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Cairns: Akklimatisation der anderen Art

In Cairns ist alles einfach entspannter (siehe Port Moresby)- die Vorwärtsbewegung, der Strand, die Abende. Wir sind bei Nicole und Garry zuhause, haben ein Auto und erkunden die Gegend, was zunächst für uns nicht einladend ist, der Hitze wegen. Nur eine leichte Seebrise rettet uns vor der Sonne, und die öffentlichen Pools. In Cairns ist die Strandpromenade ein Hit, mit Fitness-Stationen und einem freien Strandbad. In Port Douglas lässt es sich am Strand alles angenehm angehen, und in Kawarra Beach haben wir gar einen eigenen Pool mit den Kids von Nicole und Garry. Zara und Zavier nehmen uns in Beschlag, aber wir kontern mit Malwettbewerben, Sportübungen und Kochunterricht. Die Tage vergehen, ohne dass wir es besonders wahrnehmen.

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typische Häuserfront in Cairns

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auf dem Weg nach Port Douglas

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mit den Kids am Pool

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Kängurus beim Frühstück

Die nördliche Ostküste Australiens wirkt um diese Jahreszeit recht trocken. Das Zuckerrohr gedeiht prächtig, und auch vielen Känguruhs gefällt es hier. Die Quallensaison hat noch nicht begonnen, und die Regenmonate kommen erst ab Dezember. Das Leben vor der Türe spielt sich in der Früh und am Abend ab. Oder den Tagsüber auf dem Boot draussen am Great Barrier Reef, welches unter den hohen Temperaturen ebenfalls leidet. Irgendwie scheint es, als ob wir uns alle akklimatisieren müssen, nicht für die Höhe, sondern für die Hitze.

Ein Kontinent der Immigranten

Wir fahren in L’Assumption vor, entlang einer Parade von Einfamilienhäusern, blieben an einem Hauseingang stehen, wo Kinder auf uns zustürmen, ein Mann im Dress der Montreal Expos im Türrahmen steht und eine zierliche Frau aus dem Fenster winkt. Wir werden freudig begrüßt, auf Französisch, Englisch und Ländle-Deutsch. So richtig gekreuzt haben sich unsere Wege das erste Mal vor zehn Jahren.

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Mit Tyson und Coralie

Im Jahr 1880 macht Richard Riedmann seinen ersten Schritt auf Süd-Manhattan, verlässt nach einer mehrwöchigen Überfahrt das Schiff. Der Auswanderer macht sich geradewegs auf den Weg nach Rochester, im Nordwesten des Bundesstaates New York. Seine Bekanntschaft mit einem dort ansässigen Pfarrer machen ihm die Entscheidung, wohin er auswandern und sich niederlassen möchte, leicht.

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in der US-amerikanischen Provinz

Für beide Familien – in Montreal wie Rochester – beginnt ein Weg der Anpassung. Während im französisch-sprachigen Kanada Moni ihre sprachlichen Fähigkeiten entwickeln muss und ein Leben mit Germain und den Kindern ohne ihre zurückgelassenen familiären Bindungen in Vorarlberg beginnt, ist die Situation in Rochester nicht viel anders. Die Entwicklungslinien ähneln sich, auch wenn die Rahmenbedingungen andere sind. Liebe da, wirtschaftliche Motive dort. Oder wie bei Charles, die pure Lust anderes kennenzulernen. Charles radelt durch die ost-kanarische Provinz, spricht kaum ein Wort Französisch, ist aber über und über begeistert von Quebec. C’est la vie, sagt er mir, grinst über beide Ohren und träumt schon wieder vom Essen, den Leuten und der ländlichen Architektur der Gaspesie.

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Sonnenberg Gardens, Cannandaigua

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bei Riedmans

In Canandaigua unweit von Rochester sind wir für zwei Abende zuhause. Spätsommerliches, schwüles Wetter, Nebel am Morgen, die Ruhe ist überall, ein Schildkröte schlendert über die Interstate. Laurie und Rich, beide selbständig tätig, sind in vielen Dingen aktiv. Und damit meine ich vor allem die Community – vom Soccer Training bis zum Ausschuss des lokalen Botanischen Gartens. Nicht zu vergessen die Honig-Produktion, für die Rich ein langjähriges Faible entwickelt hat. Trotzdem vergeht der Tag für uns wie in Zeitlupe, wir haben viel Zeit und genießen es. Endlich mal Wäsche waschen. Endlich mal ein Auto-freier Tag. Und endlich mal ein mehrgängiges Abendessen. Der Abend endet in der Großfamilie der Riedmans am Canadice Lake, bei Bier, Wasserski und jeder Menge Geschichten. Und dann geht es wieder nach Kanada und zu den Niagara Waterfalls.

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nein, keine neue Sportart für uns, macht aber Spass

Megapolis Istanbul

Zum Abschluss unserer Türkei-Kurzreise wechseln wir an den Bosporus. Wahrlich ein Ort mit Geschichte, durchziehenden Völkern und großer Armeen. Wir sind nur zu zweit und läuten bei Metin. Er wohnt in einem hippen Stadtteil östlich des Taksim Square, ist Software-Programmierer und Geschäftsinhaber. Tanzt Tango, hat Trommeln im Wohnzimmer, eine Katze die ihm nicht gehört und mehrere Surfbretter bei Bodrum. Und wir zwei Rucksäcke und eine freie Couch. Metin läßt uns mit den Wohnungsschlüsseln zurück, muss noch arbeiten, und wir machen uns zum ersten Mal auf den Weg mit der Fähre auf die anatolische Seite des Bosporus. Vorher durfte der erste Ekmek Sandwich dran glauben, nach dem Anlegen bald der zweite.

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die Hagia Sofia im Hintergrund

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an einem Ekmek Stand

Die Stimmung in der Stadt ist sehr entspannt, auch wenn durch das anstehende Bayram-Fest viele Leute unterwegs sind. Sehr, sehr viele Leute. Kaum westliche Touristen, und wir fühlen uns sehr wohl. Wir passieren viele Cafés, kleine Gourmet-Läden, Straßenbuden. Die Stadt ist ein einziger, offener Bazar. Auf der Einkaufsmeile der Stadt kommen wir kaum vorwärts. In den Seitenstraßen gibt es Livemusik in jedem Lokal. Und die Szene ist bunt – vom Wasserpfeiffen-Pub zum Rocker-Club zum Domino-Teehäuschen für ältere Herren. Die schicken Lokale dürfen nicht fehlen, auch die sau-teuren Buden für die Oberen.

