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Middle Cottonwood: Powdern und marschieren

Unsere Tage in Bozeman sind vorüber. Am späten Nachmittag kehren wir vom Hyalite Peak zu unseren Couch-Gastgebern Corey, Quinn & allen anderen Mitbewohnern der Männer-WG. Das ist wieder so eine Couchsurf-Klassiker. Ein Haus voller Zeugs, ein angehender, vom Schulalltag gestresster Krankenpfleger, ein freiberuflicher Marihuana-Cookie-Bäcker und ein Chicago Blackhawks Fan, der seine Freizeit hinter der Spielkonsole verbringt. Dazu zwei Hunde, und jede Menge Freunde, die das Haus häufig frequentieren.

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Blick hinaus aus dem Middle Cottonwood Canyon

Über Nacht fällt Schnee, auch in der Stadt. Wir kratzen Scheiben, und fahren hinaus in die Bridge Mountains. Die Straßen sind schneebedeckt, und abseits nicht geräumt. Wir haben mit dem Büssle gerade noch genug Spiel, um vorwärtszukommen, müssen dann aber auf einer abschüssigen Straße Ketten anlegen – zuviel Blankeis unter dem Schnee. So üben wir etwas mit den für uns neuartigen US-Schneeketten, bevor wir endlich in den Middle Cottonwood Canyon aufbrechen. Ich hoffe, dass der starke Schneefall in den Bridge Mountains die Verhältnisse von letzter Woche (Truman Gulch) wesentlich verbessert hat. Der Anstieg ist zwar angenehmer, trotzdem müssen zahlreiche Bäche gequert und viele Umwege um Büsche und dichte Baumreihen in Kauf genommen werden. Wir kommen langsam voran, und irgendwann schlüpfen wir aus diesem engen Canyon auf eine Alpfläche, die mehr Wahlmöglichkeiten verschafft. Wir entscheiden uns wegen der erheblichen Lawinengefahr (Stufe 3) für eine konservative Linie, die dennoch Fahrspass erlaubt. Es wird ein Aufstieg entlang einer von Baumreihen gesäumten Linie. Die Pause ist kurz, denn der Abstieg wird lang. Nicht so die herrliche Abfahrt, aber der lange Marsch wieder raus aus dem Canyon – kaum zu fahren und mit zu vielen Felsen und Wurzeln bespickt.

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schöne, pulvrige Hänge

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super gsi!

Am Nachmittag machen wir uns dann auf dem Weg, zurück nach Bozeman, und dann hinaus, in den Süden, entlang der State 84 durch eine beeindruckenden Landschaft. Regen, Schneefall, Nebel, alles haben wir während der drei Stunden Autofahrt. Irgendwann drehen wir bei, in Tetonia, ein Parkplatz, ein Abendessen, etwas Radio und Literatur, und um acht sind wir längst im Schlafsack. Wir wollen in die Tetons.

Hyalite Peak: der andere Bozeman-Klassiker

Die Skitouren-Tage um Bozeman gestalten sich derzeit optimal – niedrige Lawinengefahr, frischer Pulver und keine Leute auf “unseren” Gipfeln. Nach dem Mount Blackmore ist der Hyalite Peak (3.146 m) der zweite große Klassiker südlich der Stadt. Auch diese Tour führt zunächst mit dem Wagen hinauf zum Hyalite Reservoir, dann noch ein paar Kilometer weiter südlich des künstlichen Sees. Wir kennen den Parkplatz (2.095 m) schon von unseren Eisklettereien an den Genesis-Eisfällen. Ohne Hektik frühstücken wir im Büssle und gehen dann auf die 24 Kilometer (hin & retour) lange Tour.

