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Großglockner: ein fast schon urbanes Abenteuer

Beate pendelt nun schon jedes Wochenende nach Lienz. Mich freut’s. Nach dem Großvenediger-Trip steht diesmal der Großglockner auf dem Plan. Während der Eis-Ausbildung auf der Stüdlhütte hatten wir keine Zeit, den Gipfel zu erklimmen oder gar den Stüdlgrat zu nehmen. Stattdessen tauchten wir immer wieder in Gletscherspalten, um wieder selbst herauszukommen.

Während ich also am Freitag den Lehrgang abschließe, von der Hütte bis zum Lucknerhaus (1.918 m) heruntermarschiere und nach Lienz mit der Truppe rückverlege, packe ich schon meine Sachen und warte am Kasernentor für eine Rückkehr auf diesselbe Höhe. Beate holt mich ab, wir fahren über Kals wieder hoch zum Osttiroler Zugang zu den Hohen Tauern. Der 900-Höhenmeter Weg hinauf ist für mich wenig beschwerlich, ich bin bestens akklimatisiert. Es beginnt zu regnen, Wind kommt auf, Sicht ist schlecht. Auf dem Wanderweg ist das wurscht, am Grat nicht.

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am Luisengrat

Die Stüdlhütte (2.802 m) ist voll, der Stress im Speiseraum fühlbar, auch wenn das Essen wie gewohnt ausgezeichnet und reichhaltig ist. Eigentlich der große Pluspunkt. Und die Nähe zum Grat. Die Nacht im Lager ist unruhig. Ein Kommen und Gehen, und die meisten Mitbewohner haben das Zimmerlicht entdeckt und vergessen, was eine Tür zum Gang ist. Um 06.00 brechen auch wir auf, die Stirnlampen braucht es da schon lange nicht mehr. Hinauf zur Schere und weiter entlang am Luisengrat. Wir meiden den Gletscher, um schneller voranzukommen, gehen über den Luisenkopf immer im Felsgelände bis zur Scharte und weiter zum Einstieg in den Stüdlgrat.

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kurz vor dem Großglockner-Gipfel am Stüdlgrat

Von weitem leuchten uns schon die roten und gelben Hardshell-Jacken am Grat entgegen. Mindestens zehn Seilschaften tummeln sich da. Ich sehe mehr Leute als in meiner Straße zuhause. Fast schon ein Flaniermeile-Feeling. Es bläst, die Sicht ist 30 bis 40 Meter, und hin und wieder schneit oder graupelt es. Ich prüfe den Fels, er ist glatt und leicht vereist. Das verstärkt sich noch weiter oben, wo wir vollständig vereiste Platten vorfinden. Da wird der IIIer Grad bald zum IVer und Ver. Zum Frühstücksplatz gehen wir ohne Seil und überholen einige Seilschaften dementsprechend leicht. Danach geht es mit Sicherungspunktanlage weiter, und wir sind zwischen langsamen Seilschaften eingeklemmt. Es wird kälter und eisiger, und manche Gipfelaspiranten haben große Schwierigkeiten, über so manche Passage trotz Hilfsmittel zu kommen. Selbstüberschätzung ist nicht ungefährlich. Von oben und unten werden diese Personen über den Grat geschoben und gezerrt, so dass auch alle es zum Gipfelkreuz des Großglockner packen (3.798 m).

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Absteig zur Stüdlhütte

Die Sicht ist gleich null, und wir verabschieden uns ob des großen Andrangs von der Normalroute aus. Seilschaften wollen nach oben und nach unten, aber oft gibt es nun einen schmalen Weg, das ist dann wie eine einspurige Straßenbaustelle. Leute kämpfen mit ihrer Luft, dann mit ihren Steigeisen, und mit ihren Kletterkünsten. Die Bergführer sind angespannt, wollen schnell hinauf und hinunter, die Seile laufen kreuz und quer, und Seilschaften rasten irgendwo dazwischen ohne zu wissen, wo sie sind. Wir passieren alle diese auf dem Weg nach unten, über den Kleinglockner (3.770 m) bis zum Gletscherleitl, wo es im Schneckentempo nach unten geht. Manche Absteiger werden von oben gesichert herunter gelassen, so schwer tun sie sich beim Gehen im 40° steilen Firn.

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Steinmännle-Garten kurz vor dem Lucknerhaus

Aus dem Nebel taucht die Adlersruhe (3.454 m), wir marschieren weiter über den versicherten Steig und einer kurze, aber spaltengefährdeten Gletscher wieder zur Stüdlhütte, wo wir uns einen Apfelstrudel gönnen. An diesem Tag klart es nicht auf, und unter dem bedeckten Himmel gehts nochmals hunderte Höhenmeter hinab zum Lucknerhaus-Parkplatz.

