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Rolle, Cereda, Valles: mit 18% bist du dabei

Als ich die Augen öffne ist der Himmel schon blau-grau, die weit entfernte Pass-Straße zum Sellajoch aber noch ruhig. Ich überlege noch, ob ich mich schon aus dem Biwaksack zwängen soll, oder mir einfach der Tatsache verweigern soll, dass die Nacht schon vorbei ist. Die steinerne Stadt hat uns gut über die Nacht gebracht. Der Gedanke an einen heißen Kaffee überzeugt mich doch, den Reissverschluss zu öffnen. Ich bleibe im Schlafsack sitzen, während ich die Gaskartusche am Kocher montiere, Wasser eingieße und den Kochvorgang beginne. Beate schläft noch, als ich den ersten Schluck nehme. Das tut nicht nur gut, das tut so richtig gut.

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unterhalb des Passo Rolle, in den Wolken die Dolomiten

Irgendwann ist auch Beate auf, das Frühstück gemacht (Expedition Breakfast!), und die leicht feuchten Biwaksäcke verräumt. Etwas wortkarg marschieren wir zwischen Felsen zur Straße und weiter zum Wagen, schließen auf und fahren über das Sellajoch nach Predazza. Ein Örtchen südlich der Sella-Gruppe. Wir folgen der Straße noch ein bißchen weiter hinauf Richtung Passo Rolle, und nach einer Umziehaktion klicken wir mit unseren Radschuhen wieder in die Pedale. Es geht hoch zum Passo Rolle, der sich noch recht eingehüllt zeigt. Der Aufstieg fällt leicht, aber die Abfahrt ist lang und kalt, und uns schlottern schon wieder die Arme, als wir durch San Martino de Castrozza fahren. Es geht noch weiter steil abwärts, die Talsohle erreichen wir Fiera di Primiero. Wir freuen uns schon auf den nächsten Aufstieg, auch wenn er im Radführer als saftig steil beschrieben wird.

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auch der Passo Cereda ist geknackt

Der Anstieg zum Passo Cereda ist nicht lang, aber wie versprochen hochprozentig, mit 18% über längere Abschnitte. Dennoch fühlen wir uns am Pass nicht ausgeblutet, fahren ohne viel Aufhebens wieder ab Richtung St. Andrea, wo nochmals ein kleiner Anstieg bevorsteht. Es ist bald Mittag, ich hab Hunger und stopfe mir unterwegs Schokoriegel, Brot und Roulade in den Mund. Das ist okay, denn auch in Agordo gibt’s keine Pause. Ab hier empfinde ich die Strecke als lästig, eine Schnellstraße mit einem langen Tunnel bis nach Cencenighe. Der Ort kommt uns bekannt vor, und tatsächlich erinnern wir uns einmal an eine vergangene Tour: vom Passo S. Pelligrino kommend passierten wir diesen Ort auf dem Weg zum Passo de Fedaia.

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das letzte Stückchen eines langen Anstiegs zum Passo Valles

Der Aufstieg nach Falcade ist unangenehm, weil er durch ein Tunnelstück hinauf führt. Dementsprechend lange ist man in dieser lauten Röhre. Die Strecke beginnt sich zu ziehen, und in Falcade machen wir endlich mal Rast. Käsebrot. Fruchtriegel. Wasser. Yeah. Und dann wieder der Sattel, den Beate schon nicht mehr sehen möchte. Der Anstieg bleibt hart, aber wenigstens ohne Verkehr, und ab und zu kommen wieder ein paar 18%ige Rampen hinzu. Das Tempo verringert sich dementsprechend, doch das Wetter hält, und der letzte Pass des Tages, Passo Valles, kann sich unsereins nicht erwehren: wir kommen hinauf, klatschen ab, ziehen Jacke, Handschuhe und Brillen auf, und schon geht’s abwärts ins Tal, zum Auto, in das wir uns müde und zufrieden setzen. Was nun, nach Penser Joch und Passo Rolle? Gemächlich fahre ich die Landstraße hinaus aus den Dolomiten, währen Beate über noch mögliche Rennrad-Varianten hier in der Gegend grübelt. Viel ist nicht mehr über. In der Brenta? Oder weiter südöstlich in Richtung Cortina? Wie auch immer die Antwort ausfällt, nur Beate kennt sie. Sie bleibt unausgesprochen, denn meine Mitfahrerin schläft prächtig, nach einem Besuch in Bozen und einem Abendessen in Steinach am Brenner.

Chillen in der Steinernen Stadt

Auch der versprochene Sonntag – nach einer nass-kalten Erfahrung am Penser Joch am Vortag – bringt einen überraschenden Morgen: auf dem Weg zu einer Alpintour versperren uns Carabinieri den Weg. Sämtliche Pässe um die Sella-Gruppe sind gesperrt, bis Mittags, wegen einer Radveranstaltung. Na sowas, danke für die Info! Kurzentschlossen machen wir also kehrt und gehen mal wandern. Ja, wir wandern auch. Diesmal von St. Catherina hinauf zur Regensburger Hütte und dann in einem kleinen Bogen wieder retour. Hübsch, wenn auch nicht beschaulich, da sich oben auf dem Plateau die Horden mit Hilfe der Seilbahn in Stellung bringen. Der Ausblick auf die Dolomiten ist aber recht unschlagbar.

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es klart auf, über dem Grödner Tal

Mehr als gemütlich schlendern wir vom Berg zum Auto, vom Auto zur Bergwiese am Sellajoch, und schlafen erstmal eine Runde in der Sonne. So ein Schläfchen ist im Moment was Feines, das Aufstehen aber mühsam, und spät abends rächt sich das mit sturer Nicht-Einschlaf-Haltung. Doch jetzt treibt es uns mit zwei Rucksäcken voll mit Klettergerät in die Klettersektoren der Steinernen Stadt, die eigentlich mehr für ihre zahllosen Boulder bekannt ist. Wir irren nicht nur durch das unübersichtliche Gelände, sondern auch in den Routen, mal zu leicht und mal zum Zähne ausbeißen. Spaß machts trotzdem, weil wir irgendwann die Routen biegen und ich weiter unten im Tal einen Kaiserschmarren bestellen kann. Schmeckt leider nicht, und so freue ich mich noch mehr auf ein Abendessen aus der Tüte (Nasi Cashew), welches wir dann in einem einsamen Biwak irgendwo in der Steinernen Stadt aufschlagen. Iso-Matte, Schlafsack, Biwaksack, das ist es. Es bleibt lange hell, und Beate schläft schon lange, während ich immer noch auf die Felsen, die Bäume und den Himmel starre. Ich denke viel an die Zukunft, und schlafe dann auch irgendwann ein, nachdem ich mich zig-mal im Biwaksack gewälzt habe.

Über Rittner und Penser: Rampe für Rampe

Wir wollen wieder einmal ein richtig gutes Wochenende zusammenbringen. Das Wetter spielt nicht mit, der Bus immer noch in der Werkstatt, Freunde springen uns ab. Da muss man dagegenhalten. Hey, die Rennräder sind schneller als gedacht im Kofferraum, die Biwaksäcke vorbereitet und der kleine Clio flott getankt. Was wir brauchen ist ein Plan, und den haben wir, dass wir am ersten Tag dem Regen nach Süden ausweichen und wieder Höhenmeter im Radsattel machen wollen. Das Ziel ist Sterzing im Südtirol, das wir schon von der Transalp 2012 kennen.

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keine Hitzschlag-Gefahr an diesem Tag

Was gibt es zu unserer Radrunde zu sagen? Lang ist sie, wenn auch unser Radführer sie mit 152 Kilometer angibt, die Nachmessung im Web aber 132 km ergibt. Die Höhenmeter sind auch brav, mit 2800 m. Aber Höhenmeter sind nicht Höhenmeter, denn ein beschauliches Ansteigen ist was anderes als wilde Rampen und ständige Abfahrten. Nach dem Einrollen von Sterzing bis Klausen sind wir warm gefahren für die zackigen Aufstiege über Vilanders und Barbian. Die Straße zwischen den beiden Örtchen ist teils sehr ruppig und löchrig, und die Rampen nach Barbian über die Dörfer bis zum Rittnerpass immer mehr, immer steiler und immer kürzer. Wer glaubt, diese Route in die Gegenrichtung zu fahren: der Anstieg auf den Rittner ist von Norden noch steiler, gefühlt.

