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Mt. Wilhelm: ein Trek im Lehm, ein Gipfel selten im Schnee

Wir verabschieden uns von unserem Clan in Mt. Hagen, fahren mit dem Minibus entlang des Hochlands nach Osten. Nächste Station: Kegsugl. Ein Dorf, abgelegen, mit einer Straße vom Highway verbunden, die mehr Schlaglöcher als Meter hat (57 km). aber der einzige Zugang zum höchsten Berg Papua Neuguineas ist: Mt. Wilhelm (4.509 m). Dennoch sind die drei Stunden Fahrzeit auf der Ladefläche eines Pickups nicht verloren – das Straßenleben hat was, die Kids laufen einem mit einem Lachen nach und bei kurzen Stops deckt sich Beate mit Erdbeeren und frischen Erbsen ein.

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die Bus-Stops zählen zu den weniger sauberen Plätzen

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auf der Ladefläche eines Pickups zum Fuß von Mt. Wilhelm

Der Aufstieg selbst teilen wir in zwei Tage auf: vom Dorf gehts 800 Höhenmeter zum „Basecamp“, wo wir uns für die Nacht in einer sehr einfachen Hütte einrichten. Mit dabei ist Arnold, unser Wegführer, mit Gummistiefel und Windjacke. Wir sind schnell (2 Stunden), und Arnold lässt sich für den Gipfeltag erweichen, etwas später in der Nacht zu starten als die üblichen 01.00. Wir legen um halb drei los, stampfen in dem am Vortag vom Regen aufgeweichten Weg. Der Lehmbelag ist rutschig wie Seife, und wir müssen unsere Schritte gut wählen. In der Dunkelheit gehen wir leise das Tal hinauf, und auf einem kleinen Sattel holt uns der Nebel ein. Der Wind bläst, und es ist frisch.

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schaut aus wie Vogelbeeren

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Tellerwäscherin für eine japanische Reisegruppe

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am Gipfel des Mt. Wilhelm

Wie schon auf anderen Bergen (Cotopaxi) sind wir wieder einmal zu schnell. Um 05.20 stehen wir bereits am felsigen Gipfel des Mt. Wilhelm, aber wir sehen nichts ausser Dunkelheit und Nebelschwaden. Diesmal warten wir etwas windgeschützt, frühstücken jeder ein Erdnussbutter-Sandwich, bevor sich das Morgenlicht kurz vor Sechs zeigt und den Nebel etwas unterhalb des Gipfels drückt.

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im Morgenlicht am Abstieg

Der Abstieg dauert fast gleich lange wie der Aufstieg – er ist anstrengend und sehr rutschig. Es passieren immer wieder Unfälle, manche enden sehr tragisch. Wir erreichen die Hütte am Basecamp gegen 08.20, und unsere Lodge oberhalb von Kegsugl später am Vormittag. Wir sind müde, trotzdem waschen wir unsere Schuhe und Überhosen vom Lehm frei. Die Sonne scheint, und deren Wärme gilt es zu nutzen.

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schöne Trasse im oberen Bereich

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zwei Seen unterhalb des Mt. Wilhelm

Mt. Hagen: Nachtwandern im Bergregenwald

Das Licht meiner Stirnlampe versucht meinen nächsten Tritt auszuleuchten. Aber in dieser Finsternis des Waldes, des faden Mondlichts und der scheinbaren Enge des Weges, der von allen Seiten überwuchert und eingefasst wird, vom Fuß bis über den Kopf, das ist fast unmöglich. Der Weg ist schlüpfrig, rutschig durch den Lehmboden, der kaum Stufen kennt, übersät mit Schlammlöchern und Wasserlachen, bedeckt mit Moos, durchdrungen von Wurzeln. Ich bin froh um meinen Wanderstock.

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schon über der Baumgrenze

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Blick zurück in den Regenwald

Bald gebe ich es auf, den Schlammlöchern auszuweichen. Die großen Schritte, besonders in die Höhe, kosten viel Kraft, und ich riskiere dabei immer, beim Abstoß oder beim Auftritt noch mehr auszurutschen. Spinnen hängen vor unseren Gesichtern, Dornen reissen unsere Hautflächen auf, das Elefantengras schneidet in den Handrücken. Sam und Jeremia, unsere zwei Boys, tun ihr Bestes, um Mister Mark und Mary Bea den Weg mit ihren Macheten freizumachen. Dennoch verfangen wir uns oft, schlagen mit dem Kopf an einem Ast an, weil wir uns so sehr auf unsere Füße konzentrieren, verlieren wiedermal den Halt in diesem glitschigen Hang. Einmal rolle ich fünf Meter durch den Busch hinunter, weil eine Wurzel, an der ich mich über eine Steilstufe hochziehen will, nachgibt. Im Dunkeln ist mir gar nicht klar, wie weit ich den Wald abgeräumt habe, aber ich brauche einige Schritte, um wieder zu meiner Ausgangsposition zu gelangen. Ein andermal versinke ich Waldboden, bis zur Brust. Der Weg war gar kein richtiger Weg, sondern ein riesiger, überwucherter und umgestürzter Baum. Wir laufen auf ihm, und nur ein paar Zentimeter zur Seite steige ich dieses überwucherte Loch, und bin eine Etage im Wald tiefer. Jeremia hilft mir raus, und weiter gehts.

Erst als die Vögel zu singen beginnen, wissen wir, dass der Tag bald beginnt und wir endlich mit etwas mehr Licht durch den Bergregenwald gehen werden. Es ist feucht, wenn auch nicht schwül, und wir schwitzen den Weg hinauf, zu einer ersten kleinen Lichtung, zu einer ersten kleinen Rast. Essen Kekse, und sehen zum ersten Mal, wie wir nach drei Stunden ausschauen – recht braun. Gegen neun Uhr erreichen wir den Gipfel des Mt. Hagen (3.791 m), nach einer kurzen Passage über weites Grasland, welches eher einem Morast gleicht. Der Ausblick ist wie erwartet erhellend, und wir verbringen etwas Zeit am Berg. Unseren Boys ist es bald zu kalt da oben, wir hingegen sind froh um die Kühle. Wir steigen ab, um kurz vor der Waldgrenze ein Feuer zu zünden und unsere Süßkartoffeln zu braten.

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am Gipfel mit Sam und Jeremia

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Süßkartoffel-Braterei

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der lange Abstieg ins Tal

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der Regen lässt nicht lange auf sich warten

Nach einem anstrengenden Abstieg sind wir kurz nach Mittag wieder im Dorf unseres Clans. „Unser“ meint wirklich unser: wir sind nun Mitglieder des Opa-Clans. Wir haben über den Kontakt eines Priesters in Mt. Hagen Unterkunft hier gefunden. Dieser Clan von ungefähr 50 Personen hat sein Land um den Berg des Mt. Hagen herum. Als wir ankommen, werden wir freudig begrüßt. Es dauert nicht lange, und wir sind mit allen beste Freunde, und wie sich später herausstellt, am Tag unserer Abfahrt, auch Mitglieder der Familie. In mehreren Hütten bewohnt der Clan dieses Stück Land, welches von großen Gärten eingefasst ist. Süßkartoffeln, Brokkoli, Karotten, Tomaten, weiße Kartoffeln, Zwiebeln, Knoblauch und Kohl gedeiht hier prächtig. Die Hütten sind im traditionellen Stil mit Strohdach und geflochtenen Wänden errichtet, und wir wohnen bei Tante Rachel, die in ihrem früheren Leben gar Stewardess bei Air Nguini war. Nun lebt sie wieder bei ihrer Familie, und wir dürfen uns in ihrem Haus einrichten.

