Keschnadel: In die Nacht hinaus


Mut ist nicht alles im Leben, Mut kommt, wenn man der Angst in die Augen schaut. Erika steigt in die schwere Länge, ihr erstes Mal mit schweren Bergstiefeln an den Füßen, Handschuhen über den Fingern und einen Rucksack am Rücken. Schnee liegt hin und wieder zwischen den Rissen, Flechten über den Platten, vierzig Meter muss sie gehen, auf einem schmalen Grat senkrecht hinauf, die Sonne scheint, der Wind kommt und die Finger werden klamm. Ich blicke kurz um mich, über den Gletscher zur Keschhütte, und dann auf die andere Seite, ins Engadin, hinüber zum Piz Palü und seine weissen Flanken, wir sind hoch oben, greifen zum Adlernest, Griff für Griff, müssen nach jedem Antritt und Zug ausschnaufen, durchatmen, unseren Mut wiederfinden, der da ist und uns trägt. Sie steigt vor, sie steigt durch, und wir sind einen Schritt weiter.

Val d' Es-cha
Val d’Es-cha

Die Freude ist groß, nach jeder Länge, die wir dem Gipfel näher kommen. Die Uhr läuft, sie läuft gegen uns, aber das wissen wir noch nicht, das Wetter ist prächtig, und wir suchen unseren Weg durch die Wand. Seit sieben sind wir unterwegs, eigentlich recht spät, aber auf der Chamana d’Es-cha ist es noch ruhig, wenige Minuten, bevor der Rest aus den Lagern zum Frühstück kommt. Das ist der Ruf zu gehen, dem wir hinaus in den Morgen folgen, hinauf zur Porta, über dem Nebelmeer im Engadin, in den Sonnenschein, der uns wärmt. Als wir auf dem Gletscher anseilen, spüre ich, wie die Kälte in meine Hände kriecht, aber die Aufregung auf das Kommende ist groß, so dass dieses Detail fast unbemerkt bleibt. Erika führt auf das ewige Eis, sie kann sich nicht satt sehen, und dann wird es ernst, wir fragen uns nochmals, ob wir das wollen, nicken, probieren wir es, lass uns einsteigen, lass uns diesen Grat ausprobieren, lass sehen, was in uns steckt.

Keschnadel und Piz Kesch
Keschnadel und Piz Kesch (hi re)

Mut. Ist es das, was man braucht, wenn es ins Ungewisse geht? Wo wartet Eis auf uns, wo der nächste Griff, den wir halten können? Es ist die nächste Länge, die ich führe, es ist eine Länge, in der wir aussuchen können. Die leichte Umgehung, oder die schwere, direkte Linie. Ich nehme mir fest vor, die Umgehung in Angriff zu nehmen. Aber der Mut kriecht in meine kalten Hände, greift nach den Felsen, die senkrecht hinaufweisen. Herz und Verstand, zwei völlig verschiedene Dinge, in mir, in uns. Schon noch drei Metern merke ich, das wird eine harte Nuss, ich verliere den Griff und rutsche etwas ab. Ich muss meine Hände reiben, sie sind klamm und durch die Kälte aufgequollen, die kleinen, scharfen Risse tun weh, aber ohne Druck geht’s nicht und ich steige tatsächlich über die erste kleine Stufe, halte mich irgendwie irgendwo, bis ich nach zwei, drei Manövern einen gebohrten Haken entdecke, in den ich mich einhänge. Durchschnaufen, weitermachen. Erika bewegt sich so gut wie möglich an ihrem kalten Stand, aber sie steht im Schatten und die Zeit läuft, sie läuft gegen uns.

Val d' Es-cha, Engadin
super gsi!