Nach der rumpelnden Abfahrt ins Sarntal haben wir so richtig Hunger, stürmen den kleinen Spar-Laden in Sarntheim. Fein, denn hier fängt schon der Regen an, nicht fest, aber genug um die Straße nass zu machen und damit letztlich auch unsere Hintern. Beate schaut mit ihren neuen Plastiksack-Socken, Marke Gemüsestand Spar, so richtig gerüstet für ein Rennrad-Hochglanz-Magazin-Shooting aus. Von Sarntheim steigt die Straße bis zum Talende kontinuierlich an, wenn auch nie sehr steil, der Verkehr wird immer dünner, bis er schließlich nach Penz immer seltener wird. Die Wolken hängen nun sehr tief, es ist kalt, nass, windig, und wir strampeln uns da hoch, Meter für Meter. Am Penser Joch sind wir aber nicht allein, Horden von Motorradfahrern feiern ihre Fahrleistung mit laufenden Motoren und Gebrüll. Wir essen unsere letzten Schokoriegel, bevor wir zitternd vor Kälte die lange Abfahrt nach Sterzing auf uns nehmen. Schlußendlich endet unser Tag im Grödner Tal bei Pizza und Wein, denn der nächste Tag ist für die Berge reserviert. Die Sonne scheint.

Auf zum Piz Sesvenna

Die Lawinen- und Wettersituation treibt uns am Samstag 05.00 morgens in das Dreiländereck Südtirol-Graubünden-Österreich. Aus irgendeinem Grund haben wir dort noch Sonnenwetter, wenig Wind und die niedrigste Lawinenwarnstufe weit & breit. Das trifft sich gut, denn der Piz Sesvenna (3.204 m) steht schon lange auf unserer Liste.

Von Schlinig (1.726 m) geht’s zunächst über Loipen-Gelände sehr einfach zum Ausgangspunkt der Materialseilbahn und weiter zur Felsbarriere. Diese Barriere ist uns noch gut bekannt, sind wir vor Jahren mit den MTBs im Rahmen unserer Graubünden-Tour diesen Weg gegangen und weiter über den Schlinigpass und die Uina-Schlucht ins Engadin gewechselt. Heute ist die Passage weit anspruchsvoller, weil auf wenigen Metern des Querens die Möglichkeit des Abstürzens gegeben ist. Wir nehmen die Ski, schlagen Stufen und gelangen so auf das Dach des Felsabsturzes, welches einer Steinbock-Familie als Winterquartier dient.

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die Felsbarriere unter der Sesvenna-Hütte

Die Sesvenna-Hütte (2.258 m) inspizieren wir kurz, bevor es über SW und zwei kurzen Steilstufen zur Fuorcla Sesvenna geht. Alles muss gespurt werden, der Schnee bricht unter einer Harschkruste ab. Mühsam. Das Gepäck wird auch nicht leichter – Steigeisen und Pickel inklusive. Vom Sattel sehen wir nach Süden und erblicken zum ersten Mal die Nordseite des Piz Sesvenna. Zunächst fahren wir also mit unseren Fellen an rund 200 Höhenmeter ab, dann queren wir zu einem kleinen Gletscher. Hier entdecken wir vier Tourengeher, die wohl von S-charl heraufgekommen sind. Wir sind so frei und nutzen deren Spur.

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eine der kurzen Steilstufen zum Sesvenna-Pass

Die Querung der finalen Steilstufe zum flachen Plateau entpuppt sich einfacher als gedacht, der Schnee hält hier und rutscht nicht ab. Der Anstieg zum Skidepot an einem kleinen Sattel am Ostgrat zieht sich etwas. Hier treffen wir die vier Skitourengeher, die sich bereits zur Abfahrt bereit machen. Die Eile ist verständlich – das Wetter wird rasant schlechter, schon ist der Gipfel nicht mehr zu sehen. Dennoch wagen wir einen Erkundungsgang in den Ostgrat, folgen im wesentlichen dem Sommerweg. Nach gut 50 Höhenmeter ist aber auch für uns Schluss – der Grat ist zu sehr eingeweht. Den lockeren Schnee auszuräumen hätte sehr lange gebraucht, Zeit, die wir nicht hatten. Also retour, Ski an und ab zum Gegenanstieg. Wie immer ist so ein Gegenanstieg extrem lästig, und diesmal wollten auch meine Felle nicht. Alles wird nun anstrengend, sogar die Abfahrt von der Fuorcla Sesvenna zur Sesvennahütte – im Harsch, teils in etwas Pulver, teils in firnigen Verhältnissen.

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Blick von der Fuorcla Sesvenna zum Piz Sesvenna (Bildmitte rechts)

An der Hütte angekommen mussten wir zunächst den Eingang zum Winterraum ausschaufeln. Die Türe ließ sich nicht mehr öffnen, und ein Blick in das Hüttenbuch verrät das Geheimnis: seit Ende November 2012 war keiner mehr im Winterraum gewesen. Das ist für die gemütliche Stube etwas ungerecht, finde ich. Feine Betten, Ofen, Holz. Wasser muss selbst produziert werden, ebenso wie Licht. Macht uns aber nichts, wir hatten sogar ein Mini-Radio dabei, für die Wetter-News. Leider haben wir keinen Mobil-Telefon Empfang oben, und so ist das Radio zumindest eine Wetter-Quelle. Eine andere ist der Blick in die Nacht: leichter Schneefall, schlechte Sicht. Die Wetterfront kommt also früher als gedacht.

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die letzten Meter zum Skidepot

Am nächsten Morgen bestätigt sich die Vorschau: kaum Sicht, etwa 10 cm Neuschnee. Wir beschließen, statt einer Tour nach Schlinig abzufahren. Die Steilstufe passieren wir sehr leicht und kommen nach etwas Schieben kurz vor 09.00 in Schlinig an. Der Schneefall wird nun stärker, und wir packen die Langlaufski aus dem Auto. Warum nicht? Für vernünftige 4 Euro die Nase dürfen wir auf die Loipe. Zwei Stunden später, mit einem Schnee-bedeckten Gesicht sind wir wieder am Auto. Müde und happy wie immer. Es geht nach Hause.

Letztes Kapitel Hexenstein

Der letzte Tag auf unserer Tour durch Südtirol bricht an. Eine feine, frische Nacht liegt hinter uns, Sternenhimmel, ruhiger Stellplatz, und als Ausblick Morgenröte, die von einer sich verändernden Wettersituation warnt. Die Rucksäcke sind schon gepackt, großen Hunger haben wir nicht, aber ein Kaffee geht immer. Wir lassen das Büssle zurück und marschieren vom Passo Valparola nach Osten hinab zum Klettergarten, und dann noch einmal 90° um den Hexenstein, bevor wir die Südkante einsehen.

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noch schnell Zähne putzen, dann geht’s los

Was für zehn Tage sind das gewesen! Im Schnee und Regen mit den Mountainbikes über die Alpen, dann im Nebel zum Monte Cevedale, und schließlich herrliche Kletter- und Wanderrouten auf die Sellatürme, die Drei Zinnen und den Monte Antelao. Und nun als Draufgabe der Hexenstein (2.477 m), den wir heute nur mit einer anderen Seilschaft teilen müssen. Der Einstieg in die Kante ist mit ein wenig Suchen zu finden, aber es sind keine Markierungen oder Stände zu Beginn vorgegeben. Also wacker drauf losklettern (am richtigen Turm…), und dann mehr oder weniger immer den Haken und Rostgurken nach.

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Hexenstein, Südkante (Mitte nach rechts verlaufend, IV+, 7SL, 200 m)

Ab der zweiten Länge sind die Stände gebohrt oder betoniert, und die Route läuft die ersten 6 Seillängen recht klar immer an der Kante, meist etwas rechts davon, entlang. Das Topo unseres Kletterführers “Dolomiten vertikal” ist allerdings in der 7. SL derart unpräzise, dass wir uns zunächst versteigen, dann die nachfolgende tschechische Seillschaft vorlassen. Deren Topo (aha: auch aus dem Web!) zeigt die Route äußerst detailliert. Nun ist die Routenführung hinter dem Turm und unter dem Klemmblock klar.

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die 6. SL: in den Spalt hinein, UNTER dem Klemmblock durchklettern

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Jiří in der Schlüssellänge

Ab jetzt klettern wir fast in einer Vierer-Seilschaft mit vier Halbseilen. Eine Mischung aus Deutsch, Tschechisch und Englisch entspinnt sich in der Wand, Jiří und Zombie (?) aus Pilsen, zwei Herren wohl älter als ich, klettern geradlinig “tak, tak, super, tak!” durch die Schlüssellänge (IV+), bevor ich mich im Vorstieg an ihre Fersen hefte. Dann nochmal ein Stand, bevor Beate zum Gipfelkreuz krabbelt und wir das obligate Foto geschossen kriegen. Die Pause fällt eher kurz aus, das Klettersortiment sauber ordnen, und schon geht es durch die Lauf- und Schützengräben aus dem 1. Weltkrieg, die den gesamten Hexenstein wie einen Termitenbau durchziehen, zurück zum Stellplatz.