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am Bosporus

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Einfahrt ins Goldene Horn

Auch am nächsten Tag sehen wir Metin nur kurz, entdecken die Altstadt und ihre Geschichte. Die Moscheen, Bazaare, krumme Gassen. Wieder am Schiff, diesmal für zwei Stunden, genießen wir das herrliche T-Shirt Wetter. Das Meer und die Stadt bilden eine schöne Symbiose. Istanbul pulsiert, und schaut auch sehr hergerichtet aus. Baklava macht mich an, und vieles andere aus der türkischen Küche. Wir trollen am Goldenen Horn entlang, später am Galata Turm zum Taksim Square. Es ist dunkel, und wir fühlen uns hier sehr wohl. Am Abend plaudern wir beim Essen mit Metin über türkische Sitten, Realitäten und die Kopftuch-Frage. Es scheint überall dasselbe zu sein: Menschen wollen glücklich sein.

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Brezel-Verkäufer

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großartige Stätten

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super gsi!

Unsere Top 20 Unterkünfte

Nach vielen Jahren des Reisens wäre es mal an der Zeit, eine Empfehlungsliste abzuliefern. Eine Liste betreffend Unterkünften. Wir haben so vieles gesehen, von Bruchbuden zu Luxushütten, von der Enge der Gasse zum Charme der Weite, vom Nummern-Dasein als Gast bis zum vollwertigen Mitglied im Alltag der Gastfamilie. Die Faktoren für die Top 20 sind:

  • Gastfreundschaft der Besitzer / Manager / Personals
  • Liebe zum Detail bei Einrichtung und Ausstattung
  • Besonderheiten wie ausgezeichnetes Essen, wunderschöne Lage und fantastische Freizeitmöglichkeiten

Disclaimer: Wir haben mit keinen der Einrichtungen einen geschäftlichen Kontakt, und haben deshalb auch das sehr empfehlenswerte, von meinem Bruder Bruno und Freund Simon geführte Zopilote Surf Camp ausserhalb der Wertung laufen lassen.

Die Top 3 unserer Liste sind (zum derzeitigen Stand):

  1. Rancho Ecologico, Playa Cacao, Costa Rica: auf einem Urwaldhügel sitzend, mit dem allernötigsten ausgestattet, den Geräuschen der Nacht lauschend, in einer komfortablen Lodge und mit einem wunderbaren Gastgeber – mehr kann man sich nicht wünschen. Für Naturliebhaber und Ruhesuchende DAS Paradies.
  2. Guesthouse Runcini, Ferentillo, Italien: die Romantik eines Bergdorfes, im gastronomischen Himmel Umbriens, eine sehr zuvorkommende Gastgeberin in einer mit allen Feinem ausgestatteten Ferienwohnung
  3. Refugio La Baita, Trentino, Italien: eigentlich eine Schutzhütte, aber mit fantastischem Essen, einer sehr gemütlichen Stube und einem der besten Gastwirte, den wir kennen gelernt haben
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auf der Terrasse einer Pfahlhütte, Rancho Ecologico

Den Rest der Liste haben wir hier veröffentlicht.

Möglichkeiten haben und sie nutzen

Irgendwo im Web fand ich dieses interessante Zitat. Mark Aurel hätte sich gewundert, dass ich ihn im Internet zitiere:

Live a good life. If there are gods and they are just, then they will not care how devout you have been, but will welcome you based on the virtues you have lived by. If there are gods, but unjust, then you should not want to worship them. If there are no gods, then you will be gone, but will have lived a noble life that will live on in the memories of your loved ones.

Das Beste aus unseren Möglichkeiten machen ist gar nicht so leicht. Aber es ist eine innere Werthaltung, an die ich mich immer wieder erinnern sollte.

Live vicariously

Es gibt Tage und Wochen, da lebt man wie in einer Nebelsuppe, ohne Inspiration, ohne Mut, ohne Vision. Und dann hört man, liest man, sieht man Geschichten, die alles wieder in dir erwecken. Live vicariously! Mehr will ich dazu nicht sagen, ich freue mich auf den ganzen Film, wenn einmal die Reise der Goodwins zu Ende ist. Hier vorweg ein Trailer, den man mehr als einmal anschauen wird…

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man lebt nur einmal…

Slow yourself down and you see so much more! Egal was dir andere sagen, was in deinem Leben wichtig ist. Folge deiner Inspiration, sehe die Welt, älter wirst du sowieso.

Stay hungry. Stay foolish.

Der Bergsport scheint eine Aneinanderreihung von Antworten auf eine Frage zu sein, die sich mit der Art und Weise, wie wir unser Leben verbringen sollen, beschäftigt. Auch in diesem Blog, als ich letztens die Frage nach dem Restrisiko im Bergsport diskutiert habe. Nun, es ist wieder soweit. Als ich heute die Nachricht vom Ableben von Steve Jobs erfahren habe, der mit 56 Jahren an Krebs verstorben ist, musste ich an seine vor wenigen Jahren gehaltene Rede denken.

In dieser Rede wendet er sich an junge Collegestudenten, die gerade ihr Studium abgeschlossen haben. Er erzählt ihnen aus seinem Leben und richtet eine Erkenntnis an diese, die er in seinem Leben gelernt hat: Stay hungry, stay foolish:

“Your time is limited, so don’t waste it living someone else’s life. Don’t be trapped by dogma — which is living with the results of other people’s thinking. Don’t let the noise of others’ opinions drown out your own inner voice. And most important, have the courage to follow your heart and intuition. They somehow already know what you truly want to become. Everything else is secondary.

When I was young, there was an amazing publication called The Whole Earth Catalog, which was one of the bibles of my generation. It was created by a fellow named Stewart Brand not far from here in Menlo Park, and he brought it to life with his poetic touch. This was in the late 1960′s, before personal computers and desktop publishing, so it was all made with typewriters, scissors, and polaroid cameras. It was sort of like Google in paperback form, 35 years before Google came along: it was idealistic, and overflowing with neat tools and great notions.

Stewart and his team put out several issues of The Whole Earth Catalog, and then when it had run its course, they put out a final issue. It was the mid-1970s, and I was your age. On the back cover of their final issue was a photograph of an early morning country road, the kind you might find yourself hitchhiking on if you were so adventurous. Beneath it were the words: “Stay Hungry. Stay Foolish.” It was their farewell message as they signed off. Stay Hungry. Stay Foolish. And I have always wished that for myself. And now, as you graduate to begin anew, I wish that for you.

Stay Hungry. Stay Foolish.”

Ich denke, das gilt für uns alle, die aus Entdeckungslust, Abenteuer und Herausforderung in die Berge gehen. Das Neue entdecken, den nächsten Gipfel suchen, unserer Nase folgen. Keine Kompromisse, ob und wie wir gehen. Es ist ein einziges Leben, machen wir das Beste daraus, was wir nur können. Folgen wir unseren Idealen und Leidenschaften, nicht Vorgaben und falschen Idolen. Stay hungry, stay foolish.

Patagonia Time Lapse Video from Adam Colton on Vimeo.