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unser langer Zustieg entlang des Hyalite Creek

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das Talende kommt in Sicht

Schon allein die Distanz diktiert eine gewisse Flachstrecke, die sich den ganzen Hyalite Creek entlang zieht, kurz bevor man zum Hyalite Lake hoch zieht. In flotten Kehren machen wir die notwendigen Höhenmeter, um endlich im Talschluss anzukommen, und den Hyalite Peak zum ersten Mal ins Auge zu fassen. Ab hier wird die Windjacke notwendig. Die Nordseite des Hyalite Peak ist felsig, aber der kleine Sattel westlich davon macht einen guten Eindruck. Über diesen Sattel steigen wir letztlich auch zum Skidepot, und dann zu Fuß zum abgeblasenen, flachen, windumkämpften Gipfel auf. Interessanter ist der Sattel, denn seine Krümmung und seine Wind-abgewandte Seite machen ihn zu einer überdimensionierten, auf einer Seite abfallenden Halfpipe, die oben von einer nicht allzu kleinen Wechte abgeschlossen wird.

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Hyalite Peak (li)

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vom Hyalite Peak Fußmarsch retour zum Skidepot, der Sattel mit der mit Pulver gefüllten Nordabfahrt (Bildmitte)

Die Abfahrt ist entsprechend pulvrig, wenn auch durch das fahle Licht die Schneedecke nicht leicht zu lesen ist. Am besten ist es wieder im bewaldeten Gebiet, wo der Pulver tief, trocken und leicht liegt. Es kostet kaum Anstrengung, die Nadelbäume zu umfahren und sich ständig neue Passagen für ein Durchkommen in Sekundenbruchteilen auszusuchen.

Mount Blackmore: Pulvertag in der Gallatin Range

Es fällt Schnee, spärlich, aber ständig, und das genügt, bei etwas frischem Wind von West, eine hübsche Pulverdecke in windabgewandte NO-Hänge zu bilden. Nach mehr als sechs Tagen Skitouren-Pause für Beate ist die Blase am Innenfuss schon recht gut verheilt, und mit extra-Tape und altem Innenschuh geht’s nach zwei Tagen Eisklettern im Hyalite Canyon wieder mit den Ski in die Berge. Unser Ziel: Mount Blackmore (3.095 m) in der Gallatin Range, unweit des Hyalite Reservoirs (2.042 m).

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abgeblasene Westhänge

Die Route ist, orientierungstechnisch, sehr einfach. Dem recht breiten Wanderweg 324 folgend, meist durch dichten Wald, bis zum Blackmore Lake. Von hier geht es etwas steiler, dem Blackmore Creek nach, in einen Talabschluss, der vom Elephant Peak und dem Mount Blackmore bewacht wird. Anstatt über den steilen Anstieg zum Sattel zwischen den beiden Häuptern aufzusteigen, steuern wir direkt von Ost über einen bewaldeten Rücken auf den Gipfel des Mt. Blackmore zu.

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windumkämpfter Ostgrat zum Mount Blackmore

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sehr gute Tourenbedingungen am Mount Blackmore

Am Grat selbst bläst der Wind mit zunehmender Geschwindigkeit, aber auch am Gipfel ist es relativ gemütlich. Die Wolkendecke zieht sich zusammen, und im böigen Wind fahren wir bei bestem Pulver zum Blackmore Creek ab. Sehr fein, mal sehr locker den Berg herunterzukurven. Der Weg zurück zum See und später zum Parkplatz ist zwar lang, aber wir machen dank der guten Bedingungen schnelle Fortschritte, ohne die Kontrolle in der engen Waldabfahrt zu verlieren. Mehr Schneefall ist angesagt, der Winter kommt nach Bozeman zurück.

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die wilde Gallatin Range

Eiskletter-Training im Hyalite Canyon

Unsere Tage in Bozeman laufen gut – eine erste Skitour in den Bridge Mountains, Dylan und Brian als sehr nette und lustige Couch-Gastgeber, und dann die ersten Eiskletter-Routen für Beate überhaupt. Bozeman ist eines der besten Eiskletter-Reviere in den USA, und für einen Start in dieser neue Bergsport-Dispziplin sehr dankbar. Einfach zu erreichen, kurze Zustiege und viele Routen in allen Schwierigkeiten.

