Wechten, Couloirs und andere Abenteuer am Blankuskopf


Ich fühle keine Angst, keinen Schrecken. Meine Körper hängt gute zehn Meter über einem Abhang, die Ski baumeln leicht in der Luft. Der Abhang geht weiter unten in einen steilen, engen Couloir über, und irgendwo weiter unten würde es mich in den abschüssigen, aber breiten Hang aus Pulver spülen. Meine Hände haben einen guten Griff, und ich bin eher verblüfft als verängstigt.

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Navigationsschule Hochwald

Alles hatte, wie immer bei solchen Geschichten, gut und einfach begonnen. Um sechs-null-null aufgestanden, gefrühstückt und die Fersen mit Tape versehen. Rein in die Skitouren-Klamotten, alles ins Auto gepackt. Zwei Minuten später schläft schon mein Co-Pilot im Auto, erst nach Bürs kommt wieder etwas Bewegung in den Nebensitz. Wenige Minuten später starten wir in Brand (1.010 m) die Piste hoch, sind rasch vorbei an der Unterzalimalpe (1.366 m). Ab hier beginnt das Spuren, denn die einzigen, die sich wohl gestern hierher verirrt hatten scheinen in Richtung Oberzalimkopf unterwegs gewesen zu sein.

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Im Gipfelhang des Blankuskopfs

Wir spuren also zur Unterbrüggelealpe (1.469 m) und müssen, unserem Skiführer folgend, nun gegen Westen einem Felsriegel ausweichend einen Nadelwald hoch. Die einzige Stelle, die das wilde Kar zu überschreiten erlaubt, ist ein Punkttreffer auf der Karte. Ich habe es schon erwähnt – wie immer bei solchen Geschichten – verpassen wir diese Stelle und steigen in den steilen Bergwald hoch. Nach gut zwei hundert Höhenmetern haben wir immer noch keine Passage nach Süden gefunden. Wir drehen ab, machen das Beste draus und haben einen schönen Pulver-Waldslalom hinter uns gebracht. Dann schwenken wir einmal nach rechts aus, und prompt öffnet sich just jene Stelle, die diese Lawinentrasse passierbar macht. Wir legen unsere Felle wieder an und queren. Alles bestens.

Die Oberbrüggelalpe (1.704 m) ist tief verschneit. Das Dach würde bei der Abfahrt zu einem Sprung-Stunt einladen. Wir haben aber besseres vor, spuren durch schöne Winterlandschaft, quer durch Latschen bis zum Eingang ins kleine Hochtal zum Pfannenknechtle. Hier drehen wir ab nach Norden, schleichen uns im Zick-Zack gegen die Windeggerspitze (2.331 m) hoch. Viele Wechten bröckeln am Grat, und einige Südhänge in der Entfernung sind eingerissen oder schon abgegangen. Alle paar hundert Meter sondieren wir die Lage, diskutieren den Wegfortschritt. Alles bestens.

Nun drehen wir gegen den Gipfelhang von Blankuskopf und Windeggerspitze. Ein gewaltiger Hang, ich hätte ihn mir noch ein wenig steiler vorgestellt. Wir spuren weiterhin, der Schnee wird nun aber schwerer, die Vormittagssonne tut ihre Wirkung. Im oberen Drittel schließt Ernst auf. Ein Routinier auf diesem Berg und lächelt in seinen nicht vorhandenen Bart ob unserer Spuranlage. Wir grinsen auch und lassen ihm gerne den Vortritt.

Der heikle Teil der Tour auf den Blankuskopf ist das allerletzte Stück. Die Querung des Gipfelhangs auf den Grat. Wir sind skeptisch. Es ist recht steil, und es liegt massig Schnee. Alle drei sind sich einig: das ist keine gute Idee. Wir gehen also weiter, aber direkt hinauf in eine Wechtenlücke am Grat. Auf der Rückseite geht es passabel weiter, ein paar Felspassagen, dann der Gipfel. Ernst schnallt ab, sie läuft auf und pustet aus. Ich komme um die Kurve zum Berggipfel (2.334 m), zehn Meter noch in der Ebene, folge der Spur.

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die Spur (li) führt in die Tiefe (re)

Mein „Berg Heil“ kommt nicht. Es ist ein dumpfes, krachendes Geräusch. Die Spur unter mir gibt nach, sie verschwindet in einem Augenblick. Im nächsten folge ich dem Schnee, in die Tiefe. Ungläubig greife ich nach den Felsen vor mir, spüre, wie sich nun die gesamte Wechte vom Fels löst und mich mit meinem Gewicht nach unten drückt. Wir haben Blickkontakt, ich sage nichts. Meine Begleiterin schaut verblüfft, kommt langsam zu mir. Sie merkt gar nicht, dass ich in der Luft hänge. „Halt mich mal“, sage ich im Versuch, irgendwie über die Felskante zu kommen. So ist das also, denke ich. Dann fasst sie mich am Arm vor Schreck. Ernst merkt erst jetzt, dass etwas faul ist, springt herüber, packt mich am Rucksack. Irgendwie wuchte ich die Ski nach oben, Ernst öffnet sie nacheinander, ich kann über den Fels gleiten. Wir schauen hinunter ins Loch, schütteln unsere Köpfe vor Staunen, und machen uns bald für die Abfahrt fertig. Alles bestens.

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Blick vom Blankuskopf zum Panüeler Kopf

Wir folgen nicht dem Aufstieg, sondern biegen gleich einmal nach rechts in den Hang ab. Ein paar Schwünge, und schon stehen wir am Couloir. Wir müssen uns weit über die Wechten beugen, um nach unten zu sehen. Er ist fünf bis acht Meter breit, und steil. Endlich. Ernst sticht hinunter. Sie zögert, taucht aber auch bald über die Wechten in den Couloir. Ich folge als Letzter, in diesem tiefen Pulver, durch die Felsen hinaus in den Gipfelhang. Die schöne Abfahrt geht nun weiter. Es ist lässig, alles bestens.

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… und Sekunden später im Couloir.


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