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Parque National de Cocuy: ein kleines Bergabenteuer am Concavito

Zwei Felsstufen haben wir schon genommen, aber der Schneefall hat nicht nachgelassen. Es ist kalt geworden, der Regen ist in Schnee übergegangen, der nun an unserer durchnässten Kleidung kleben bleibt, gefriert. Der Eispanzer auf meinem Oberkörper wird dick, die Oberschenkel fühlen sich nass an, ein kalter Schauer läuft mir den Rücken hoch. Vor nasser Kälte will ich nicht einmal die Schultern hochnehmen, um meinen Nacken ein wenig zu entlasten. Seit gut zwei Stunden können wir nicht geradeaus sehen, der Niederschlag kommt uns horizontal entgegen. Die Augen brennen. Neben dem Gesicht sind die Hände die ersten ‚Opfer‘ dieses Wetters. Die Handschuhe sind zum Auswinden nass. Die Finger kühlen aus, Taubheit schleicht sich ein, und bald sind sie so steif, dass wir Schnallen und Reissverschlüsse nur mehr gegenseitig bedienen können – mit beiden Händen.

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es geht noch weiter hinauf, im Schneeregen

Der Blick hinauf ist entmutigend. Wir dachten schon, wir hätten es. Aber nach dem ersten längeren Durchstieg einer Felswand finden wir uns auf einem langen Felsplateau wieder, welches auf seinem anderen Ende wieder Felskaskaden offenbart. Enttäuscht haben wir uns auf den Weg dorthin gemacht, Wege gesucht durch das Labyrinth aus Stufen, Kaminen und Geröll. Und nun stehen wir da und schauen hinauf, und diese Seite des Concavito gleicht einer gefährlichen Versuchung. Vielleicht mit ein paar 3er Stellen versehen, bietet die Route durch das sehr exponierte Gelände einen direkten Aufstieg. Wohin, das ist uns nicht klar. Wieder auf einen Grat, der ins Nichts führt? Eine solche Wand ist eine Verführung, weil es die lange Suche beendet. Weil wir vielleicht bald vom Berg können und diesen Verhältnissen entrinnen. Aber die Wand ist nass, voller Schnee, und wir haben nicht die leiseste Ahnung, wie lange wir hier brauchen werden. Die Kälte schleicht in unsere Körper, und mit dem zweiten Satz nasser Handschuhe sind wir am Ende unserer Materialreserven. Ein Notbiwak hier ist schon in unserer Vorstellung extrem unangenehm.

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endlich auch den üblen Geröllhang hinter uns gebracht

Der Blick ist entmutigend, aber irgendetwas treibt uns weiter, und wir umrunden den Turm zur anderen Seite. Wir finden eine Lücke, müssen durch nassen, klebrigen Sand hochsteigen, und nach etwa 20 Metern wieder auf einem Felsplateau nach dem nächsten Durchstieg Ausschau halten. Dieses Spiel setzt sich nun einige weitere Stufen fort, bis wir wieder an so einer unmöglichen Stelle landen, voller Schnee, Eis und Abgründen. Wir schauen uns an und wissen, dass es nun eine Herausforderung sein wird, den Berg wieder zu verlassen. Ein letzter Blick hoch, vielleicht noch 50 Höhenmeter, vielleicht etwas mehr. Unsere Lippen sind blau, die Finger weiss wie gebleicht. In der Bewegung nach unten wird uns nicht warm, aber das Luft holen in 5.000 Meter Seehöhe bleibt weiterhin kein Körperreflex. Vorsichtig und langsam geht es nun über glatte Felsen wieder zurück, und wir brauchen eine Weile, unsere Aufstiegsspur zurückzuverfolgen. Es ist sehr kalt geworden, und voller Sehnsucht denken wir an unsere Schlafsäcke im Basislager am Lago Grande, nur wenige Kilometer entfernt. Bogota ist sehr weit weg.