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Catchers Mitt: Frühstückplatz im Baseball-Handschuh

Unser Büssle hat einen neuen Spitznamen: „Gefriertruhe“. Die Nacht war absurd kalt. Während die großen Trailer am Parkplatz mit Generatoren ihre Schlafzimmer erwärmten, lagen wir am Morgen in einer Eishöhle: alles mit Eis beschlagen, Fenster, Decke, Wände, gar die Schlafsäcke. Das kostet etwas Überwindung, aus dem Daunenbett herauszukriechen. Zu Recht. Die Skischuhe sind stocksteif, die Milch ist ein Ziegelstein und die Standheizung macht wieder auf abwesend.

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kalter Morgen, prächtiges Wetter

Aber wie heißt es so schön: „no pain, no gain“. Als einzige marschieren wir kurz nach acht gegen Süden los (620 m). Noch spüren wir weder Finger noch Zehen. Aber in der Bewegung taut bald alles auf, und als wir dann weiter in der Höhe in die ersten Sonnenstrahlen kommen, geht es ganz schnell mit den Lebenszeichen in den Gliedmaßen. Die Tour selbst auf den Catchers Mitt, einem Nachbargipfel des Girls Mountains, unser Ziel vom Vortag, ist ebenso einfach zu navigieren wie direkt anzusteuern. Die Hänge gehen teilweise in 38° über, das sieht von unten gar nicht steil aus. Von oben aber fast wie eine Klippe.

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ein Vorgipfel zum Catchers Mitt

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steile Lücke

In gut drei Stunden erreichen wir den abgeflachten Gipfel (1.646 m), der vom Ausgangspunkt nicht zu sehen ist. Der Catchers Mitt (im Deutschen ein Baseballhandschuh) ist ein nettes Tourenziel für den Vormittag. Die Abfahrt verspricht viel, hält aber an diesem Tag bei harschig-firnigen Bedingungen eher wenig.

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und dann überraschend flach am Gipfel

In wenigen Minuten sind wir auch abfahrtsbereit, denn es geht weiter – nach Yukon. Die Strecke, mehrere hundert Kilometer, ist wenig befahren, dafür recht buckelig und oft nicht asphaltiert. Wieder mal Steinschlag an der Fensterscheibe durch entgegenkommende Raser. Das frustriert, denn die Scheibe auszutauschen wird ein Vermögen kosten und irre viel Arbeit kosten, sie nach Nordamerika zu bringen. Wir sind in Yukon.

Girls Mountain: Lachs in den Beinen, Sonne im Gesicht

Unser Abend in Valdez bringt jede Menge Lachs, Wein und Spaß mit Jeremy und seinen WG-Mitbewohnern. Jeremy arbeitet als Vermittler zwischen den verschiedenen Interessensgruppen am Golf von Valdez. Diese Stelle wurde nach der Ölkatastrophe der Exxon Valdez vor ziemlich exakt 25 Jahren notwendig. Da Jeremy auch bei der lokalen Bergrettung engagiert ist, wird der Abend überhaupt nicht langweilig.

Valdez liegt am Ende der Welt. Erreichbar über eine einzige Straße, die im Winter für gut drei Wochen wegen einer massiven Lawine gesperrt blieb. Auch die Fähre hatte aufgrund stürmischer See keinen Verkehr. Aber das ist wohl der Reiz von Valdez. Umgeben von steilen Bergen und wieder klarem Wasser.

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klare Linienführung zum Girls Mountain (li)

Bei Sonnenaufgang verlassen wir Valdez und queren wieder über den Thompson Pass. Zwei Elch-Kühe machen dasselbe. Klarer Himmel und frostige Temperaturen sind für uns die Norm hier. Der Aufstieg vom Parkplatz (620 m) bei Meile 29 fällt leicht – die Orientierung ist im Unterschied zum Stone Mountain offensichtlich. In drei Stunden stehen wir am Gipfel des Girls Mountain (1.870 m). Riesige Wechten bewachen den Gipfel.

