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Yosemite: Glanz und Masse

Der Wecker ging schon vor einer Stunde, und nun sitze ich in der Morgendämmerung hinter dem Steuer. Ich verfehle keine Abfahrt, steuere das Auto recht sicher in den Yosemite Nationalpark. Die Gefühle sind gemischt. Ich bin zum ersten Mal alleine aufgewacht, die Morgenprozedur absolviert und mich nur mit dem Autoradio unterhalten. Von Yosemite habe ich keine große Erwartungen, denn der Ort muss übervoll mit Leuten sein. Als ich dann in den Park einfahre und mich bis auf wenige Kilometer Yosemite Village nähere, weiss ich, dass der Sommer angebrochen ist: nirgends Schnee, überall große Camper, und weiterhin viel Hitze. Gar die Waldbrandgefahr wird auf sehr hoch eingestuft. Ich packe meinen Rucksack und marschiere zum Glacier Point (2.199 m) hinauf.

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auf halbem Wege…

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Blick zum Halfdome

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das Wasser fließt

Der Weg ist gut beschrieben und angelegt. Flotten Schrittes gehe ich die Kehren hoch. Die Aussichten sind prächtig, El Capitan und viele andere geschliffene Granitwände türmen sich auf. Erinnerungen an die Zentralschweiz kommen hoch. Fast habe ich ein Gefühl, dass ich dort gerne wäre. Das dauert aber nur kurz. Nach einer Biegung dann ein eigenartiger Geruch. Ich denke, dass könnte ein Bär sein: “Wenn du ihn riechst, dann weisst du sofort, dass das ein Bär ist”, meinte eine Bekannte in Anchorage. Ich hole den “Bär” ein, und es sind drei Jugendliche, die sich da hinaufquälen. Ich grüße freundlich und bald sehen sie nurmehr meine Waden von hinten. Der Marsch wird noch unterhaltsamer. Bald bemerke ich einen jungen Burschen mit Wanderstöcken hinter mir. Recht ungewöhnlich für einen Amerikaner. Er läuft flott und bald sind wir in einem unausgesprochenen Wettkampf. An einer Biegung lasse ich ihn vor, und er grüßt mit der Bemerkung, dass wir ordentlich Tempo machen. Ich kann sein Rasierwasser nicht riechen, also überhole ich wieder. Er lässt nicht locker, klebt wie ein Kaugummi an meiner Sohle, räuspert und spuckt aber in einem intensiven Intervall. Ich schnaufe nicht mal, aber schon aus Stolz. Nach nicht einmal eineinhalb Stunden haben wir die 7,7 Kilometer und 800 Meter Steigung hinter uns gebracht. Am Glacier Point trennen sich unsere Wege, und ich lege mich mal kurz auf einen warmen, runden Granitblock. Die Aussicht auf den Dome ist überwältigend, die Massen am Glacier Point weniger: da hier von der anderen Seite auch eine Straße hinaufführt, ist hier Zirkus. Ich ziehe mit weiter auf einen Felsen zurück, sodass ich auch die deutsche Sprache nicht mehr hören muss.

Ein ordentlicher Schluck aus meiner Feldflasche, ein paar Kekse, und schon springe ich über den Felsen in den Wald und zurück auf den Pfad ins Tal. Es kommen mir einige Wanderer entgegen, meist Pärchen, von denen das Mädel eher sauer dreinschaut. Dann sehe ich auch eine Verwandte von Conchita Wurst. Das erheitert mich ein wenig, mein Tempo ist aber dennoch mäßig, ich brauche fast eine Stunde abwärts. Den Trost liefert das kalte Wasser des Meced River. Fast wie in Cortina d’Ampezzo. Das Kneippbad tut gut, und ich wage mich zwecks Kommunikation in die Curry Village, und fahre dann bald wieder hinaus, aus dem Tal der Kletterträume. Wer weiss, wann man hierher wieder zurückkehrt, mit ganz anderen Ambitionen, und mit meinem Seilpartner.