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am Hexenstein, links hinten der Monte Antelao

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durch die Laufgräben der Geschichte zurück zum Büssle

Wir schauen uns an und wissen, jetzt wären wir soweit. Für eine Fortsetzung, für eine etwas längere Fortsetzung des Ganzen.

Im Steinhagel der Kleinen Zinne

Die UNESCO hat sie zum Weltnaturerbe erklärt, und das ist dank ihrer markanten Silhouette, ihrer Rolle im Alpinismus und ihres Status in den Dolomiten auch nicht anders zu argumentieren. Die Drei Zinnen finden sich fast auf jedem Naturkalender der Alpen wieder, in vielen Magazinen und Foto-Beiträgen. Die meisten Besucher, die zu den Drei Zinnen strömen, sind Naturliebhaber, die mal zehn Meter vom Auto treten und sich zu einem Hock in einem der leicht erreichbaren Hütten einfinden; viele andere wandern auch einmal um den Gebirgsstock, ein Unterfangen welches in mehreren Stunden dank des gut angelegten, leicht gewellten, breiten Weges für alle machbar ist; und dann gibt’s noch die, die unbedingt hinauf müssen, auf einen der vielen Gipfel, Vorgipfel und Türme der Drei Zinnen. Und das sind auch nicht so wenige. In Summe ergibt das mehrere große Autoparkplätze, Wanderwege gefüllt mit Menschen wie auf einem Jahrmarkt, und Wände voll mit Seilschaften, dass man die Kommunikation mit dem richtigen Seilpartner schwer aufrecht erhalten kann.

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Die Sonne ist schon weg, wir blicken vom Schlafplatz nach Süden Richtung Cortina

Nach dem gestrigen Sellaturm und einer feinen Nacht fühlen wir uns fit. Im Morgengrauen sind wir schon auf dem Rad und fahren zum Rifugio Lavaredo. Auch diesmal läßt uns der Kletterführer “Dolomiten vertikal” mit seiner Zustiegsbeschreibung erbärmlich im Stich. Mindestens den halben Weg laufen wir zur Einstiegsstelle letztlich zurück, krabbeln von Süden den Geröllhang hoch zwischen die Große und die Kleine Zinne, bis wir in einer Scharte den vermeintlichen Einstieg lokalisieren. In der engen Scharte sind wir nicht die Einzigen. Und oberhalb am Normalweg der Große Zinne ist schon reger Betrieb. Rufe, Metallklimpern, Steinchen.

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im Morgenlicht: rechts der Preußturm, links außen der Vorgipfel zur Kleinen Zinne, dann unmittelbar rechts davon die “Nadel” – die kleine Zinne!

Wir machen uns in die erste Länge, schauen, orientieren, suchen, irgendwie finden wir die Stände, trotz ungenauem Topo, queren durch Schroffen, der nur so von losen Steinen strotzt. Mehr und mehr Steine prasseln auf die Sichernden herunter. Irgendwann schließen wir auf eine Seilschaft auf. Vor uns sind noch zwei andere. Beate führt eine Länge, als von oben, fast schon im Minutentakt “Stein!” nach unten hallt. Diesmal ist es ein angemessener Ruf, der Brocken, der durch die Luft nach unten saust, ist Rucksack-groß. So klein und winzig habe ich mich selten gemacht. Ein lautes Rauschen, dann eine Explosion, der Felsen zersplittert in dutzende Teile. Stille. Dann höre ich Beate, dann schaue ich hoch aus meiner Schutzhaltung, alles klar, alles bestens, es geht weiter. Keine zwei Minuten später prasselt es auf mich herunter wie in einem Hagel.

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der Vorgipfel …

Die Orientierung wird durch eine seilfreie Stelle nicht leichter. Jetzt kommen die eher engen, aber weniger Geröll-haltigen Passagen, wir klettern Länge für Länge, stehen bald auf dem Plateau zum Vorgipfel, der sehr luftig aussieht. Überhaupt ist diese Route nichts für Leute, die Höhe nicht vertragen. Aber wer sollte das schon beim Klettern? Die Innerkofler-Zsigmondy Route, die wir gehen (IV, 13 SL, 400 m), ist etwas ausgesetzt. Das verschärft den eigentlich sehr moderaten Schwierigkeitsgrad, und auch die schon deutlich polierten Griffe und Tritte in der Schlüsselpassage in der vorletzten Länge im etwas engen Kamin leisten ihren Beitrag für ein tieferes Durchschnaufen. Alles passt, wir kraxeln hoch zum Gipfelkreuz der Kleinen Zinne (2.857 m), das mit dem Rosenkranz, trinken aus unseren Sigg-Flaschen, staunen, scherzen mit den anderen Gipfelbezwingern, sind schon in Gedanken beim Abstieg, aber eigentlich eher im Grübeln, wie man von hier wieder herunterkommt.

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und der richtige Gipfel. Dahinter: die Große Zinne

Unser Topo gibt wieder mal nichts her als rudimentäre Anhalte. Ich frage mich, wozu ich es gekauft (das Buch), und dann hier hoch geschleppt habe. Alle anderen haben ihre Topos aus dem Web. Die Abseilstellen sind in den anderen Topos nicht nur markiert, sondern auch in der Länge und Weg beschrieben, sowie alte Abseilringe erwähnt, die man nicht nutzen sollte. Unsere Strategie in diesem etwas unübersichtlichen Gelände ist einfach schnell an den anderen dran zu bleiben. Das gelingt zunächst nur recht dürftig, weil von unten andere Seilschaften hinaufkommen, und das just in jenem Kamin, den auch die Absteiger nehmen müssen.

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Beate in der letzten Abseillänge

Spätestens in der Abseilpiste haben wir aber wieder Anschluss gefunden. Ein zusammengebundenes Doppelseil (50m) ist hier gold wert, in der Abseilpiste haben wir letztlich nur vier mal eine Abseilstelle einrichten müssen. Ein Doppelseil ist in den Drei Zinnen gänzlich empfehlenswert – einer Seilschaft vor uns hat der Steinschlag einen Seilstrang fast zur Gänze abgetrennt. Gut, dass sie auch mit einem Doppelseil unterwegs waren. Kaum in der Mitte der Abseilpiste, dröhnt es laut und lauter über uns, ein Rettungshubschrauber senkt sich langsam in die Scharte zwischen Großer und Kleiner Zinne. Die Rotoren kreisen verdammt nah an der Wand, ein Retter wird am Stahlseil abgelassen und pickt einen ersten in Not geratenen Kletterer aus der Ostwand der Großen Zinne. Was genau passiert ist, wissen wir nicht, der Hubschrauber kehrte noch zwei mal zurück und holte den Rest der Seilschaft. Teufelskerle, diese Piloten und Flugretter!

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Wohlverdientes Abendmahl unterhalb der Drei Zinnen. Man beachte das Wetter, was für ein Unterschied zum Cevedale!

Der Abstieg gelingt, wir klatschen ab, packen schnell zusammen, um aus dieser Steinschlagzone zu verschwinden. Die Scharte durch das Geröll nach unten zu begehen ist genauso mies wie hinauf, und wir brauchen eine ganze Weile, bis wir wieder am Rifugio Lavaredo stehen, die Räder aufnehmen und durch die wandernden Massen zum Büssle zurückradeln. Müde und ausgelaugt, eher mental als körperlich, lassen wir uns in den Campingstühlen nieder, irgendein Alkohol muss her, und dann ein gutes Essen. Der Blick ins Tal ist gewaltig, und bald ist auch die imposante Südwand der Kleinen Zinne in den Hintergrund gerückt. Wir beschließen, den Tag hier oben ausklingen zu lassen, erst morgen nach San Vito zu fahren. Ein Wandertag steht an, zur Regeneration.

Sella: viele Türme zur Auswahl

Langsam nähern wir uns der Vertikalen. Nach den vier Tagen im MTB-Sattel über die Pässe der Alpen von Schwaz nach Naturns (Geiseljoch, Tuxerjoch, Sattelalm, Schneebergscharte und Eisjöchl) und den kleinen Abenteuern am Monte Cevedale wird’s am Sellajoch (2.240 m) nun wirklich steil. Die Sonne geht auf, noch ist wenig bis kein Betrieb am sonnigen Joch oberhalb des Grödnertals. Dreißig Minuten später sind wir schon unterwegs, versuchen den Einstieg in die Südwand des ersten Sellaturms zu finden. Da wir ein paar Kletterschuhe zu wenig dabei haben, und ich nun mit Alpinstiefeln klettern gehe, probieren wir eine etwas einfachere Route für den heutigen Vormittag. Die Wahl fällt auf die Kostner-Route in der Südostwand (IV, 9SL, 260m Kletterlänge).

