Ashgabat wie ein Sumpf: warm und ruhig


Nach der recht umständlichen und mit hohen Auflagen verbundenen Art, ein Visum für Turkmenistan zu bekommen, schauten wir dem Grenzübertritt mit leichtem Kopfweh entgegen. Von Bukhara kommend erreichten wir die Grenze eineinhalb Stunden später, schrieben auf der usbekischen Seite schon wieder Formulare, und nach einer halben Stunde waren wir flott durch. Der folgende Spaziergang von zwei Kilometern durch das Niemandsland zwischen den Grenzstationen war wiedermal ein Höhepunkt. Auf turkmenischer Seite wartete bereits Elena auf uns, unsere Begleiterin für die restlichen Tage. Nicht, dass wir sie für eine spezielle Tour gebraucht hätten, aber Reisen in Turkmenistan ist für Tourist-Visa-Inhaber ohne solche Begleitung schlicht nicht erlaubt.

Merv
Das restaurierte Mausoleum im antiken Merv

Elena, ehemalige Lehrerin und nun Reisebegleiterin, spricht perfekt Deutsch und sieht gut aus, so dass einer der Grenzbeamten mich mitleidig anschaut und meint, warum ich denn mit meiner Ehefrau reise. Er schüttelt nurmehr den Kopf und kichert über die vergebene Chance. Wir grinsen auch und holen uns den Einreisestempel. Draußen wartet schon unser Fahrer Assad, und drei Stunden später landen wir in Merv, einer historischen Stätte vom Rang eines Weltkulturerbes. Merv war in seiner Blütezeit vor dem Mongolensturm eine der Metropolen der islamischen Welt, erstreckte sich über ein riesiges Stadtgebiet. Von der Stadt, in die schon Alexander der Große auf seinem Feldzug eingezogen ist, ist nur mehr der Ring der Stadtmauer als Lehmhügel übrig geblieben. Und ein Mausoleum, welches restauriert und wieder aufgebaut worden war. Der Rest ist Staub oder im Nationalmuseum in Ashgabat.

Wir verbringen die Nacht in Mary, fahren am nächsten Tag hunderte Kilometer weiter durch die Wüste nach Ashgabat. Die Landschaft ist monoton, mit Büschen versehen, durstig und staubig. Erst kurz vor Ashgabat wird die Straße besser, das Geld aus dem Gasgeschäft wird in die Hauptstadt investiert. Diese Stadt ist der glänzende Kontrast zum Rest Turkmenistans, zumindest was die Architektur und Infrastuktur betrifft. Überall neue Turm-artige Hochhäuser,  jedes der 150 Ministerien hat oder bekommt ein bombastisches Gebäude, alles ist oder wird in weißem Marmor verkleidet. Die alten Plattenbauten der Sowjets inklusive. Die Stadtplanung bestimmt letztlich ein Mann – und das ist der turkmenische Präsident, der auf den Straßen mit seinem Konterfei omnipräsent ist. Genauso wie die Statuen seines Vorgängers.

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Das neue Stadtbild von Ashgabat, geprägt von freistehenden Wohntürmen

Überhaupt erinnert die Szenerie in Ashgabat an Nordkoreanische Verhältnisse. Damit meine ich die Huldigung des Führers der Nation, das großzügig angelegte Straßennetz, das Pompöse der Parkanlagen und Gebäude, hier eine Goldkuppel, da eine 12 Kilometer lange Allee, die jeden Tag andere Farben der Straßenleuchten präsentiert. Ein künstlich angelegter Fluß quert die Stadt, riesige Moscheen verteilen sich auf das Stadtgebiet (weitere Impressionen von Ashgabat hier…). Die Straße, die zur Residenz des Präsidenten führt, ist freilich die breiteste und sauberste, und wird zwei mal täglich komplett gesperrt – wenn der Konvoi des Präsidenten zur / von der Arbeit fährt. Überhaupt wirkt die Stadt herausgeputzt, am 27. November wird der Unabhängigkeitstag gefeiert (einer von drei Nationalfeiertagen), mit vielen Fähnchen und noch mehr Paraden. Die Tribünen entstehen gerade. Auch die Feiertage werden vom Präsidenten bestimmt. So wurde der Frauentag abgeschafft, dafür gibt’s jetzt einen Tag des Hundes.

Über den Präsidenten wissen wir viel. Zumindest das, was wir im Nationalmuseum entdecken. Er hat eine eigene Halle, und er wird in allen Lebenslagen porträtiert – als Bauer, als Baumwollpflücker, als Jetpilot, als Reiter, als Wissenschaftler (der Präsident ist gelernter Zahnarzt), als Geschäftsmann, und als Staatsmann natürlich auch. Es ist spannend zu sehen, wie das Volk mit Peitsche (Staatspolizei, null Pressefreiheit, Verbot der Opposition, etc.) und Brot (120 l Benzingutschein pro Monat, kostenlose Heizung, billige Wohnungen, günstige Transportmittel etc.) an der kurzen Leine gehalten wird. Ein Sprichwort sagt, Ashgabat sei wie ein Sumpf, warm und ruhig.

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Eingang zur beliebten Moschee außerhalb von Ashgabat

Ashgabat ohne Auto ist schwierig, es ist zu weitläufig, kein Vergleich zu Bishkek, Dushanbe, Almaty oder gar Samarkand. Da aber jedes Auto de facto ein Taxi ist, kommt man sehr schnell überall hin, z.B. in den Biergarten (hier gibt’s Bier und Schaschlik) oder ins türkische Einkaufszentrum. Die Türken sind hier recht präsent, haben wie bei uns ihre Geschäfte und Lokale, sind eine Community innerhalb Turkmenistans. Nicht jedem gefällt das hier, aber das hat nunmal der Präsident so entschieden. Fast schon klassisch, dass wir unseren einzigen leichten Durchfall in der vermeintlich sauberen Kantine von Yimpas holen. Sonst haben wir oft „von der Straße“ gegessen.

Am letzten Tag geht’s mit unserer zweiten Reisebegleiterin (hieß ebenfalls Elena) zu den unterirdischen Seen. Es roch nach Schwefel, das Wasser war aber mit 39° C angenehm warm. Auch der Vieh-Bazar ist auf unserer Liste, Kamele, Ziegen und Schafe sind hier die Hauptattraktionen. Sehr skurril wird es dann beim Mausoleum des ersten Präsidenten, eine nationale Monumentalstätte ersten Ranges, mit allem Pomp, den man sich nur vorstellen kann. Auf uns wirkt das dimensional überproportioniert und gleitet ins Lächerliche ab. Daneben steht eine riesige Moschee, die allerdings von den Turkmenen nicht besonders geschätzt wird – sie wurde von einer französischen Firma erbaut. Und das ist für Muslime ein Frevel: Ungläubige errichten ein Allah gewidmetes Gotteshaus.

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Im Russenmarkt

Die letzten Runden, die wir in Ashgabat ziehen, gehören dem Russenmarkt. Ein Sammelsurium an kleinen Ständen in einer großen, offenen Halle. Alles zum Verzehr findet sich hier, Obst, gigantische Sahnetorten. Letztlich kaufen wir etwas Brot und Käse, freuen uns auf’s Hotelbett, die Führungen kosten Kraft. Stunden später verabschieden wir uns von Elena am Flughafen, nach einem Dutzend Passkontrollen besteigen wir unseren Flieger. Ich blicke zurück. Ashgabat mit seinen Lichteralleen liegt unter uns.



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