Nevado Copa: Den Mutigen gehört die Welt


Um vier Uhr morgens schaue ich das erste Mal aus dem Zelt. Schneeschauer, Nebel, Sicht um die zehn Meter. Ich schnaufe tief durch und ziehe die Zeltwand hinter mir zu. Nächster Check: 06.00. Das Wetter bessert sich nicht. Ich packe trotzdem. Ich will bereit sein für den kleinsten Anschein einer Chance. Ich muss sehen können, wo ich in dieses felsige, dann eisige Couloir einsteige. Und die Chance kommt.

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im peruanischen Dorfleben, warten auf die Esel

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Ms. Moviltours, vom Team Black Diamond

Um halb Acht sehe ich in die Wolken und denke, die Decke ist dünn. Eventuell ist auf 5.000 m schon Sonne. Ich bin rasch fertig und starte in die über Nacht verschneite Landschaft am Laguna Lagiachocha (4.700 m). Kein Weg zu sehen, ich muss mir meine Schritte über die lange Moräne selbst wählen. Erinnerungen kommen hoch. An die Sucherei am Red Slate Mountain. An die mühsame Moränenquerung am Concavito. Ich gehe ein paar Schritte, schaue, gehe weiter. Der Weg dauert, und als ich endlich am Couloir ankomme, lichtet sich der Nebel und ich sehe diese Pracht, die ich nun als Teiletappe zum Nevado Copa (6.188 m) nehmen werde, vor mir. 45°, 15 cm Schnee, darunter Eis. Fein! Ski am Rücken, Steigeisen, beide Steileisgeräte in den Händen. Ich nehme jede Stufe, schnaufe kaum, schaue aber viel um nicht irgendwo in eine Sackgasse zu rennen. Als sich das Couloir abflacht, bekomme ich den ganzen Wind, der den Grat bearbeitet, ins Gesicht, für den Rest des Aufstieges.

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Start in einen herausfordernden Tag

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im Couloir reisst der Himmel auf

Etwas später, und ich blicke zum ersten Mal in die Weite des Gletschers. Hier unten flach, und weiter oben sehr zerfurcht, mit enormen Spalten und Seracs. Ich weiss, ich darf hier nicht in der Mitte meinen Weg suchen. Zu groß ist die Gefahr in den Wolken eingehüllt komplett die Orientierung zu verlieren. Ich steuere auf den Grat zu, mehr Wind, aber ich weiss, woran ich mich halten muss. Die Sicht ist schlecht, und da dieses Jahr noch niemand hier oben war, bin ich auf meine eigene Spürnase angewiesen. Endlich, endlich, ein wahrer Solo-Gang! Unberührt wie eine Erstbesteigung, offenbart sich mir der Berg stets einhundert Meter weit, und oft muss ich Minuten abwarten um etwas Sicht zu erhaschen.

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irgendwo in diese Richtung…

Ich fühl mich großartig, allein und ausgesetzt, und wenn der Verstand auch manchmal sagt, dreh’ um, mein Herz ist nun in den Beinen, denn die gehen einfach weiter. Die Ski laufen, ich quere Spalten, navigiere durch dieses Labyrinth mit Glück und Weitsicht, vorbei an Abgründen. Es macht mir nichts aus, aber ich wünsche mir mehr Sicht und weniger Wind. Ich bekomme es nicht. Als ich auf der Schulter des Nevado Copa (knapp unter 6.000 m) ankomme, also dort, wo der Grat scharf nach Nord dreht, verdunkelt sich die Welt um mich. Es ist 14.30, aber fast so schwarz wie in der Nacht. Der Wind wirft mich beinahe von den Ski. Ich mache mich klein, warte ab, entscheide mich für ein Skidepot. Es einzurichten dauert in diesem Sturm. Oder ist es ein Gewitter? Das Anlegen der Steigeisen ist hier mühsam. Ich gehe weiter, vielleicht zweihundert Meter Distanz, ich gehe auf die Knie, der Wind spielt mit mir. Ich sehe nichts mehr. Bin ich noch am Grat, am Aufstieg, beim Abstieg, am Gipfel? Ich weiss es nicht. Der Gipfel kann es nicht sein, dämmert es mir, der Grat ist dort steil und schmal, und hier ist nur Weite. Ich habe plötzlich Angst, mein Skidepot nicht mehr zu finden. Ich blicke zurück, sehe noch meine Spur, und ich weiss sofort, was ich tun muss.

Es fehlen vielleicht 200 Höhenmeter zum Gipfel des Nevado Copa, aber mit Wechten ist nicht zu spaßen, wie ich weiss, bei so wenig Sicht. Ich bin schnell im Abfahrtsmodus, aber vorsichtig, fast schon zaghaft bei der Abfahrt. Ich erkenne die Spalten, die ich beim Aufstieg passiert habe. Je näher ich dem Eiscouloir komme, dem einzigen richtigen Orientierungspunkt an diesem Tag, desto besser wird die Sicht. Als ich in diesen einfahre, scheint die Sonne über mir. Wie auf einer großen Bühne. Die Wandergruppe am Laguna Legiacocha bekommt meine Steilabfahrt in dieser Enge zwischen Felsen und Eis bestens mit.

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Nevado Copa am Vortag, ganz links der Couloir-Einstieg, der Gipfel selbst ist nicht zu sehen

Als ich die Ski abschnalle und den mühsamen Irrgarten der Moränenhänge durchsteige, denke ich mir, die Welt gehört den Mutigen. Das war die gewagteste Solo-Tour, die ich je gemacht habe. Ohne Sicherung, allein, bei miesem Bergwetter, ohne Spur. Auch ohne Gipfel ein Unternehmen der Extra-Klasse. So stelle ich mir Solo-Touren vor. Eine Herausforderung. Es muss etwas auf dem Spiel stehen. Es erfüllt mich mit Leben, jeder Augenblick so wichtig, jeder Moment so präsent. Die Welt gehört den Mutigen, und an diesem Tag gehört der Nevado Copa mir. Dieser Tag ist ein Meilenstein.


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