1,5 mal zum Monte Cevedale


Wir hatten so eben die Mini-Transalp 2012 von Schwaz / Inntal nach Naturns / Vinschgau beendet. Die Räder ans Büssle befestigt, Vorräte eingekauft, uns im Schwimmbad die schon lange nicht mehr wahrgenommene Sonne genossen. Den Schmutz von den Beinen und Gesichtern gewaschen. Und in Gedanken schon wieder in den Bergen gewesen. Am Monte Cevedale.

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auf breiten Weg zur Schaubachhütte (links oben)

Zeitig in der Früh fahren wir über Prad nach Sulden, unmittelbar unter den Ortler und die Königsspitze, überlassen das Stilfser Joch den Motorrädern, die ab nächstes Jahr eine Maut zu zahlen haben werden. Das Dorf wirkt verschlafen, im Frühherbst viel zu überdimensioniert für die wenigen Touristen hier. Am Parkplatz der Suldenbahn geht zunächst das große Umpacken los: Eispickel, Steigeisen, zweite Garnitur, Biwaksack, Tools für die Spaltenbergung, Karten, … sogar die absolut neuen Komperdell-Stöcke aus Karbon nehme ich mit. Die Bahn fährt noch nicht, aber das ist auch nicht unser Ding. Heute ist eine ruhige Etappe. Vom Parkplatz in Sulden (1.861 m) geht es über einen breiten Alpweg, teils aber auch über Wanderwege zur Schaubachhütte (2.581 m). Diese schaut schon ein wenig in die Jahre gekommen aus. So wie manche Bergbesucher, die jetzt auf der Bergstation die Kabinenbahn verlassen.

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breiter Grat zur Eisseespitze

Wir folgen dem Weg ein wenig nach Süden, bis zu einem, wie es sich später herausstellt, letzten Wegweiser: „Stecknersteig“. Wir schauen hinauf, der Weg ist ziemlich bald mit Schnee bedeckt. Noch sind Spuren zu finden, denen wir folgen. Ein junger Deutscher kommt uns entgegen, er dreht um, sei ihm etwas unangenehm, da oben im steilen Gelände bei dem Schnee herumzuspazieren. Die Steile nimmt tatsächlich zu, wir steigen den Grat hoch, suchen nach Steinmännle und Spuren. Die Felsblöcke werden nicht kleiner, und langsam haben wir eine feine Blockkletterei am Hals, die mit dem kalt-nassem Weiss eine interessante Gleitschicht entwickelt. Wir sind auf der Hut, auch wenn einer meiner Trekking-Stöcke an den Felsblöcken w.o. gibt – die Karbon-Stange bricht. Das war auch ein Testergebnis, wenn auch nicht das erwartete.

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auf der Eisseespitze

Nach gut eineinhalb Stunden etwa stehen wir auf der Eisseespitze (3.230 m), die ein älterer Wanderer mit Zigarillo im Mund als „den häßlichsten Berg hier in der Gegend“ bezeichnete. Er sei schließlich schon vor Jahren oben gewesen. Wir glauben es ihm, stimmen ihm aber nicht zu. Übel ist erst der Weitermarsch, da wir auf der Ostflanke etwas absteigen müssen. Der Schnee birgt Wasserbäche unter seiner Schicht, und wir müssen einen steilen Hang queren, irgendwann auf allen Vieren. Alles gelingt, wir schaffen es vom Grat und dann in eine Spur, die über den Langenferner von der Marteller-Hütte hinauf führt und uns letztlich zum Tagesziel, das Rifugio G. Casati (3.269 m), bringt.

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Rifugio Casati am nächsten Morgen

Auf unserem Weg passieren wir immer wieder alte Stellungen aus dem Gebirgskrieg von 1915-18. Stacheldraht, Laufgräben, Kanonen. Auch die Hütte hat den Anschein, dass sie noch aus dieser Zeit ist. Zumindest äußerlich. Das Rifugio ist groß (rund 240 Betten!), hat aber einen sehr feinen Kachelofen in der Stube, den wir uns gleich gesichert haben. Denn um 14.00 schlägt das Wetter um, Nebel zieht auf, und dann beginnt es zu schneien. Kurz darauf kommen schon die ersten vom Monte Cevedale zurück, oder besser von ihrem Versuch. Morgen ist mit besserem Wetter zu rechnen, also wenden wir uns dem nachmittäglichen Karten- und Magazinstudium zu. Die Heftauswahl ist minimal, und auch die Getränke sehr teuer, so dass hier auch keine Abwechslung aufkommen kann. Trotz der sehr netten Wirtsleute ist das Essen enttäuschend, ich bekomme es kaum herunter, bis auf den Nachtisch. Aber da kann man mir schon viel vorsetzen. Da lob ich mir die Payer-Hütte auf dem Nordgrat des Ortler, mit tollem Essen und feiner Atmosphäre.