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typische Hütte

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ein Teil unseres Clans mit Tante Rachel in der Mitte

Es wird hier alles geteilt – vor allem Essen und Geschichten („Stories“). Ich fühle mich wie in einem Anthropologen-Traum. In meiner Doktorarbeit habe ich Ethnographie in virtuellen Welten betrieben, doch hier ist es ein direktes, nahes Leben inmitten und mit diesem Clan. Es dauert nicht lange, wir werden in die Gartenkunde eingeführt, lernen die ersten Brocken Pingin (die lingua franca in Papua), teilen unser Wissen aus beiden Welten. Wir bleiben zwei Nächte in einer Welt ohne Strom und Internet, aber mit vielen lachenden Kindern und sehr lieben Menschen. Der Abschied fällt schwer, vor allem für unseren Clan. Sie sind traurig, versuchen uns zum Bleiben zu überreden, machen uns das Leben bei ihnen schmackhaft. Wir sollen wiederkommen, und dann bekommen wir von ihnen Land und eine neue Hütte, dann können wir gemeinsam am Feuer sitzen und Stories teilen. Sam und Jeremia begleiten uns zurück in die Stadt, und dann müssen wir auch von ihnen Abschied nehmen. Ich hätte nie gedacht, dass Neuguinea mich so in Besitz nehmen würde. Wir sind in einer anderen Welt. Nein, wir sind auf einem anderen Planeten, in Gedanken nun für immer verbunden mit unserem Clan am Fuß des Mount Hagen.

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Tante Jenny beim Zocken mit den anderen Aunties

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Kids – wie immer fasziniert von Kameras

Illimani: Schneegewitter im 5400m-Biwak

Wir sitzen auf der Bordsteinkante, Calle Illampu im Zentrum’ La Paz, zwei 75-Liter Rucksäcke hinter uns an die noch geschlossene Geschäftsfront gelehnt, behängt mit Zelt, Helm, Seil. Passanten gehen vorbei, andere bauen ihre mobilen Geschäftsstände auf, ein Hund streunt herum. Die pralle Sonne dringt noch nicht bis zur Straße hinunter, aber es ist jetzt schon warm, und unser Fahrer verspätet sich. Unsere letzte Tour. Unsere letzte Ausfahrt aus der bolivianischen Metropole. Fast schon eine Routine. Verpflegung für vier Tage zusammenstellen, Fahrer und Unterkünfte organisieren, packen, umpacken, Depot zurücklassen.

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Anfahrt durch einen Canyon

Wir sitzen auf der Bordsteinkante, Calle Illampu im Zentrum’ La Paz, ich denke an die Wetterprognose und ob es sich lohnt, die vier Tage in etwas wenig zu Realisierendes zu investieren. Aber vier Tage in La Paz? Lärm, urin-getränkte Straßenluft, beengte Hotel-Zimmer? Ich schließe kurz die Augen, und es ist sonnenklar, dass wir hier weg wollen. Der Fahrer kommt und wir sind für drei Stunden Gäste in einem stickig-heißen Wagen, dessen Seitenfenster sich nicht öffnen lassen, auch weil die staubigen Straßen, auf denen wir über Pässe und durch Canyons rollen, dies nicht zulassen. Etwas benommen steigen wir in Pinaya (ca. 3.900 m) aus, satteln die schweren Rucksäcke auf Maulesel und starten ohne großes Herumgetue zum zwei Stunden entfernten Basecamp (ca. 4.400 m) auf. Eigentlich nichts anderes als eine große Pferdeweide, auf der bereits andere Zelte stehen – zwei andere Teams, die auf den Illimani steigen wollen.

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Base Camp Leben

Am nächsten Morgen sehen wir, wie dies funktioniert: Bergführer, Koch und Träger. Wir brechen früh auf, um den Tross zu entgehen. Auf dem Sattel (ca. 4.900 m) zum Hochlager holt uns der erste Träger ein. Dann kommen die anderen. Es sind Frauen. Ein Teil davon bestimmt älter als sechszig. Die haben gleich viel Gepäck auf dem Buckel wie wir. Mit Sandalen laufen die da hoch, dahinter die Bergtouristen mit ihren Jauserucksäcken. Woa! Scham? Wut? Ungläubigkeit! Und daheim vom großen Bergabenteuer erzählen! Ich schüttle den Kopf. Nie, nein, niemals! Entweder ich habe das Zeug, meinen Kram da selbst hinaufzuschleppen, oder ich bin des Gipfel’ nicht würdig. Da sind wir uns einig, stemmen den Rucksack auf den Rücken und steigen weiter hoch, über dieses unangenehme Geröll aus Platten und losen Steinen. Nach fünf Stunden erreichen wir schneefrei das Hochlager (Nido de Condores, 5.450 m). Kaum ist das Zelt aufgebaut, beginnt ein erster, heftiger Schneefall.

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die Trägerinnen auf dem Weg zum Hochlager

Im Zelt leben wir inzwischen recht gemütlich. Es ist keine fremde Wohnung mehr. Kochen aus dem Schlafsack heraus, Zähne putzen, essen, packen. Die Sonne kommt wieder heraus, wir schöpfen aus einer mit Wasser gefüllten Gletscherspalte Wasser, und schauen, wie die Guides und Köche das Essen für die Bergtouristen zubereiten. Wir sind wie fast immer die Ausnahme – tragen selbst, kochen selbst, führen selbst. Das macht uns interessant für die Guides hier, und es entspinnen sich oft neugierige Gespräche, die meist mit einer Mischung aus Bewunderung, Respekt und Verständnis auf Seiten der Führer enden. Sie sehen, was wir machen und was wir machen können, ohne sie (Huayna Potosi, Pequeno Alpamayo).

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am Gipfelgrat: Blick zum wenige Meter entfernten Gipfel

Die Wolken rasen über unsere Köpfe in dieser Höhe, und bald geht die Sonne unter und wir sind frohen Mutes, dass das angesagte schlechte Wetter ein paar Kilometer von uns entfernt vorbeistreift. Das tut es leider nicht, der Gringo-Wetterdienst hat es besser im Griff als der selbstvertraute Bergführer aus Bolivien. Um zehn Uhr nachts bricht wie aus dem Nichts ein heftiges Unwetter über dem Illimani aus, Blitze fegen in die Grate und Spitzen in diesem Bergmassiv, Schnee fällt in großer Menge und der Donner brechender Seracs erschüttert unsere ausgesetzte Position am Westgrat. Alles ist so schnell gekommen, dass wir nicht einmal unsere Blitzableiter (Pickel, Schnee-Anker, und anderes “lange” Metall) in sichere Entfernung bringen können. So hocken wir auf unseren Matten im Zelt, zählen die Sekunden vom Blitz bis zum Einschlag, greifen im Dunkeln in die Haare, um zu sehen, ob sie schon geladen wegstehen, zucken bei manchen knappen Krachern so richtig zusammen, und irgendwann fangen wir einfach an zu essen und uns lustige Geschichten aus Ring of Fire zu erzählen.

