgeld mit Carsharing zu finanzieren. Ein Leben mit Träumen, Illusionen und Realitäten. Uni in Nancy in der Lorraine, in zwei Jahren fertig, und dann? Ihre Chancen auf einen Job schätzen sie nicht groß ein. Aber die Welt wartet nicht auf einen. Die Welt muss gemacht werden. Aber mit 21, damals, da habe ich gar nichts verstanden.

Irgendwann verstummen ihre Stimmen, sie schlafen ein, und das Haus kehrt in seine alte, schöne Ruhe zurück. Ich schleiche am nächsten Morgen aus dem Haus, die beiden schlafen noch, ich packe das Auto und fahre nach Gaschurn, in die Berge. Die nächste Nacht wartet. Der Weg durch das Valschavieltal ist mir geläufig. Den Madererkamm habe ich schon so lange im Kopf, und nun, zwei Tage Zeit, zwei Tage Herbstsonne. Wieder marschiere ich hinauf auf’s Gaschurner Winterjöchle (2.320 m), dann drehe ich nach Norden und suche mir einen Weg durch die Schrofen hinauf auf den Albonakopf (2.482 m). Wie lieblich golden die Südseiten aussehen, so kalt und winterlich die Nordseiten! Der erste Blick über den Madererkamm ist grandios, weitläufig. Und voller Hindernisse.

Albonakopf, Valschavieltal
Valschavieler Maderer

Der Abstieg zum Wormser Höhenweg ist in wenigen Minuten geschafft, der Aufstieg auf die Gegenseite, ein kleines Labyrinth aus großen und kleinen Blöcken, etwas länger. Am Gipfelkreuz des Valschavielkopf (2.696 m) bleibe ich keine Minute, sondern suche nach einem geeigneten Abstieg gegen Norden. Die Flanke ist steil, der Schnee tief. Fast überall kleine Fallen: riesige Löcher, aus denen man lange bräuchte, um herauszuklettern. Ich lasse die Steigeisen am Rucksack, auch den Pickel, grabe im Schnee, rutsche auf Platten, und in einem kleinen Lawinenhang muss ich kurz durchschnaufen, denn den kann ich nur mit dem Gesicht zum Schnee nehmen, so steil ist er. Aber dann bin ich durch, und schon auf dem Weg zum Torkopf. Wie mit einem Messer ist die Schneegrenze gezogen, und schon klettere ich im Gneis, große Risse, feine Griffe, herrliche Boulder. Nur kurz muss ich an die Keschnadel denken. Ich halte inne. Das tun, was einem Furcht einflößt.  Der nächste Griff, der nächste Tritt, und über die ausgesetzte Stelle. Und weiter.

Valschavielkopf
Nordseite des Valschavielkopf

Madererkamm, Valschavieltal
Blick über den Madererkamm

Vom Valschavielkopf habe ich gesehen, dass ich nach dem Torkopf (2.638 m) ein Problem bekomme, wenn ich dem Grat folge. Ich steige in die Südwand ab, quere zum Eisenernen Tor. Mächtige steile Blöcke, und weiter am Grat große Platten. Ich lasse die Valschavieler Plattenspitze liegen, denn nach ihr kommt eine richtig große Wand. Mein kurzer Strick würde hier nicht reichen. Es geht für mich weiter nach unten, meine Augen suchen Wasser und einen Platz für das nächtliche Biwak.

Bivvy
Fort Alamo, mein Bivvy

Madererkamm
ein Tag geht zu Ende, eine neue Nacht kommt

Ich finde beides. Ich lehne an einer feinen Felsplatte, löffle im Essen, schaue um mich. Es kann nichts Besseres geben: 180° Riesenbildschirm, das Valschavieltal nur für mich! Die Sonne wärmt mich, als ich auch noch Munro aus dem Rucksack hole. Eine Kurzgeschichte geht sich aus, bevor ich das Lager für die Nacht beziehe. Die Nacht kommt schnell, wie ein Laken zieht sich der Sternenhimmel über mich, ich staune über diese Welt, meine Hände in meinem Nacken liege ich da, als wäre das Tal mein Zimmer und dieses kleine Biwak mein Bett. Eine Fledermaus schwirrt über mir, drei, viermal umrundet sie mich. Und dann diese Sterne. Millionen. Es ist kurz nach 18.00, und ich habe noch zwölf weitere Stunden für dieses Spektakel. Sternschnuppen, unzählbar viele. Manche ziehen am Horizont ihre Bahn, andere fallen steil und kurz herab, und dann noch die, die stark aufglühen, bevor sie unsichtbar werden. Und jene, die sich in mehrere Teile aufspalten und wie ein kleines Feuerwerk über das Land niedergehen. Hin und wieder nicke ich ein, aber auch durch das geschlossene Augenlid sehe ich diese Leuchtkörper. Fast automatisch öffnet sich das Auge, wenn über mir etwas verglüht.

Immer wieder richte ich mich auf, in dieser Nacht. Einmal, da habe ich das Gefühl, jemand hat das Licht eingeschaltet. Im Nordosten geht der Mond auf, ich sehe ihn nicht, aber er erleuchtet die Nordwand des Albonakopf, als würden da tausend Lichter darauf gerichtet sein. Der Schnee reflektiert das Licht, und ich sehe jeden einzelnen Couloir da hinauf, jeden einzelnen Boulder, fast schon jeden Griff. In einem Rhythmus aus Schlaf und Staunen vergeht die Nacht, der Morgen kommt, und als erstes leuchtet der Valschavieler Maderer in der Sonne. Da habe ich schon zusammengepackt, Kaffee getrunken und was gegessen. Bereit für einen weiteren Tag, für weitere Gipfel in der Madererkette. Und auch wenn es nur mehr zwei mehr werden (Fanesklakopf, Schwarze Wand), auch wenn der Abstieg zurück lang und das Wasser im Bach kalt und klar ist, es sind die Nächte, die mich immer wieder erstaunen. Die Nächte, das Schönste.

madererkamm
wieder auf dem Grat unterwegs



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