Navigieren am Gletscher, ohne Sicht und Spur


Von der Cabane du Trient (3.170 m) hatten wir uns geistig schon längst verabschiedet: schon am Nachmittag studierten wir die Abstiegsroute über den Glacier du Tour. Das wechselhafte Wetter beim Aufstieg wollte sich weiterhin nicht ändern, die Bergspitzen um uns herum verschwanden fortwährend in Wolkenschwaden, Nebel schlich über das Plateau.

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Die Wolken sind aufgerissen, der Wind lässt uns am Plateau du Trient wenig Luft zum Atmen

Die Nacht verging ruhig, das spanische Pärchen neben uns waren die einzigen, die in unserem Lager schliefen. Unsere lauten Tischnachbarn, die unseren Nachtisch ohne unsere Zustimmung einstreifen wollten, mussten wir zum Glück nicht ertragen. Der Morgen verläuft dennoch etwas hektisch, da das Frühstück für alle entweder um 06.00 oder um 07.00 serviert wird. Da ist es mit der beschaulichen Ruhe vorbei. Draußen pfeift der Wind, als wir als die ersten aus der Hütte treten und im Skiraum unsere Ausrüstung komplettieren. Es ist kalt, die Sicht ist aber recht gut und so laufen wir recht schnell auf das Plateau du Trient und weiter zum Skidepot unter der Aiguille du Tour (auf ca. 3.450 m).

Der Wind ist zu stark, als dass wir uns an die Besteigung dieses Gipfels wagen. Stattdessen fahren wir etwas südlich ab, zum Col Superieur du Tour (3.289 m), um auf den Glacier du Tour zu gelangen. Auch hier müssen wir kraxeln, aber nach unten. Es geht auch ohne Seil, wir schaffen die paar Felsblöcke ohne Probleme und fahren dann auf einer gigantischen Zunge auf den Gletscher hinaus.

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Im Nirgends oberhalb des Glacier du Tour

Nun zieht die Wolkendecke zu und für den Rest des Tages sehen wir keine Sonne mehr. Der Nebel wird schnell so dicht, dass wir keine Felskonturen mehr erkennen können. Ich schalte mein GPS ein, und mit Hilfe der Karte können wir unsere aktuelle Position recht gut feststellen. Vorsichtig tasten wir uns nach Norden gegen eine Felsenkette (Signal Reilly) vor, passieren ein paar größere, aber sichtbare Spalten und erwischen die Einfahrt zu einer Seitenmoräne, die uns bis unter das Refuge Albert 1er bringt. Wir markieren diese Position im GPS, um im Notfall immer zurückkehren zu können.

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Die Wolkendecke schon oberhalb von uns, der Gletscherabbruch in seiner ganzen Dimension

Nun folgen wir den Anweisungen der Karte, den Sommerweg auch als Skiroute zu nutzen, um den großen Gletscherbruch nach Norden auszuweichen. Diese Trasse ist von Beginn an ein Gehweg, den wir oft nur mit Steigeisen und Pickel bewältigen können. Oft ist der Weg steil von Schnee und Eis überdeckt, Querungen sind deshalb zeitraubend und umständlich. Immer wieder müssen wir solche Passagen meistern, bevor wir oberhalb des Skigebiets von Le Tour ankommen. Wir schnallen die Ski an, schwingen die steilsten Hänge herunter und tummeln uns bald unter den Pistentouristen auf der Abfahrt.

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Von Le Tour gelangen wir per Bus kostenlos nach Argentiere zum Büssle. Eine Recherche im Tourismusbüro in Chamonix ergibt, dass für die nächsten zwei Tage am Mont Blanc Windspitzen mit über 100 km/h erwartet werden. Also wieder nichts. Wir trösten uns in der Altstadt mit Cidre und Crepes. Auch der Versuch, im Wallis nochmals zu punkten, mißlingt: wir bekommen zwar noch Platz auf der Britannia-Hütte, aber am nächsten Morgen ist das Wetter weiterhin zu schlecht für eine Skihochtour. Der Wind ist zu heftig, genauso wie die Parkgebühren in Saas Fee: 26 SFR Tagespauschale! Wir brechen die Unternehmung ab, fahren über Bern nach Hause. Die Ski bleiben freilich noch im Büssle, wir hoffen noch.


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