Red Stack: im Wind rauf, im Pulver runter


Wieder einmal stehe ich vor einer Abzweigung. Alle fünfzig Meter kommt eine, ohne Schild oder Hinweis wohin, und so folge ich meinem Gefühl mal links, mal rechts, der weissen Spur. Nach zwei Stunden wird klar, wohin ich gehe: hinauf auf den Red Stack (3.450 m). Ist das Leben nicht seltsam? Manchmal entscheidet es sich einfach vor dir, an einer Skispur. Rechts oder links? Da fällt mir ein wunderbares Zitat von Yogi Berra ein: „When you come to a fork in the road, take it„. Brilliant. Denn es ist die Essenz eines Road-Trips, wie der meinige. Der Unsere. 12 Monate Weggabelungen. Einfach treiben lassen, und ginge die Skispur abwärts, würde ich in Sekundenbruchteilen aus dem Bauch heraus die Richtung bestimmen. So habe ich Zeit, mich umzusehen, durchzuatmen, das Gelände zu sondieren, und dem Reflex der Beine nachzugeben.

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dunkler Himmel im Anstieg, im Hintergrund das Pfeifferhorn

Der Parkplatz am White Pine Trailhead (2.346 m) im Little Cottonwood Canyon ist um 7.30 bereits gut gefüllt. Wieder einmal gibt’s Corn Flakes mit Rosinen und Kakao und Mandelmilch, der Rucksack ist schon seit dem Vorabend gepackt. Es geht also flott weg vom Auto in das Tal des White Pine Creek. Ich muss nicht nachdenken, meine Beine laufen von selbst. Alles bleibt im Tal zurück, bis auf die Gedanken. Die Welt da unten brodelt, der Friede dort ist eine Illusion. Ideologien, die final nur eines wollen – deinen Kopf. Weil du anders bist, weil du nachdenkst und weil du sprichst. Aber hier oben in den Hängen und auf den Gipfeln ist noch alles in Ordnung. Der Himmel, schon bewölkt, verdichtet sich, und in der Ferne kann man meterhohe Windfahnen auf den Berggraten sehen. Einsam laufe ich gegen Südosten, und als ich dann am Gipfelgrat ankomme, wird’s windig. Kapuze drüber, und gut ist. Die Spur am Grat ist verblasen, sowie die Südseite, und ich muss mich ein wenig zwischen Steinen, Wechten und Fichten durchschlängeln. Erst 50m unter dem Gipfel des Red Stack nehme ich die Ski ab – kein Schnee mehr, nur mehr große, scharfe Boulder. Der Blick schweift über die kleine Senke am White Pine Lake, die Gipfel dort sind schroff, abgeblasen, manche Hänge aber noch voller Schnee – Triebschnee im Osten. Salt Lake City schimmert im Hintergrund, darüber die grau-gelbe Smog-Schicht. Inversionswetterlage. Auf der anderen Talseite des Little Cottonwood Canyon sehe ich hinüber zum Flagstaff Mountain und dem Peak 11.050′.

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Red Baldy in der Bildmitte

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noch wenige Meter zum felsigen Gipfel des Red Stack

Vorsichtig fahre ich die ersten Schwünge. Beim Aufstieg sind schon einige 10cm dicke, windgepresste Schollen angerissen und abgerutscht. Dann, endlich, kann ich über den Grat in den leicht eingeblasenen Nordhang einfahren und es rauschen lassen. Knie-tiefer Pulver von der trockenen Sorte. Der beste Schnee bis jetzt in Utah. Ich folge anderen Abfahrtsspuren entlang freier, steiler Hänge und durch offene Wälder. Hier hat sich ein sehr dünner Eis-Karton gebildet, der beim Durchfahren keinen Widerstand leistet, nur kratzend ächtzt. Ich ziehe meine Spur, die Oberschenkel brennen. Perfekt!

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Salt Lake City unter einer Smog-Decke


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