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ein paar kleine, steilere Aufschwünge

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dann zum überwechteten Gipfel

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Blick auf die Chugach Mountains

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lange Abfahrt

Die Abfahrt ist wieder einmal ein Mix aus Windharsch, Pulver und Firn. Die Aussicht ins Copper Valley ist auf jeden Fall genial. Zurück am Parkplatz treffen wir auf eine Senora aus Arco. Unser Auto, ein Magnet. Auch ein Alaska Trooper schaut kurz vorbei. Hat uns schon gestern unterwegs gesehen, wollte Hallo sagen und sich nach Lawinenbeobachtungen erkundigen. Wir machen uns bereit für die Nacht, der Abend ist bereits sehr kalt.

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Alaska-Teint im Gesicht

Stone Mountain: weit und am Ende schön steil

Die erste Tour am Thompson Pass steckt uns überhaupt nicht in den Knochen, wir wollen mehr. Die Nacht ist gemütlich, der Morgen frostig. Wir gewöhnen uns langsam daran, und bereiten uns entsprechend am Vorabend auf den Morgen vor: alles am richtigen Platz, das Wasser im Teekessel (hier kann es gefrieren, weil wir es wieder auftauen können!). Trotzdem vergessen wir die Milch im Tetrapak, und auch das Eis an der Innenseite der Scheiben haben wir. Ist uns aber egal, weil wir den Wagen stehen lassen und direkt vom Nachtplatz (182 m) losmarschieren.

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auf zur Flussüberquerung, im Hintergrund unser Tagesziel

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Routenfindung im Gebüsch

Die erste Hürde ist der Lowe. Sein Lauf ist teilweise mit Schneebrücken passierbar. Wir finden die Richtige, und marschieren geradewegs ins Unterholz. Wir folgen einer Skidoo-Spur in einen Canyon, dann hört auch diese auf: ein umgestürzter Baum hat hier den Weg dicht gemacht. Nicht für uns, wir schieben uns unterhalb durch. Es geht nun teilweise steil durch wenig dichten Wald und Busch hinauf. Die Orientierung ist nicht leicht, überall Senken, Wälle und steile Kanten. Das ändert sich nicht im Gelände oberhalb der Baumgrenze. Oft finden wir uns an Punkten wieder, von denen wir wieder abfahren müssen, um eine Steilwand zu umrunden. Das geht für einige Zeit so, bis wir endlich die Moräne des kleinen Gletschers unterhalb des Stone Mountain (1.739 m) erreichen. Dieser folgen wir, auch um einige Dutzend Meter an Höhe herzuschenken.

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auch oberhalb der Baumgrenze ist der Weg zum Stone Mountain nicht immer so klar

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auf der Moräne

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der Gipfelhang, Stone Mountain (rechts im Bild)

Letztlich entscheiden wir uns für den Aufstieg des Gipfelhangs – ein breiter Gletscher, der recht steil wirkt und oben von Felszacken abgeschlossen ist – der Stone Mountain. Als wir zum Sattel hinaufkommen, deponieren wir die Ski und beginnen mit dem steilen Aufstieg des Gratrückens zum Gipfel, aber auch erst nach einer kurzen Diskussion. Denn auf der anderen Seite des Grats geht es schnurstracks herunter, und wenn der Schnee nicht hält, dann wird es schwierig werden, irgendwann die Ski vom Depot wieder zurückzuholen. Aber dafür sind wir ja da, und alpine Herausforderungen sind nicht die, die man einfach hinauf  trampelt, sondern jene, die einem zu denken geben und die man löst. So suchen wir den schmalen Grat zwischen Wechten, lockerem Fels, gutem Trittschnee und losem Schnee. Der Blick in die Tiefe ist herrlich. Der Geist ist konzentriert, Fehler werden hier kaum verziehen. Jeder Tritt, jeder Griff in den Schnee wird zwei-, dreimal geprüft. Wir erklimmen den ersten Zahn, arbeiten uns über seine Kuppe vor. Schneewechten, Felsspitzen, …

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Beate im steiler werdenden Grat

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Abfahrt: ab ins Gebüsch im unteren Drittel

