Mutnovsky: Gefangenschaft


Die Nacht am Mutnovsky bringt überraschend früh den Sturm. Um zwei Uhr morgens sehe ich eine Schneesäule vom Tisch zum Fenster gewachsen, gute 50 cm im Durchmesser. Das Fenster hat sich nun von selbst abgedichtet, ich lasse den Schnee so wie er ist und schlafe weiter, kontrolliere aber alle Stunde alle anderen Fenster und Türen, was da sonst noch in unseren Raum einströmt. Am nächsten Morgen bietet ein einziges Fenster etwas Licht, alle anderen sind komplett zugeschneit. Es dauert eine knappe Stunde, bis wir den Eingang freigeschaufelt haben. Ca. 150 cm hat es hier über Nacht verfrachtet.

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Ab sofort teilen wir den Esstisch mit dieser Schneesäule, die aus dem Fenster kam

Solange wir Gas und Benzin haben, verdursten wir hier nicht. Schnee gibt es ja genug, draussen wie drinnen. Unser Leben auf zehn Quadratmetern ist vom ständigen Wassermachen geprägt. Ausrüstung putzen, trocknen, pflegen. Essen. Etwas erzählen. Nachdenken, faulenzen, schlafen. Holz hacken. Gähnen, Zähne putzen. Tüfteln, über den nächsten Tag grübeln. Ein ewiger Kreislauf. Draussen donnert es unentwegt, manchmal scheint der Wind das Dach zu heben.

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Ofen, Schnee im hinteren Teil der Stube – was braucht man mehr?

Nach dem Essen kommt wieder einmal der Moment der Wahrheit – der Gang auf die ‚Toilette‘. Was schon beim Zelten in der Nacht sehr lästig ist, ist hier sehr mühsam. Der Hüttenausgang ist bis zur Decke zugeschneit. Wieder eine Stunde schaufeln, um überhaupt hinaus zu kommen. Für das kleine Geschäft sammeln wir leere Plastikflaschen. Denn raus will keiner. Das ist wie ein Orkan. Draussen steht man in voller Montur, Stirnlampe an, Skibrille auf, drei Paar Handschuhe. Ich muss mal raus, um den Wetterbericht per Satellitentelefon abzurufen. Ich robbe unter dem Dach zur Türe hinaus, halte mich am Giebel fest. Der Sturm wirbelt mir den Schnee ins Gesicht, und manchmal halte ich mir das Schaufelblatt vor die Augen, damit ich weiss, wo unten und wo oben ist. Es ist wie Fernsehen, wenn es keinen Empfang gibt. Nur noch schwarze und weisse Punkte. Ein Blizzard, wie ich ihn noch nie erlebt habe. Ich fürchte, morgen werden wir auch die Innentüre nicht mehr aufbekommen. Wohin werde ich den Schnee überhaupt hinschaufeln? Nur noch nach innen, ins Haus.

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der Eingang – noch ist Platz nach oben

Die Nacht bleibt ereignislos, ausser dem ständigen Heulen und Fauchen des Windes und des Schnees am Fenster. Wir schlafen also lange, denn der Sturm tobt und wir sind den zweiten Tag in der Hütte wie festgenagelt. Die Türe bekommen wir nur mehr unter großer Mühe auf, und die Schauflerei bringt letztlich auch nicht viel, weil die zwei Meter mal zwei Meter sowieso in einer Stunde wieder zu sind. Später am Tag versuche ich nach draussen zu gehen, um nochmals den Wetterbericht abzurufen. Ich schaffe es unter das Vordach, aber als ich mich nur einen halben Meter weiter wage, verschwindet das Haus. Ich habe keinen Empfang so nah am Gebäude, ich mache mich so klein wie möglich, denke kurz darüber nach, noch weiter zu gehen und die Verbindung zu bekommen, aber ich lasse es bleiben. Ich fürchte, ich finde nicht mehr ins Haus zurück. Es tobt, es wirft mich umher, auf allen Vieren will ich zum Eingang zurück. Ich tappe im weissen Nichts, greife irgendwo einen Pfosten, ziehe mich heran, erkenne das Vordach und schlüpfe intuitiv darunter, plötzlich durch ein breites Loch hinab zur Eingangstür, klatsche in den Vorraum. Drehe mich um, packe die Schaufel und räume den angefüllten Vorraum aus, damit die Türe wieder zugeht. Mit etwas Gewalt gelingt das auch, dann dichte ich die Türe mit etwas Stoff ab. Das hält nun. Als wäre man auf einem lecken Schiff, in das überall Wasser eindringt.

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die Tage werden lang, unser Kühlschrank zum Gefängnis

Die Tage vergehen. Drei Tage Sturm, drei Tage Aufregung, dass wir bald wieder hinaus können. Drei Tage Ungewissheit, was der Wetterbericht, den ich schließlich am dritten Tag draussen vor der Hütte abrufen kann, bringt. Denn der Mutnovsky hat sein eigenes Mikroklima. Und wir müssen bald aufbrechen. Denn zum Abholpunkt benötigen wir gute zwei Tage. Und diese zwei Tage haben wir noch, am dritten haben wir den Flieger. Plötzlich wird die Zeit knapp.

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die Fenster sind fast komplett zugeschneit, daher müssen wir schon früh mit Stirnlampe arbeiten


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