Giglturm: November-Montag und ein Apfel


Die Tage werden kürzer. Im Dunkeln und im Nebel chauffiere ich das Auto aus dem Rheintal in den Bregenzer Wald. Die Scheiben sind angelaufen, die anderen Fahrzeuge blenden mich. Mir kommen viele Autos entgegen, ganze Kolonnen voller Scheinwerfer, die sich wie eine große Lichterkette in den Montag Morgen wälzt, ins Tal. Ich bin der Einzige, der in die Gegenrichtung fährt. Habe ich was verpasst? Ich drehe das Radio auf, über mir verschwindet bald der Nebel, und die Fahrt endet irgendwo kurz vor Schröcken. Es ist der Beginn eines grandiosen Montag im November.

Blick ins Große Walsertal
bereit für einen neuen Tag

Blick zum Rothorn

in einer Route am Giglturm, Blick zum Rothorn

Eine Kletterroute später, wir liegen das erste Mal barfuß auf dem Giglturm, überblicken das Talende des Großen Walsertals und die Spitzen um das Gadental. Die Sonne blendet, ich muss meine Augen schließen, und dann diese Stille. Nichts, nichts ist zu hören. Keine Wanderer vom vorbeiführenden Weg zur Hochkünzelspitze, keine Fahrzeuge, keine Flugzeuge, nur der Atem des Himmels und unser Dasein. Die Nordhänge sind bereits mit Schnee gefüllt, aber hier, da ist noch fast Sommer. Griffiger Fels, ausgetrocknetes Gras, und der Geruch von Sonnencreme im Gesicht, auch wenn wir keine aufgetragen haben. Wir lachen über unsere Besteigung – wackelige Knie, und dann auch noch die Crux umgangen und in eine Rinne eingestiegen, die keine Bohrhaken bot. Fast 30 Meter ohne Zwischensicherung, nun, nennen wir es eine mentale Herausforderung. Das wäre im englischen Bewertungssystem und bei den Russen irgendwo weit oben angesiedelt, und wir beschließen von nun an einen Satz Keile und Friends mitzunehmen.

am Giglturm

grandioser Fels am Giglturm

Den etwas alpinen Charakter an diesem Klettertag setzen Erika und ich genüßlich fort, arbeiten uns über Platten und dann durch einen schönen Kamin wieder nach oben. Gernot hätte diese Route gemocht, und wir nennen ihn spontan den Gernot-Kamin. Spreizen, stoßen, klemmen. Das ist eindeutig meins. Vier Seillängen, und wir sitzen wieder am wackligen Gipfelkreuz. Wir haben nur einen Apfel mit, dafür aber den schönsten November-Montag. Unwillig verlassen wir diesen Ort, die Sonne macht sich langsam davon, und im Dunkeln marschieren wir von der Biberacher Hütte hinab zur Bundesstraße.

am Giglturm
Mein November-Montag-Gesicht

Je mehr ich sehe, desto leichter fällt es mir, loszulassen. Wieder ist es dunkel, als ich ins Rheintal einfahre. Wieder hat es Nebel, und wieder fahren mir Kolonnen von Fahrzeugen entgegen, die wie Lichterketten in den Feierabend rollen. Ich bin der Einzige, der in die Gegenrichtung fährt. Habe ich was verpasst?


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