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Der 1. Sellaturm vom Westen

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Blick zum Passo di Pordoi

Den Zustieg finden wir, aber erst nach etwas Sucharbeit. Unser Führer, “Dolomiten vertikal”, ist zwar ein prima Ideengeber, aber gerade was die Zustiege betrifft sehr unpräzise. Wie auch immer, ausgerüstet mit einem Rack an Friends, Keilen und Schlingen geht es an die Arbeit. Die erste Vierer-Stelle ist ein recht breiter Kamin, der sich vor allem durch polierte Griffe und Tritte auszeichnet. Haben wir den einmal überwunden, folgen etwas leichtere, teils aber ganz schön enge Passagen durch weitere Kamine und Verschneidungen. Auch die Wegführung ist nicht immer so einfach. Spätestens beim markanten Spreizschritt zwei Seillängen unter dem Gipfel wissen wir, dass wir richtig liegen.

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der besagte Spreizschritt über einen gut 100 m tiefen, offenen Kamin

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auf dem 1. Sellaturm

Die letzten Meter zur Spitze des ersten Sellaturms (2.533 m) sind fast ein Gehweg. Oben gibt’s ‘ne Pause mit Brot und Tee, obligate Fotos, und wir schauen hinüber zur Südwand des zweiten Sellaturms. Auch nicht besonders dramatisch, denke ich. Der Abstieg ist letztlich leichter zu finden als es zunächst den Anschein macht. Eine kleine Stelle wird abgeklettert, und schließlich auch noch gute 15 m abgeseilt.

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beim Abstieg Passagen zum Abklettern…

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… und zum Abseilen

Wir kehren zum Sellajoch zurück, zufrieden über den Vormittag. Hier am Joch ist aber schon Volksfeststimmung. Viele Rennradler sind hier oben, und dann auch noch zahlreiche Reisebusse, die hier Stop machen. Die Passagiere ergießen sich über die näheren Hügel und schauen über die faszinierende Landschaft. Wenige Minuten später merken wir auf der Wiese hinter unserem Büssle nichts mehr vom Trubel. Beate sonnt, ich ordne unsere Kletterausrüstung. Später geht es nach Bruneck, Kletterschuhe besorgen, und nach einem kurzen Stadtspaziergang folgen wir der Straße durch das Pustatal bis Toblach und weiter nach Süden zum Toblacher See. Wieder so eine erfrischende Waschgelegenheit… Bevor es dunkel wird, passieren wir die Mautstelle zum Rifugio Aurenzo. Saftige 22 Euro sind zu löhnen. Hoch oben unterhalb der Südwand der Drei Zinnen parken wir endlich für die Nacht – und genießen den Sonnenuntergang mit Blick auf den Süden, bevor wir am nächsten Morgen in die Wand einsteigen.

1,5 mal zum Monte Cevedale

Wir hatten so eben die Mini-Transalp 2012 von Schwaz / Inntal nach Naturns / Vinschgau beendet. Die Räder ans Büssle befestigt, Vorräte eingekauft, uns im Schwimmbad die schon lange nicht mehr wahrgenommene Sonne genossen. Den Schmutz von den Beinen und Gesichtern gewaschen. Und in Gedanken schon wieder in den Bergen gewesen. Am Monte Cevedale.

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auf breiten Weg zur Schaubachhütte (links oben)

Zeitig in der Früh fahren wir über Prad nach Sulden, unmittelbar unter den Ortler und die Königsspitze, überlassen das Stilfser Joch den Motorrädern, die ab nächstes Jahr eine Maut zu zahlen haben werden. Das Dorf wirkt verschlafen, im Frühherbst viel zu überdimensioniert für die wenigen Touristen hier. Am Parkplatz der Suldenbahn geht zunächst das große Umpacken los: Eispickel, Steigeisen, zweite Garnitur, Biwaksack, Tools für die Spaltenbergung, Karten, … sogar die absolut neuen Komperdell-Stöcke aus Karbon nehme ich mit. Ich möchte sie für unseren Adventure Store “weit draußen” testen. Die Bahn fährt noch nicht, aber das ist auch nicht unser Ding. Heute ist eine ruhige Etappe. Vom Parkplatz in Sulden (1.861 m) geht es über einen breiten Alpweg, teils aber auch über Wanderwege zur Schaubachhütte (2.581 m). Diese schaut schon ein wenig in die Jahre gekommen aus. So wie manche Bergbesucher, die jetzt auf der Bergstation die Kabinenbahn verlassen.

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breiter Grat zur Eisseespitze

Wir folgen dem Weg ein wenig nach Süden, bis zu einem, wie es sich später herausstellt, letzten Wegweiser: “Stecknersteig”. Wir schauen hinauf, der Weg ist ziemlich bald mit Schnee bedeckt. Noch sind Spuren zu finden, denen wir folgen. Ein junger Deutscher kommt uns entgegen, er dreht um, sei ihm etwas unangenehm, da oben im steilen Gelände bei dem Schnee herumzuspazieren. Die Steile nimmt tatsächlich zu, wir steigen den Grat hoch, suchen nach Steinmännle und Spuren. Die Felsblöcke werden nicht kleiner, und langsam haben wir eine feine Blockkletterei am Hals, die mit dem kalt-nassem Weiss eine interessante Gleitschicht entwickelt. Wir sind auf der Hut, auch wenn einer meiner Trekking-Stöcke an den Felsblöcken w.o. gibt – die Karbon-Stange bricht. Das war auch ein Testergebnis, wenn auch nicht das erwartete. Also werde ich sie nicht ins Programm aufnehmen, in den Bergen benötige ich absolut zuverlässige und robuste Ausrüstung…

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auf der Eisseespitze

Nach gut eineinhalb Stunden etwa stehen wir auf der Eisseespitze (3.230 m), die ein älterer Wanderer mit Zigarillo im Mund als “den häßlichsten Berg hier in der Gegend” bezeichnete. Er sei schließlich schon vor Jahren oben gewesen. Wir glauben es ihm, stimmen ihm aber nicht zu. Übel ist erst der Weitermarsch, da wir auf der Ostflanke etwas absteigen müssen. Der Schnee birgt Wasserbäche unter seiner Schicht, und wir müssen einen steilen Hang queren, irgendwann auf allen Vieren. Alles gelingt, wir schaffen es vom Grat und dann in eine Spur, die über den Langenferner von der Marteller-Hütte hinauf führt und uns letztlich zum Tagesziel, das Rifugio G. Casati (3.269 m), bringt.

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Rifugio Casati am nächsten Morgen

Auf unserem Weg passieren wir immer wieder alte Stellungen aus dem Gebirgskrieg von 1915-18. Stacheldraht, Laufgräben, Kanonen. Auch die Hütte hat den Anschein, dass sie noch aus dieser Zeit ist. Zumindest äußerlich. Das Rifugio ist groß (rund 240 Betten!), hat aber einen sehr feinen Kachelofen in der Stube, den wir uns gleich gesichert haben. Denn um 14.00 schlägt das Wetter um, Nebel zieht auf, und dann beginnt es zu schneien. Kurz darauf kommen schon die ersten vom Monte Cevedale zurück, oder besser von ihrem Versuch. Morgen ist mit besserem Wetter zu rechnen, also wenden wir uns dem nachmittäglichen Karten- und Magazinstudium zu. Die Heftauswahl ist minimal, und auch die Getränke sehr teuer, so dass hier auch keine Abwechslung aufkommen kann. Trotz der sehr netten Wirtsleute ist das Essen enttäuschend, ich bekomme es kaum herunter, bis auf den Nachtisch. Aber da kann man mir schon viel vorsetzen. Da lob ich mir die Payer-Hütte auf dem Nordgrat des Ortler, mit tollem Essen und feiner Atmosphäre. Was wohl auch im Sinne des Julius von Payer ist.

Die Nacht kennt keine Ruhe. Es pfeift, es regnet, es schneit. Noch vor den anderen schlürfen und nagen wir im Schein unserer Ion am mageren Frühstück, schleichen im Morgengrauen in Gletschermontur aus dem Rifugio. Aber das Wetter ist nicht besser. Nebel, Wind. Die Orientierung wird schwierig, aber zunächst haben wir eine Spur. Nach zwei kleinen Steilstufen am Gletscher folgt der Normalweg durch eine Spaltenzone auf einem etwas flacheren Rücken. Hier ist die Spur fortgeblasen und zudeckt, der frische Schnee hat kleinere Spalten verdeckt. Wir grübeln, sehen unseren Kamm mit Zufallsspitze und Monte Cevedale nicht. Nach einer längeren Suche und einer kurzen Diskussion drehen wir um. Ich bin stinke. Am Monte Cevedale umzudrehen?

