Cairn Lochan: Grenzpatroullie


Ich stehe aufrecht auf meinen Ski auf einem kleinen, unscheinbaren Pass. Es ist nichts zu sehen. Kein Gefälle, keine Hänge, kein Horizont. Der Wind drückt gegen mein Gesicht, der Schnee schmilzt auf meinen Lippen. Ich atme ruhig, sehe um mich, alles ist still bis auf den Wind. Es ist wieder so weit. Ein schöner Moment, ein aufregender Moment. Der Moment, in dem man realisiert, man steht wieder an einem Punkt ohne Wiederkehr. Ein Point of No Return. Eine imaginäre Linie, eine kleine graue Fläche, ein Punkt, den man überschreitet, es keine direkte Rückkehr mehr gibt. Man wird sich einen anderen Weg suchen müssen. Eine Seillänge, die man klettert, und man weiss, hier gibt es kein Abseilen mehr, nur noch den Weg nach oben. Eine Steilabfahrt, die nur den Weg in eine Richtung kennt. Es ist ein aufregender Moment. Das Adrenalin schießt ins Blut, bevor man diesen einen Schritt macht. Ich fühle mich magisch angezogen, will wissen, wie es auf der anderen Seite ist, auf der anderen Seite dieses Passes. Die Wolken sind so dicht, den Weg werde ich nicht zurückfinden. Ein Point of No Return.

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beim Point of No Return

Der Morgen dieses Tages beginnt mit einem lauten Krächzen neben meinem Auto. Der Schneeräumer macht den Parkplatz vom frisch gefallenen Schnee frei, schiebt den gesamten Schnee zu meiner Seite. Ich dreh‘ mich nochmals um im Schlafsack. Später, als die Bediensteten der Skistation erscheinen, schneit es wieder wie wild, ich esse etwas, hole mir einen heißen Kaffee und warte noch zwei Stunden ab, bevor das Wetter richtig schwierig wird. Mit den Ski am Rucksack marschiere ich ein, zwei Seitentäler weiter, in die Einsamkeit der Cairngorms, keine Spur, nur Schneehühner, die aufgeregt gackern. Ich sehe meine Trasse, ein wohl gefüllte Rinne, und wandere in den Horizont, in die Wolkenwand. Als ich die Rinne erreiche, felle ich ihr entlang hinauf, die Sicht reduziert sich bald auf das Minimum, und dann stehe ich am kleinen, unscheinbaren Pass. Ein Point of No Return, den ich überquere.

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dieses kurze Sichtfenster sagt mir: ich bin richtig

Mein Kopf dreht sich immer wieder nach hinten um, aber der Pass ist nach wenigen Augenblicken verschwunden und ich versuche meine Höhe gegen Osten zu halten. Ich weiss, dass der Höhenzug in diese Richtung weitergehen muss. Das Gelände zwingt mich immer wieder, die Ski abzunehmen und zu tragen. Ich erreiche einen Punkt, der nach allen Seiten nach unten strahlt. Cairn Lochan (1.215 m). Auf zwei Seiten fällt er steil ab, ich drehe wieder nach Norden, folge dem Kamm für eine Weile, um dann wieder in Richtung meiner Rinne aufzubrechen. Das Gelände ist mir unbekannt, es ist wenig zu sehen, und ich verlasse mich rein auf mein Gespür, den Weg zurückzufinden. Als ich nach einer guten Weile die Rinne immer noch nicht erreicht habe, hole ich meinen Kompass heraus. Notfall-Plan. Immer nach Norden, raus aus den Wolken, und dann quer durch die Botanik den Weg finden. Kurz gehe ich im Geist meine Ausrüstung durch – alles da für ein Notbiwak. Die Zeit tickt im Nebel anders. Ruhig fahre ich weiter, und nach einigen kurzen Augenblicken, öffnet sich die Wolkenwand für einen lichten Moment. Ich stehe in meiner Rinne. Nach einer weiteren Stunde ist meine Ski-Patroullie für heute beendet, und die Ginger-Cookies sind das Erste, dass ich mir aus dem aus dem Auto hole.


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