Aus dem georgischen Hinterland

Georgien hat noch mehr zu bieten als wilde Berge und die alte Stadt Tiflis. Das Hinterland ist voller Geschichte, und zwei solcher Stätten wollten wir uns einmal ansehen. Zum einen Gori, die als Geburtsstätte Stalins immer noch einen seltsamen nostalgischen Wert innerhalb der Georgier besitzt. Heute ist die Stadt ein lebendiger Markt mit einem schrägen Stalin-Museum, welches seine “glorreichen” Taten darstellt. Naja.

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Stalin-Statue in Gori

Der zweite Ort ist das wieder von Mönchen in Betrieb genommene Kloster und Festung Davit Gareja an der azerbaidschanischen Grenze. Dieser Ort wurde im Mittelalter errichtet und immer wieder erweitert. Heute ist es nicht nur ein Ort des geistlichen Lebens, sondern auch des aufblühenden Tourismus. Für uns ging die Reise langsam zu Ende, flogen über Riga wieder nach Hause zurück. Zum Abschied erhob sich der Mount Kazbek aus dem dichten Wolkenmeer, um uns einen einzigen Blick auf seinen schneebedeckten Gipfel zu gewähren.

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Teile von Davit Gareja

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Blick über die georgische Landschaft

Yerewan sagt ja, Aragats nein

Nun wieder aus dem Kaukasus retour, gibt es einiges zu berichten. Zunächst einmal aus Armenien, ein Land, das uns sehr positiv überrascht hat. Die Stimmung im Land ist optimistisch, wenn auch die (wirtschaftliche) Lage noch trist. Da wir mit unseren Skitouren am Aragats aufgrund sehr schlechter Wetterverhältnisse nicht einmal in die Skier kamen (siehe unten), verlegten wir unsere Aktivitäten auf das Erkunden der armenischen Hauptstadt und seiner Umgebung.

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Am Platz des Nationalmuseums in Yerewan

Stellvertretend für Yerewan stehen zum einen zwei ältere Damen, bei denen wir zuhause sein durften. Bei der einen schliefen wir wie in einem Museum (alle Zimmer waren vom Boden bis zur Decke mit Bildern dekoriert), bei der anderen aßen und tranken wir (die Großmutter eines Freundes). Beide leben in bescheidenen Verhältnissen in eher ärmlichen Wohnblöcken mit einer niedrigen Pension, die sie mit zusätzlichen Einkünften deutlich aufbessern müssen. Von außen sehen die Häuser desolat aus, innen ist es aber gemütlich eingerichtet, meist mit Möbeln aus den 60ern. Beide denken gerne an die “alten” Zeiten zurück, als noch das sowjetische System gewisse soziale Sicherheiten bot. Das gibt es alles im modernen Armenien nicht.

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Kein Museum, aber unser Privatzimmer

Das andere Yerewan ist das moderne und westliche. Das bedeutet meist lange Einkaufsstraßen mit Edelmarken, fette SUVs in den Straßen und eine recht hippe optimistische Jugendszene. Die Stadt präsentiert sich im Aufbruch und möchte sein altes Image loswerden. Das geht vielleicht architektonisch (mit viel Aufwand wohl gemerkt), aber wirtschaftlich?

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klassische Häuserfront

Am Land schaut die Sache nochmals anders aus. Männer am Straßenrand, Zigaretten rauchend. Taxis und Marschrutkas prägen das Straßenbild. Schulkinder. Frauen verkaufen Kleinigkeiten. Das Leben geht langsam, die Straßen haben viele Schlaglöcher. Die Landschaft ist wild und ungezähmt, und doch stellenweise um industrielle Ruinen aus der Sowjetzeit angereichert. Der erste Blick: nichts funktioniert hier. Doch er trügt. Die Menschen machen das Beste daraus, irgendwie geht’s weiter. In kalten Wohnungen, desolaten hygienischen Verhältnissen. Für uns eine unvorstellbare Welt. Zu Besuch, ja; zum Leben, gewiss nicht.

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Kloster in Echmiadzin

Am Aragats werden wir immer wieder daran erinnert. Straßen sind nicht geräumt, Schnee versperrt uns den Weg zur Basisstation unserer Tour. In den näheren Dörfern findet sich kein einziges Privatzimmer, bis auf eine Garage, die weder Heizung noch Bett hat. Wir lehnen dankend ab. Es schüttet am ersten Tag, und auch am zweiten Tag, als wir in der Dunkelheit wieder mit dem Taxi aus Yerewan die 60 km zum Berg fahren. Kein Bergwetter für uns am Aragats, wir müssen unverrichteter Dinge und enttäuscht nach Yerewan umdrehen. Das Land ist grau, kalt und nass. Es ist eigentlich noch Winter hier, die Berge sind in dichten Wolken und bis am Fuß angezuckert. Wir verabschieden uns von unseren beiden Damen, brechen auf nach Georgien, auf der Suche nach besseren Wetter und weiteren Berg-Abenteuern im Kaukasus.

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Straße von Yerewan nach Vanadzor

Per Kutsche durch Bhutan

Schon alleine der Anflug auf Paro war die Reise wert. Der geräumige Airbus tauchte aus der Höhe in ein leicht eingeschnittenes Tal, folgte dann in Kurven dem immer steiler werdenden Canyon, bis die Druk Air Maschine mit den Flügeln die Waldhänge auf beiden Seiten der steilen Hänge zu streifen schien. Erst im letzten Moment öffnete sich das Tal, wurde flach und gab eine kurze Landepiste frei. Wir waren in Bhutan, und es war vom ersten Moment alles anders als in den Tagen davor – Kalkutta, Bangladesh, ja all dies schien in einer fernen Vergangenheit passiert zu sein.

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Gebetsmühlen gab es genug zu drehen

Der Flieger parkte vor dem Haupteingang des Flughafens, und in landesübliche Gewänder gekleidete Männer und Frauen leiteten uns durch die Immigration und Passkontrolle (mehr zum Visa-Erwerb hier) hinaus zur Ankunft, wo uns schon ein breites Schild mit meinem Vornamen entgegenwinkte. Tsherab grüßte verschmitzt, griff sich unsere Taschen und brachte uns zu unserem Wagen, den der Fahrer schon bequem geparkt hatte. Wir wußten uns nicht wie uns geschieht, es war wie in einem schlechten Film, wir hatten einen Guide, einen Fahrer und ein Auto. Wir waren auf einmal Zuschauer in einer Kutsche.

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Eines der feinen Hotels, in denen wir Gast sein durften

Der Trip durch Bhutan war für unsereins sehr ungewöhnlich. Weniger wegen der gebirgigen Landschaft, dem Essen oder der Kälte, nein es war das luxuriöse Ambiente, in das wir unvorbereitet geschlittert waren. Ja, wir hatten im Vorfeld den Trip vorbereitet, reichlich Geld für all diese Dinge gelöhnt, aber wenn es dann geschieht, dann fühlt man sich seltsam. Wir wohnten in Vier-Sterne-Hotels, hatten mehr als genug zu essen, wurden herumkutschiert und man wich keine Sekunde von unserer Seite. Unsere Begleiter meinten es gut mit uns, sorgten sich um unser Wohl.