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die Verhältnisse sind am Vormittag bescheiden…

Wir beschließen, über die Suldenspitze (3.376 m) abzusteigen. Im Nebel auch so eine Geschichte. Kein GPS. Nur eine simple Boussole ohne Marschzahl-Funktion. Wir steigen auf, aber auf der Suldenspitze ist keine Markierung, ob es sich um den Gipfel handelt. Nur eine Lafette steckt verkehrt eingerammt auf dem höchsten Punkt. Gut, dann geht’s weiter, ein paar Spuren, denen wir folgen. Der Kamm führt wieder hinauf, dann wieder hinab. Wir sind verwirrt. Nun beginnen wir zu suchen. Spuren gehen nach Norden hinunter. Aber auch nach Süden. Wir klettern weiter, sehen uns an einer weiteren Spitze. Plötzlich reißt es auf, wir sehen vor uns und übermächtig den Ostgrat der Königsspitze. Im Nebel sind wir über das Schrottenhorn (3.386 m) gelaufen!  Wir drehen also um, zurück zur Suldenspitze, und als wir oben ankommen, klart es endgültig auf. Vier Stunden nach unserem ersten Versuch am Cevedale sehen wir das gesamte Gletscherplateau mit den beiden Spitzen. Wir halten inne.

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… aber zu Mittag schon prächtig! Im Hintergrund Monte Cevedale (mittig rechts), links der Steilaufschwung

Beate weiss, was kommt. Ich will zurück, wir können den Cevedale so nicht zurück lassen. Der liegt quasi vor uns, und da stampfen ihm auch schon andere Seilschaften entgegen. Nach ein paar Minuten habe ich sie soweit. Wir kehren zum Rifugio Casati zurück, seilen uns an, und marschieren zielstrebig den früheren Weg zurück, diesmal in einer etwas ausgetretenen Spur. Wir machen Meter gut, queren ohne Probleme die Spaltenzone (was für ein Unterschied mit etwas Licht!) und latschen die flachen 1,5 km zum Bergschrund. Hier kommt uns eine erste Gruppe entgegen, die den Bergschrund auslässt und sich den Cevedale erspart. Wir steigen drüber, dann gut 100 m hinauf in ca. 40° steilen, etwas tiefen Schnee. Alles geht glatt, und am Grat holen wir eine slowakische Dreier-Seilschaft ein, die sich im Mixed-Gelände durchwurstelt. Unsere Pickel-Haue kommen hier als “verlängerte Griffe” ins Spiel, wir hanteln uns oft an sehr steilen Flanken entlang, überklettern immer wieder Felsen, bis wir vorbei am Gipfelunterstand am Monte Cevedale (3.769 m) stehen.

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vom Bergschrund hinauf zum NO-Grat

Nach einem “Berg Heil” an unsere slowakischen, tschechischen und italienischen “Gipfelpartner” sind wir schon wieder auf dem Retourweg. Wer weiss, wie sich das Wetter wieder mal dreht. Den Grat zurück, abklettern, die steile Flanke absteigen, über den Bergschrund und dann über den weiten Gletscher wieder zum Rifugio Casati. Diesmal wählen wir die Normalroute für den Abstieg nach Sulden, über den Eisseepass. Was so simpel klingt, ist nicht so, und diese zwei Tage am Cevedale beweisen, dass auch so vermeintlich leichte Berge (ist mit PD- eingestuft, kann ich eigentlich nicht nachvollziehen, z.B. Grossvenediger Normalanstieg von der Defreggerhütte ist mit PD+ bewertet, völlig konträr, m.M.n.) bei unguten Verhältnissen (Ausaperung, Nebel, Schnee) rasch unlustig werden.

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am Monte Cevedale, endlich…

Was den Eisseepass betrifft: wir fanden ihn zielstrebig, aber wie geht’s von da oben weiter? Kein Weg, keine Markierungen, nur Schnee und keine Spur. Beate nervt das, höflich formuliert, und wir steigen “on sight” und auf Entdeckerspuren ins tiefe Kar ab. Wir finden den Ausgang, manövrieren uns durch die vielen Randspalten, Moränen und Gletscherrinnsale, und finden irgendwann am Nachmittag den Weg aus dem Gewirr zum Geröll. Der Abstieg nach Sulden ist wie immer lästig, die Seilbahn kommt aber nicht in Frage. Tief zufrieden, dass wir alle Schwierigkeiten letztlich gemeistert haben, gibt’s noch eine eiskalte Dusche im Resimbach (mit umweltverträglicher Flüssigseife, selbstverständlich!). Die Frage nach der Weiterfahrt stellt sich nicht. Wir wollen klettern gehen. Auf die Sellatürme. Und dorthin fahren wir auch schon los, zum Sellajoch, im Halbdunkel des frühen Abends.

Transalp 2012: Tragen, Eisjöchl, was sonst noch?

Von der Schneebergscharte hatten wir uns gut erholt. Zumindest kamen wir früh aus dem Bett, bedienten uns am Frühstücksbuffet der Schneeberghütte (2.355 m), zusammen mit den hier am Berg Arbeitenden. Der Rest der hier Freiwilligen schlief noch fest. Im Morgengrau geht’s also hinaus, zu den Rädern, und gleich auf eine feine Downhillstrecke, die uns über Karrenwege zur Bundesstraße, die vom Timmelsjoch herunter kommt, bringt. Sogar die Kühe schauen uns verschlafen an, als wir vorbei sausen. Auch ist die Bundesstraße fast frei von Verkehr, so dass uns auf den gut 10 Kilometern Abfahrt nicht ein mal ein Dutzend Autos entgegenkommt, neben zwei Kühen.

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Morgen oberhalb von Moos in Passeier

In Moos in Passeier (1.007 m) decken wir uns erstmal mit einer ordentlichen Jause für den Weg ein. Es wird steil werden, und lang. Wir folgen den Serpentinen ins Pfelderer Tal, zunächst am nördlichen Rand, und später auf einer etwas breiteren Asphaltstraße über Pfelders (1.628 m) zur Lazinser Hütte (1.782 m). Ab der Alm beginnt der antizipierte Schiebeweg. Doch zum Unterschied der vorigen Tage sind wir hier nicht allein. Eine Busladung Senioren, dazu Urlauber aus Pfelders, versuchen sich im Bergwandern. Da muss man sich als Biker einiges anhören. Warum wir denn nicht fahren, sondern schieben (haha). Warum wir keinen Motor haben (hehe). Warum wir überhaupt hier sind (hoho). Als der Regen einsetzt und die meisten letztlich umkehren, wir aber mit Regenmontur die Räder weiter gegen die Schwerkraft nach oben stemmen, sind wir kopfschüttelnd dann doch und schließlich “wilde Hund'”.

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Beginn der Schiebestrecke zum Eisjöchl

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Stettiner Hütte oder türkisches Bad?

Über zwei Stunden geht das so. Regen, Wind, Kurve um Kurve das Rad schieben und tragen, das linke Pedal aus der Wade entfernen, kurz fluchen, Nase putzen, nächster Schritt. Das klingt nach Monotonie, und es ist eine. In einer Wolke gibt’s nichts zu sehen, ausser Gestrandete, Überholte und Überholende, oder Entgegenkommende. Bei Wind und Wetter ist auf dieser Höhe bald jeder mit sich selbst beschäftigt, die tiefschürfenden Sprüche bleiben nunmehr aus. Mag auch daran liegen, dass jeder am Eisjöchl (2.908 m) nur noch in die Stettiner Hütte will, dass mit seiner eng bemessenen Stube aber dem deutlichen Andrang wegen einem Hennenhaus gleicht. Die Scheiben laufen an, denn die Besucher dampfen, und die heißen Suppen tun ihr Übriges. Wir bleiben gerade mal fünfzehn Minuten, zum Erstaunen unserer Tischnachbarn.

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vom Eisjöchl hinunter

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auch im Regen kann’s lustig sein

Wieder in Regenmontur passieren wir das Eisjöchl und müssen wieder einmal in kaum fahrbares Gelände blicken. Zumindest am Anfang, dann wird’s von Meter zu Meter besser, bis heraufkommende Wanderer schon zur Seite treten müssen. Uns hält jetzt nichts mehr auf, wir wollen ins Tal. Und das heißt letztlich über groben Schotter zum Eishof im Pfossental (2.069 m), später auf Asphalt durch das Schnalstal raus ins Vinschgau nach Naturns (554 m). Die Abfahrt ist rasant, und plötzlich schießen wir aus einem Tunnel wie die Kanonenkugeln aus den Bergen ins tropisch-warme Tal der Äpfel und Schwimmbäder, raus aus der Transalp 2012. In Naturns wird ausgiebig regeneriert, im Schwimmbad, im Supermarkt, und etwas später auch im Büssle, das aber schon in Ayers, unser Sprungbrett für eine Hochtour zum Monte Cevedale. Ja, so schnell vergehen auch vier harte Tage.

