Geisterspitz: Welcome back
Nach der Rückkehr aus Schottland durfte ich endlich wieder ran. Die Saison in den Ostalpen ist am Ausklingen, zumindest die Temperaturen meinen es so. Ich breche zum Madererkamm auf, von Silbertal (889 m) aus, ein recht langer Marsch entlang der gesperrten Straße, kein Schnee mehr drauf, also alles bis zur Rona-Alpe (1.356 m) tragen. Definitiv keine Mode-Tour. Der steile Nordhang durch den Wald hinauf zur Alpguesalpe (1.796 m) ist durchfeuchtet und schwer, und die vielen Gleitschneeausbrüche aus den Vortagen deuten auf ein Problem hin. Erst ab der Alpe gleitet man auf einer sanften Schmelzharschdecke dahin, ein Auf und Ab bis zum Oberen Alguessee. Ein herrliches Amphitheater, welches vom Dreier über den Dürrkopf bis zum Roßberg, und dann zurück zur Geisterspitz den Talkessel einkreist. Ich orientiere mich nach Osten, hinauf auf einen Sattel zwischen Dreier und Dürrkopf, schwinge dann kurz zum Dreier (2.321 m) hinüber, bevor ich mein Skidepot am Sattel einrichte. Steil und kurz geht es über den Nordgrat zum breiten Dürrkopf (2.407 m) mit schönem Blick zum Valschavieler Maderer, und dann wieder retour.

mein Biwak: „Home is where you dig it“

Montag Morgen am Nordgrat des Dürrkopf
An diesem Tag möchte ich nicht ins Tal zurückkehren und bleibe am Nordgrat. Mein Schneebiwak grabe ich in eine sichere Wechte, mit Blick zum Verwall. Ein Sonnennachmittag, dann ein Sonnenbadend, ich bin zufrieden, auch mit meiner neuen Sonnenbrille von Ryders – kein Anlaufen. Noch eine Tasse Tee, dann schlüpfe ich schon in meine temporäre Behausung, komfortabel kühl, windstill, ohne Geräuschkulisse des Tals. Und doch, als ich schon vor dem Einnicken bin, ein Rotorengeräusch, welches immer näher kommt. Es ist nun sehr laut, und ich strecke meinen Kopf aus dem Biwak: Hab ich etwa eine Pizza bestellt? Hmm. Der Lieferdienst ist es nicht, denn auf dem Hinterteil des Hubschraubers, der fünf Meter vor meinem Biwak seine Kufen aufsetzt, steht: „Alpinpolizei“. Ups, mir ahnt etwas. Auf dem Marsch durch das Silbertal traf ich auf einen Förster, erzählte ihm von meiner Tour. Er wird wohl mein Auto am Abend immer noch am Parkplatz gesehen haben aber nicht meinen Zettel hinter der Windschutzscheibe („Komme am Montag retour“), und dann … Die Geschichte bestätigt sich. Der Alpinpolizist nimmt meine Personalien auf, und funkt zu seinem Piloten: „Mann bei bester Laune, geplantes Schneebiwak, schön eingerichtet, Ende.“ Wir verabschieden uns, er fliegt nach Hause, ich krieche wieder in meinen Schlafsack.

knapp unter dem Westgrat, wenige Minuten vor dem Lawinenabgang; Blick zum Gipfel der Geisterspitz
Der nächste Morgen bringt wieder schönes Wetter. Die Nacht war klar, also gefror auch der durchfeuchtete Schnee. Mein Blick ist stets auf die Südflanke des Geisterspitz gerichtet, da will ich drüber. Ich verlasse mein komfortables Schneebiwak und fahre wieder zum Oberen Alpguessee ab. Eine harte, unangenehme Piste. Der Aufstieg zum Roßbergjoch (ca. 2.350 m) dauert keine halbe Stunde. Ich schau schnell am benachbarten Roßberg (2.381 m) vorbei, bevor ich mit Pickel und Steigeisen am Westrand der Südflanke zum Geisterspitz aufbreche. Ich kann mit Frontalzacken gehen, so hart ist der Schnee. Trotzdem wähle ich das flachste Gelände, von Felsriegel zu Felsriegel. Ich komme nach nicht einmal 20 Minuten zum Westgrat hoch, der Gipfel ist vielleicht hundert Gehmeter von mir weg (08.30). Ein Tritt, ein Riss, welcher sich in eine Spalte ausweitet, und dann öffnet sich der gesamte Südhang wie ein Zippverschluss in beide Richtungen von meiner Position entlang des Grates. Die Anrisskante links von mir ist einen halben Meter hoch. Ein Krachen, und der Hang geht nach unten. Ich sitze nun am Grat, und unter mir ist die Hölle. Der Lawinenkegel türmt sich meterhoch auf. Ups. Der Weg zum Gipfel ist durch angerissene, aber nicht abgegangene Schollen versperrt. Auf der anderen Seite sind Klippen. Es bleibt also nichts anderes übrig, als den abgegangenen Hang nochmals abzuklettern, diesmal auf der weichen, nassen Unterschicht. Seltsames Gefühl, und ich navigiere nach unten durch abgeräumtes Gelände und hängengebliebene Schollen.

die Westhälfte des Südhangs nach dem Lawinenabgang; oben schön die Anrisskante zu sehen
Die weitere Abfahrt bleibt ohne große Ereignisse, oben ein fester Schmelzharsch, unten tiefer, nasser Schnee. Bei der Alpe Rona ein Schluck Wasser, ein schneller Marsch zum Auto und dann flott zur Polizeidienststelle in Schruns, wo ich Meldung zum Lawinenabgang mache. Welcome back im Ländle!
Blog-Abo per eMail
Weit Draussen Back Country Store
Ring of Fire T-Shirts
Über dieses Blog
„Super gsi – Beginner’s Mind“ berichtet über Mark’s Reisen und Outdoor-Aktivitäten, meist Skitouren, Bergsteigen und Bike-Touren. Mehr dazu hier…















