Im Dezember am Cassons-Grat: Der Friede auf Erden


Im Alltag reduzieren wir uns oft in Routinen, Sicherheiten und Gewohntem. Ist mal etwas anders als gewohnt, schon ist es eine halbe Katastrophe. Ich sehe, dass es zwei grundlegende Zugangsweisen gibt, mit diesen Umstand umzugehen: entweder diese Routinen weiter zu pflegen und zu festigen, dass keine Abweichungen mehr vorkommen. Das Ergebnis ist aber nicht ein Mehr an Sicherheit, sondern ein Mehr an Zwängen und Ängsten. Die Fähigkeit, situationsbedingt zu denken und flexibel zu handeln geht abhanden, und man fürchtet sich zu Tode, weil nur ein Bruchteil der Umwelt kontrolliert werden kann.

Oder man setzt sich bewusst diesen Unwägbarkeiten aus und lässt sie auf sich zukommen, wie Wellen am Strand. Mit jeder Welle fertig werden, auf sie eingehen, und nicht vor ihr flüchten. So ein Tag war für mich heute. Mein Buddy-System auf Skitouren hat bis dato immer gut funktioniert. Es ist eine Lebensversicherung in den Bergen. Und heute ging ich ohne diese Versicherung hinaus. Risiko? Gewiss. Fahrlässig? Sicher nicht: gute Sicht, kaum Wind, Süd bis Ost LWS 2, Geländeneigung: bis 35°.

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idyllisch, weil weit weg: Flims und Laax

Mein Weg führt mich von Flims (1.070 m) über die nicht präparierte Skipiste bis zum Berghaus Foppa (1.424 m), wo für mich dann das Spuren beginnt. 15 bis 20 cm Neuschnee, dazu recht viel Verfrachtetes, je nach Windseite. Ich folge weiter den Liftstützen über offene Wiesen zur Alp Naraus (1.840 m). Die Sonne scheint, hin und wieder fallen auch Flocken vom Himmel. Ich studiere einen möglichen Aufstieg zum Cassons-Grat. Es gibt keine Spuren, alles ist unberührt. In diesem langen, steilen Hang liegen viele Triebschneepakete. Ich plane meinen Weg sorgfältig, dennoch versinke ich immer wieder bis zum Oberschenkel im tiefen Schnee, den der Wind am Vortag abgeladen hat. Es ist interessant zu beobachten, was sich im eigenen Kopf tut, wenn man so einen Hang vor sich hat. Wie geht man vor? Geht man überhaupt weiter, auch wenn schon der Oberkörper müde ist, vom ständigen Stützen in rutschigen Hanglagen und dem Befreien der eigenen Beine aus tiefen Schneedepots? Im Zweier-Team ist das anders: da diskutiert man, irgendwie verlässt man sich auf den anderen. Eine ganz andere Dynamik. Hier bin ich völlig auf mich gestellt. Wenn ich da rauf gehe, muss ich auch irgendwie runter. Hinauf ist Kür, hinunter Pflicht.

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recht steil, der Aufstieg

Der Hang wird immer steiler, meine Serpentinen immer kürzer. Ich will nicht in die Mulden mit viel Schnee, aber auch nicht auf die abgeblasenen, rutschigen Rücken. Der Weg ist mühsam, aber ich denke nicht an das „Gipfelziel“, sondern an Zwischenziele – der Fels da drüben, die Schulter da hinten. Schaue immer wieder zurück, ob die Route auch einen Rückzug ermöglicht. Hier oben ist es ruhig, kein einziger Tourengeher. Meine Spur ist die Einzige. Ich bin alleine hier oben, selbstverantwortlich. Ganz ruhig, unaufgeregt, schaue immer wieder genußvoll in die Landschaft. An einen Unfall denke ich nicht, aber der Platz hier ist so schön, dass man vor Freude umfallen möchte.

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ein Ziel, für heute

Nach einer kurzen Schlüsselstelle weiss ich, der Cassons-Grat ist heute mein Geschenk. Ich steige an der verlassenen Bergstation vorbei hoch zum Punkt 2678. Die Fahne weht verlassen, der Rücken ist bis auf die Steine abgeblasen. Piz Dolf ist der erste Gipfel im Norden, der sich aus den Wolken traut. Dann der Piz Segnas. Zu mehr reicht es nicht, Piz Sardona bleibt ungesehen. Gipfelroutine – anziehen, Skischuhe für die Abfahrt fixieren, Felle abziehen. Essen, trinken, atmen. Ganz einfach. Helm auf, die Ski zeigen bereits nach unten, ich wähle die steilste Route, und bleibe trotzdem immer wieder stecken in diesem tiefen Schnee. Der tiefliegende Harsch lässt selten Bodenkontakt zu, auch wenn ich immer wieder mal einen Felsen erwische. Solange es nur die Ski sind. Die Abfahrt dauert eine Ewigkeit, ein Schlittern, ein Abtauchen, zwei-drei Schwünge, Atem holen, Route suchen, wegtauchen. Ich jauchze nicht. Wozu auch. Ich fühle meinen Körper, wie er arbeitet, bereit für einen Sturz, bereit für einen Schwung, alles ist konzentriert, bis ich wieder zur Alp Naraus komme. Dann lasse ich es einfach brausen, dass es mich fast auf die Fresse haut. Die Oberschenkel brennen, aber die Freiheit hier draussen ist so riesig, dass ich mehr mit dem Einsaugen der Atmosphäre beschäftigt bin als mit der Kontrolle meiner Ski. Die wissen sowieso, was zu tun ist: mich nach Flims bringen. Diese Welle habe ich geritten, die nächste kann kommen. Ich kann es. Bereit für die Zukunft, egal was da kommen möge. Das ist die Einstellung hinter Ring of Fire: auf mich gestellt biege ich neue, unbekannte Hänge und Gipfel.



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