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Das touristische Aushängeschild Bhutans: Tigers Nest

Bhutan ist ein interessanter Fall. Es ist noch recht ursprünglich, und dank seiner langer Isolation so geblieben. Andererseits weiss es, dass es sich öffnen muss, will es doch so etwas wie Anschluss an die Moderne schaffen. Mit seiner bescheiden entwickelten Wirtschaft ist das nicht leicht, denn moderne Lebensweise bedarf harter Devisen, und die gibt’s nicht so leicht. Touristen wie wir zahlen ihren Beitrag für die Modernisierung dieses Landes, aber auch sehr viele Entwicklungsorganisationen, z.B. auch aus Österreich, der Schweiz und Deutschland helfen in Bhutan ordentlich mit. Überall war man dankbar dafür – etwa für den Wiederaufbau des niedergebrannten Klosters ‘Tigers Nest’ oder beim Ausbau eines neuen Wasserkraftwerks. Mehrere solche Projekte konnten wir besuchen, so das College für Lehrer in Paro oder das zentrale Krankenhaus in Thimphu.

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Natur und Religion ist in Bhutan oft eins

Der Schatz des Landes liegt in seiner Kultur und seiner noch recht unberührten Natur. Viele Bergregionen sind für’s Bergsteigen gesperrt, zahlreiche Nationalparks bieten bedrohten Tierarten (z.B. dem Black Neck Crane) eine Erholungspause. Viele Zhongs (Festungen) liegen entlang Bhutan’s einziger nationaler Straßenverbindung, und diese ist oft auch schmal genug, dass gerade mal ein Fahrzeug durchkommt. Es gäbe in der Tat so viel über das Land zu schreiben, dass dieser Post wohl nie aufhören würde (wer mehr wissen will: LP Bhutan). Bhutan erfreute unser Herz, denn es war so bescheiden, ruhig und überhaupt ganz leise.

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Die Reisfelder sind schon abgerntet, der trockene Winter kehrt ein

Emotionen sieht man in Bhutan nicht viel. Zumindest nicht auf der Straße, höchstens am Bogenschießplatz. Da wird der Treffer zelebriert, da wird gejauchzt. Wir hatten es schon schwer, der Flugbahn des Pfeiles zu folgen, die Schützen traten aus 120 m an. Und sie trafen, wenn auch nur gelegentlich, mit ihren Bambusbögen. Viel Sport sahen wir sonst nicht, ausser dass unser zweiter Fahrer ehemaliger Fußball-Nationalspieler Bhutans war (spielte im Mittelfeld) und er sich darüber köstlich amüsierte, wie sie gegen Indien in der Nachspielzeit noch ein 1:2 kassierten. Unsere Guides waren Menschen wie du & ich und arbeiteten gelegentlich als Führer. Daher war es stets interessant für uns ein bißchen in den Alltag dieser Menschen zu schauen, was uns auch eine Einladung bei der Familie unseres Veranstalter-Chefs einbrachte. Da gab’s bhutanesisches Bier, Reiswein und allerlei Fritiertes. Getrocknetes Yak-Fleisch inklusive. Trinken ist übrigens keine seltene Leidenschaft in diesem Land, das sich in gewissen Verhaltensweisen (Essen, Sprache, Mode) der Moderne schneller nähert als vielen lieb ist. Traditionelle Kleidung ist Pflicht für jene, die im öffentlichen Dienst stehen. Aber der junge Teil schaut lieber MTV, spielt Basketball oder ahmt koreanische Schauspielerfrisuren nach.

Bhutan steht vor einem Umbruch, und es könnte passieren, dass alles zu rasch kippt und die asiatische Moderne wie eine Invasionsstreitmacht bis in die hinteresten Täler vordringt. Es ihnen nicht zu wünschen wäre blauäugig. Die fremde Welt bringt Gutes (das medizinische Know-How, bessere Versorgung, Bildung) und weniger Gutes (Abwanderung, Anstieg der Preise, Raub an der Natur). Wir sind höchstens Beobachter, und was wir gesehen haben, hat uns sehr gefallen. Wir wurden hofiert, das Reisen mutierte zu einer Vorstellung. Wir hatten zu schauen, zu essen und auszusteigen. Eine Reiseerfahrung, die wir auch mal machen mussten. Es ist bequem, aber unser ist es nicht. Bhutan ist aber allemal eine Reise wert, auch in einer Kutsche. Mehr Bilder zu Bhutan gibt es in unserer Foto-Gallerie.

Kalkutta – etwas britisch, mit Sympathiewerten

Ein letztes Mal hatte uns Dhaka ordentlich geschreckt – auf dem Weg zum Flughafen. Ein langer Stau, kaum ein Vorwärtskommen, und wieder einmal dachten wir, der Flieger ist nun wirklich weg. Keine zwei Minuten nach unserem Check-in schloss der Schalter, wurde schon zum Boarding aufgerufen, als wir noch durch die Passkontrolle mussten (mehr zum Visum hier). Trotz einer sagenhaften Bearbeitungszeit von 15 Minuten pro Pass (!) schafften wir es noch in den Kingfisher-Flieger, eine überraschend nette Billigflieger-Linie.

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Starker Verkehr in Kalkutta

Die Ankunft in Kalkutta war dementsprechend ein Aufatmen, und wir fühlten gleich den Unterschied. Das hätten wir uns im Vorfeld nicht gedacht, dass diese Metropole eine Art Insel der Ruhe sein könnte. Die Straßen waren belebt, ja, aber es war anders. Irgendwo war eine Linie zu erkennen, eine gewisse Ordnung. Es gab Straßennamen, es gab Verkehrsampeln, und auch Polizisten, die das umsetzten. Kalkutta ist anders drauf.

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Auf der Straße wird gekocht und gegessen – hier der Nachtisch
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Ein Löwe am Eingang zum Victoria Memorial

Dieses Stadt ist nicht sehr alt. Die britische Ostindien-Kompanie hatte Ende des 17. Jahrhunderts das Land dreier Dörfer am Delta aufgekauft, und zu einem Warenumschlagsplatz und Administrationszentrum ausgebaut. Auch wenn schon andere Länder in der Gegend ihre Handelsumschlagplätze errichtet hatten, die Engländer hinterließen den bleibendsten Eindruck. Hier begann der rasende Aufstieg der Stadt, die wie ein Magnet auf die Menschen Bengalens wirkte. Der Zuzug war gigantisch, heute hat die Stadt ohne Vororte schon 5 Millionen, der Großraum weist ca. 15 Millionen Bewohner aus. Für ein halbes Jahrhundert war Kalkutta gar die Hauptstadt Indiens, aber seit 1911 verlor die Stadt im Sinne wirtschaftlicher und politischer Bedeutung merklich. Seit 2001 heißt die Stadt offiziell Colcatta. Mehr dazu auch im Lonely Planet Guide Indien.

