Alpamayo: 8 Längen Eis, dann im Himmel


Das Licht meiner Stirnlampe fällt auf den nächsten Meter. Ich muss meinen Kopf weit nach hinten strecken, um dieses Feld auszuleuchten. Die Wand ist steil. Mit einer lockeren Bewegung aus dem Handgelenk platziere ich mein Eisgerät im Eis, dann folgen zwei Tritte, und ich stehe wieder dreissig Zentimeter höher, setze zum nächsten Schlag an. Kontinuierlich gewinne ich der Südwestwand des Alpamayo (5.947 m) Raum ab, der Mond leuchtet von oben in meinen Couloir (French Direct, 450m, AD+), die Nacht ist kalt, und das gefällt mir.

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der lange Weg zum Basecamp des Alpamayo

Der Trip zum Alpamayo beginnt chaotisch, wie alles hier bis jetzt in Peru. Der Flughafen in Lima ist ein Durcheinander ohne Ende, die Hostels wenig organisiert, und Huaraz im Norden Perus ein buntes Durcheinander von Trekkern, Möchtegernbergsteigern und Profis. So viel los auf einem Fleck passt mir gar nicht. Und doch finde ich in der ersten Stunde in dieser Stadt eine Dreier-Seilschaft, die zum Alpamayo aufbrechen will und noch einen Vierten benötigt, um leichter als zwei Zweier-Seilschaften diese Wand zu durchsteigen. Zu gerne willige ich ein, denn mein Kletterpartner ist ein erfahrener Eiskletterer aus Spanien. Wir organisieren die Logistik für diesen Trip in wenigen Stunden, und am nächsten Tag steht unser Fahrzeug bereit. Nur mein Kletterpartner nicht. Er liegt krank im Bett. Plötzlich bin ich in einer Dreierseilschaft, in der ich die anderen zwei (US-Amerikaner) überhaupt nicht einschätzen kann. Das Chaos nimmt also wieder seinen Lauf. Drei Esel transportieren unser Material in zwei Tagen über 25 Kilometer in unser Basecamp. In dieser Zeit sehe ich den Alpamayo nicht, nicht einmal im Traum. Alles scheint unmöglich, und ich bin mir nicht sicher, ob ich mit den beiden klettern möchte.

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Campo Moreno, ca. 4.900 m

Als ich mit Matt die Strategie für den Aufstieg diskutiere, gewinne ich ein wenig Zuversicht. Alle Aufstiege, von Cashapampa (2.900 m) zum Basecamp (4.300 m), später zum Campo Moreno (4.900 m) und zum Hochlager (5.400 m) gehen relativ leicht. Ich spüre die Höhe nicht, ich schlafe gut, und meine Ernährung aus Cola, Schokolade und Brot hält mich frei von Verdauungsproblemen. Die erste Herausforderung ist der Übergang zum Hochlager. Zwei steile Eis- und Schneestufen müssen mit dem gesamten Gepäck bewältigt werden. Die Spalten sind offen, und erst am Sattel sieht man zum ersten Mal die Südwestwand des Alpamayo. Endlich. Meine Zuversicht wächst, vor allem weil ich sehe, wie Matt diese ersten Schlüsselstellen bewältigt. Wir bauen das Hochlager auf, und machen uns für die Wand bereit. Ich kann nicht schlafen, ich bin zu aufgeregt, denke über jeden Abschnitt der Wand nach, bis wir um 01.00 Uhr aufstehen, Schnee schmelzen, frühstücken und aufbrechen. Als wir verspätet um eine halbe Stunde aufbrechen, ist die Nacht klar, und ich bereit für meine größte Herausforderung seit der Traverse der Meije.

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die Steilstufen zum Sattel

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die SW-Wand des Alpamayo (5.947 m), vom Sattel aus gesehen

Schnell queren wir das Gletschertal und steigen hoch zum Bergschrund. Ich schnaufe kein bißchen. Die Querung des Schrunds ist relativ einfach, dennoch sichern wir ab. Wir haben vereinbart, dass Matt die Dreier-Seilschaft führen soll – es ist seine Traumtour. Die erste Länge dauert, und als ich dann zu Matt hochsteige, sehe ich nur noch einen Jungen, der am Stand kaum Atem findet, mit dem Körper am Eis lehnt und sein Bewusstsein zu verlieren droht. Matt ist plötzlich unfähig zu handeln. Um 3.30 scheint der Alpamayo wieder in weite Entfernung gerückt. Ich fühle mich aber so gut, ich will einfach nicht umkehren. Ich will für Matt Zeit gewinnen und übernehme die Führung. Aber schon nach der ersten meiner Seillängen muss Matt absteigen. Eine britische Seilschaft, die eine halbe Stunde nach uns in die Wand eingestiegen ist, seilt ihn zum Bergschrund ab. Von dort trottet Matt zurück ins Zelt, und ich habe plötzlich einen Partner am Seil, den ich überhaupt nicht kenne. Das will ich ändern, und schicke Josh die nächste Seillänge im Vorstieg gut 30 Meter weiter hoch, als Test. Das geht nicht gut. Der Standaufbau dauert eine halbe Stunde, und ich habe genug gesehen. Ich weiss jetzt, ich werde die ganze Wand vorsteigen müssen. Die Briten sind schon fast aufgerückt. Josh ist bereits in der dritten Seillänge im Eis (ca. 65° Neigung) am Ende. Ich denke mir nicht viel dabei, schließlich klettern wir hier in über 5.500 m Seehöhe im Steileis. Und mir geht es prächtig. Mein Blick nach oben ist immer ein Blick in die Dunkelheit, diese Route führt in die Nacht. Je höher wir kommen, desto mehr Blankeis kommt zum Vorschein, und ich klettere mit einer Leichtigkeit, die mich überrascht. Zwischen den Fixpunkten, die ich meist mit Eisschrauben und sehr selten mit Firnankern anlegen kann, lasse ich oft gute 20 Meter und mehr. Ein Fall und fliege über 40 m durch die Luft. Aber das stört mich gar nicht. Ich fühle mich sehr sicher, mein Körper arbeitet ohne Mucken, nur den Waden muss ich ab und zu etwas Pause gönnen – über Stunden frontal mit den Zacken im Eis zu stehen ist anspruchsvoll.