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Blick zurück zum Südgipfel des Illimani

Die Nacht ist letztlich wieder sehr kurz. Das erste Team macht sich schon um halb Zwei auf, das andere um halb Drei. Wir ziehen um Drei los, wollen nicht ewig in der dunklen Kälte marschieren. An das Frühstücksbrot mit Marmelade denke ich noch später in der Wand. Die einfachen Dinge zählen doppelt. Die Kälte der Nacht beißt an den Fingern und Zehen, aber wir haben die zwei Teams vor uns, die eine Spur durch den tiefen Neuschnee ziehen. Wir profitieren von diesem Dienst, denn der Weg vom Hochlager zum Südgipfel des Illimani ist durchwegs stetig steil. Die Spalten sind recht gut zu sehen, die Route einfach zu sehen. Einige Schneebrücken wirken dünn und fragil, und der Sprung darüber kostet in dieser Höhe Atemluft, so dass wir oft auf der steilen Bergseite für Sekunden pausieren müssen. Im Zick-Zack geht es immer weiter hinauf, die Nacht scheint ewig lang, aber irgendwann bricht die Morgendämmerung durch, und wir haben noch gute zwei Stunden zu gehen. Es schneit noch immer, und mittlerweile sind über zwanzig Zentimeter Neuschnee dazugekommen. Die letzte große Hürde, ein mächtiger Bergschrund knapp unter dem Gipfelgrat, ist offen wie ein Scheunentor, mit einer zwanzig Zentimeter breiten Schneebrücke. Wir springen lieber. Der Weg zum Südgipfel (6.438 m) ist nicht mehr allzuweit und steil, aber wir haben unser Pulver verschossen und müssen uns recht langsam hinaufquälen. Wir pushen uns gegenseitig. Mal brauche ich mal eine Pause, mal Beate. Am Seil kann man kein eigenes Tempo gehen, am Seil ist man angebunden.

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im Hochlager mit Blick auf die Route

Der Gipfel selbst ist unscheinbar, und wir haben wieder einmal Schwierigkeiten, den Scheitel richtig zu lokalisieren. So laufen wir einmal darüber und wieder zurück. Der Wind ist hier besonders stark, aber er bläst die Wolken weg und wir sind heute wohl die Einzigen, die einen passablen Rundumblick bekommen. Die anderen zwei Teams sind mittlerweile auf dem Weg retour, völlig leer, aber wir müssen auch noch herunter, und das ist jede Menge Anstrengung. An einer steilen Traverse geht mir ein Steigeisen ab, und schon bin ich im Flug nach unten, in einem Augenblick habe ich zehn Meter Höhe verloren. Reflexartig drehe ich mich auf meine Bauchseite, Liegestütz-Ausgangsposition und bremse den Fall vollständig ab, bevor das Seil greift, welches als Sicherungsmittel in den Händen von Beate liegt. Ich krabble wieder hoch, lege die Steigeisen an, und wir steigen weiter ab. Alles Kraft raubend, in über 6.000 m Höhe. Durstig und müde erreichen wir das Hochlager, müssen hier nach einer kurzen Rast alles abbauen, verstauen. Zwischen jedem Handgriff zwei tiefe Atemzüge, und wieder weitermachen. Während die anderen Teams die Last auf die Träger verladen und über den mittlerweile verschneiten Steig absteigen, klettern wir mühsam mit über zwanzig Kilo am Rücken diesen rutschigen Weg ab.

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Bedingungen beim Abstieg zum Base Camp

Der Weg ist lang und beschwerlich, und lange nicht vorbei. Der Durst quält uns mittlerweile, und ich treibe mich vorwärts mit der Aussicht auf unser kleines Depot, dass wir zwischen den großen Felsen unweit des Base Camp versteckt angelegt haben. Es ist tatsächlich da, als wir gegen 15.00 dort ankommen. Ich bin glücklich. Das Zelt steht, und ich öffne eine große Dose Pfirsich-Hälften. Und dazu für jeden eine große Cola! Das Leben meint es gut mit uns. Das Leben kriecht in uns zurück. Eine Dose Pfirsich-Hälften, das ist alles, was es manchmal braucht.

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im Tal…

Pequeno Alpamayo: We are from Austria. We don’t need a guide.

Jetzt hat es mich doch erwischt, im 7. Monat von Ring of Fire. Eine frische Nacht in La Paz, ein längeres Herumspazieren in den lebendigen Straßen des Abends, und schon hänge ich mit Fieber, lahmen Gliedern und dickem Hals zwei Tage in den Seilen. Die steilen Gassen im Zentrum der Stadt werden zur Herausforderung, und Beate besorgt mir ein Aspirin und Lutschtabletten. Aber auch sie bleibt nicht verschont: weniger von Bazillen, sondern wird ein Opfer einer Floh-Attacke im Hostel-Bett.

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Unsere Transport-Companie zum Basecamp

Deutlich angeschlagen nehme ich die Reise nach Tuni (ca. 2,5 Autostunden) in Angriff. Wir sind uns angesichts meiner konditionellen Verfassung und der Größe unseres Gepäcks (wir haben zusätzlich ein 2. Seil, Steileisgeräte und sonstiges Extra-Material für eine technische Route mit) schnell einig, dass wir die Dienste von Packeseln in Anspruch nehmen wollen. Zu unserer Überraschung ist es eine junge Señora, die die zwei Esel drei Stunden zur Laguna Chiar Khota (4.600 m) treibt. Ich taumle wie ein angeschlagener Boxer mit weichen Beinen hinterher.

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das Wetter für bolivianische August-Verhältnisse recht unbeständig

Am See stehen bereits ein halbes Dutzend Zelte, meist Wanderer, und wir finden einen windgeschützten Platz, der uns für zwei Nächte etwas mehr als fünf Euro kostet. Das Wetter ist wechselhaft, manchmal gar dunkel, und spät am Abend fällt etwas Schnee. Ich schlafe schnell ein, müde von diesem Spaziergang, unsicher, ob ich am nächsten Tag meine Beine zu mehr Leistung motivieren kann. Der nächste Morgen ist entsprechend mühsam, aber wir schaffen es kurz vor fünf aus dem Zelt und stolpern im Dunkeln durch eine Moorlandschaft, später über leicht ansteigende Moränenrücken zur Gletscherzunge. In der Morgendämmerung setzen wir auf den steiler werdenden Gletscher über – manche Spalten sind vom frischen, verwehten Schnee verdeckt. Wir orientieren uns im Zick-Zack hinauf, begegnen einer Seilschaft, die wegen des tiefen Schnees umdreht. Ein Gruß, und wir stoßen weiter vor zum Sattel unterhalb des Nevado Tarija (ca. 5.300 m), den wir in wenigen Minuten etwas steiler nehmen. Die Cordillera Real präsentiert sich mystisch dunkel in schwarz-weiss. Endlich sehen wir auch unser Tagesziel: der Pequeno Alpamayo (nicht zu verwechseln mit dem Alpamayo in der Cordillera Blanca, Peru).

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ein Morgen in der Condoriri-Gruppe

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steil zum Gletscher-Sattel hinauf

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der erste Blick auf den Pequeno Alpamayo

Von hier müssen wir gute 100 m Fels abklettern, nicht immer angenehm in Steigeisen, um final über zwei schwindlig aussehende, aber stabile Schneebrücken den Gipfelgrat (WSW) zu erreichen. Hier wird’s etwas steiler (bis zu 55°), ist aber immer noch einfach mit einem gewöhnlichen Gletscher-Pickel zu bewältigen. Wir gehen am kurzen Seil. Nach etwas Schnaufen, meist im soliden Neve mit darunter liegendem Eis, stehen wir am Schnee- und Fels-Gipfel des Pequeno Alpamayo (5.370 m), genießen die Sicht, hinüber zum Huayna Potosi und den Rest der Cordillera Real, und steigen dann ohne großes Herumsichern über den selben Weg ab.