PB230323Das Victoria Memorial in einer schönen Gartenanlage
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Verfall – Image der Stadt

Trotz des Images des Armenhauses fühlten wir uns in Kolkatta recht wohl. Angenehm zum Spazieren gehen, keine Belästigungen, viel Leben in den Straßen, ein immer noch englisches Flair nicht nur an den Monumenten, sondern auch im Verkehr und in diversen Geschäften. Wir haben unsere Zeit in Buchgeschäften, beim Tee oder in weitläufigen Parks unweit des Victoria Memorials verbracht. Hier wird Cricket gespielt und Vieh gehalten. Aber rosig ist die Situation der Stadt nicht. Bettler sind in den Straßen die Regel, die Luftverschmutzung ist drastisch, der Verfall vieler Häuser im feuchten Klima offensichtlich. Streiks legen ganze Stadtteile lahm, und wir hatten Glück, am letzten Morgen ein Taxi zu finden, welches uns rechtzeitig zum Flughafen bringen sollte: ins gelobte Bhutan.

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Hier zwei Transport-Arten: Rickshaw gezogen, und Lebendhühner-Transport per Dutzend

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Parks sind ein Charakteristikum in Kalkutta, mitten im Zentrum

Dhaka: Which country?

Die Einfahrt nach Dhaka war von apokalyptischer Gestalt. Das Land war dunkel, nicht pech-schwarz, eher bräunlich und schattenhaft, mit fahlem Licht und Dunst, offenen Feuern links und rechts der Straße, ein Fluß aus Schweinwerfern der langen Fahrzeugkolonnen, die sich auf einer engen Straße in die Hauptstadt quälten. Stoßstange an Stoßstange, dazwischen Menschen, links, rechts und überall, Karren, Fahrräder und Rickschaws. Ein Durcheinander, in dem man leicht verloren gehen hätte können.

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Die wohl einzige bauliche Sehenswürdigkeit in Dhaka – ein Fort.

Die Kolonne kam irgendwann am Zielort an, nicht unterscheidbar ob richtig oder falsch, jedenfalls blieb der Bus stehen, mitten im Getümmel dieser lauten und lebhaften Metropolis. Der Lärm hörte erst auf, nach dem wir unsere Hoteltüre dankbar hinter uns geschlossen hatten. Ein Eiland, welches wir in den nächsten Stunden immer wieder gerne aufsuchen würden.

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Frisch und nicht dreckig – Kokosnussmilch

Dhaka ist am besten als ein Gewirr aus Straßen zu bezeichnen. Orientierung ist möglich, aber ohne die typischen Hilfsmittel aus Straßenschild und Richtungsweiser. Man bewegt sich am besten von Bezirk zu Bezirk, und das ist wohl das einzige, was Rickshaw-Fahrer verstehen. Sehenswürdigkeiten gibt es hier nicht viele, also kann man sich die Suche rasch ersparen – ein Fort, ein Park, das war’s auch schon. Das Interessante sind nicht die einzelnen Objekte, sondern die Gesamtkreationen wie die alte Stadt mit seinem Bazar oder das Leben am Fluss.

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Kurzvisite auf einem Raddampfer, dem Rocket

Der Bazar ist nichts für Klaustrophobe. Aber für Schnäppchenjäger. Das, was bei uns im H&M über den Tresen geht, bekommt man hier nochmals um das 10fache günstiger. Die Haltbarkeit der Ware ist allerdings entsprechend. Wer also kurzfristig frische Wäsche braucht für den Urlaubstrip, ist hier gut bedient. Die Sträßchen und Gassen um den Bazar sind auch ein Erlebnis. Wohl eher wegen der Fahrkunst der Rickshaw-Fahrer, die auch im Gegenverkehr irgendwie durch die schmalste Pforte hindurch finden. Der Lärm ist unglaublich, das Gehupe und Geschrei, die dichte Luft, die vielen Gesichter, der Müll auf dem Boden, die zentimeterhohen Blutlachen, welche aus den Schlachtecken fließen.

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Eine fast schon entspannte Straßenszene aus Old Dhaka

Der Verkehr hier ist wirklich eine Faszination und ein Ärgernis der Stufe 10 zugleich. Dhaka ist für mich die ultimative Stau-Stadt, die Jam-City per se. Hier sitzt man stundenlang im Stau, der Fußweg zwischen den Fahrzeugen ist die schnellste Art von A nach B zu kommen. Oder man bedient sich des Wassers und nimmt ein Boot, um flussauf oder -ab zu fahren. Da ist zwar auch viel los, aber man kommt voran. An den beiden Ufern sprudelt es nur so von Aktivität, Waren werden verladen, in kleinere Einheiten verpackt, mit Ruderbooten weitertransportiert, Menschen von der einen Seite auf die andere gebracht. Dazwischen pflügen schwere Lastkähne das Wasser um. Noch ein Hinweis für jene, die gerne mit dem Rocket von Dhaka nach Mongla / Kulna in die Sundarbarns fahren wollen: die Fähre geht nur Montags und Donnerstags! Tickets kann man nicht online besorgen, aber über einen lokalen Travel Agent könnte es klappen. Rakib kann euch hierbei weiterhelfen: www.westernholiday.org

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Gerudert wird rund um die Uhr, von einem Ufer zum anderen

Abseits des Verkehrs ist Dhaka keineswegs anders als der Rest des Landes. Die Menschen hier sind neugierig auf die Exoten, staunen, schauen, machen Fotos. Wie wir auch. Und dann immer die gleichen Fragen, die uns schon in unseren Träumen verfolgen: Which country? Are you brother and sister? Die erste Frage war stets schnell beantwortet, aber selten richtig verstanden. Nein, nicht Australien. Das ging dann öfters so, bis es klar wurde, dass es sich um Europa handelt. Die zweite Frage war verblüffend, aber offensichtlich normal in Bangladesh, denn Mann und Frau halten sich nur dann die Hand oder gehen gemeinsam auf die Straße, wenn sie miteinander verwandt, aber nicht verheiratet sind. Was weiß ich, auf jeden Fall musste ich einigen Leuten klar machen, dass Beate mit niemandem ausgeht als mit mir und zeigte dabei auf meinen Ehering. Das und mein Vollbart schreckte dann wohl alle ab. Und wir machten uns auf den Weg nach Kalkutta, mit gemischten Gefühlen und doch einer gewissen Erleichterung, dem Chaos der Jam-City Dhaka zu entrücken.