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das Eisjöchl schon weit weg, nun bald im Schnalstal

Transalp 2012: Ein Schicksalsberg? Nein, die Schneebergscharte.

In den ersten Tagen unserer Transalp hatte ich stets das Gefühl, von einem tiefen Tal in ein noch tieferes zu gelangen, und über einen hohen Pass noch einen höheren zu erklimmen. Das Wetter wirkte bedrohlich, und so hatten Tag 1 und Tag 2 etwas von einer Reise ins Ungewisse. Auch als wir von der Sattelalm (1.637 m) aufbrechen, fahren wir in den Morgennebel, der sich in den Berghängen des Grenzkammes am Brenner festsetzt. Wie Frodo und Sam auf ihrem Weg zum Schicksalsberg suchen wir unseren Weg im dichten Wald hinauf zum Sattelberg (2.115 m), hören Glocken, sehen Weiden, und irgendwann das Gipfelkreuz. Für Momente, denn es verschwindet wieder und wieder, bis wir auf der Südtiroler Seite dem Kamm folgen, auf breiten, aber abschüssigen Militärstraßen.

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am Brenner Grenzkamm

Diese Momente sind eigentlich die Schönsten. Wir sind hier oben ganz allein, der Wind spielt mit den Nebelbänken, und wir gleiten über das hügelige Gelände vorbei an alten Kasernen, Stellungen und Schießscharten. Eine alte, vergessene Welt, an der wir vorbei fahren und sie im Nebel zurück lassen. Später, als wir das Steinjoch, das Kreuzjoch, den Lorenzenberg und schließlich das Sandjöchl passiert haben, nach einer langen Abfahrt nach Gossensaß (1.100 m), da ist die Zivilisation und die Wärme, das Vertraute und das Laute. Über die Bundesstraße kommen wir nach Sterzing (945 m), und biegen ab ins Ridnauntal.

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ausrangierte Erzwaggons

Die Fahrt verläuft zunächst gemächlich, vorbei am Liftbauer Leitner, und schön langsam hoch – Dorf für Dorf. Erst in Mareit (1.070 m) verschaffen wir uns Zugang zu einem kleinen Markt, halten eine kurze Mittagsrast am Gehsteig, fühlen uns bereit für einen langen Anstieg über Ridnaun (1.357 m) bis nach St. Lorenzen und seinem Bergbaumuseum. Hier beginnt das Reich der Knappen und der Schienen, des Eisens und der Stollen. Und die der Vergangenheit. Die Bergwerke sind alle schon längst still gelegt, nach Jahrhunderten reger Grabtätigkeit. Im Zick-Zack geht es hinauf, sehr steil, später flach ins Lazzacher Tal, der Himmel dunkelgrau und bedrohlich, und wieder niemand außer uns auf diesem langen Weg zu einer Scharte, von der wir nicht wissen, ob und wie sie begehbar ist. Das lange Tal hört dann irgendwann mal auf, zumindest für uns, als wir das verfallene Poschhaus erreichen, wieder so ein markanter Punkt dieser Bergbauvergangenheit.

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aus den Stollen …

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… hinauf zur Schneebergscharte

Bald beginnt das Schieben und Tragen, denn es ist so unfahrbar steil und steinig, dass selbst der Gehweg mühsam wird. Wir stoßen die Räder im Nebel hinauf, können die Scharte nicht ausmachen, also schieben wir auf Verdacht. Es ist nass, aber es regnet nicht, und der Schnee zeigt sich ebenso wenig. Überall Stollen, rostige Schienen, verfaulende Holzbalken, historische Momente. Unter uns im Berg der Poschhausstollen, über uns auf 2.700 m Seehöhe die Schneebergscharte, die wir dann schließlich nehmen. Auch auf der anderen Seite tragen wir die Räder, der Weg ist hier nicht anders. Aber diese Scharte haben wir passiert, und damit ist die Transalp 2012 auf einem guten Weg. Diese Wendepunkte sind eindeutig, und man bemerkt sie in jenem Moment, in dem sie überschritten werden.

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unser Paradies für eine Nacht: die Schneeberghütte

Wie in einem schlechten Film öffnet sich der Himmel, und wir fahren die letzten Kilometer auf holprigem Trail zur Schneeberghütte, dem ehemaligen Schutzhaus der Bergbauarbeiter, ab. Wir trauen unseren Augen nicht. Diese Hütte ist eine kleine Siedlung, und wir auf einem paradiesischen Eiland innerhalb einer bedrohlichen See. Schnell sind wir in der Hütte, schnell haben wir geduscht, verbringen die nächsten fünf Stunden brav am Tisch in der Stube beim Studium diverser Alpen-Magazine, essen uns wieder einmal durch die Speisekarte und trinken reichlich. Bald träumen wir von der kommenden Nacht, und wissen, dass wir am nächsten Tag schon wieder im Büssle zu nächsten Zielen aufbrechen werden. Die Ungewissheit des Weges war die Voraussetzung für eine befriedigte Seele.

Mini-Transalp 2012

Wie in den letzten Jahren wollen wir auch dieses Jahr mit den Mountainbikes über die Berge. Die diesjährige Transalp ist etwas kürzer als 2010 und 2011: 4 Tage, 215 km, 8.100 Höhenmeter. Die Strecke führt im Wesentlichen von Schwaz im Tiroler Inntal über die Tuxer Alpen zum Brenner, und weiter in den Stubaier Alpen ins Passeiertal übers Eisjöchl nach Naturns im Südtiroler Vinschgau.

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Der Routenverlauf

Die Route im Detail:

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Wettersituation in den Tuxer Alpen

Insgesamt eine sehr schöne Tour, wenn auch zeitweilig mit einigen sehr lästigen Tragepassagen und längeren Asphaltwegen. Auch das Wetter war zeitweise etwas widerspenstig – Schnee und Kälte in der Höhe machte das Passieren der Pässe oft zu einer Rutschpartie, und das zweite Paar Handschuhe im Rucksack war keine schlechte Idee – wir hatten aus 2011 gelernt…

Buchrezension: Skitouren in Südtirol

Ist das Wetter miserabel, und dazu noch die Lawinensituation heikel, tröstet man sich zuhause mit der Planung der nächsten Skitouren. Da hilft schon mal das eine oder andere Buch (Vorarlberg, Ost-Schweiz, Bregenzerwald). Eines unserer neuesten Erwerbungen ist der Titel “Skitouren in Südtirol 01: Ötztaler Alpen, Ortlergruppe, Stubaier- und Sarntaler Alpen“.

Skitouren in Südtirol

Das rund 140-seitige Büchlein liefert wertvolle Infos für die Tourenplanung in Südtirol, genauer für die Ötztaler Alpen, die Ortlergruppe, die Stubaier- sowie die Sarntaler Alpen. Insgesamt werden 60 ausgesuchte Skitouren im Detail beschrieben:

  • Dauer, Länge und Schwierigkeit (alpin wie skitechnisch)
  • Exposition
  • Anfahrt, Ausgangspunkt und Stützpunkte
  • notwendige Karten

Jede Tour wird ausführlich beschrieben und mit einem Farbfoto (inkl. Routenverlauf) illustriert. Es ist sehr übersichtlich aufgebaut und enthält auch Kontakt-Infos zu diversen Hütten. Insgesamt ein empfehlenswerter Band, der auch im Rucksack nicht allzu groß ausfällt.

Am Ortler: und plötzlich am Gipfelkreuz

Die Wettervorschau hatte uns nach Südtirol gebracht (siehe unsere Tour auf das Stilfser Joch), und da wollten wir endlich mal den Ortler mitnehmen. Natürlich macht man eine solche Unternehmung nicht ad hoc, die Planungen einer Ortler-Tour gehen schon in das vergangene Jahr zurück. Von Sulden (1.857 m) brachen wir am Samstag zur Payer-Hütte (3.027 m) auf, bei besten Wetterbedingungen. Der Weg ist gut beschriftet und quert zunächst einen schönen Föhren-und Lärchenwald, später einen großen Geröllhang bis zur Tabarettahütte. Von hier wird der Pfad etwas enger, die Befestigungen etwas schlechter, kreuzt er ein weiteres Geröllfeld bis hinauf zur Bärenkopfscharte. Von hier geht es schon etwas luftiger am Grat entlang bis zur Hütte hinauf, die sehr exponiert über dem Grat unterhalb der Tabarettaspitze thront.