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der schöne Grat zum Gipfel des Pequeno Alpamayo

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die chilenische Seilschaft – Enzo, Eduardo & Javier – im Mittelteil des Grates

Vor dem Wiederaufstieg zum Tarija begegnen wir eine chilenischen Dreierseilschaft, eine willkommene Pause für alle. Der restliche Abstieg bleibt ohne Vorkommnisse, auch wenn wir einige Spalten etwas großräumiger umgehen als vielleicht am Morgen, und auch meine Beine fühlen sich gut an. Habe ich ständig nur meine Kondition, die Routenfindung und die Kommunikation mit meinem Seilpartner im Kopf, vergesse ich vollkommen, trotz des bewölkten Tages, meine Sonnenbrille im Rucksack. Das hat Folgen, und die nächste Nacht wird eine Qual. Brennende, tränende Augen, und dazu keine Luft, da die Nase vollkommen dicht ist. Ich schlafe im Sitzen, wenn überhaupt. An eine Tour am nächsten Tag ist nicht mehr zu denken, ich ärgere mich tausendfach, denn das Wetter ist grandios und mein eigentlicher Berg, Cabeza de Condoriri, wartet da ohne dass wir den scharfen Grat jemals betreten.

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diesen Berg mussten wir auslassen – Cabeza de Condoriri

Eine Niederlage, ohne den Kampf überhaupt aufgenommen zu haben. Das ist bitter, und der Weg zurück nach Tuni ist entsprechend niedergeschlagen und müde. Aber wie mit allen Niederlagen, so ist es auch mit dieser: kurz nachdenken, etwas daraus lernen, und dann wieder aufstehen und weitergehen. Wir werden weitergehen, wenn auch dieser Tag nach langen Stunden in La Paz sein völlig erschöpftes Ende nimmt. Der Portier unseres neues Hostels (Floh-Wechsel) fragt, welche Berge wir gemacht haben. Und mit welchem Guide. Unsere Antwort: „Somos de Austria. No necessitamos un guia. We are from Austria. We don’t need a Mountain Guide. Wir sind aus Österreich. Wir brauchen keinen Bergführer.“

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Cordillera Real

Huayna Potosi: Seilschaft Buzinkay macht’s am Nachmittag

Der erste Wecker geht um 04.00 morgens. Die Nacht war schnell vorbei. Wir wollen heute gemütlich auf 5.400 m aufsteigen und dann wieder nach unten gehen. Akklimatisation nennt sich das. Und doch schielen wir mit einem Auge auf den Gipfel. Das Wetter soll sich verschlechtern, und sollten wir locker auf die geplante Höhe kommen, warum nicht weiter gehen? Wir möchten uns diese Option offen lassen, und beenden die Nacht um vier Uhr morgens.

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Huayna Potosi vom Charquini aus gesehen

Doch der Plan geht nicht auf. Beate fühlt sich nicht gut, und wir beschließen im Zelt zu bleiben. Alles andere macht keinen Sinn. Drei Stunden später sieht die Welt anders aus. Beate ist bereit, und um kurz nach acht verlassen wir das Zelt. Es ist sonnig, und alle anderen Seilschaften am Berg stehen kurz vor dem Gipfel des Huayna Potosi. Wir aber wandern gemütlich vom Zongo Pass (4.750 m) über Moränen zum Moränencamp. Alles ist fein und locker und wir legen Steigeisen an. Wir sind am Gletscher angekommen.

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Aufstieg zum Campo Moreno

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schon unter dem Gipfelgrat

Einige Minuten später erreichen wir das etwas höher gelegene Lager. Wir fragen bei den anwesenden Guides nach etwas Wasser, in der Sonne des Vormittags geht es uns rasch aus. Wir bekommen es, aber die anwesende Gruppe von mehr als zwanzig italienischen Touristen grüßt nicht einmal. Wir verlassen diesen Ort rasch, und marschieren schnurstracks zum Gipfel. Stufe für Stufe, Kehre für Kehre, und bald haben wir den Gipfelhang erreicht. Das Wetter und die Bedingungen sind perfekt – sehr gute Sicht, kaum Wind, harter Trittschnee. Wir queren hinüber zum Gipfelgrat, passieren längs einen schönen Bergschrund, und dann nach einer sehr kurzen Steilstelle geht es in wenigen Minuten über den Grat zum Gipfel des Huayna Potosi (6.088 m), den wir kurz nach drei Uhr nachmittags erreichen. Hier drängen sich normalerweise die Seilschaften, aber um diese Uhrzeit sind wir völlig ungestört. Nach wenigen Minuten verlassen wir die Höhe über den etwas steilen Osthang, und später auf dem Normalweg bis hinunter zum Pass. Die Runde dauert etwa neun Stunden. Wir bedauern die anderen, die mitten in der Nacht aufbrechen, am Seil eines Bergführers, und erst am Rückweg etwas von ihrer Umgebung mitbekommen. Diese Tour ist locker während des Tages und vom Zongo Pass aus machbar, und ich sehe keine Notwendigkeit für ein Nachtlager auf 5.300 m. Meine Gedanken, die wohl keiner der bolivianischen Mountain Guides teilen würde.

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dunkle Wolken am Nachmittag

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Beate am Gipfelgrat

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gemütlicher Abstieg in der Nachmittagssonne

Am nächsten Morgen kann ich lange ausschlafen, und in aller Ruhe das Lager abbauen. Ein Tag der Pause, auch später in La Paz. Pause, Regeneration, Vorbereitungen für die nächste Mehrtagestour in die Cordillera Real. Wir sind in Bolivien.

Charquini: Einlaufen in der Cordillera Real

Meine Zeit in Peru ist um. Arequipa hat mir gefallen, der Chachani (6.075 m) weniger.  Nach einer weiteren Nacht im Bus von Arequipa nach Puno, sitze ich eine weiteren langen Tag im Bus über eine chaotische Grenze bei Copacabana am Titicaca-See nach La Paz in Bolivien. Dann sehen wir uns wieder, es gibt jede Menge zu erzählen, und schon haben wir nur noch die nächsten Touren-Tage in der Cordillera Real im Kopf. Beate hat ihren Tag mehr in La Paz genutzt, um alles für diesen ersten Trip zu organisieren.

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re schlängelt sich der Wanderweg am Fels entlang

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über Block- und Moränengelände zum Gletscher, der Charquini re hinten

Der Transport von La Paz zum Zongo-Pass (4.750 m) dauert länger als versprochen, dennoch können wir kurz nach Mittag unsere Rucksäcke schultern und zu einer ersten Tour aufbrechen. Für Beate eine reine Akklimatisationstour – nach ihrer Zeit an der ecuadorianischen Küste eine Notwendigkeit; für mich eine erste Einführung in diese Berggruppe.

Über einen hübschen, manchmal ausgesetzten Wanderweg spazieren wir zum Fuß des Charquini, der etwas südlich des Zongo-Pass steht. Bald drehen wir gegen den Berg, folgen Steinmännern und Bächen, direkt zum kleinen Gletscher. Hier brauchen wir kein Seil, denn der Schnee ist steinhart und die Spalten sehr klein und gut sichtbar. Die wenigen hundert Höhenmeter vergehen schnell, und bald stehen wir unter dem Granitfelsen, der den Gipfel (5.392 m) markiert. Wir klettern über Platten und kleine Risse zum Grat empor, dann etwas ausgesetzt zum höchsten Punkt. Das brüchige Gestein macht die Sache etwas interessanter. Hier sind wir ganz allein, keine Selbstverständlichkeit in unmittelbarer Nähe des Huyani Potosi.