Wieder muss ich mich ins Seil setzen, der Rucksack zieht mich hinunter, die Stiefel suchen beständig nach etwas Halt, meine Hände sind bald nicht mehr zu gebrauchen. Ich lege eine Zwischensicherung, und dann eine Bandschlinge, die mir als Trittleiter dient. Wieder komme ich drei Meter weiter, rutsche ab, aber ohne Folgen, ich schaue zurück zum Stand, Erika zittert vor Kälte, ok, ein letzter Versuch, sonst müssen wir es sein lassen, ein letzter Versuch. Sie nickt mir zu, und ich greife in die Risse und steige über die Schwierigkeiten hoch, die Crux ist überwunden, meine Hände bluten, fünf Sekunden atmen, und weiter die Wand hoch, entlang einer Platte, die nichts bietet als an ihren Begrenzungen eine Schuppe und eine Kante. Ich folge der Platte hoch, drücke mich gegen die Kante mit meinem linken Bein, der Rest klammert sich gegen die Schuppe, ich steige Meter für Meter hoch, entschwinde um die Ecke, entschwinde aus ihrem Blickfeld. Ein kurzer Blick nach oben, noch wenige Meter, dort ist der Ausstieg, dort ist ein Bohrhaken. Will ich noch etwas legen, auf dem Weg hinauf? Wollen ja, aber der Kraftaufwand wäre zu groß. Der Gedanke kommt zu spät. Mein linkes Bein verliert die Reibung, der Stiefel rauscht nach unten, und nimmt den Rest mit sich, auf meinen Knien über die Platte nach unten, bis ich nach drei Metern über meine letzte Sicherung rausche und irgendwo mit meinem Bein einhake, so dass es mich kopfüber nach unten wirft, ins Schlappseil, dem Grat entgegen. Instinktiv greife ich ins Seil, verbrenne mir die Haut, pralle mit Rucksack und Helm gegen den Fels, komme zu einem abrupten Halt, alles hängt kopfüber mehrere hundert Meter über dem Gletscher.

Aufstieg zum Grat
auf dem Weg, hinauf

Erika sieht mich nicht, als ich nach unten rausche. Mit einer Hand hält sie das Seil, als sie einen kurzen Zug, einen kurzen Aufschrei hört, bevor ich kopfüber am Seil um die Ecke auftauche. An diesem Tag gehe ich noch nicht aus dieser Welt, sie hält mich fest, nach wenigen Momenten und vorsichtigem Abtasten richte ich mich auf, schau hinüber in ein besorgtes Gesicht, stehe auf, will wieder hinauf. Ein Reflex. Eine Sekunde später, wir schauen uns an, auf die Uhr, und wissen, wenn wir weitergehen, dann wird das eine Nachtpartie. Wenige Worte genügen, wir bauen ab, und machen uns auf den Weg retour, über den langen Grat, der uns noch viel mehr Mühe kosten wird, als der gesamte Aufstieg.

Keschnadel
hold on, hold on

Den Weg auf einem Grat nach unten zu finden ist keine einfache Sache. Es sind kaum Abseilstellen eingerichtet, wir verbauen Reepschnüre, oder nutzen einfach große Köpfe, um das Seil herumzulegen, müssen immer wieder hochklettern, um das Seil wieder irgendwo zu lösen, weil es in diesem Gelände jede zwei Meter stecken bleibt. Mut. Es ist ein anderer Mut, als in der Früh. Wir müssen da hinunter, wir müssen einen Weg finden, und freuen uns jedes Mal, wenn wir Spuren des Aufstiegs entdecken. Jetzt heißt es durchatmen, ruhig in die aufziehenden Wolken blicken, weitermachen, einfach weitermachen, dem Gletscherboden entgegen.

Zurück zur Porta d' Es-cha
Nebel zieht auf, auf dem Weg zurück

Es ist wie immer, wenn der Mut siegt, aber die Mühen noch nicht vorbei sind. Es läuft sich leicht, auch wenn die dreizehnte Stunde des Weges begonnen hat, im Licht des Vollmondes, der uns von der Hütte zur Passstraße begleitet, der durch dichten Nebel über uns wacht, die letzten Meter zum Wagen, die letzten Meter, wo eine einfache Dose Pfirsiche auf uns wartet. Erst jetzt realisieren wir, dass wir den ganzen Tag nichts gegessen, nichts getrunken haben, immer in Gedanken an den Grat und die Nadel, die wir begangen haben, auf jeden einzelnen Griff vor unserer Nase. Es sitzt sich gut im Auto, aber wir hätten Energie für so vieles mehr in unseren Körpern, denn das Adrenalin und der Mut fließt immer noch in uns, als wir in die Nacht hinausfahren, zurück ins Tal.


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