Quito: Vom Reisen und Faulenzen


Mein Blick schweift durch die etwas dreckige Bus-Windschutzscheibe über die grün-braune Landschaft. Kleine Felder, in den Hängen angelegt, unbefestigte Straßen, Vieh, Kinder, darüber Bergketten, die keinen Fels zeigen, sondern je nach Höhe hohe oder niedrige Vegetation, meist Büsche und Gras. Und weiter darüber Wolken, hell und dunkel, tief sind sie alle, und gelegentlich fällt ein Tropfen gegen die Windschutzscheibe. Die Welt da draussen scheint fern, wie in einem Fernseher, doch hier im Bus ist sie real, und das Kind, das ständig gegen meinen Sitz und damit Rücken schlägt, der Mann eine Reihe vor mir, der nach kalter Feuerstelle und vergorener Milch schmeckt, das Teenager-Paar, das sich eng umschlungen an den anderen klammert, der Bus-Kassier, der mit einem Fahrgast streitet, die Süßigkeitenverkäuferin, die zehnmal in einer Sekunde das angepriesene Produkt samt Preis in das Businnere ausschreit, das Gehupe, die Frau, die mich anstarrt, der Mann, der neben mir vor sich hinschnarrcht und dabei sein Hut in sein Gesicht fallen lässt. Sehen, tasten, riechen, schmecken.

quito

quito

Ich habe definitiv keinen Pauschalurlaub gebucht, das sind keine Ferien. Kein Sonnenstuhl, kein Buffet und Freibier, keinen Zimmerservice und keine Bedienung. Zurecht. Ich reise, und das ist mehr als sich von A nach B zu bewegen. Ich investiere meine Zeit. Ich lerne über andere, tauche ein im Markt, im Lokal, im Bus, in den Alltag der Leute, kommuniziere, lerne Menschen kennen, ihre Sorgen, ihre Träume, ihr Leben. Durch den anderen lerne ich vor allem über mich selbst. Der Mangel und der Überfluss, Ängste und Wünsche, Haben und Nicht-Haben, diese beiden Seiten meiner und ihrer Welt, all das ist voneinander abhängig. Der Andere ist mein Spiegel. Reisen ist meine Freiheit. Hinzugehen, wohin ich will, sehen, was mich interessiert; im Gegensatz zum Gefängnis, stets in der gewohnten Umgebung zu sitzen. Über Fernsehen und Internet kommt die Welt in meine Stube, aber das ist ein Filter, der meine Meinung färbt und mir sagt, wie die Welt zu sehen ist. Hier entsteht keine Empathie, keine Erfahrung. Die Menschen am Schirm sind virtuell, es gibt hier keine Nähe. Ich bleibe ein entfernter Zuschauer. Reisen durchbricht diese Entfernung, und letztlich sehe ich eines Tages, dass wir alle die gleichen Probleme und Sehnsüchte haben, ja, wir alle, nur die Herangehensweise und Lösung eine von vielen Tausend möglichen ist.

quito

quito

Die Welt in Quito dreht sich jeden Tag weiter. Frühstück bei der Patisserie nebenan, Besorgungen in den Gassen, Liegestütz auf der Dachterrasse, Abendessen bei der kleinen Küche um die Ecke. Ein Lächeln der Köchin, wenn ich zur Türe herein komme. Der Vegetarier! Ein Plausch, zwei glückliche Menschen. Was bringt der nächste Tag? Ein Frühstück bei der Patisserie nebenan, und irgendwann wieder die Berge, doch diesmal ein Stückchen weiter, ein Stückchen höher, ein Abenteuer reicher, das es zu bestehen gilt. Die Steigeisen sind bereit, scharf geschliffen, und meine Hände offen, für alles was da kommen möge, am nächsten Tag.


Ring of Fire T-Shirts


Über dieses Blog

„Super gsi – Beginner’s Mind“ berichtet über Mark’s Reisen und Outdoor-Aktivitäten, meist Skitouren, Bergsteigen und Bike-Touren. Mehr dazu hier…


Leave the first comment

Teilen
Veröffentlicht
Kategorien
Tags
Ring of Fire T-Shirts
Über dieses Blog

Reisen und die Natur, inklusive Skitouren, Bergsteigen und Wanderungen, das sind die Inhalte meines Blogs „Super gsi – Beginner’s Mind“. Mehr dazu hier…