Kurze Zeit später klettern wir ab, und über den Gletscher sind wir rasch wieder am Wanderweg. Wolken rollen über den Pass, der bald im dichten Nebel eingehüllt ist. Hier spürt Beate die Höhe erstmals, und wir errichten unser Zeltlager rasch am Pass auf 4.800 m. Im Schlafsack ist es dann wohlig angenehm, und die Nacht bleibt ruhig. Wir wollen zum Huyani Potosi, am nächsten oder übernächsten Tag.

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der flache Gletscher zum Charquini

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Granitplatten- und risskletterei gegen den Grat

Chachani: 6075 Meter Schotter

Mühselig. Übrig. Nie wieder. Ich sage mir diese Worte ständig, während des Aufstiegs, und besonders dann im Abstieg. Da war die Idee richtig gut, nachvollziehbar, und umgesetzt: von Huaraz nach La Paz sind es 3 Nächte und 4 Tage im Bus, und auch wenn die Busse jeglichen Komfort bieten, endet man wie Thunfisch in der Dose. Warum also nicht in der Hälfte der Fahrt einen Stopp einlegen und auf einen 6.000er marschieren?

Ein pensionierter Geologe fährt mich gegen gutes Geld zum Ausgangspunkt für die Tour. Es ist 01.00 nachts und ich marschiere in die Dunkelheit. Die Weg-Info habe ich von einem angehenden Bergführer auf einen Zettel gekritzelt bekommen. Selbstverständlich wird das nicht genügen, denn die Versprechen, es gibt nur einen Weg, sind für die Fisch’. Und da wird für mich nach einer guten Stunde die Wegsuche wieder einmal zur zentralen Aufgabe.

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nach Sonnenaufgang erfreut mich das Bild des Chachani-Nachbarns

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übler Weg durch loses Geröll

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meine Abholstelle: Blick in die trockene Cordillera Occidental

Den mit Steinmännern markierten Weg, den ich nehme, verdanke ich dann einen mühsamen Aufstieg in losem Geröll. In der Dunkelheit ist nicht zu erkennen, was über mir herrscht, doch bald wird mir klar, dass ich die sicher nicht die einfachste Variante gewählt habe. Ich suche mittlerweile weglos einen Durchschlupf durch die Felswände, finde ihn, und ohne groß zu klettern übersteige ich die Krone auf die andere Seite und orientiere mich in Richtung Normalweg. Als ich dann nach über vier Stunden etwas Schnee unter meinen Schuhen spüre, weiss ich, ich bin auf der Gipfelhaube angekommen. Müde und lustlos drehe ich sofort um, will eigentlich nurmehr runter von diesem Geröllhaufen. Der Abstieg wird mich fast gleich viel Zeit kosten wie der Aufstieg, weil ich noch im Dunkeln heruntertappsle. Ich bin müde von diesem Geröll, und meine Konzentration lässt nach, so dass es mich ein Dutzend mal hinlegt. Mein Fels-Trainer Edi hätte den passenden Namen für diesen Weg: „Route du Kack“. Ich schmunzle nur kurz, der Weg aus dem Tal zum Ausgangspunkt dauert, und ich reiss mich nochmals zusammen und will eigentlich nur mehr schlafen, als ich auf meinen Fahrer warte. Doch der kommt zwei Stunden zu spät, und irgendwie passt das alles zu diesem Berg, den man einfach nur meiden sollte. Wenn alle Vulkane im Altiplano so beschaffen sind, dann verzichte ich gerne darauf.

Cayambe: im Schneebiwak auf 4.800m

Wieder einmal verbringe ich einen Tag im Zelt. Den ganzen Tag. Draussen stürmt es, Schneeregen fällt, die Sicht ist auf gut 30 m beschränkt, und ich liege im Zelt knapp unterhalb des Refugio Caymbe auf ca. 4.700m. Gestern, als ich hinaufgekommen bin, waren die Temperaturen noch angenehm, teilweise bewölkt, aber kein Niederschlag. Ich erklomm den Felsriegel oberhalb des Refugio, studierte den Übergang zum Gletscher. Machbar, dachte ich mir, und inspizierte die Route weiter zum Picos Jarrin und weiter zum Gipfel. Die Spalten scheinen teilweise verdeckt zu sein.

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klare Sicht am Vortag zum Gipfel des Cayambe

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Gletscher ist teilweise sehr zerfurcht

Die Nacht ist lang. Es stürmt und man macht kaum ein Auge zu. Irgendwann mal. In der Früh bin ich zu müde, um mich um das flatternde Zelt zu kümmern, ab und zu trete ich gegen die Decke, um den Schnee von den Zeltwänden nach unten zu befördern. Ich habe Zeit und so wälze ich mich im Schlafsack bis es eben nicht mehr geht. Draussen, nur kurz, spanne ich das Zelt nach, und dann gibt es Frühstück. Eigentlich habe ich keinen großen Hunger, aber ich zwinge die Portion herunter, will mich etwas anfuttern. Akklimatisation ist fad, aber auch nicht schwer. Man braucht Zeit, und Geduld. Und das ist, was ich hier tue. Die Zeit bis zur Cordillera Blanca möglichst in großer Höhe zu verbringen.

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meine Küche im Biwak

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Schneeregen permanent

Was tut man so den ganzen Tag auf 2 x 1,5 m? Man starrt auf die Zeltdecke und die ständig sich bewegenden Wände. Die Welt im Zelt ist gelb, durch den Zeltstoff, der das wenige Licht färbt. Man schaut auf die Decke und versucht die Zahl der Quadrate im Stoffmuster zu interpolieren. Das ist nach einer Minute langweilig und ich repariere meinen Duffel-Bag. Der hat ja in den letzten 18 Jahren viel von der Welt gesehen, und entsprechend gelitten. Die Narben auf seiner Oberfläche machen Rambo’s Rücken zur Farce. Es wird also genäht. Überhaupt ist Nähen und Reparieren eine der vortrefflichsten Beschäftigungen in so einer Situation. Ich mache es nicht ungern. Die Gedanken fließen, und einige meiner besten Sätze entstammen solcher Stunden. Ich wundere mich, wie lange noch dieser Schneesturm anhalten wird und wie ich morgen vom Berg komme. Hier gibt es keinen Transport, und die 10 Kilometer zum nächsten Stützpunkt scheinen nicht weit, aber ich musste mein gesamtes Gepäck hier hochschleppen, und das wiegt ordentlich. Auch dieses Refugio ist im Umbau (siehe Cotopaxi und Chimborazo), und die kleine Hütte nebenan ist nur für organisierte Touren. Gut, dass ich mein Zelt mithabe. Draussen schüttet es, und das Zelt hält bis jetzt dicht. So oder so, die nächsten 36 Stunden werden eine nasse Sache. Ich will noch eine Nacht hier oben bleiben, und hoffe, dass der Wind nicht stärker wird. Ein Aufbruch in der Nacht, bei Wind und Wetter, ist nicht das Feinste.

Quilotoa – ein Ausflug in den Alltag der Backpacker-Welt

Vom Chimborazo kehren wir müde in die Zivilisation zurück. Wir verbringen einen faulen Nachmittag in Riobamba, essen viel, und brechen am nächsten Tag nach Latacunga auf, unsere nächste kleine Basis für einen 2-Tages-Trip in die umliegenden Berge. Diesmal kein Bergsteigen, sondern ein fast schon müdes Herumlaufen zwischen Äckern, Hügeln, Canyons, Hausschweinen und Schafherden. Im Hostal Cloud Forest finden wir uns in der größten Ansammlung von Backpackern wieder seit wir auf unsere Tour aufgebrochen sind. Das erschreckt uns, und auch wenn das Personal im Hostal sehr bemüht ist, sind wir froh, wieder in die Wanderschuhe zu schlüpfen.

