Im Steinhagel der Kleinen Zinne


Die UNESCO hat sie zum Weltnaturerbe erklärt, und das ist dank ihrer markanten Silhouette, ihrer Rolle im Alpinismus und ihres Status in den Dolomiten auch nicht anders zu argumentieren. Die Drei Zinnen finden sich fast auf jedem Naturkalender der Alpen wieder, in vielen Magazinen und Foto-Beiträgen. Die meisten Besucher, die zu den Drei Zinnen strömen, sind Naturliebhaber, die mal zehn Meter vom Auto treten und sich zu einem Hock in einem der leicht erreichbaren Hütten einfinden; viele andere wandern auch einmal um den Gebirgsstock, ein Unterfangen welches in mehreren Stunden dank des gut angelegten, leicht gewellten, breiten Weges für alle machbar ist; und dann gibt’s noch die, die unbedingt hinauf müssen, auf einen der vielen Gipfel, Vorgipfel und Türme der Drei Zinnen. Und das sind auch nicht so wenige. In Summe ergibt das mehrere große Autoparkplätze, Wanderwege gefüllt mit Menschen wie auf einem Jahrmarkt, und Wände voll mit Seilschaften, dass man die Kommunikation mit dem richtigen Seilpartner schwer aufrecht erhalten kann.

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Die Sonne ist schon weg, wir blicken vom Schlafplatz nach Süden Richtung Cortina

Nach dem gestrigen Sellaturm und einer feinen Nacht fühlen wir uns fit. Im Morgengrauen sind wir schon auf dem Rad und fahren zum Rifugio Lavaredo. Auch diesmal läßt uns der Kletterführer „Dolomiten vertikal“ mit seiner Zustiegsbeschreibung erbärmlich im Stich. Mindestens den halben Weg laufen wir zur Einstiegsstelle letztlich zurück, krabbeln von Süden den Geröllhang hoch zwischen die Große und die Kleine Zinne, bis wir in einer Scharte den vermeintlichen Einstieg lokalisieren. In der engen Scharte sind wir nicht die Einzigen. Und oberhalb am Normalweg der Große Zinne ist schon reger Betrieb. Rufe, Metallklimpern, Steinchen.

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im Morgenlicht: rechts der Preußturm, links außen der Vorgipfel zur Kleinen Zinne, dann unmittelbar rechts davon die „Nadel“ – die kleine Zinne!

Wir machen uns in die erste Länge, schauen, orientieren, suchen, irgendwie finden wir die Stände, trotz ungenauem Topo, queren durch Schroffen, der nur so von losen Steinen strotzt. Mehr und mehr Steine prasseln auf die Sichernden herunter. Irgendwann schließen wir auf eine Seilschaft auf. Vor uns sind noch zwei andere. Von oben, fast schon im Minutentakt „Stein!“ nach unten hallt. Diesmal ist es ein angemessener Ruf, der Brocken, der durch die Luft nach unten saust, ist Rucksack-groß. So klein und winzig habe ich mich selten gemacht. Ein lautes Rauschen, dann eine Explosion, der Felsen zersplittert in dutzende Teile. Stille. Dannschaue ich hoch aus meiner Schutzhaltung, alles klar, alles bestens, es geht weiter. Keine zwei Minuten später prasselt es auf mich herunter wie in einem Hagel.

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der Vorgipfel …

Die Orientierung wird durch eine seilfreie Stelle nicht leichter. Jetzt kommen die eher engen, aber weniger Geröll-haltigen Passagen, wir klettern Länge für Länge, stehen bald auf dem Plateau zum Vorgipfel, der sehr luftig aussieht. Überhaupt ist diese Route nichts für Leute, die Höhe nicht vertragen. Aber wer sollte das schon beim Klettern? Die Innerkofler-Zsigmondy Route, die wir gehen (IV, 13 SL, 400 m), ist etwas ausgesetzt. Das verschärft den eigentlich sehr moderaten Schwierigkeitsgrad, und auch die schon deutlich polierten Griffe und Tritte in der Schlüsselpassage in der vorletzten Länge im etwas engen Kamin leisten ihren Beitrag für ein tieferes Durchschnaufen. Alles passt, wir kraxeln hoch zum Gipfelkreuz der Kleinen Zinne (2.857 m), das mit dem Rosenkranz, trinken aus unseren Flaschen, staunen, scherzen mit den anderen Gipfelbezwingern, sind schon in Gedanken beim Abstieg, aber eigentlich eher im Grübeln, wie man von hier wieder herunterkommt.

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und der richtige Gipfel. Dahinter: die Große Zinne

Unser Topo gibt wieder mal nichts her als rudimentäre Anhalte. Ich frage mich, wozu ich es gekauft (das Buch), und dann hier hoch geschleppt habe. Alle anderen haben ihre Topos aus dem Web. Die Abseilstellen sind in den anderen Topos nicht nur markiert, sondern auch in der Länge und Weg beschrieben, sowie alte Abseilringe erwähnt, die man nicht nutzen sollte. Unsere Strategie in diesem etwas unübersichtlichen Gelände ist einfach schnell an den anderen dran zu bleiben. Das gelingt zunächst nur recht dürftig, weil von unten andere Seilschaften hinaufkommen, und das just in jenem Kamin, den auch die Absteiger nehmen müssen.

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in der letzten Abseillänge

Spätestens in der Abseilpiste haben wir aber wieder Anschluss gefunden. Ein zusammengebundenes Doppelseil (50m) ist hier gold wert, in der Abseilpiste haben wir letztlich nur vier mal eine Abseilstelle einrichten müssen. Ein Doppelseil ist in den Drei Zinnen gänzlich empfehlenswert – einer Seilschaft vor uns hat der Steinschlag einen Seilstrang fast zur Gänze abgetrennt. Gut, dass sie auch mit einem Doppelseil unterwegs waren. Kaum in der Mitte der Abseilpiste, dröhnt es laut und lauter über uns, ein Rettungshubschrauber senkt sich langsam in die Scharte zwischen Großer und Kleiner Zinne. Die Rotoren kreisen verdammt nah an der Wand, ein Retter wird am Stahlseil abgelassen und pickt einen ersten in Not geratenen Kletterer aus der Ostwand der Großen Zinne. Was genau passiert ist, wissen wir nicht, der Hubschrauber kehrte noch zwei mal zurück und holte den Rest der Seilschaft. Teufelskerle, diese Piloten und Flugretter!

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Wohlverdientes Abendmahl unterhalb der Drei Zinnen. Man beachte das Wetter, was für ein Unterschied zum Cevedale!

Der Abstieg gelingt, wir klatschen ab, packen schnell zusammen, um aus dieser Steinschlagzone zu verschwinden. Die Scharte durch das Geröll nach unten zu begehen ist genauso mies wie hinauf, und wir brauchen eine ganze Weile, bis wir wieder am Rifugio Lavaredo stehen, die Räder aufnehmen und durch die wandernden Massen zum Büssle zurückradeln. Müde und ausgelaugt, eher mental als körperlich, lassen wir uns in den Campingstühlen nieder, irgendein Alkohol muss her, und dann ein gutes Essen. Der Blick ins Tal ist gewaltig, und bald ist auch die imposante Südwand der Kleinen Zinne in den Hintergrund gerückt. Wir beschließen, den Tag hier oben ausklingen zu lassen, erst morgen nach San Vito zu fahren. Ein Wandertag steht an, zur Regeneration.



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