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Das Wasser ist ein effizienter Transportweg

Relaxed in Rangamati

Von der Nordgrenze Bangaldeshs ging es über Sylhet mit dem Nachtzug nach Chittagong in den Süden und ans Meer. Das Chaos und das Durcheinander der Stadt hat uns nach den Erlebnissen in Sylhet nicht mehr schockiert. Das Gedränge, das Gaffen, das “Eindringen” war schon in Sylhet heftig gewesen, in Chittagong sicher noch ein wenig schärfer, sind die Straßen dort noch voller und dichter mit Menschen, Fahrzeugen, Tieren und staubiger Luft, auch wenn wir es nicht glauben konnten, dass eine Steigerung noch möglich gewesen wäre.

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Hütten am Kaptai Lake

Nach Chittagong wollten wir nur, weil es das Tor zu den Hill Tracts öffnet. Da dies offiziell immer noch eine Unruhe-Gegend ist, benötigen Ausländer ein Permit, welches man sich beim Division Commissioner in Chittagong holen kann. Ins Büro spazieren, Pass vorweisen, Formulare ausfüllen, warten, warten und eine drei viertel Stunde später das Permit mitnehmen. Eine Kopie des Passes wäre nicht schlecht, wenn man sie dabei hätte. Interessant war jedenfalls, dass dieses Amt einen richtigen Akt über uns angelegt hat. Wozu auch immer. Den Permit benötigten wir beim Kauf der Bustickets, bei den eigentlichen Checkpunkten der Polizei und des Militärs hingegen nicht.

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Unser Boot für einen Tag am See

Ausgestattet mit Papieren und Tickets ging es per Bus nach Rangamati zu den Hill Tracts. Dort wollten wir eines finden: etwas Ruhe. Und das taten wir. Ungewöhnlich angenehm war die kleine Stadt am weitläufigen Kaptai Lake, wir konnten uns frei bewegen, hatten keine Scharen an Leuten ständig an unserer Seite. Natürlich fielen wir auf, wurden überall begrüßt und befragt, aber alles in einem Ausmaß, das akzeptabel blieb. Wir konnten uns nicht beschweren und genossen die Zeit in Rangamati sehr.

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super gsi!

Besonders die Zeit auf dem See war eine Wohltat. Wir hatten uns für einen Halbtag ein überdachtes Fischerboot gemietet und mit unserem Schiffsführer eine mehrstündige Runde über den See gedreht. Das Wetter war miserabel, und zum ersten und einzigen Mal während unserer Reise regnete es fortwährend. Das Wasser war sehr ruhig, die Stimmung sehr relaxed. Auch wenn es an Sehenswürdigkeiten am See nicht allzu viel zu bestaunen gibt (ein Wasserfall, ein Kloster, einige kleine Inseln mit Hütten), war die Fahrt und das Beobachten des Lebens am Wasser eine Bereicherung. Wahrscheinlich hat uns die Ruhe so gut gefallen, ein scharfer Kontrast zu den Straßen in Chittagong.

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Wasser heißt Transportweg

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Lebensraum Wasser

Eine Nacht später wußten wir, als wir mit tausenden Wartenden an den Ticketschaltern am Bahnhof in Chittagong in der Schlange standen, was wir an Rangamati gemocht hatten. Die Szenerie in diesem großen Gebäude enthüllte einmal mehr das Wesen dieses Landes: viele Menschen an einem Fleck und nichts geht vorwärts. Wir bekamen Hilfe, wurden dann überzeugt, besser den Bus zu nehmen, und hatten auch noch eine Einladung zum Kokosnuss trinken bekommen. Auch das ist Bangladesh. Aus dem Nichts Freunde finden. Wir waren auf dem Weg nach Dhaka.

Bangladesh: It’s not over ’til it’s over

Diese seltsame Überschrift möchte ich gleich am Anfang übersetzen und erklären, fasst sie das Reisen in Bangladesh doch so treffend zusammen: erst wenn’s vorbei ist, ist es wirklich vorbei. Ich kann’s auch in längere Worte fassen, und das dauert einige Absätze.

Individualreisen hat stets etwas von Unabhängigkeit. Man hat keinen Reiseführer, dem man folgt. Man hat keine Mitreisenden, die nerven. Und man kann tun und lassen, was einem gefällt. In Bangladesh ist das oft eine lustvolle Phantasie, in einem Reisebus mit einem Guide zu sitzen, der alles organisiert über das funktionierende Chaos der Straße und Bürokratie hinweg schwebt. Mit einem Wort: Individualreisende in Bangladesh brauchen entweder viel Zeit oder eine ordentliche Portion Gelassenheit, gepaart mit einer guten Vorbereitung.

Das Reisen in Bangladesh hat mich ein wenig an ein Adventure Race erinnert: von einem Punkt zum nächsten manövrierend, jede Bewegung eine Aufgabe für sich, stets ungewiss ob der Kurs auch stimmt, ob die Ressourcen reichen und die Zeit nicht davon schwimmen wird. Erst wenn der letzte Punkt erreicht ist, quasi das Ziel, dann ist das Rennen (oder hier die Reise) vorbei – it’s not over until it’s over.

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Das unerklärte Rennen ist los

In Bangladesh ist fast alles eine Herausforderung. Z.B. die Orientierung in einer Stadt (keine Straßenschilder, keine Straßen), das Nutzen von Taxis (leider wissen die wenigsten Rickshaw-Whallas, wo ein Gebäude unter welcher Adresse tatsächlich ist), das Kaufen von Zugtickets, das Bezahlen von Flug-Tickets mit US-Dollar, und und und… Das einzig Leichte ist wohl das Auftreiben von Essen, Straßenbuden und Kioske gibt es zuhauf. Man muss sich halt nur trauen, das Zeug auch zu essen. Da hatten wir aber bis auf einmal keine Probleme, und das Essen ist wirklich gut.

Aber zurück zu den kleinen und großen Aufgaben des Reisens in Bangladesh. Internet-Infos gibt es nicht, Fahrpläne ebenso nicht. Man muss alles vor Ort auskundschaften, was aber letztlich weniger schwierig ist. Die Leute sind sehr hilfsbereit, auch wenn viele keine Ahnung haben, was sie sagen. Das ist das Problem hier. Zeit- und Größenangaben sind vage (“in 2 min”, “200m weiter”) und oft völlig daneben, alles geht nur Cash und in Landeswährung, wobei das Geldwechseln auch in diesem Land eine Wissenschaft per se ist. Immer den Pass mitnehmen und sich auf eine lange Prozedur einstellen.

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Nichts ist unmöglich auf Bangladesh’ Straßen – aber auch nichts dauert so lange wie hier

Der Verkehr ist auch so eine Sache. Hat man den Bus gefunden, das Rickshaw besetzt, das Mini-Taxi herbei gerufen, ist es noch lange nicht sicher, dass man am gewünschten Ort ankommt. Und wenn, dann ist das eine Zeitfrage: die Staus in den Metropolen Bangladeshs – ob Dhaka, Sylhet oder Chittagong – sind berühmt-berüchtigt. Hat man irgendwelche Anschlussflüge oder Busse, dann sollte man sehr viel Reserve einplanen. Mit sehr viel Reserve meine ich eine Nacht ist ideal.