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Blick nach Valdez

Als wir zum Skidepot zurückkehren, lässt uns die Anspannung wieder los. Was für eine derartige lange und teilweise herausfordernde Abfahrt nicht exakt das Beste ist. Wir befahren einen Gletscher, dann das unübersichtliche Gelände mit mehreren Gegenanstiegen, und letztlich den Baum- und Buschgürtel. Vor der Flußquerung fellen wir wieder auf und erreichen unseren Bus nach 7 1/2 Stunden Gehzeit. Der Magen knurrt, und der Durst nach einem Tag Sonne und Wind ist entsprechend. Zwanzig Meilen weiter, in Valdez, wird er nach einem Supermarktbesuch endgültig gelöscht. Was für ein Tag, der noch lange nicht vorbei ist…

Mt Diamond: Schneewechten zum Trotz

Hatcher Pass liegt 200 Meilen hinter uns, und 40 Meilen vor Valdez übernachten wir an einem ruhigen Parkplatz. Die Nacht ist klar, und entsprechend frisch. Der Wassertank ist gefroren, unbrauchbar. Die Innenscheiben sind alle mit Eis belegt, trotz Isoliermatten. Die Standheizung will nicht angehen, da das Heizelement ebenfalls gefroren ist. Beate ist also leicht unzufrieden und wir beschließen als erste Maßnahme, das Frontfenster so gut wie möglich auszukratzen und ein paar Kilometer zu fahren – Warmluft für den Innenraum. Der Trick funktioniert, das Heizelement für die Standheizung springt an. Porridge & Tee, dann Skirucksack ausgraben und in die Skischuhe springen.

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Mt. Diamond (li)

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super gsi!

Die Tour auf den Mt Diamond beginnt verbotenerweise über ein Privatgrundstück (Tasina Lodge, ca. 500 m), dessen Besitzer uns die Sachlage erklärt. Freundlich lässt er uns gewähren, und wir hirschen in das Labyrinth aus loser Vegetation, kleinen Canyons, Gräben und Wälle. Die Luft ist knisternd kalt, der Schnee windgepresst und wenig griffig. Mit etwas Gespür legen wir unsere eigene Spur und überwinden große Gräben, die vom Wind ausgehöhlt wurden. Oberhalb lauern immer wieder große Schneewechten. Wir kommunizieren auch heute nur mehr mit Stock, Fingerzeig und einigen Zeichen, die wir noch vom Skidoo-Fahren in Kamchatka mitgebracht haben. Eine erste Schlüsselstelle ist das Erklimmen der Moräne, Beate legt die Spur an. Von dort sehen wir in den Gletscherboden und dem Talschluss – eine schier unüberwindliche Sperre.

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auf der Moräne unter Mt. Diamond (li)

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steiler Aufstieg zum Grat

Wir beschließen, näher heranzugehen, den gesamten Gletscher hinaufzulaufen. Links und rechts kommen großartige, steile Couloirs aller Couleur zusammen. Uns interessieren aber mehr die Gletscherspalten. Und dann der Aufstieg auf den Sattel am Talschluss. Wir überwinden den gut eingeschneiten, aber sichtbaren Bergschrund, legen im immer steiler werdenden Hang eine enge Trasse an. Die Spitzkehren werden bald akrobatisch, und irgendwann blockiert eine eisige, steile Passage unser weiterkommen auf Ski. Skidepot und Marsch zu Fuß nach oben. Wir müssen auf allen Vieren hinauf, und bald gewinnen wir den Sattel (1.676 m). Die bedrohlichen Schneewechten oberhalb von uns haben gehalten, und wir wagen einen Blick auf die andere Seite: auch hier Steilheit pur. Zum Mt Diamond (2.195 m)würde es über den schroffen Grat noch gute 300 Höhenmeter gehen. Man bräuchte hier wohl ein Seil, Steigeisen und einen Pickel. Die geringe absolute Höhe wäre bei uns wohl kein ernsthafter Berg. Aber hier sind die Gipfel alpiner Ernst.

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das letzte Stück wieder mal zu Fuß

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schöne Abfahrt

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und ein Canyon zum Abschluss

Die Abfahrt ist um ein Vielfaches besser als beim Aufstieg erwartet. Wir finden recht guten Pulver im Steilhang und auf dem Gletscher, dann eher eisige Verhältnisse kurz nach der Moräne. Weiter unten im Wald wieder Firn. Der Spaß hört auch im Canyon nicht auf, wir schlängeln uns durch die Enge des Small Creek zum Highway 3.