Pico de Posets: Der Atem des Fremden in meinem Ohr


Ich wünschte, jeder würde, wenigstens einmal in seinem Leben, nachts aufbrechen, allein, auf einem Weg, den er nicht kennt. Denn es ist so. Die Stirnlampe erhellt die nächsten zehn Meter des Weges, das Unmittelbare vor mir. Ich weiss nicht, was das Geräusch neben mir verursacht, das Rascheln am Boden, das Knacken der am Boden liegenden Äste; weiss nicht, wo sich der Hund versteckt, der mich anbellt, wem die Augen gehören, die mich lange anstarren. Ich sehe nur die Augenpaare in der völligen Dunkelheit, denn das Licht der Stirnlampe reflektiert etwas in diesen Augen, aber nur dieses. Und so tauchen dann ein zweites Paar Augen auf, verschwinden, tauchen wieder auf. Es ist ein Gang durch steile Gärten, sehr früh am Morgen, in der völligen Dunkelheit.

Pico de Posets, Aragon
die Berge sind wild…

Die Stirnlampe bietet mir Sicherheit, für die nächsten zehn Meter meines Weges, das Unmittelbare vor mir. Ich gehe vorsichtig und leise, möchte eins werden mit der Nacht, möchte eins werden mit dem Wald. Als ich das Licht ausmache, sind das Einzige, was ich sehe, die Sterne. Sie sind über mir, leiten mich, aber sie sind Millionen Lichtjahre entfernt, irgendwo in unserer Galaxie, also schalte ich die Stirnlampe wieder an, um nicht über eine Wurzel zu stolpern. Nach wenigen Minuten gelingt es mir, ich laufe geräuschlos durch die Nacht, wie ein Teil davon. Alles ist Haltung, denke ich.

auf dem Weg zum Pico de Posets, Aragon
… und rauh

Ich bin schon über eine Stunde auf dem Weg in dieser Dunkelheit, und es wird noch eine weitere Stunde vergehen, bis das Morgengrau hereinbricht. Ich komme an eine Stelle auf dem Weg, an der Wasser brodelt und faucht, irgendwo herunterstürzt und einen unüberhörbaren Lärmpegel erzeugt. Ich sehe das Wasser nicht, mein Licht sieht nur ein tiefes, schwarzes Nichts. Es ist so laut, als könnte ein Fremder neben mir stehen, mir seinen Atem ins Ohr hauchen, ich würde es nicht fühlen, sehen, hören. Einfach nicht merken, und trotzdem wäre er da. Es sind diese kleinen Geheimnisse der Nacht! Wir wissen nichts über die Welt außerhalb unseres Scheinwerfers, und dennoch gehen wir da hinaus, sie zu entdecken. Ohne die Umgebung zu sehen, spielt meine Phantasie. Und als ich nach Stunden vom Pico de Posets (3.375 m) wieder nach Ereste (1.118 m) zurückkehre, sehe ich die Welt der Nacht mit anderen Augen, erhellt durch das Sonnenlicht. Ich sehe den Wasserfall, die steilen Abhänge, ich sehe den Fremden, der mir in das Ohr seinen Atem haucht.

Blick vom Pico de Posets
Blick vom Pico de Posets


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