Die Nacht kennt keine Ruhe. Es pfeift, es regnet, es schneit. Noch vor den anderen schlürfen und nagen wir im Schein unserer Stirnlampen am mageren Frühstück, schleichen im Morgengrauen in Gletschermontur aus dem Rifugio. Aber das Wetter ist nicht besser. Nebel, Wind. Die Orientierung wird schwierig, aber zunächst haben wir eine Spur. Nach zwei kleinen Steilstufen am Gletscher folgt der Normalweg durch eine Spaltenzone auf einem etwas flacheren Rücken. Hier ist die Spur fortgeblasen und zudeckt, der frische Schnee hat kleinere Spalten verdeckt. Wir grübeln, sehen unseren Kamm mit Zufallsspitze und Monte Cevedale nicht. Nach einer längeren Suche und einer kurzen Diskussion drehen wir um. Ich bin stinke. Am Monte Cevedale umzudrehen?

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die Verhältnisse sind am Vormittag bescheiden…

Wir beschließen, über die Suldenspitze (3.376 m) abzusteigen. Im Nebel auch so eine Geschichte. Kein GPS. Nur eine simple Boussole ohne Marschzahl-Funktion. Wir steigen auf, aber auf der Suldenspitze ist keine Markierung, ob es sich um den Gipfel handelt. Nur eine Lafette steckt verkehrt eingerammt auf dem höchsten Punkt. Gut, dann geht’s weiter, ein paar Spuren, denen wir folgen. Der Kamm führt wieder hinauf, dann wieder hinab. Wir sind verwirrt. Nun beginnen wir zu suchen. Spuren gehen nach Norden hinunter. Aber auch nach Süden. Wir klettern weiter, sehen uns an einer weiteren Spitze. Plötzlich reißt es auf, wir sehen vor uns und übermächtig den Ostgrat der Königsspitze. Im Nebel sind wir über das Schrottenhorn (3.386 m) gelaufen! Wir drehen also um, zurück zur Suldenspitze, und als wir oben ankommen, klart es endgültig auf. Vier Stunden nach unserem ersten Versuch am Cevedale sehen wir das gesamte Gletscherplateau mit den beiden Spitzen. Wir halten inne.

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… aber zu Mittag schon prächtig! Im Hintergrund Monte Cevedale (mittig rechts), links der Steilaufschwung

Ich will zurück, wir können den Cevedale so nicht zurück lassen. Der liegt quasi vor uns, und da stampfen ihm auch schon andere Seilschaften entgegen. Nach ein paar Minuten habe ich meine Begleitung soweit. Wir kehren zum Rifugio Casati zurück, seilen uns an, und marschieren zielstrebig den früheren Weg zurück, diesmal in einer etwas ausgetretenen Spur. Wir machen Meter gut, queren ohne Probleme die Spaltenzone (was für ein Unterschied mit etwas Licht!) und latschen die flachen 1,5 km zum Bergschrund. Hier kommt uns eine erste Gruppe entgegen, die den Bergschrund auslässt und sich den Cevedale erspart. Wir steigen drüber, dann gut 100 m hinauf in ca. 40° steilen, etwas tiefen Schnee. Alles geht glatt, und am Grat holen wir eine slowakische Dreier-Seilschaft ein, die sich im Mixed-Gelände durchwurstelt. Unsere Pickel-Haue kommen hier als „verlängerte Griffe“ ins Spiel, wir hanteln uns oft an sehr steilen Flanken entlang, überklettern immer wieder Felsen, bis wir vorbei am Gipfelunterstand am Monte Cevedale (3.769 m) stehen.

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vom Bergschrund hinauf zum NO-Grat

Nach einem „Berg Heil“ an unsere slowakischen, tschechischen und italienischen „Gipfelpartner“ sind wir schon wieder auf dem Retourweg. Wer weiss, wie sich das Wetter wieder mal dreht. Den Grat zurück, abklettern, die steile Flanke absteigen, über den Bergschrund und dann über den weiten Gletscher wieder zum Rifugio Casati. Diesmal wählen wir die Normalroute für den Abstieg nach Sulden, über den Eisseepass. Was so simpel klingt, ist nicht so, und diese zwei Tage am Cevedale beweisen, dass auch so vermeintlich leichte Berge (ist mit PD- eingestuft, kann ich eigentlich nicht nachvollziehen, z.B. Grossvenediger Normalanstieg von der Defreggerhütte ist mit PD+ bewertet, völlig konträr, m.M.n.) bei unguten Verhältnissen (Ausaperung, Nebel, Schnee) rasch unlustig werden.

Was den Eisseepass betrifft: wir fanden ihn zielstrebig, aber wie geht’s von da oben weiter? Kein Weg, keine Markierungen, nur Schnee und keine Spur. Meine Begleitung nervt das, höflich formuliert, und wir steigen „on sight“ und auf Entdeckerspuren ins tiefe Kar ab. Wir finden den Ausgang, manövrieren uns durch die vielen Randspalten, Moränen und Gletscherrinnsale, und finden irgendwann am Nachmittag den Weg aus dem Gewirr zum Geröll. Der Abstieg nach Sulden ist wie immer lästig, die Seilbahn kommt aber nicht in Frage. Tief zufrieden, dass wir alle Schwierigkeiten letztlich gemeistert haben, gibt’s noch eine eiskalte Dusche im Resimbach. Die Frage nach der Weiterfahrt stellt sich nicht. Wir wollen klettern gehen. Auf die Sellatürme. Und dorthin fahren wir auch schon los, zum Sellajoch, im Halbdunkel des frühen Abends.



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