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Busse fahren bis sie auseinander fallen – und darüber hinaus

Über die Permits im Landesinneren werde ich noch separat schreiben, aber die Ein- und Ausreise ist auch so ein Spezialgebiet. Für die Ausreise auf dem Landweg muss man 300 Taka auf einer Bank als Departure Tax deponieren, und den Beleg mitnehmen. Wir haben schon Reisende getroffen, die mussten 15km wieder zurück in die nächste Stadt und einzahlen, bevor sie über die Grenze durften. Reist man mit dem Flieger ein und verläßt das Land zu Fuß, ist eine Change of Route permission notwendig (ein Prozess, der in Dhaka beginnt und mindestens 24 Stunden dauert, zu Werktagen, versteht sich). Wir hatten schon geschwitzt, ob wir hier Ärger bekommen (wir waren über die Landgrenze eingereist, und mit dem Flieger ausgereist, also genau umgekehrt, aber dem Prinzip nach wäre eine solche Erlaubnis notwendig gewesen), aber außer der erstaunten Frage, ob wir zu Fuß über die Grenze gekommen sind, gab es keinerlei Fragen. Der Landübergang bei Tamabil ist in der Früh erst ab 10.00 geöffnet und schließt am späten Nachmittag. Da sollte man schon zeitlich ankommen, sonst bleibt man in der Grenzgegend hängen und das ist dann nicht so fein, da kein Hotel in der Gegend.

Der Grenzposten in Tamabil (wir kamen mit dem Shared Taxi von Shillong) ist allemal ein Erlebnis. Die Inder betont cordial und lässig, die Bangladeshi eher formell und martialisch. In deren Wellblechposten trafen wir wieder auf die bengalische Bürokratie mit ‘zig Formularen, einem großen Schreibtisch mit einer wichtigen Person dahinter, die Zeitung liest und Tee trinkt. Seine Mitarbeiter links und rechts des Schreibtischs machen die Papierarbeit, schenken Tee ein, bringen Zeitung, tragen unsere Bitten vor, und legen schließlich den Stempel vor, der zur Kennzeichnung im Pass verwendet wird. “Which Country?” kommt nochmals aus dem Mund des Wichtigen, und nach zweimaliger Korrektur einer australischen Staatsbürgerschaft, höflichen Dankens und 45 Minuten des Wartens gehen wir schon weiter in die nächste Hütte für die nächsten Formulare. Es ist ein Wettlauf von Punkt zu Punkt, von Aufgabe zu Aufgabe, it’s not over, ’til it’s over.

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Reges Treiben am Viehmarkt, das Zuschauen ist dabei Volkssport

So gesehen müssten die Einwohner Bangladeshs gute Adventure Race Wettkämpfer abgeben. Aber im Grunde gehen die meisten hier mit dem System so konform, dass sie darin keine Aufgabe sehen, von Problem zur Lösung zu kommen, sondern eher versuchen, das Problem auszusitzen, bis es nicht mehr existiert. Das Land gleicht dann trotz des geschäftigen Tuns eher einer Landschaft von in Meer treibender Bojen, die darauf warten, von jemandem aufgenommen und weiter getragen zu werden. Die vielen Bettler, die vielen Anfragen auf Unterstützung nach Europa zu kommen (Stichwort “Sponsor”), die Sensation einen Ausländer (sprich Boot) in seiner Nähe zu sehen, all das trug zur Verstärkung dieses Verhaltensbildes bei. Taucht man in diese Masse ein, so wird man nicht anonym, sondern weiterhin ein Focus des Straßengeschehens. Hunderte Augenpaare verfolgen jede Bewegung, jeden Ausdruck, jedes Handeln und wohl jedes unverständliche Wort. Bangladesh dringt in jeder Sekunde in die Poren des Reisenden, und auch im Hotelzimmer, welches eine erste und wichtige Barriere für die Privatssphäre bietet, wird man es schwer los. Die Türe geht erst richtig zu, wenn man das Land verlassen hat. It’s not over ’til it’s over.

Live and let live – Leben auf den Straßen Bengalens

Der Lebensraum ist ein Begriff der Humanwissenschaften und entspricht den Begriffen “Habitat” oder “Biotop” in der Biologie und Ökologie. Er bedeutet einen bewohnten und beanspruchten Raum einer sozialen Gruppe. In Bengalen (Kalkutta nordwärts sowie Bangladesh) und Ost-Indien (Assam und alles östlich davon) ist die Straße der Lebensraum großer Teile der Bevölkerung.

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Landstraße in Assam – außergewöhnlich unbelebt

Primär ist die Straße auch hier eine Verkehrsverbindung zwischen A und B, mit seinen Regeln, Sitten und fahrtechnischen Eigenheiten. Asphaltbelag haben theoretisch nur die wichtigen Verbindungen, aber Baustellen und (noch schlimmer) fehlende Abschnitte sind eher die Norm als die Ausnahme. Schlaglöcher, enge Passagen, einspurige Brücken reduzieren das Tempo der schnelleren Verkehrsteilnehmer auf 30-45 km/h. Das ist für unsere Verhältnisse extrem langsam, und bei einer recht kurzen Distanz von 200 km wird das bald zu einem Tagesausflug. Ist man aber einmal in diesem Verkehrsfluss, dann ist man froh, mit einer so geringen Geschwindigkeit unterwegs zu sein. Überholmanöver beginnen und enden mit der Hupe, grundsätzlich hat dabei der Gegenverkehr Nachrang. Dass in Indien rund 13 Menschen – pro Stunde! – auf den Straßen umkommen, wundert einen nicht.

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Verkaufskiosk 1m x 1m x 1m am Straßenrand – da passt nur ein Kind als Verkäuferin hinein

Die Verkehrsteilnehmer sind sehr vielfältig. Vom Fussgänger über den Radfahrer bis zum Groß-LKW fährt hier alles. Am seltensten sind dabei private Klein-PKWs. Insofern müsste Bengalen ein Vorbild grüner Verkehrspolitik sein, ist doch fast alles mit eigener Muskelkraft betrieben. Ruß-LKWs und vor sich hin rottende Busse machen zwar durch Abgase und Lärm auf sich aufmerksam, spielen aber im Gesamtkonzert des Straßenwesens keine dominante Rolle, betrachtet man deren absolute Anzahl. Transportiert wird alles und mit allem. Auf dem Land sind eher Motorfahrzeuge (drei-rädrige Mini-Taxis oder Jeeps als Mini-Busse) im Einsatz, in den Städten Rickshaws mit Menschenfracht oder als Lastfahrzeuge.

