Glongspitze: Der mit den Steinböcken frühstückt


Die Nächte sind kurz, auch am Wochenende. Arbeiten bis in die Nacht, aufstehen im Morgengrauen. Und das ist im Sommer recht früh. Nicht anders an einem Samstag, außer dass ich meinen Rucksack packen und in die Trailrunning-Schuhe steigen kann. Es geht wieder ins Klostertal, wie schon letzte Woche (Saladinaspitze). Ähnlich schroff ist auch der Anstieg (Wald am Arlberg, 980 m), diesmal durch das enge und instabile Glongtobel. Der direkte Weg hinauf ist steil und katapultiert mich in eine andere Welt, abseits der Straße und des Tales.

Glongspitze, Lechquellengebirge
aus dem Glongtobel kommend eine fantastische Alplandschaft

Glongspitze, Lechquellengebirge
Mamma Murmeltier mit Nachwuchs

Die Alplandschaft um die Schützalpe ist bunt: Schafherden, verfallene Alphäuser, Murmeltiere überall. Der Weg geht in der dichten Grasvegetation völlig unter und ist oft nicht mehr zu finden. Viele Menschen kommen also nicht hierauf. Einige Male suche ich weglos nach einem Fortkommen, orientiere mich grob nach Himmelsrichtung, um immer wieder auf weiss-blau-weisse Wegmarkierungen zu stoßen. Bald stehe ich am Weitwanderweg, der vom Spullersee zum Formarinsee führt, und nehme eine Weglose Abzweigung nach Süden: zur Plattnitzer Jochspitze. Den Wegverlauf kenne ich noch etwas von einer früheren Klettertour, trotzdem gerate ich ein wenig zu hoch hinaus und muss im steilen Grasgelände wieder Höhenmeter abstottern, zu einem kleinen Joch: ss geht in südwestliche Richtung zur Glongspitze (2.243 m).

Ich entdecke einen kleinen Steig, der entlang des Grates oder hin und wieder etwas darunter zum Gipfel führt. Doch dann, Stau, es geht nicht mehr weiter. Ich habe an diesem Tag noch keinen Menschen unterwegs gesehen, und auch hier nicht, aber zwei Steinböcke versperren mir den Weg. Zunächst stehen wir in fünfzig Meter Abstand von einander, beobachten uns höchst interessiert. Ich zücke die Kamera. Aber jetzt will ich weiter, doch die zwei machen keine Anstalten den Weg freizugeben. Dieser Durchschlupf ist an einer neuralgischen Stelle – an beiden Seiten geht es steil in die Tiefe. So steige ich noch ein wenig weiter, suche nach einem Umweg, aber nichts zu machen. In Gedanken schreibe ich den Gipfel schon ab, hole meine Jause heraus und sitze etwas oberhalb der erwähnten Stelle. Siehe da, andere Tiere der Herde überklettern Felsen, die zwischen mir und ihnen liegen und schauen mir stoisch beim Essen zu. Wir sind nurmehr zehn Meter entfernt. Ich versuche ein bißchen Small-Talk, ernte aber nur verschlafene Blicke. Es sind große Tiere, und ihre Hörner riesig. Auch wenn sie ruhig scheinen, ich respektiere lieber unsere Intimsphären und riskiere keine Kopfnuss, die mich vom Grat katapultieren würde.

Glongspitze, Lechquellengebirge
ein junger Steinbock posiert vor mir

Glongspitze, Lechquellengebirge
Steinböcke sind eine neugierige Spezies

Wir chillen also eine gute halbe Stunde, manche Steinböcke (es scheinen nur Männchen zu sein), legen sich fast zu meinen Füßen, und ich habe den Finger ohne Ende am Auslöser der Kamera. Es ist wie ein Fotoshooting. Als sie sich dann vollends entspannen, schleiche ich um sie herum und erklettere eine Passage, die mich dann zehn Minuten später zum Gipfel führt. Die Blicke sind auch an diesem Tag fantastisch, und endlich kommen auch dunkle Wolken auf. Nichts langweiliger als ein strahlend blauer Himmel. Auf dem Rückweg begrüßen wir uns wieder, ich mit Worten, sie mit zischendem Pfeifen. Als ich dann wieder auf der Seite der Plattnitzer Jochspitze stehe, sehe ich sie immer noch, wie sie mir hinter den Felsen nachschauen.

Glongspitze, Lechquellengebirge
auf dem Weg von der Glongspitze: Mehlsack (li) und Spuller Schafberg (mi)

Ich fliege förmlich den Wanderweg zum Spullersee hinunter, vorbei an Dutzenden Wanderern, die meist zum Gehrengrat hinauf wollen. Der Spullersee ist ebenso Ziel zahlreicher Freizeitsportler, kein Wunder, es ist herrlich hier. Durch den Namadür, ein wilder Tobel entlang des Spreubach, geht’s für mich noch eine gute Stunde ins Klostertal hinunter. Was für ein Tag!


Blog-Abo per eMail


Ihre eMail-Adresse


Weit Draussen Back Country Store

DIY Expeditions

Tipps, Deals und gute Vorbereitung – DIY Expeditions, Ihr Partner für unabhängiges Reisen

Ring of Fire T-Shirts

Über dieses Blog

„Super gsi – Trails & Raids“ berichtet über Mark’s Reisen und Outdoor-Aktivitäten, meist Skitouren, Bergsteigen und Bike-Touren. Mehr dazu hier…


Teilen
Veröffentlicht
Kategorien
Tags
Ring of Fire T-Shirts
Über dieses Blog

Reisen und die Natur, inklusive Skitouren, Bergsteigen und Wanderungen, das sind die Inhalte meines Blogs „Super gsi – Beginner’s Mind“. Mehr dazu hier…