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unterwegs in Bergdörfern

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ein borstiges Schweinchen

Der Weg nach Quilotoa, einem kleinem Örtchen oberhalb des gleichnamigen Kratersees, auf ca. 3.900 m, ist abwechslungsreich, zu abwechslungsreich, so dass wir den richtigen Pfad unter Dutzenden nicht erwischen und letztlich per Autostopp auf die andere Seite des Tales fahren. Von hier schlendern wir ein paar Hundert Höhenmeter hinauf zum Kraterrand, und dann entlang dieses bis nach Quilotoa. Der ganze Ort ist ein Hostel, und so verteilt sich die Backpacker-Community brav auf die einzelnen Häuser. An unserem Tisch findet sich ein gleichaltriges Paar aus den Niederlanden, das macht die Gesprächsfindung definitiv einfacher als ein kontinuierliches Aufzählen von Destinationen, in denen man schon mal war und wie großartig man als Reisender doch ist. Auch in dieser Welt der Backpacker gibt es Sprudler, Angeber und Wichtigtuer. Das hat man glücklicherweise nach einer Minute heraus und kann sich dezent vom Ort des Geschehens entfernen.

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Laguna Quilotoa

Wir kehren von Quilotoa wieder nach Latacunga zurück. Hier trennen sich unsere Wege. Ich plane zum Cayambe aufzubrechen, um ein paar Tage in großer Höhe zu verbringen, als Vorbereitung auf Peru. Beate steuert den Süden Ecuadors an und verbleibt dort die nächsten Wochen – in einer Sprachschule. In Bolivien sollte es wieder gemeinsam auf die Berge gehen.

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gemütliches Wandern in Ecuadors Bergwelt

Wie in der Sierra Nevada beginnt nun eine Zeit der Solo-Touren. Ich freue mich darauf, und besonders auf die Cordillera Blanca in Peru, wo ich meine Ski mitnehmen werde. Wohl auf Maultieren…

Chimborazo: Versuche im Höhenbergsteigen

Um 23.00 aufzustehen, an das werde ich mich nie gewöhnen. Übel ist mir, und auf ein Frühstück kann man sich kaum einlassen. Aus dem Schlafsack zu kriechen ist immer schwer, auch in einer Nacht, in der man kein Auge zumachen kann. Beim Refugio Carell (4.800 m) campieren wir „eine Nacht“, bevor es auf eine Bergtour zum Chimborazo (6.268 m) geht. Der Generator der Behelfshütte ist laut, und als ich endlich einschlafen kann, reisst mich alle paar Minuten ein Gefühl des Ertrinkens hoch. Das muss wohl an der Höhe liegen. Wir haben in den letzten Tagen sehr viel Zeit über 4.000 m verbracht (Corazon, Illiniza Norte, Cotopaxi), das Schlafen klappt aber in einer Höhe von knapp 5.000m noch nicht.

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wieder mal ein toller Zeltplatz – in der Nähe des Refugio Carell

Wie schon am Cotopaxi müssen wir am Chimborazo einen Bergführer nehmen, die Bestimmungen in Ecuador verlangen das. Mit Rodrigo haben wir aber eine gute Wahl getroffen. Und so machen wir uns zu dritt kurz vor Mitternacht auf den Weg zum El Castillo, der von Felsstürzen bedrohten Route, die uns zum Gletscher des Vulkans bringen soll. Im Stirnlampenlicht wandern wir über Geröll, dann mit Steigeisen über Eisplatten, recht steil und mit hohem Puls. Wir merken erst beim langen und mittelsteilen Gletscheranstieg, dass das Tempo zu hoch war. Wir müssen nun kämpfen, unsere Schrittfolgen werden langsamer, und Rodrigo muss einen Gang zurückschalten. Beate kämpft mit Übelkeit, ich mit Müdigkeit. Erst hier verwandelt sich die Sternen-klare Nacht in einen Schneeschauer, der mehrere Stunden anhält. Wir nehmen ihn kaum war, weil wir so sehr mit uns beschäftigt sind. Im zweiten Drittel des Anstiegs gelingt es uns immer besser, endlich wieder in Normalverfassung zu kommen. Nun wird es langsam hell. Der Schneefall wird stärker, das Barometer fällt, und wir diskutieren den Abbruch der Tour. Ich will noch warten, hole bei Beate und Rodrigo noch 15 Minuten ‘im Wind sitzen und abwarten’ heraus. Es lohnt sich, es reisst auf, und es ist klar was zu tun ist.

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Morgenstimmung am Gipfel des Chimborazo

Wir steigen weiter hoch, es ist nicht mehr weit. Vielleicht noch 150 Höhenmeter. Und fast schon auf der Gipfelkuppe wird mir schlecht. Ich sehe gelbe Flecken im Himmel und im Schnee, komme kaum noch nach und bitte um kurze Pausen, da wir gemeinsam am Seil gehen. Die Höhe? Zuwenig in der langen Nacht gegessen oder getrunken? Wir erreichen den Gipfel gegen 07.00, ein paar Fotos, und schon brechen wir nach unten auf. Ich führe, und plötzlich laufen mir Tränen über das Gesicht, völlig unkontrolliert. Ich weiss nicht warum. Der Gipfel des Chimborazo, unser erster 6.000er? Die schönen Rundumblicke? Die Einsamkeit und die Kämpfe der letzten Monate? Dann weiss ich es. Oben am Gipfel, in einem Augenblick, als es mir so schlecht ging, blass und blau und grau im Gesicht, kurz bevor ich in den Schnee umzufallen drohte, und jeder kennt das Gefühl, bevor er ohnmächtig wird, in diesem Augenblick wußte ich, ich sinke zu Boden, und im gleichen Augenblick kam mir der Gedanke, dieser Ort ist ein schöner Ort zum Sterben. Ich wurde nicht ohnmächtig, denn Beate rief nach mir, sich doch hinzusetzen, und ich stammelte in der gleichen Sekunde das Wort „Unterzucker“, kaum hörbar. Schon bald flößten mir Beate und Rodrigo alles, was sie an Zucker hatten, in den Mund, und wenige Minuten später war ich wieder auf – wackeligen – Beinen, bereit für den langen Abstieg. Jetzt wußte ich, warum mir die Tränen herunterschossen, fast den gesamten Abstieg lang am Gletscherhang. Da oben auf 6.200 Meter umzufallen ist nicht sehr lebensverlängernd. Ein ‚close call‘, wieder mal.

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Chimborazo (6.268 m), die Normalroute geht li am breiten Grat entlang

Der Abstieg verläuft ohne Vorkommnisse, auch wenn ich etwas länger brauche. Ein anderes Bergsteiger-Duo hat weniger Glück, ein Sturz, und ein Kieferbruch. Auch wenn der Chimborazo oft als technisch leichter Berg bezeichnet wird, die Faktoren Wind, Höhe, Steinschlag, Kälte und Orientierung machen ihn zu einem ernsthaften Unternehmen. Ein hart erkämpfter Gipfel. Er wird mir immer in Erinnerung bleiben.