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Blick hinauf zur Bärenkopfscharte

Den Nachmittag verbrachten wir eher faul auf der Hütte. Das Wetter verschlechterte sich, der Himmel zog zu, starker Wind kam auf. Rückzug in die kleine aber feine Stube der Payer-Hütte. Es gab genug Alpin-Literatur zum Schmökern, und auch einen heißen Kachelofen für Beate. Gegen Abend wurde die Hütte aber voll, viele hatten sich auf einen Ortler-Aufstieg am Sonntag einquartiert. Das Abendessen (reichhaltig) wurde im Schichtbetrieb in Angriff genommen, aber schon um 20.00 lagen wir in unserem Stockbett im Lager.

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die Payer-Hütte am Gratkamm, der Ortler in Wolken

Das Wetter hatte sich gegen 04.00 nicht gebessert. Starker, sturmartiger Wind, dichte Bewölkung und schlechte Sicht ließen Zweifel aufkommen. Gegen 05.00 brachen wir auf. Da vor uns schon einige Seilschaften auf dem Normalweg aufgebrochen waren, waren wir uns sicher, dass wir eine Spur auch in der dicksten Nebelsuppe haben würden.

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Aufbruch in der Früh, Blick zurück zur Payer-Hütte

Nach der ersten Firnhang-Querung ging es gleich ans Eingemachte. Eine kurze Stelle zum Abklettern, dann über eine Geröllflanke zu einem Gratvorsprung. Diesen überkletternd folgten wir dem Grat, mal auf der linken, mal auf der rechten Seite, dann über alle Hindernisse kletternd. Wir kamen gut voran, wir gingen ohne Seil und gingen auch die mit II oder III ausgewiesenen Kletterpassagen recht ungestüm an. Erst bei der zweiten Firnquerung, die auf das Gletscherfeld führt, legten wir das Seil an, sicherten uns gegen einen potentiellen Spalteneinbruch.

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am Bärenloch

Der Wind wurde sehr heftig, wir drangen nun in die Wolken ein, hatten aber stets eine fette Spur vor uns, so dass auch der Durchstieg durch das Bärenloch zur Biwakschachtel keine Schwierigkeit darstellte, zumindest was die Orientierung betraf. Wir gingen ein recht anständiges Tempo, mussten oft andere Seilschaften überholen, was recht kraftraubend war (eine Parallelspur aufzumachen). Aufgrund der geringen Sichtweite (vielleicht fünf Meter) hatten wir auf dem Gletscherrücken im steilen wie in der eher flachen Passage nie richtig eine Ahnung, wie weit wir uns noch vom Gipfel befanden. Wir hatten mehr mit dem Wind zu kämpfen, der uns hin und her schob, als wir dann “plötzlich” vor dem Gipfelkreuz (3.905 m) standen. Irgendwie kam uns das wie am Mönch vor.

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am stürmisch-wolkigen Gipfel des Ortler

Die Sicht war null, schnell ein Gipfelfoto und gleich wieder in den Abstieg. Die Gegend war einfach sehr ungastlich. Teilweise hatte ich Mühe, aufgrund des starken Windes Luft zu schnappen. Auf dem Gletscher begegneten wir noch zahlreichen Seilschaften auf dem Weg nach oben, doch wir hatten andere Sorgen. Der Firn war weich, eine heikle Passage oberhalb des Biwaks passierten wir recht langsam, und dann kamen wir zum felsigen Grat, den wir entweder abkletterten oder uns mit Hilfe angebrachter Abseilringe abseilen konnten. Gegen Ende hatten wir sogar einen kurzen Verhauer, der uns gleich in sehr brüchiges Gelände führte (der Weg ist hin und wieder mit einer roten Farbe markiert, aber nicht durchgehend und immer offensichtlich). Trotz allem macht die Kraxlerei am Grat Spaß (Gipfelweg von der Payerhütte und zurück: 5 Stunden), und kaum eine Stunde nachdem wir die Payer-Hütte passiert hatten, riß der Himmel auf und gab die Ortler-Spitze für den Rest des Tages frei. Aber da lagen wir schon im Bad von Prad und genossen den Pool…

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der Ortler in seiner ganzen Pracht

48 Kehren zum Stilfser Joch

Dem regnerischen Wochenende wollten wir entkommen, und in den Kehren zum Stilfser Joch sind wir gelandet. Mit dem Rennrad ging es von Prad (930 m) zunächst fein die Straße ins Trafoier Tal, vorbei an Gomagoi und irgendwann bis Trafoi selbst, als wir die erste der 48 Kehren schon passiert hatten. Das Wetter war sehr radfreundlich (trocken, kaum Wind, aber bewölkt), aber nicht der Verkehr. Bei 300 vorbeigerasten Motorrädern hatte Beate ihre Zählung aufgehört. Gefährliche Überholmanöver, extrem lauter Krach, und das nennt sich “Sport” auf einer für den öffentlichen Verkehr zugelassenen Straße.

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Villa Thöni in Trafoi, der Ortler in Wolken

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Beate ungefähr bei Kehre 20

Meistens bewegte sich die Steigung so um die 10%, mal mehr, mal weniger, aber der Anblick des Tales, und der nach oben hin aufgefädelten Serpentinen hatte schon was. Am nächsten Tag wollten wir ja nach Sulden, um einen Gipfelsieg auf dem Ortler zu probieren, doch heute hatten wir uns mit anderen Rennradfahrern ein nettes Match geliefert. Unterwegs glaubten wir am Straßenrand auch Legende Achim Zahn alias Serac Joe gesehen zu haben (hier ein Buch von ihm). Irgendwann hatten wir dann alle Kehren passiert, standen am Stilfser Joch auf 2.757 m Seehöhe und in einem wahren Zirkus aus Würstelbuden, Motorradrudeln und lauter Musik.

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die Passstraße ist ein Hit

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Happiness am Stilfser Joch, was für ein Geburtstagsgeschenk!

Da hielt es uns nicht lange, ein Capuccino ging sich aber doch noch aus, bevor wir voll bekleidet (Beinlinge, Jacke, Handschuhe!)  hinüber zum Umbrailpass wechselten und diesen bis nach St. Maria im Müstairtal wild abfuhren. Die letzten Kilometer dieser doch recht kurzen Runde (65 km) nach Prad waren ein feines Ausrollen. Wir freuten uns schon auf das geöffnete Strandbad in Prad.

Bouldern am Sellajoch

Zwischen dem Rennradfahren auf der Sella-Runde und der Marmolada-Runde hatten wir noch ein kurzes, trockenes Wetterfenster am Sellajoch zum Bouldern genützt. Unweit der Parkplätze kann man sich seine Boulder einfach auswählen. Man hat die Qual der Wahl, so viele feine Felsen liegen hier herum. Was auch der Grund für den Namen dieses Platzes sein dürfte: die steinerne Stadt.

Ich bin ja im Winter in Santa Gadea (Leon, Nordspanien) auf den Geschmack gekommen, im Fels herumzubouldern. Beate hat es nach anfänglichem Zaudern auch gefallen und hat sich fest vorgenommen, in den nächsten Monaten sich mehr dem Klettersport zu widmen.

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schöner, griffiger Fels

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Das Wetter hält, die Wand auch

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Beate und die Suche nach dem nächsten Tritt

Die Bozner Hausrunde: Mendelpass, Gampenjoch

Zum Abschluss des Rennrad-Weekends ging es auf die Bozner Hausrunde (zur genauen Route siehe hier): von Eppan / St. Michael (420 m) starteten wir nach einer feinen Nacht am Montiggl-See. Schon in der Früh waren die Temperaturen um die 19° C, als wir in Richtung Mendelpass abbogen. Die Straße verläuft in angenehmer Steigung (10%) über Serpentinen und Rampen bis zur Passhöhe (1.363 m). Vier Kehren vor der Anhöhe lieferte ich mir noch ein kleines Privatduell mit einem Einheimischen, der mir am Ende doch 50 m abnahm.

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Weinberge und Apfelplantagen, in der Bildmitte der Kalterersee

Vom Mendelpass gibt’s schöne Blicke, aber auch eine rasante Abfahrt bis nach Fondo (988 m), eine schon sehr italienische Kleinstadt. Von hier führt die Straße wieder aufwärts, 15 Kilometer lang in in mäßiger Steigung auf das Gampenjoch (1.518 m). Unterwegs passieren wir den Pilgerort “Unsere liebe Frau im Walde“, dementsprechend voll sind auch die Straße mit “pilgernden” Bustouristen.

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die Route schlängelt sich am Berg zum Mendelpass hoch

Das Gampenjoch ist ein beliebter Ausgangspunkt für viele Wanderungen in der Region, und so ist der kleine Platz schon am Vormittag mit Autos voll. Uns steht eine lange Abfahrt bevor, bis hinunter ins Tal bei Andrian (ca. 400 m). Wir folgen den Apfelplantagen im flotten Tempo, stoßen wieder auf die Südtiroler Weinstraße, bis wir wieder aus der Talsohle auf die Ebene von Eppan hinaufsteigen und dann weitere Höhenmeter zum Montiggl-See bewältigen müssen. Als Belohnung winkt bei heißem Wetter ein Lido-Besuch am See.

