Klesenzahörner: to be raw
Als der Talschluss im Morgengrauen sichtbar wird, und das ist jene Stelle kurz bevor die Brücke vor der Gadenalpe erreicht wird, da erhebt sich die gewaltige Steilstufe. Sie ist wie eine riesige Welle, die unmittelbar vor dem Brechen ist, tiefschwarz, mächtig, mit dem weissen Schaum des Salzwassers. Sie baut sich auf, wird steiler, je näher ich herantrete, und wartet, denn die Zeit bleibt plötzlich stehen: die Wolken sind tief und grau, der Wald nebelverhangen, die Bäche plätschern und Regen fällt. Es ist still hier, im Gadental.
Es hat etwas gedauert, bis ich eins geworden bin mit dem Weg, mit der Dunkelheit des Morgens, mit dem Wald, und nun hier, auf der offenen Fläche, da geht es einfach rechts hinauf, zur Wangalpe. Bald biege ich ab, ins Weglose, suche meinen eigenen Weg hinauf in den Schrofen. Der Schnee wächst mit der Höhe, die Schritte werden noch eine Stufe langsamer und feiner, der Regen wird zum Schneefall, und die wilden Zacken, die das Gadental umschließen, zeigen sich. Nichts ist schöner, als seinen eigenen Weg zu suchen, als zu fallen und aufzustehen, die Kälte in den Fingern zu spüren und die Nässe im Nacken. Mein Weg hier ist völlige Ruhe, und mein Antrieb die Neugierde, was hinter dem nächsten Boulder, hinter der nächsten Rinne wartet. Dieser Schrofen ist ein kleines Labyrinth, welches zum Spielen verleitet, was ich gerne annehme. Eine Karte ist hier sowieso sinnlos, ein GPS-Track ein Spaßverderber. Ich krieche unter Latschen, zwischen Bächen, und auf steilen Grashängen empor. Der Schnee reicht mir bald bis zum Knie, als ich den Aufschwung zu den Klesenzahörnern angehe.

das Mutterwangjoch
Ich weiss nicht, wie lange ich da hinauf gebraucht habe, wieviele Kilometer ich gegangen bin und wieviele Kalorien ich verbraten habe. Aber ich erinnere mich an den scharfen Wind, der mir den Schnee ins Gesicht bläst, als ich am Grat ankomme und hinunter zur Klesenzaalpe blicken kann. Ich erinnere mich an das Anlegen der Steigeisen, an die ausbrechenden Griffe und Tritte, an das Eis unter dem Schnee, an den Abbruch der Kletterei und das aufwändige Abklettern in den Sattel. Ich erinnere mich an den Aufstieg zu einem weiteren Horn, auf der anderen, nördlichen Seite des kleinen Jochs, an die Tiefblicke, den Winter im Gadental, an das metallene Klimpern meines Pickels auf der Suche nach Halt. An den Duft der Luft, die nach feuchtem Winter schmeckt. An die Freude in mir auf der Anhöhe, an meine Bedeutungslosigkeit mitten in dieser Landschaft. Ich erinnere mich an den vorsichtigen Abstieg in einem Gelände voller Löcher und Fallen, und ich erinnere mich an die Kälte des Wassers, als mein Körper, wieder einmal und als kleines Souvenir aus den Pyrenäen, in das klare, stark fließende Wasser eines tief ausgewaschenen Bachbettes versinkt, an den Regen, der auf meine Haut fällt, als ich ihm entsteige und mich wieder anziehe. Das Unbequeme machen, um zu sehen. Das ist es, ja, das ist es. Das ist „to be raw„.
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„Super gsi – Trails & Raids“ berichtet über Mark’s Reisen und Outdoor-Aktivitäten, meist Skitouren, Bergsteigen und Bike-Touren. Mehr dazu hier…

















