Haute Route: über den Col du Mont Brulé nach Italien
Der Wecker geht um 05.00, es ist stockdunkel, unsere Stirnlampen gehen an. Wir müssen uns nicht um andere im Lager kümmern, wir sind allein. Einen Stock tiefer nehmen wir ziemlich wortlos unser Frühstück ein, schleichen langsam, aber schon aufgeregt in den Geräteraum der Schönbielhütte. Binnen Minuten sind wir schon auf den Ski und auf der Abfahrt hinunter zum Zmuttgletscher (ca. 2.500 m), der gestern in der Sonne noch so ein Glutofen gewesen war.

Blick ins Morgengrau, rechts die Nordwand des Matterhorn, mittig hinten die Monte Rosa Gruppe
Wir machen es etwas besser als die drei Schweizer, die bereits 45 Minuten vor uns aufgebrochen sind, aber durch einen Orientierungsfehler gute 100 Höhenmeter unter uns navigieren. Wir sehen ihre Stirnlampen leuchten, sind aber so einsam hier draußen wie das mächtige Stockji, das wir auf unserem Weg zum Col de Valpelline zu umrunden versuchen. Es wird langsam grau, dann neblig, und später kommt auch im Osten etwas Sonnenlicht hervor. Auf gut 3.000 m Höhe sehen wir zahlreiche Eisabbrüche und entscheiden uns für eine etwas mühsame, aber sicherere Abkürzung zum Stockjigletscher, mit den Ski am Rucksack, den Steigeisen an den Beinen, und den Nasen fast im Schnee.

Gletscherbrüche an der Nordwand des Dent d’Hérens
Während wir also den Stockjigletscher bis zum Col de Valpelline (3.557 m) hochlaufen, blickt die mächtige Nordwand des Dent d’Hérens auf uns herab. Riesige Hängegletscher lauern da oben, und der Wind pfeift heute so mächtig um seine Flanken und unsere Ohren. Vom Col de Valpelline scheren wir kurz nach Süden aus, um den ersten Gipfel unserer Haute Route mitzunehmen: Tete de Valpelline (3.799 m).
Der Wind wird heftiger, Wolken ziehen rasch auf und weg und wieder zu. Wir beeilen uns zur Spur vom Col zurückzukommen, fahren dann in einem ziemlich unfahrbaren Harsch auf dem Haut Glacier de Tsa de Tsan ab, bis auf ca. 3.000 m Seehöhe. Es kommen uns nun große Skitourengruppen entgegen, mit bis zu einem Dutzend Teilnehmern pro Haufen. Wortlos ziehen sie vorbei, ein Gruß entkommt ihren Gesichtern nicht. Die Sicht bleibt schlecht, als wir zum Col du Mont Brulé (3.213 m) hinaufsteigen. Leider können wir hier nicht abfahren. Das steile Gelände ist felsenübersät, der Schnee größtenteils verschwunden oder schon zu dünn. Wir tragen die Latten also recht weit hinunter, und gleiten so weit es geht auf dem Haut Glacier d‘ Arolla gegen Westen (auf ca. 2.850 m Seehöhe).

vom Col du Mont Brulé hinab, gegenüber der Mont Collon
Nun geht es sanft bergauf, die Skitourenmassen sind am Nachmittag schon an uns vorbeigezogen. Wenig später und bei guter Sicht erreichen wir den Col Collon (3.074 m) und damit die italienisch-schweizer Grenze. Jetzt geht es gute 400 m hinab, steil und im feinen Firn der Südhänge. Die Orientierung fällt hier nicht allzu schwer, das Rifugio Nacamuli ist in der Ferne schon ausgemacht. Die letzten hundert Meter gehen wir zu Fuß, auch hier gibt es kein Durchkommen für unsere Ski. In der Hütte warten zwei nette Wirtsleute auf uns, es gibt Kaffee und Schokolade, wir trocknen unser Gerät und unsere Füße auf der windabgewandten, sonnigen Steinterrasse. Später kommen noch drei kleine italienische Gruppen hoch, und wir teilen das Lager mit ihnen. Schon am Nachmittag beginnen wir zu futtern, essen Brot, Chips, trinken Bier und Tee, holen uns beim Abendessen alle Kalorien retour, die wir in den neun Stunden Gehzeit in den Walliser Alpen gelassen haben. Morgen werden wir noch mehr brauchen, wissen wir.

das luftige Plumpsklo am Rif. Nacamuli