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Shared Taxis – die beliebte und schnelle Alternative zum Bus

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Besonders im städtischen Bereich sehr populär: das Rickshaw

Allen Fahrzeugen gleich ist deren künstlerische Dekoration. Rickshaws weisen auf ihrer Rückseite Bemalungen auf, LKWs werden oft mit religiösen Symbolen “individualisiert” oder mit netten Sprüchen versehen. Was wir schon auf den Philippinen oft gesehen haben, findet sich auch in Bengalen wieder: die Bitte um (göttlichen) Schutz im Straßenverkehr. Die Hinterseite vieler Fahrzeuge fordert zudem andere Verkehrsteilnehmer auf, die Hupe zur Kommunikation zu nutzen und auch den Verstand einzuschalten. Wir fragten uns bei den jeweiligen Fahrweisen, ob der Fahrer je seine eigenen Sprüche gelesen hat; in allem, sie sind vielleicht nicht wirkungsvoll, aber doch unterhaltend. Den besten Spruch fanden wir an einem LKW: “Keep slow: no vacancy in heaven”. Hin und wieder fanden sich auch am Straßenrand entsprechende Aufforderungen, die nicht minder kreativ waren: “Live and let live”.

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Bengalische LKW-Fahrer motzen ihr Fahrzeug gerne mit dem Pinsel auf

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Lebendtransport von Hühnern am Fahrrad in Kalkutta

“Live and let live” ist nicht nur an die Fahrer der Brummis gerichtet, Fußgänger und Radfahrer zu verschonen. Der Lebensraum Straße ist weit mehr, und er wird mit den Anwohnern der Hütten an den Straßen sowie deren Tieren geteilt. Eine Straße ist nicht nur Straße, sie ist auch Arbeitsplatz, Spielplatz, Treffpunkt, Platz zum Trocknen von Feldfrüchten, Futterstelle und Schlafplatz. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Menschen mitten auf der Straße einfach liegen und schlafen, und die Tiere schauen sich das ab. Insofern ist der Autofahrer in Bengalen vielen Hindernissen ausgesetzt, und er muss gut aufpassen, dass er nichts überfährt. Bei dem Durcheinander von Fahrzeugen und Menschen ist es stets nur eine Frage der Zeit, bis es wieder mal jemand oder etwas erwischt. Hunde, Ziegen, Kühe, Hühner, Gänse und Schafe, alles kreuzt und quert die Wege, bringt den Verkehr zum Stillstand, kaum zum Ärgernis der Fahrgäste. “Live and let live” ist das Motto hier und jetzt, praktiziert wird es im alltäglichen Leben.

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Zivilisierter Stau von Taxis

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Straße heißt in Indien auch gleichzeitig kochen und essen

Die Straßen in Assam und auch die kurvenreiche Straße nach Shillong in die “Rock-City” Indiens hat nicht jedem Fahrgast gefallen. Manche kotzten aus dem Fenster, und manche wollten das ewige auf der Achse hüpfen vorbei haben. Auch auf die Abfahrt in die Tiefen an die Grenzen Bangladeshs hätten viele gerne verzichtet, so schien es mir. Ich hatte eine Freude an den Panoramaausblicken. Eine eigene Welt abseits des Brahmaputra-Betts, die Luft klar und frisch, die Hänge dicht und grün. Shillong selbst war dagegen eine seltsame Mischung. Fein zum Ausgehen, aber eine Stadt, die aus halbfertigen Häusern bestand. Es schien, als hätten Bauherren irgendwann einfach eine Pause gemacht, und sich später entschlossen, die Fertigstellung auf irgendwann zu verschieben. Shillong war eine Station, die wir reise-technisch eingehen mussten, und das war auch gut so. Das Kapitel hatten wir schnell abgeschlossen und ließen es hinter uns. Live and let live.

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Früh morgens in Shillong – kaum Verkehr, aber noch Dreck vom Vorabend

Von der 1. Klasse zur indischen Bus-Economy

Unerwartet spät melden wir uns über unseren Blog – und zwar aus Dornbirn. Gestern Nacht von unserer Asien-Reise zurück gekehrt, die Waschmaschine bedient und die Mails sortiert, fassen wir (sehr) langsam wieder Fuß in Vorarlberg. Es gibt sehr viel zu erzählen, und das werden wir in den nächsten Tagen nachholen. Auch wenn fast alles so geklappt hat wie geplant, eines war auf unserer Reise de facto nicht vorhanden: (vernünftige) Internet-Verbindungen. Hin und wieder konnte ich über meinen Telekom-Provider ins regionale Mobilnetz einsteigen und Kurzmeldungen verfassen bzw. unsere aktuelle Position durchgeben. Aber das war’s auch schon.

Die Reise hatte interessant begonnen. Die Verbindung Memmingen – Kaziranga ist schon eine abwechslungsreiche Strecke voller Wechselbäder. Deutsche Bahn, Münchner Flughafen und Quatar Airways – sicherlich die Konstanten dieser Anreise. Erwähnenswert dabei: kein Bayernticket vor 9.00, super-schneller Check-in am Flughafen, und das überraschende Upgrade in die Erste Klasse bei Quatar Airways auf der Strecke Doha nach Delhi. Letzteres hat uns den Flug sehr angenehm gemacht, mit Liegestühlen, Champagner und privater Stewardess. Ein feiner Zug von Quatar Airways, muss man schon sagen! Für jemand, der sonst nie Erste Klasse fliegt, gab es da viel zu entdecken. Die Sitze hatten sogar eine Massage-Funktion, und es gab ein 4-Gänge-Menü.

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Air-Condition à la indischer Reisebus

Die Realität des Reisens in Asiens kam mit der Landung in Delhi: ewiges Warten auf das Gepäck, x-Kontrollen, Schweine-Grippe Check, Pass-Kopie für’s Geldwechseln, und dann das Rennen um den Anschlussflug nach Guwahati, von einem Flughafen zum anderen, um 4.00 morgens im Dunst der Großstadt, des Durcheinanders am Flughafen und der Straßen, Menschentrauben, welche wir nur am Weihnachtsmarkt in Nürnberg oder Salzburg am späteren Abend erleben. So dicht war das Gedränge, mit Taxis, Menschen, Gepäck und Kühen. Irgendwie mit viel Glück, einem Formel-1 Fahrer als Taxilenker und nochmals mit viel Glück erwischten wir gerade noch die Maschine…

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Feines Bike-Design, aber 50kg schwer

Völlig verlassen hingegen der Flughafen von Guwahati. Ein trauriger Anblick verfallender Gebäude und untergehender Landschaften. Das Taxi brachte uns zum Bus, der Bus (6 Stunden, blaue Knie, 1 Klo-Pause) nach Kohora zum Nationalpark. Indien begrüßte uns rußig, dunstig, laut. In Kaziranga hofften wir das Andere zu finden.

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Das Rad als das Transportmittel des “kleinen Mannes”