Cotopaxi: durch die Nacht zum Gipfel

Die Akklimatisationstouren in NP Cucoy, am Corazon und am Illiniza Norte zeigen Wirkung. Bereits auf über 5.500 m Seehöhe und ich schnaufe immer noch nicht. Es ist vier Uhr morgens, die Milchstraße über uns zeigt den Weg vor. Der kalte Wind bläst uns entgegen und wir werfen uns ihm entgegen mit allem was wir haben – Jacken, Sturmmasken, mehreren Paaren Handschuhe. Dennoch haben wir das perfekte Wetterfenster erwischt. Keine Wolken, kein Nebel, kein Regen oder Schnee. Es ist nur so richtig beißend kalt, und wir müssen jede Hautpartie so gut wie möglich abdecken. Die Wunden sind nach der Rückkehr offensichtlich: rote Augen, und zwei mächtig blaue große Zehennägel. Das ist der Preis für einen Vulkan der Klasse “Cotopaxi”.

Cotopaxi

wir schlafen kurz im Busch

Cotopaxi

dieses Gipfelbild kann überall entstanden sein

Die Tour zum Cotopaxi (5.897 m) beginnt eigentlich am Illiniza Norte. Die Infos zur Besteigung – aus erster Hand von Bergführern – entmutigen uns zunächst. In Ecuador sind mittlerweile alle Vulkane mit Gletscherhaube nur mehr in Begleitung mit Bergführern zu besteigen. Am Illiniza Norte kommen wir noch um diese Beschränkung herum. Aber am Cotopaxi und auch am Chimborazo herrschen andere Regeln. So engagieren wir – vollkommen entgegen unserem Grundsatz selbstverantwortlich Berge zu besteigen – einen Bergführer, der uns am Nachmittag in Machachi abholt. Im Nationalpark Cotopaxi schlagen wir unser Lager auf – wir im Zelt, Pancho im Hostel. Der Eintritt in den Park ist kostenlos, auch der Campingplatz, wo wir auf ein Schweizer Paar aus Nidwalden treffen. Die Beiden sind schon seit über zwei Jahren mit ihrem geländetauglichen Wohnmobil in Asien, Nord- und Zentralamerika und jetzt in Südamerika unterwegs. Wir haben einen feinen Kaffeeplausch, müssen dann aber in unser Zelt zurück. Denn die Nacht ist kurz, wir stehen um 22.00 wieder auf, fahren eine halbe Stunde später mit Pancho zum Parkplatz (ca. 4.700 m) unterhalb des Refugio Jose Ribas (ist derzeit wegen Umbauarbeiten geschlossen).

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beim Abstieg geht nun die Sonne auf

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etwas zur Steilheit des An-/Abstiegs

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hier mal eine flache Traverse, sonst oft zwischen Gletscherspalten und kleinen Seracs

Uns gefällt, wie Pancho die Sache angeht: ruhig und langsam. Damit meine ich sein Schritttempo. Wir haben etwas Respekt vor der Höhe, sind uns nicht ganz sicher, wie sich die Tour entwickeln wird. Vier Stunden später ist Pancho fast am Ende, hat Anzeichen der Höhenkrankheit. Wir frieren im Wind, weil wir immer wieder seine Pausen abwarten. Er meint, wir sind zu schnell. Recht hat er, Beate und ich stehen um 05.20 am Gipfel, Pancho kommt nach einer kurzen Weile nach. Es sind noch über vierzig Minuten bis zum Sonnenaufgang, aber auf dem Gipfel gibt es keinen Schutz gegen den peitschenden Wind. Wir wissen sofort, dass wir das Naturspektakel nicht abwarten wollen. Eine Unterkühlung brauchen wir hier nicht. Der Marsch zurück dauert lange genug, und wir sind gegen 07.15 wieder beim Fahrzeug. Das ist auch eine Art, eine Nacht durchzumachen. Müde räumen wir unseren Zeltplatz, und fahren mit Pancho in eine mir alt bekannte Stadt: Banos.

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der Blick zurück zum…

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… Cotopaxi

Illiniza Norte: zum Geburtstag ein 5.000er

Die Großwetterlage in den nördlichen Andenstaaten entspricht nicht der üblichen Norm. Zu nass, zu kalt, zu stürmisch. Die Leute hier wundern sich alle. Und die Bergführer und Hüttenwirte, mit denen wir ins Gespräch kommen, schütteln nur den Kopf. Wo bleibt das trockene, warme Wetter? Nach dem Nebelgipfel des Corazon machen wir uns mit einer ähnlichen Hoffnung zum Illiniza Norte auf.

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auf dem Weg zum Illiniza Norte (in den Wolken)

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sattes Grün auf 3.500 m

Von Machachi fahren wir im Bus nach El Chauvi, und von dort mit einem Kleinlaster zum Naturreservat Las Illinizas. Es bleibt trocken, das Gepäck wiegt dennoch beim Aufstieg zum Refugio Nuevos Horizontes auf 4.700 m. Wir erreichen es im Nebel und sind alleine in der Hütte. Wir richten uns für die Nacht ein. Das Ziel ist Akklimatisation, also möglichst viele Stunden auf dieser Höhe. Wir verschlafen den Nachmittag, und gegen sechs am Abend kommen Fredy, der Hüttenwirt, und ein Bergführer mit einem Gast hinauf. Ihr Ziel für den nächsten Tag ist der Illiniza Sur. Das Wetter bessert sich nicht, der Wind faucht die Nacht hindurch. Wir bleiben noch eine Stunde länger im Schlafsack, während die andere Seilschaft bereits um vier Uhr morgens aufbricht.

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kurz reisst der Himmel auf und zeigt uns den Grat zum Gipfel

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eisige Verhältnisse beim Aufstieg

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am Gipfel des Illiniza Norte

Wir wollen den Berg machen. Es ist Zeit für einen ordentlichen Anden-Gipfel. Wir sehen den Gipfel nicht, nur den Beginn des Südost-Grates. Ein steiles, felsiges Ungetüm, das sich in die Wolkendecke bohrt. Wir steigen mal links, mal rechts der vielen Gendarmen hoch, tüfteln uns hoch und irgendwann in die Nordflanke zur Traverse unterhalb des Gipfels. Alles geht gut, kein Steinschlag, aber wir müssen schon sehr früh unsere Steigeisen anlegen: der Fels ist mit einer feinen Eisschicht überzogen. Es geht in alle Richtungen, aber meist hinauf, und dann zum kleinen Gipfelkreuz. Wir sind da, auf 5.126 m.

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am nächsten Morgen Schnee bis auf 4.000 m Seehöhe

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ein Blick zurück zum Illiniza Norte

Der Abstieg wird zur Wegsuche. Die Sicht ist kaum vorhanden, die Spuren vom Aufstieg vom Wind und Wetter verwischt. Wir brauchen etwas, um uns zu orientieren, immer wieder steigen wir etwas ab, um nach dem Weg zu suchen, müssen wieder hinauf, und das geht fast den gesamten Grat so weiter. In der Hütte wartet schon die andere Seilschaft, die in der Nacht ihren Versuch auf den Gipfel des Illiniza Sur wegen zu tiefen Schnees abgebrochen hat. Für Beate ein besonderer Tag: zum Geburtstag ein 5.000er am Vormittag, am Nachmittag ein Schläfchen im Lager, und etwas später ein Schluck des selbst mit hinaufgebrachten Biers.

