Geitgaljartinden: ein Lofoten-Klassiker


Geitgaljartinden ist bei diesen Verhältnissen kein Geschenk. Am Vorabend beginnt starker Wind zu wehen, das Auto wackelt. Schnee wird in die Route geblasen. Um 05.00 will gar nicht raus, so bläst es. Eine Stunde später marschiere ich das leicht bewaldete Becken unterhalb der steilen Piste hinauf. Der Schnee ist seltsam. Mit den Fellen und dem Gegenwind komme ich nicht weiter, werde einfach herunter geblasen. Ich rüste um, Steigeisen an, Ski auf den Rücken. Aber die Ski wirken wie ein Schirm, und ich muss ankämpfen, um vorwärts zu kommen. In diesem seltsamen, feinkörnigen Schnee habe ich auch mit den Steigeisen keinen Grip. Ich komme zur ersten Schlüsselstelle, ein steiles Couloir. Soll ich da durch?

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Geitgaljartinden im Hintergrund li, in der Mitte die erste Schlüsselstelle

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Baby, oh Baby! Was für Berge hier auf den Lofoten!

Am Vortag fahre ich vom Spanstinden an den Ofotfjorden. Hier bekomme ich die Neuigkeiten aus Nepal. Kathmandu zerstört, Basecamp am Mt. Everest von einer Eis- und Felslawine überrollt. Ich gehe kurz durch, wer von meinen Freunden eventuell dort sitzen könnte. Wolfgang Klocker und Klemens Bichler, meine Osttiroler Bergführer-Freunde, sind auf der Nordseite des Everest unterwegs. Von dort hört man nichts (update: mittlerweile habe ich auf Andy Holzer’s Blog gelesen, dass alle auf der Nordseite unbeschadet davon gekommen sind – mit Glück: auch hier Eisfall, Felsstürze, Spalten öffneten sich…).  Denke an die tolle Zeit mit den zwei in den Osttiroler Dolomiten, als ich die vielen Fjorde entlang fahre, endlich auf die Lofoten. Dort wie hier, der Mensch ist eine Ameise angesichts dieser Natur-Dimensionen. Ich bleibe öfters am Straßenrand stehen, staune, danke für den Tag.

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ca. in der Mitte der Trasse, Blick zurück

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Skidepot, Blick nach Süden

„Soll ich da durch?“, frage ich mich immer wieder. An der ersten Schlüsselstelle, einem steilen Couloir. Ich will nicht umdrehen, auch wenn mir die Stelle nicht besonders gefällt. Ich steige herum. Weiter oben, eine ähnliche Passage. Umdrehen? Vielleicht noch nicht, schauen wir mal oben weiter. Wieder auf den Ski, mit Harscheisen, nehme ich eine Steilstufe nach der anderen. Vom Wind hin und her geworfen, vom Eis bombardiert, bin ich froh um Helm und Skibrille, dicken Handschuhen und diesen Willen, bei widrigsten Verhältnissen einen Fuss vor den anderen zu setzen. Umdrehen? Wieder nicht. Ich will zumindest den Gipfel sehen, der sich hinter einer Rampe versteckt. Und wie es so kommt, stehe ich auf dieser windumkämpften Rampe, habe den ganzen Hang hierauf eine Spur gezogen, mich gegen diesen Wind gewehrt, ich schnalle die Ski ab. Umdrehen? Eigentlich ja. Ein Steilhang von 150 Metern mehr, dann nochmals eine steile Rampe zum Gipfel. Ich nehme die Felle ab, und die Steigeisen aus dem Rucksack. Ich weiss nicht, warum ich sie herausnehme und beginne anzulegen. Ich schaue nochmals hoch, ein eingeblasener Steilhang, eigentlich ein klares No-Go! Aber meine Hände und Beine haben eine eigene Seele, die tun, was sie immer tun: Gerät zum Marsch anpassen. Die Ski bleiben zurück, aber alles andere geht mit hoch. Die Steigeisen greifen nun besser, der Pickel stößt durch den Triebschnee in die Schmelzharschschicht des gestrigen Nachmittags. Ich gehe zügig, das Herz schlägt schneller, aber nicht wegen der Höhe. Hält der Hang? Er hält und ich muss den letzten Meter über eine leichte Wechte robben, weil der Wind mich sonst wieder nach unten wirft. 

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nicht mehr weit, aber ausgesetzt zum Gipfel des Geitgaljartinden

Fünfzehn Minuten später ramme ich den Pickel in den Gipfelscheitel des Geitgaljartinden (1.085 m). Die Aussicht ist überwältigend. Der Nordatlantik, die Lofoten mit ihren Fjorden, die dunklen Wolken, die sich an meine Position gegen den Bodenwind heranpirschen. Ich krabble wieder hinunter, zum Skidepot, alles in Ruhe, beginne mit der Abfahrt. Der mühsame Triebschnee des Aufstiegs ist jetzt ein Geschenk. Pulverabfahrt in der oberen Hälfte, dann wird’s zunehmend härter. Das enge, steile Couloir ist betonhart und raubt viel Kraft. Der Marsch zurück zum Auto durch das Buschwerk ist eigentlich eine Freude. Mein Herz ist nun so groß wie dieser riesige Felsriegel des Geitgaljartinden. Das war kein Geschenk. Über Geschenke freut man sich. Erarbeitetes aber bleibt in Erinnerung. Der Geitgaljartinden bleibt in Erinnerung. Ich grinse die gesamten 180 Kilometer Fahrt nach Narvik.

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wie in einem Windkanal, die Abfahrt durch das enge Couloir


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