Mont Blanc: einen Tag zu spät


Auf unserer Haute Route hatten wir großes Wetterglück. Bis auf einen wolkigen Tag gab es nur wolkenlosen Himmel. Aber spätestens nach einem Telefonat mit dem Hüttenwirt der Refuge Grands Mulets ist klar geworden, das dies nicht so bleiben wird. Wir grübeln, und beschließen aufzusteigen.

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Das Wetter ist noch gut, wir queren die Nordhänge der Aiguille du Midi

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den Mont Blanc sehen wir noch nicht, dafür den Glacier des Bossons, den wir überwinden müssen

Von Chamonix nehmen wir die Seilbahn zur Mittelstation (Plan de l’Aiguille, 2.310 m). Der Himmel zeigt nur wenige Wolken, und wir queren im Schatten die Nordwand der Aiguille du Midi, kommen langsam zum Glacier des Bossons. Die als „La Jonction“ bekannte Passage ist spaltenreich und von vielen Seracs bedroht.

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die Jonction kommt näher

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immer wieder riesige Spalten, die wir nur gesichert überwinden können/wollen

Wir folgen zuversichtlich der breitesten Spur, und finden uns im Labyrinth des Gletscherbruchs wieder. Viele Schneebrücken und Spalten können wir nur sehr mühsam überwinden. Manchmal mit Ski, manchmal mit Steigeisen, aber immer am Seil und mit Sicherung über einen Stand queren wir die heiklen Stellen. Viele Brücken sind kritisch ausgeapert. Alles geht gut, und wir starten unseren Steilaufstieg zum Refuge Grands Mulets (3.051 m). Auch die letzte Passage, eine kurze Kletterei im Fels an einer Kette, hindert uns nicht daran, endlich ins Warme der Hütte zu kommen. Draußen hatte das Wetter umgeschlagen, während wir uns zwischen den Gletscherspalten abgemüht hatten.

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die letzten Meter zum Refuge Grands Mulets als Kraxel-Spaß

Auch der Hüttenwirt, der uns viele Routen-Infos vermittelt, meint, dass für morgen Nachmittag ein Sturm aufziehen wird. Wir wissen, was das heißt. Entweder in der Nacht aufbrechen und so früh vormittags am Gipfel sein, oder vom Bosses-Grat weggeblasen zu werden.

Ein reiches Abendessen und wenige Stunden Schlaf später taumeln wir gegen 02.00 aus unserem Lager. Wir müssen nicht allzu leise sein. Wir sind die Einzigen auf dieser Hütte. Wir blicken hinauf in den Hang, und sehen gar nichts. Die Wolken haben den Berg bereits fest umschlossen. Für uns ist klar, heute geht nichts. Im Dunkeln und im Nebel, in einer Wand die wir nicht kennen, mit einer Wettervorschau, die einen Sturm in rund 12 Stunden ankündigt, das sind für uns Gründe genug, das Unternehmen abzublasen. Es fällt uns nicht leicht, da wir uns körperlich fit fühlen, aber wir sind auch erleichtert, dass die Entscheidung gefallen ist. Am nächsten Morgen sehen wir warum: die Spur ist teils verblasen, teils verschneit, und der Weg durch den Gletscherbruch zurück zum Plan de l’Aiguille ist nicht einfacher. Wir fahren am Seil ab, schlüpfen durch vorher besser ausgekundschaftete Wege aus diesem Reich der Spalten, kommen mit kleinen Gegenanstiegen endlich zur Mittelstation. Hier wird uns klar: auf dem Weg zum Mont Blanc sind wir als Alpinisten jedenfalls einige Millimeter gewachsen, gerade im Rückzug.

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am nächsten Morgen: Skiabfahrt am Seil

In Chamonix genießen wir die Cafés, versorgen uns für die Rückreise. Das Wetter wird in den nächsten Tagen schlecht, hier gibt es für uns nichts zu holen. Wir wollen einen Waschtag und einen Erholungstag einlegen, und die Wetterentwicklung in den Alpen weiter beobachten. Ein paar Tage haben wir noch übrig, vielleicht geht noch was.


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