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schon in Naraun

Marmolada oder die Etappe des Giro d’ Italia

Frisch motiviert und gut erholt von der Sella-Runde ging es trotz Regens auf den nächsten Rundkurs in den Dolomiten, diesmal um die Marmolada. Start war in der Nähe von Canazei (1.465 m), von wo wir zunächst eher flach bis nach Moena (1.190 m) einrollen durften. Die Rennräder liefen gut, auch als es auf einen gut 10 km langen Anstieg zum Passo di San Pellegrino (1.918 m) ging (zur Strecke siehe auch hier).

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Am Passo di San Pellegrino

Das Wetter hatte sich zum Pass hin wesentlich gebessert, die Sonne kam heraus, und wir hatten eine trockene Piste für die steile Abfahrt (bis zu 18%) über Falcade nach Cencenighe (ca. 800 m), wo es erstmal einen Jausensnack in der lokale Patisserie gab. Von nun an zogen wir unsere Spur leicht aufwärts nach Caprile (1.033 m).

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Mitten in den Dolomiten

Von Caprile an befanden wir uns auf einen Teilstück des Giro d’Italia 2011, der am nächsten Tag hier vorbei rollen sollte. So hatten wir eine bestens vorbereitete Straße mit Absperrungen und zahlreichen schon am Vortag angereisten Fans, die am Straßenrand ihre Feste am Grill feierten. Auf jeden Fall hatten wir für die nächsten 15 Kilometer stets respektvolle Zuschauer, als wir uns die Rampen mit 15% Steigung hochschoben. Die Serpentinen kurz unterhalb des Passo di Fedaia (2.057 m) mit 12% Steigung waren geradezu erholsam.

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Aufstieg zum Passo di Fedaia

Am Passo di Fedaia war schon die Zielankunft des Giro vorbereitet, wir fuhren hindurch wie kleine Sieger, aßen noch etwas, bevor es auf die lange Abfahrt nach Canazei zum Büssle ging. Landschaftlich eine wunderschöne Runde, die auch das Rennradler-Herz höher schlagen lässt.

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Blick von der Fedaia-Passhöhe Richtung Canazei

Die Sella-Runde: ein Südtirol-Klassiker

Ein lang ersehntes gemeinsames Wochenende hatte ein Thema: Rennradfahren. Die Wahl fiel auf Südtirol mit den drei Klassikern: die Sella-Runde, die Marmolada-Runde und die Bozner-Hausrunde mit dem Mendelpass. Die Anreise am Vortag hatte einen kurzen Stopp am Klettersteig in Arzl gebracht, um sich die Beine zu vertreten und die Arbeitswoche abzuschütteln. Dann bogen wir aber ins Grödnertal ein, um die Nacht in Wolkenstein zu verbringen, den Ausgangspunkt der Sella-Runde.

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Blick hinauf zum Grödnerjoch

Die Sella-Runde ist eine rund 65 km lange Umrundung der Sella-Gruppe, eine prächtige Gebirgsformation der Dolomiten im Südosten Südtirols. Wir hatten schon einen kurzen Teilabschnitt letztes Jahr mit einer Runde um den Rosengarten befahren, wußten also, was uns bevor stand. Insgesamt standen vier Pässe mit rund 2.200 Höhenmeter Anstieg auf dem Programm.

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ein schöner Morgenaufstieg…

Die Runde beginnt für uns in Wolkenstein (1.564 m) und der Anstieg führt uns spektakulär an Felswänden vorbei hinauf zum Grödner Joch (2.121 m). Das Wetter ist prächtig und die Straße für die erste Abfahrt angenehm trocken und fast verkehrsfrei. Wir brausen nach Corvara (1.528 m) hinunter, in die bekannte Skiregion Alta Badia. Schnell geht es wieder auf den nächsten Pass, der eher als leichter Anstieg bezeichnet werden kann: Passo di Campolongo (1.875 m).

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Aufsteig zum Passo di Pordoi

Sensationell flott geht es aber in der Abfahrt bis nach Arabba auf 1.600 m Seehöhe. Hier beginnt ein längerer, aber nicht allzu steiler Anstieg auf den Passo di Pordoi (2.239 m). Das Panorama ist weiterhin gewaltig, nur der Himmel verschließt sich und ein Gewitter holt uns ein, sodass wir am Pass selbst im Graupelschauer kurz eine Mittagspause einschieben und das Unwetter bei Kaffee und einer warmen Mahlzeit vorbeiziehen lassen.

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Abfahrt im Regen – eine kalte Angelegenheit

Die Abfahrt wird allerdings zu einer sehr kalten Angelegenheit, denn binnen Sekunden sind wir von der nassen Straße und dem Regen nass und kalt. Die steile Abfahrt dauert wenigstens nicht allzu lange (auf ca. 1.800 m hinunter), bevor wir zum letzten Anstieg auf das Sellajoch (2.224 m) wieder in die Pedale treten müssen. Erstaunlich einfach klettern wir hinauf und trocknen im Wiegetritt. Am Sellajoch selbst ist es trocken und schön, nur einige große Touristenbusse trüben die Sicht. Ohne Pause stechen wir ins Grödnertal hinunter und erreichen problemlos Wolkenstein. Eine wunderbare Tour vor einer fantastischen Alpenkulisse! Wir hatten aber noch nicht genug, am nächsten Tag ging es um die benachbarte Marmolada-Gruppe herum…

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prächtiger Blick vom Grödnerjoch zum Sellapass

Für die Planung der Runde haben wir unter anderem das Buch “Rennradfahren in den Alpen, Band 1” von Thomas Mayr verwendet.

Falbenairspitz: die Entdeckung einer Region

Auf dem Weg aus dem Süden wieder zurück in die Heimat hatten wir noch einen Tag zur Erkundung frei. Wir hatten schönstes Bergwetter, und so starteten wir nach einem Tag in Tschierv am Piz Dora vom Reschensee hinein ins Langtauferer Tal, das ich so noch gar nicht kannte. Uns eröffnete sich eine Vielfalt an alpinen Möglichkeiten, von denen wir an diesem Tag eine ausprobieren wollten: die Falbenairspitz.

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Das Melag Tal, links geht’s zur Weisskugelhütte

Von Melag (rund 1.900 m) weg schlichen wir uns in bitterer Morgenkälte die Loipe zur Melag Alpe (1.970 m) hoch. Immer im Schatten, und doch angenehm, ging es zunächst über den Sommerweg in Richtung Planailscharte. Erst nachdem wir den lichten Lärchenwald verlassen haben, entwickelt sich vor uns das Bergparadies dieser Region. Die Hänge über uns scheinen endlos, der Blick ins Melag Tal gewaltig. Im Norden, auf der anderen Seite des Tals und über den Hängen wartet das Kaunertal.

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Der Anstieg ist im vollen Gange…

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die Sonne grüßt, die Spur wird steiler

Es geht fortwährend hinauf, fast schon in einer direkten Linie, immer wieder Steilhänge ausweichend. Wir machen keine Pausen (außer einmal um was zu trinken), und steigen nun in der prallen Sonne den Nordhang Meter für Meter hoch. Der Hang ist in der Tag gewaltig, und erst auf dem Joch sehen wir mit dem Blick nach unten, was für eine Steigung wir da hinter uns gelassen haben.

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der Blick hinauf zum Joch…

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Über den Ostgrat zum Gipfel des Falbenairspitz

Nun wird es ein wenig technischer, die Harscheisen müssen ran, über den Ostgrat geht es über mehrere Kuppen zum Gipfel des Falbenairspitz (3.199 m), der wieder das Bergemeer Südtirols, der Reschenregion und des Engadins unserem Blick frei gibt. Man kann sich hier oben nicht satt sehen, und doch wollen wir die Abfahrt, die überraschend vielseitig wird. Es wird zu einem Suchen nach gut fahrbaren Schnee, nicht zu tief, nicht zu schwer, nicht zu windgepresst, wir fahren oft in Mulden und Rinnen, vor tiefem Schnee können wir bald nicht mehr. Wir fahren mit kurzen Pausen ab, fahren schließlich ohne Probleme durch den Wald, und kommen irgendwann wieder über die Loipe zum Bus retour, nachdem wir nochmals die Felle angeschnallt haben. Ein genialer Tag, unsere Köpfe kochen vor Sonnenhitze, wir drehen noch ein paar Kilometer auf der Loipe, verabschieden uns dann nach einem Bier von der Region. Wir wollen wieder kommen, es ist einfach so viel zu tun hier, noch so viel.

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Blick vom Gipfel zum Langtauferer Ferner