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gelungener Start für Beate’s Eiskletterei

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glücklich, weil wieder im Steileis…

Für Beate ist es ein Kennenlernen. Die Tools, die Bewegungstechnik im Eis, das etwas andere Klettern. Wir machen einige Runden und klettern an zwei Tagen über 15 Seillängen. Die leichten Routen sind für Beate bald kein Problem, also gehen wir etwas steiler. Man merkt den leichten Unterschied von wenigen Grad sofort, und das macht die Unterarme, besonders im Vorstieg, recht pumpig. Ich denke, Beate hat es gefallen, und sie wird ihre neuen Steileisgeräte behalten. Jetzt heißt es, längere und steilere Routen zu gehen, selbst vorzusteigen und dann auf Mehr-Seillängen-Routen umzuschwenken. Denn hier beginnt das alpine Eisklettern, wo meist das Wasserfall-Eisklettern aufhört.

Truman Gulch: Ein Jahr mit den Ski unterwegs

Die letzten Tage waren ein Spiegelbild des letzten Jahres. Ein Jahr Skibergsteigen, eine Runde um den Pazifik. In den Sawtooth Mountains in Idaho sind die Bedingungen nicht einfach. Lange Zustiege, viel Wald, Pulverschnee in Miminaldosis. Beate verpasst die letzten zwei Touren am Williams Peak dank einer fetten Blase am rechten Innenfuss. Solo durchstreife ich die Wälder, Grate und Seen. Und wieder geht irgendein Teil kaputt: vor einigen Tagen die Kamera (da fällt doch glatt aus dem Innengehäuse (!) eine winzige Schraube zwischen Linse und Kamerakörper heraus, blockiert die Focusmechanik und macht sie letztlich unbrauchbar), dann macht sich einer der Stockteller davon, und später erfahre ich, dass Beate Puffy-Jacket einen ordentlichen Riss erhalten hat. Zurück aus dem verträumten Stanley, besorge ich in n Idaho-Hollywood Ketchum den Schneeteller, dann suchen wir uns eine heiße Quelle. Die halbe Stunde im heißen Naturbecken, umgeben von Wald und Schnee, tut unendlich gut. Sauber und aufgewärmt schauen wir bei unseren Freunden Madi und McClain vorbei. Wir kennen uns von einer Bootsfahrt in der Halong Bay (Vietnam). Die beiden sind genauso skiverrückt wie wir, und wir machen Pläne für Wyoming. In dieser Nacht wird geplaudert, getrunken und in einem großen Bett übernachtet. Erst in der Früh machen wir uns dann wieder auf den Weg, zunächst nach Idaho Falls, später ins hübsche Butte in Montana, und letztlich nach Bozeman, unserer Basis für die nächsten Tage.

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Blick über den Truman Gulch auf die Eben nördlich von Bozeman, Montana

In den Truman Gulch gehe ich wieder alleine. Der Canyon ist zu Beginn sehr vereist, erst später, dort wo die Sonne und der Wind dem Schnee nicht allzu viel anhaben können, finde ich viel Schnee, teils harschig, teils pulvrig. Ich suche mir irgendeinen der vielen engen und steilen Rücken aus, den ich bis zum Grat (2.621 m) erklimme. Der Wald ist licht genug, um ihn zu befahren, und es macht ausdrücklich eine Menge Spaß, im Pulver steilen Slalom zu fahren. Zum Büssle laufe ich dann wieder eine Stunde mit den Ski am Rücken, den Eiskanal wage ich nicht zu befahren.

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am Grat, Blick zum Saddle Peak

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überraschend gute Abfahrt, wenn man Pulver sucht

Das Jahr ist unheimlich schnell vergangen. Das zweite Jahr beginnt. Es könnte ewig so weitergehen. Öfters erwische ich mich, wie ich in Gedanken an einer Fortsetzung der Reise bastle. Es könnte immer so weitergehen.