Großvenediger: Wochenende im Nebel und Wind

Auch wenn man in Österreich zuhause ist, fällt es schwer, so manche Region kennenzulernen. Es gibt so viele, und von Vorarlberg aus ist die Schweiz näher als jede andere Bundesland. Das galt bis dato auch für das Osttirol und die Tauern-Region. Die Gelegenheit kam in Form eines mehrwöchigen Lehrganges beim Österr. Bundesheer, und an den Wochenenden kutschierte Beate unser Büssle nach Lienz.

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hart für’s Kreuz, fein für den Rückweg

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schöner Aufstieg zum Defreggerhaus

Der erste Wochenend-Trip führt ins Virgental nach Hinterbichl (1.329 m), der Ausgangsstation für die Besteigung des Großvenediger (3.666 m). Der etwas oberhalb, im Wald gelegene weitläufige Parkplatz dient gleichzeitig auch als Übernachtungsort. Eine große Gruppe slowenischer Bergfreunde versteht um 06.00 morgens noch nicht, dass ein aufgeklapptes Bus-Zeltdach schlafende Bewohner bedeutet. Erstaunlich auch, dass sie sich um unser Auto gruppieren, das einzige von drei am gesamten Parkplatz. Hut ab vor so viel Rücksicht 😀 !

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super gsi!

Vom Parkplatz fahren wir zunächst mit den Mountainbikes und dem Gepäck auf dem Rücken zur Johannishütte. Die Straße ist schön breit, an manchen Passagen aber auch recht steil. Mit Alpinstiefeln und Hochtourenrucksack läßt es sich aber nicht so locker fahren, wie man es gerne hätte. Dennoch, etwas verschwitzt parken wir unsere Räder bei der Hütte, nehmen den Wanderweg hinauf zum Defreggerhaus (2.960 m). Wir haben keine Eile, dennoch passieren wir viele “gestrandete” Wanderer. Im urigen Defreggerhaus ist aber schon Party. Die Slowenen haben die zentrale Gaststube besetzt und brüllen wie schon in der Früh fröhlich in der Runde. Alle anderen Gäste verdrücken sich in die benachbarten Räume, der Lärmpegel sinkt aber nur merklich. Wir gehen eine Runde mützen, üben nochmals die Spaltenbergung mit der Seilrolle und genießen das feine Abendessen.

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Orientieren im Nebel und auf Gletschern, herausfordernd!

Der Wetterprognose zum Trotz ist das Wetter am nächsten Tag um 05.00 nicht besonders. Dichte Wolken, etwas Regen. Beate ist skeptisch. Ich meine, es klart auf. So oder so, wir wollen dem morgentlichen Hüttenstress entkommen, sind die ersten auf den Felsen oberhalb des Defreggerhauses. Am Gletscherrand finden wir eine breite Spur und folgen ihr, auf das Blankeis und in die Wolken.

Einmal verlieren wir auf dem Blankeis die Spur, müssen eine Viertelstunde auf bessere Sicht warten, dann offenbart sich der Weg, wir navigieren uns weiter, hinauf zum Rainertörl. Der Wind wird stärker, ja böig. Wir sind froh um Handschuhe und dicke Mützen. Wir treffen auf eine andere 2er-Seilschaft, die sich ob der Spaltengefahr an unser Seil hängt. Zum Grat hinauf wird’s wieder steiler, der Wind noch heftiger, die Sicht ist gleich null. Fast schon oben will einer der zwei Seil-Gäste nicht mehr weiter. Bei dem Wind sei das gefährlich. Nicht unrecht hat der Mann, krabbeln wir schon zeitweilig auf allen Vieren vorwärts. Nach einer kurzen Diskussion geht’s dann doch weiter. Wir am kurzen Seil, die Deutschen wollen ohne gehen. Auch recht. Am Gipfel kommen alle an, auch wenn sich so mancher wie auf einem Reitersitz Centimeterweise über den letzten, scharfen Grat fortbewegt.

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bessere Sicht beim Abstieg vom Großvenediger

Am Gipfel wird’s stürmisch. Der Wind, ja, aber auch in schneller Folge aus allen Richtungen eintreffende Großseilschaften. Das Gipfelkreuz ist nicht hübsch, und bevor der Gipfel für alle zu eng und zu recht gefährlich wird, schreiten wir wieder  zurück auf den Gletscher. Ein gutes Dutzend Seilschaften kommt uns entgegen. Teils ohne Steigeisen. Ist nicht lustig, einen Spaltsturz ohne Eisen zu halten. Die Slowenen gehen erst gar nicht hinauf, wie wir später feststellen.

Im Nebel geht’s wieder abwärts, und kurz vor Ende des Gletscherfeldes reißen die Wolken etwas auf. Wir wissen, wir sind auf dem richtigen Weg, und bald am Defreggerhaus vorbei in der Johannishütte bei einem Kaiserschmarren. Und was wir froh waren, den langen Hatsch zum Auto nicht machen zu müssen. Die Bikes warten schon, und wir übersetzen mehrere Wegstellen, die von Muren weggespült wurden. Später, im Virgental, müssen wir wegen weiterer Murenabänge warten. Macht nichts, so haben wir etwas mehr vom Wochenende, bevor Beate wieder ins Ländle zurückfährt.