Langer Tag zur Schesaplana


Unsere Liste wird kürzer und kürzer. Das geht so: In einer Skitouren-Saison hat man eine ganz bestimmte Anzahl an Wochenenden und freien Tagen, die sich für eine Skibergtour eignen. Und dann gibt es eine bestimmte Menge an Gipfeln, auf die wir unbedingt hinauf wollen. Mit Piz Beverin und dem Piz Sesvenna hatten wir kürzlich solche Unternehmungen verwirklicht. Am Samstag stand nun ein anderer „Listengipfel“ auf dem Programm: der höchste Berg des Rätikons, die Schesaplana (2.965 m), im fair-means-Verfahren, also vom Tal bis zum Gipfel ohne Aufstiegshilfe.

schesaplana
Der Einstieg zum Bösen Tritt – der Weg führt dann steil nach links

Die Schesaplana ist kein leichter Skiberg. Ich meine jetzt nicht die skitechnischen Schwierigkeiten, sondern dass sehr Vieles passen muss: Schnee, Wetter und die Lawinensituation. Es gibt zahlreiche Lawinenstriche, einige meist vereiste Passagen und der Weg ist mit mehr als 9km in eine Richtung nicht gerade kurz. Letztes Jahr mussten wir unsere Mission zur Schesaplana abbrechen, als die Lawinenwarnstufe am frühen Morgen (wir standen schon bei der Talstation der Lünerseebahn) auf 3 sprang. Doch diesmal bleibt alles ruhig: unten im Tal gar Lawinenstufe 1, ab 2.200 m eine „2“. Ein Wetter-Hoch sichert uns beste Sicht, und wir haben schon reichlich Ortskenntnis. Um 07.00 starten wir von Brand (1.007 m) aus und folgen zunächst der geräumten Straße über Schattenlagant bis zur Talstation der Lünerseebahn (1.565 m).

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eine vereiste Passage am Bösen Tritt

Wir steigen nun hoch und sind auf die Verhältnisse am Bösen Tritt gespannt. Der Schnee ist windgepresst und hart, die Harscheisen brauchen wir ab der halben Höhe. Der Blick ins Tal ist schon von hier aus grandios, wir sehen den Saulakopf mit ersten Sonnenstrahlen auf seiner Spitze. Etwas steiler biegen wir nun gegen die Staumauer des Lünersee ab, die Unterlage ist nun sehr hart bis eisig. Meine Begleiterin entschließt sich am Bösen Tritt die Steigeisen anzulegen und kämpft sich hier aber recht sicher hoch. Diese Steilstufe ist jetzt einmal geschafft, wir stehen am See, der nun überquert werden muss – der Randweg ist dermaßen steil eingeweht, dass sich dort eine Spur zu ziehen nicht lohnt.

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über den zugefrorenen Lünersee zur Totalphütte

Wir gelangen auf den gefrorenen See über eine Art „Seeschrund“ und sehen vor uns die Kirchlispitzen nun in voller Sonne. Wir übersteigen die kleine Halbinsel im See, und nach einem weiteren Teilstück auf dem Seeeis geht’s endlich hinauf zur Totalphütte (2.318 m). Dieser Weg ist eher beschwerlich, der Schnee gibt auf hartem Untergrund nach und rutscht im steilen Gelände fortwährend ab. Diese Meter laufen wir mit viel Oberkörpereinsatz. Erst auf der Totalphütte können wir etwas rasten, genießen den Weitblick über den See aber auch in die sich abzeichnende finale Route zum Gipfelkessel.

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endlich den Gipfelkessel erreicht, unten der Lünersee, rechts die Kirchlispitzen

Von der Totalphütte geht es in einem weiten Linksbogen über hügeliges Gelände bis zu einem Steilhang, der in den besagten Gipfelkessel führt. Dieser Hang erweist sich als steiles, sehr rutschiges und hartes Gelände, das viel Kraft kostet. Wir verstehen jetzt, warum hier unbedingt sichere Verhältnisse herrschen müssen. Wir überwinden dieses Hindernis, stehen im flachen Kessel, und müssen nochmals sehr steil zum gegenüberliegenden Grat. Wir entschließen uns dort für das Skidepot, den Rest wollen wir zu Fuß machen.

Unwissend der Schneeverhältnisse legen wir Steigeisen an und holen unseren Pickel heraus. Wie bis jetzt haben wir alles selbst gespurt, nun müssen wir auch hier einen Weg finden. Den Gipfel sehen wir immer noch nicht, vermuten ihn aber hinter einem verwechteten Grat. Wir steigen hoch, recht steil, und dann fange ich an zu graben – eine ein Meter hohe Wechte hindert mich am Weiterkommen. Von unten bearbeite ich das Ungetüm mit Pickel, Fäusten und Füßen, bis ich einen Eingang auf die andere Seite durchgegraben habe. Später dient es fünf weiteren Gipfelbesteigern als Tor. Einmal über die Wechte geht es schon richtig flach den Grat entlang zum – nun bestens einsehbaren – Gipfelkreuz. Von oben schweift der Blick über die nahegelegenen Oberzalimkopf und Blankuskopf weit über das Rheintal bis zum Bodensee im Norden, im Osten über das Prättigau mit dem Vilan und im Süden zum Öfapass. Einzig meine Lauf-Route entlang des Rätikons ist von hier aus kaum einsehbar – sie liegt genau unterhalb der Gipfelkämme im Süden. Die Fernsicht ist fantastisch heute.

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das massive Gipfelkreuz der Schesaplana

Die Abfahrt wird abwechslungsreich. Im Gipfelbereich gar nicht mal so schlecht, weil sich der wenige Pulver auf der eisigen Unterlage gut fahren läßt. Im steilen Gipfelhang wird’s ruppig, zeitweise wünsche ich mir einen Zahnschutz, so klappert es. Wir verlassen nun die Aufstiegsroute und schießen durch eine Senke nördlich an der Totalphütte vorbei – hier mit sehr feinen Pulverpassagen, ebenso fast bis zum Seeufer. Dort wo die Sonne hinkommt, wird’s aber eher schon schwer, der Ski läuft nicht mehr so gut, und die Schieberei über den See ist nach sechs, sieben Stunden auch nicht mehr lustig. Die Puste kostet uns noch das Herausklettern aus dem See über die Böschung, dann aber geht es recht harmlos durch den Bösen Tritt, später sehr anstrengend durch Windharsch-Partien bis zur Straße. Wir machen noch halt in der Schattenlaganthütte (1.483 m), wo sich Rodler zum ‚inneren Aufwärmen‘ einfinden. Den Apfelstrudel verschlingen wir wie Raubtiere. Die restliche Abfahrt nach Brand geht flott, da die Straße weiterhin mit Schnee bedeckt ist. Als wir im Auto auf die Uhr schauen, ist es kurz nach 16.00. Wir merken, wie ausgebrannt wir nun sind, freuen uns schon auf die häusliche Couch. Zuhause wartet aber wie immer die After-Skitour Session: ausräumen, Ausrüstung trocknen, Kleinigkeiten reparieren, viel trinken, und den Skitourenführer studieren – sind wir auch richtig gegangen?


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