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endlich am Gipfelgrat

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Blick vom Hochlager auf die Route (French Direct), der rote Kreis zeigt meine Position am frühen Morgen

Die letzte Seillänge steht an, scheinbar die Schlüsselstelle, ein langer Eiskanal mit 70° Neigung. Ich habe keine Bedenken, setze hin und wieder Eisschrauben, sehe im Morgenlicht nun, wie die Wolken über den Grat fetzen. Die ganze Wand ist nun im Nebel eingehüllt, aber der Weg geht einfach nur nach oben, und bald durchsteige ich die letzten Meter zum Grat. Ein Abseilstelle erspart mir den Standaufbau in weiten Zügen, ich sichere das Seil und gebe das entsprechende Kommando („Stand!“ oder „off belay!“) nach unten. Aber diesmal lasse ich mir Zeit, nehme mich aus den Seil und gehe wenige Meter zum eigentlichen Gipfel. Eine Minute für mich, eine Minute Frieden in dieser chaotischen Welt, in dieser chaotischen Nacht. Acht Seillängen Eis, und jetzt bin ich im Himmel. Ich sehe gerade mal zwanzig Meter weit, stoße mit meinem Eisgerät in den Schneescheitel des Alpamayo, knie am Gipfel und richte meinen Blick nach oben. Ein Jauchzen entkommt mir. Für einen Moment König. Diese Wand, diese Route, alles praktisch im Vorstieg. Und dann lasse ich meinen völlig erschöpften Seilpartner nachkommen. Diesen Augenblick werde ich lange nicht vergessen können. Für die letzten fünf Meter benötigt er zehn Minuten, und als er endlich am Grat ankommt, werde ich wütend. Er bedankt sich, dass ich den Vorstieg für ihn gemacht habe. Es sei schließlich seine erste Eistour! Für einen Augenblick möchte ich ihn mit einem Tritt aus der Wand befördern. Dieser Anfänger hat das Seil, an dem mein Leben hängt, die ganze Nacht in seinen Händen gehalten. Er hat keine Ahnung, was er hier tut. Am Gipfelgrat des Alpamayo muss ich ihm erklären, dass er ein Vollidiot ist. Ich sehe aber auch, dass er das nicht aufnimmt. Wie bekomme ich diesen Typen aus der Wand wieder ins Lager?

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beim Abstieg treffe ich auf die britische Seilschaft

Ich gehe mit ihm die Prozedur des Abseilens durch. Ich merke bald, das wird gefährlich. Die erste Abseillänge dauert unheimlich lange. Ich bin mehr als froh, dass ich unterwegs auf die britische Seilschaft stoße, die wir um fast eine Dreiviertel Stunde abgehängt haben. Sie wollen mit uns abseilen, weil wir mit zwei Halbseilen wesentlich schneller unten sind als sie mit ihrem Einfachseil. Ich willige gern ein, auch wenn alles lange dauern wird. Aber ich habe nun vier Hände und zwei Augenpaare mehr, um auf das Greenhorn aufzupassen. Am Ende dauert das Abseilen fast gleich lange wie der Aufstieg. Als ich den Bergschrund zum Gletscherplateau passiere, sehe ich wie Josh orientierungslos herumirrt. Wir nehmen ihn ans Seil, so dass er auf dem Weg bleiben muss. In diesem Moment habe ich großen Respekt vor Bergführern. Wenn ich irgendwannmal den Wunsch gehabt habe, diesen Beruf zu wählen, dann war er an diesem Tag gestorben. Ja, heute war ich Bergführer, unfreiwillig, mit einem Klienten, der eine große Schnauze aber kein Können und keine Ausdauer hat. Das ist wohl Bergführer-Alltag. Wie die das meistern, ist mir schleierhaft, ihr Leben in den Händen von Unerfahrenen.

Erst gegen 15.00 sind wir wieder im Hochlager, packen alles zusammen und ziehen zum Sattel, um den Abstieg zu beginnen. Josh ist zu nichts mehr fähig, und es dauert eine Ewigkeit, bis er endlich am Sattel im Seil eingebunden abseilen kann. Die Nacht fällt über uns herein, als wir noch keinen Schritt vom Sattel machen. In der Dunkelheit müssen wir den Gletscher queren, und ich bin froh, dass auch die Briten an unserem Seil sind. Erst gegen 01.00 morgens kommen wir weit unten im Basecamp an. In dieser Nacht habe ich mein Zelt für mich allein, genieße die kalte Luft und den festen Schlaf. Um sechs geht’s weiter, wir packen die Esel und ich werde vom Koch einer größeren Expedition ins Nachbarzelt eingeladen. Die Portion Frühstück verschlinge ich in Minuten, und dann laufe ich die 25 Kilometer ins Tal in wenigen Stunden. Die Gedanken sind weit, und ich gehe die Packliste für die nächste Woche durch. Ich will endlich solo Bergsteigen. Ich denke an die Berge um Huaraz, und an die Berge in Bolivien. Denn dort treffe ich auf meinen alten Bergpartner. Und da habe ich schon ein paar hübsche Ideen.


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