Grey Corries: auf allen Vieren entlang des Grats


Der Tag beginnt mit Regen und endet mit Regen. Keine Überraschung in den schottischen Highlands, und doch scheint das Wetter jeden Tag eine Stufe an Schärfe zuzulegen. Ich wähle mir eine Gratwanderung und beginne ambitioniert früh am Morgen, nicht wie gestern locker um 10.00 am Ben Nevis. Die Route führt mich einen langen Hang hinauf, nichts schwieriges oder anstrengendes, nur die Richtung halten (wieder einmal weglos) und zum Stob Coire Gaibhre (958 m) gelangen. Hier stoße ich auf einen einsamen schottischen Bergsteiger, der wie ich sich das üble Wetter für ein Wintertraining ausgesucht hat. Wir plaudern einige Minuten nebeneinander, sogar auf Deutsch, dann unternimmt er einen Seitengang zum Stob Coire na Ceannain, während ich den langen Grat um die Grey Corries in Angriff nehme.

grey-corries
ein Prachtmorgen

Der eigentliche Grat ist mehrere Kilometer lang, ein ständiges Auf und Ab, klettern, kriechen, laufen. Nun mit Steigeisen und Pickel, der Wind nun sehr stark und mit viel Schnee, sehe ich bald nur noch dutzende Meter weit. Das fahle Licht macht das Laufen nicht leicht, hin und wieder bricht mein Bein durch eine Wechte durch. Die Tiefen der Süd- und Südostwände sind beachtlich. Dennoch, die Gipfel fallen der Reihe nach: Stob Choire Claurigh (1.177 m), Stob a’ Choire Lèith (1.105 m), Stob Coire Cath na Sine (1.079 m), Caisteal (1.106 m), Stob Coire an Laoigh (1.116 m) und Stob Coire Easain (1.080 m). Die Sicht reduziert sich nun fast auf null, und hier mache ich einen Fehler.

grey-corries
mein schottischer Weggefährte am Grat

Im White-out folge ich dem Bergkamm weiter nach Südost. Eine kurze Blockkletterei, dann ein steiler Aufstieg. Später im Hostel werde ich feststellen, ich bin auf dem Sgurr Choinnich Mor (1.094 m) gelandet. Ich sehe überhaupt nichts mehr, der Wind ist so stark, dass ich wiedermal auf allen Vieren von Fels zu Fels muss. Der Schnee ist aufgewühlt, es gibt einfach keine Sicht. Ich kann nicht mehr weiter, weil ich einfach nicht weiss, wohin. Ich drehe um, will einen schönen Pulverhang, den ich beim Aufstieg erspäht habe, in meine Abstiegsroute queren. Alles geht gut, nur dass ich im Bachbett feststelle, dass ich ins falsche Tälchen abzusteigen drohe. Ein kurzes Schimpfwort, und alles wieder hinauf, dann finde ich meinen vorletzten Gipfel nach einer spannenden halben Stunde im Nebel und tiefem Schnee und erwische auch den richtigen Rücken für den Abstieg. Was jetzt witzig klingt, ist da oben eine Spur ernster. Bei dieser Sicht den Fuß, das Steigeisen, den Pickel richtig über Blöcke zu setzen, Abhänge erkennen, und auf einem flachen Rücken die Richtung für den Abstieg zu finden, ist herausfordernd. Der Sturm tobt jetzt richtig, es brüllt in meinen Ohren, der Schnee fetzt an meiner Skibrille vorbei. Dank des starken Windes kann ich die abgeblasene Seite eines Rückens von der gefährlichen Seite unterscheiden, und dieses kleine Detail gibt mir genug Anhalt, meinen Weg aus den Grey Corries wieder ins Tal zu finden. Jedes Mal, wenn ich glaube, den Weg nicht mehr verlieren zu können und mein Geist ein bißchen zu wandern beginnt, stehe ich wieder vor einem kleinen Abhang und muss durch das gesichtslose Weiss manövrieren.

grey-corries
ein Felsriegel bei guter Sicht

Der Tag ist lang, die Moore bis zum Rand mit Wasser gefüllt, und die Wege zurück zum Wagen ermüdend. Nass setze ich mich ins Auto, esse ein Käsebrot und denke, was für ein unglaublicher Tag das wieder war, was für ein irres Leben ich habe.


Teilen
Veröffentlicht
Kategorien
Tags
Ring of Fire T-Shirts
Über dieses Blog

Reisen und die Natur, inklusive Skitouren, Bergsteigen und Wanderungen, das sind die Inhalte meines Blogs „Super gsi – Beginner’s Mind“. Mehr dazu hier…