Corazon: ein Herz ohne Macken

Quito liegt hinter uns, aber ich plane zurückzukehren. In aller Frühe nehmen wir den Bus nach Machachi, etwa 50km südlich der Hauptstadt. Machachi wird zusammen mit Riobamba unser Basecamp für die nächsten 10-14 Tage. Es liegt ideal im Tal zwischen den hohen Vulkanen und einigen Eingehtouren. So eine Eingehtour ist der Corazon (4.791 m). Technisch völlig unschwierig, ist die einzige Herausforderung die Orientierung im Nebel und die eigene Luft.

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Blumenwiese auf 3.700 m Seehöhe

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Grat zum Gipfel in Wolken

Hier im Tal ist alles grün. Wolken zieren den Himmel und mein Blick gilt der Nebelkappe am Corazon. Die Sache ist eigentlich recht klar. Immer nach oben steuern und das Berg-Auge walten lassen. Es ist zwar ein Mühsal den Weg steil und gerade nach oben zu gehen, aber es ist eben nur ein Mühsal für die Beine und die Lunge, sonst nichts. Ich kann nicht erkennen, warum der Berg „Corazon“ (aka Herz) genannt wird. Muss wohl an der Form liegen. Aber diese bekommen wir den ganzen Aufstieg und Abstieg lang nicht zu sehen. Wir erklimmen also einen Berg von der Größe der Dufourspitze, sehen ihn aber keine Sekunde lang.

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keine Aussicht, aber auf dem ersten Gipfel in Südamerika

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interessante Anden-Flora

Das ist das Schöne an den Bergen. Sie sind da, und bleiben da (in fast allen Fällen ein Leben lang; Ausnahmen: z.B. Mt. St. Helens). Die Tagesverfassung ist stets etwas anders, aber die Natur bleibt dieselbe. Da gibt es keinen Verrat, keine Täuschung. Nur du und der Berg. Auf den Berg ist Verlass.

Parque National de Cucoy: Akklimatisation und kolumbianische Freunde

Durchnässt im Sturm das Lager abzubauen ist eine unangenehme Aufgabe. Der Wind zieht uns die letzte Wärme aus dem Körper, der nasse, sandige Untergrund hat sich in Schlamm gewandelt, und wir haben alle Mühe, uns anständig zu benehmen und mit der größtmöglichen Vorsicht und gleichzeitiger Geschwindigkeit alles halbwegs trocken zu verpacken und dann das Zelt zu verstauen. Wir wollen alle Bewegungen möglichst vermeiden, eigentlich ein Irrsinn, aber die Nässe auf der Haut ist ein Hund. Es lässt einen freiwillig erstarren. Aber als der Schritt ins Tal getan ist, kommt wieder Mut in den Körper und der Wille, nicht auf eine Hilfe von oben zu warten, sondern selbst die entscheidenden Aktivitäten zu setzen, diesem quälenden Tag ein vernünftiges Ende zu setzen.

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wieder retour in der Hacienda La Esperanza

Vom Concavito  (5.100 m) kamen wir nur sehr langsam herunter. Die Spurensuche retour hat seine Zeit gekostet, die Sicht war sehr schlecht und unsere Hände so gut wie unbrauchbar geworden. Die Skistöcke baumeln vom Handgelenk. Auf dem Rückmarsch merken wir, wie viel Wasser nun vom Bergplateau kommt, dass die Rinnsale zu Bächen angeschwollen sind. Gegenanstiege machen uns fertig, wir müssen immer wieder Halt machen und unsere Oberkörper nach vorne auf die Skistöcke stützen. Als wir über einen Sattel kommen, glauben wir, es ist nun getan. Aber dann sehen wir diesen abschüssigen Geröllhang, den wir am Morgen so flott gequert haben. Nun sind die großen Felsblöcke mit einer zentimeterdicken Schneeschicht bedeckt. Erinnerungen an meine Tour zum Koip Peak kommen hoch. Ich weiss sofort, das wir uns nun die fünffache Zeit kosten, obwohl es abwärts geht. Diese Passage, obwohl nicht exponiert, wird unangenehm. Ein Ausrutscher, und das Bein ist ab oder verkeilt. Wir nehmen die Stöcke aus den Schlaufen. Und bewegen uns im Zeitlupentempo abwärts.

In der Hacienda La Esperanza ist die Welt des Concavito und der Laguna Grande scheinbar so weit weg. Wir stehen im Eingang und wollen nur mehr aus diesen nassen Kleidern, sehnen uns nach einem sturmsicheren Dach. Bevor wie endlich die Dusche aufdrehen können, versorgen wir unsere Ausrüstung. Wir müssen den gesamten Rucksack auspacken, seinen Inhalt ausbreiten um zu trocknen, auch wenn wir wissen, dass auf 3500 Meter Seehöhe nichts trocknen wird, weil es hier schlicht keine Heizung gibt.

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am Aufstiegstag über der Hacienda La Esperanza – strahlendes Wetter

Der Abend nimmt, erwartungsgemäß, ein schönes Ende. Guillermo kocht uns ein feines Abendessen, und seine Freunde, die aus Cucoy hochgekommen sind, unterhalten uns prächtig, auch mit Hochprozentigem. Hier treffen wieder zwei Welten aufeinander. Die ausgerüsteten Europäer, die hier in der Regenzeit zu Fuss die Berge durchstreifen, und die von anderen Sorgen getriebenen Teenager der kolumbianischen Provinz. Der eine arbeitet tagsüber und studiert nachts gleichzeitig. Der andere hat zwei Kinder zu versorgen. Der Dritte jagt einem Mädel nach, der Vierte weiss ich nicht mehr. Beate bekommt ein bisschen Spanisch-Unterricht, und ich mache mit dem Koch Geschäfte für die Zukunft.

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langer Anmarsch zur Laguna Grande

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auch hier verschwindet jede Vegetation über 4.500 m Seehöhe

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der Pan de Azucar noch wolkenfrei (re hinten)

Am nächsten Tag bleiben wir auf der Hacienda und nutzen eine Sonnenstunde, um alles zu trocknen und zu säubern. Unsere neuen Freunde servieren kolumbianisches Frühstück (Eiersuppe mit Brot und Kakao), und am frühen Nachmittag einen Mix aus Spaghetti und Pommes. Wir strecken die Füße aus, lockern die steifen Schultern von den langen Tagen des Rucksacktragens. Vor Tagen sind wir von Güican zu Fuss hochgestiegen, mit einem Proviant für sechs Tage. Das wiegt. Zunächst zur Hacienda La Esperanza, dann weiter hoch zu Laguna Grande. Wir hatten ein recht einfaches Ziel: Akklimatisation für die Zeit in Ecuador. Wir campen auf 4.600 m Seehöhe. Wir unternehmen kurze Treks, die am Anfang sehr anstrengend sind. Und auch einen Ausflug zum Pan de Azucar (5.150 m). Über eine lange, sehr flache, plattenartige Felspassage kamen wir zum Gletscherrand. Wir entschieden uns für einen direkten Anstieg, weil die Spalten relativ gut zu sehen waren. Wir legten uns Steigeisen an, Pickel raus. Wir stiegen ein, und der Wind trieb die Wolken in den Hang. Kaum sind wir mehrere Hundert Meter auf dem Gletscher, waren wir blind im Nirgendwo. Wir warteten, diskutierten, und mussten kurz unter dem anvisierten Sattel umdrehen. Wir wussten nicht, wie es hinter dem Sattel aussah, und ohne Sicht war das ein russisches Roulette. Noch war nicht die Zeit dafür. Nicht für dieses Ziel. Welches Ziel ist es das wert?

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jeden Tag das selbe Spiel: im Tagesverlauf rasche Bewölkungszunahme, dann Regen oder Schnee

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am Morgen meist schönes Camp-Leben