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Winterlandschaften

Der Schneefall der letzten Nacht bringt doch mehr Schnee als erwartet. Und es schneit den ganzen Vormittag, zumindest im Montafon. Mit Martin und Petra aus Schruns ziehen wir eine Spur von Latschau zur Lindauer Hütte (1.744 m). Heute sind wir eher gemütlich unterwegs, die Sicht ist bescheiden, die Lawinengefahr beträchtlich. Da bietet sich ein Mittagessen in der Hütte an. Wer weiss, wann es wieder so etwas wie Knödel, Kaiserschmarren oder Flädlesuppe gibt. Wir haben noch drei volle Tage vor RoF, die Uhr tickt.

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tief winterlich im Gauertal

Der Tag bleibt schön: die Abfahrt hat soviel Neuschnee, dass wir ums Vorwärtskommen kämpfen. Und werden zum Kaffee bei Martin und Petra eingeladen. Die Aussicht auf die Zimba und die Drusenfluh beeindruckt uns. Und die Gastgeber ebenso.

Silvrettahorn: dunkel, windverblasen, von Wechten bewacht

Die Einsamkeit, die wir gesucht haben, gab es auf der Hütte nicht. Dafür interessante Gesprächspartner aus den Niederlanden. Wie sich im Laufe des Abends herausstellt, Bergsteiger von Format. Da können wir uns einiges abschauen. Wir teilen Tisch, Stube, Geschichten und das Essen. Auch wir bringen etwas von Adventure Food mit. So wird der Abend kurzweilig. Derweil pfeift der Wind draußen immer stärker, Wolken nebeln die Gipfel um uns herum und unsere Tour auf das Silvrettahorn ist fraglich.

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Aufstieg zur Wiesbadener Hütte

Am Nachmittag sind wir von der Bielerhöhe (2.036 m) zur Wiesbadener Hütte (2.443 m) aufgestiegen. Die Verhältnisse hier sind erschreckend. Keine durchgehende Schneedecke. Apere Berghänge. Offene Bäche und ein offener Stausee. Der Aufstieg ist leicht und wir observieren mehr die Gegend als dass wir uns um den Weg Gedanken machen. Als wir ankommen, ist die Stube schon warm, das Wasser kocht und wir schlagen unser Lager auf.

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Sturmböen über dem Ochsentaler Gletscher

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Auf allen Vieren hinauf zum Silvrettahorn

Der nächste Morgen ist weniger einladend. Die Wolken geben die Bergspitzen nicht preis. Ein starker Südwind bläst uns entgegen, gegen den Windchill gewappnet starten wir zur Grünen Kuppe. Unsere Hüttenmitbewohner gehen zur Dreiländerspitze. Überall Steine, rutschige und abgeblasene Hänge. Wir finden einen Weg hinauf, dann hinunter zur ersten Traverse auf den Gletscher. Die Spalten sind teilweise offen, teilweise leicht zugedeckt. Die Querung gelingt, wir steigen steil entlang des Randgletschers zur Ebene unterhalb des Piz Buins. Die Sicht ist miserabel, aber wir wissen, wo es lang geht. Rechter Hand nehmen wir eine lange Rampe zum Sattel unterhalb des Silvrettahorns (3.244 m). Im Windschatten eines Gendarmen platzieren wir unser Skidepot. Die Kraxlerei nach oben zieht sich, ist aber nicht besonders anstrengend. Mit Pickel geht es sicher hinauf. Am Gipfelkreuz zieht es gewaltig, und wir machen, dass wir wieder herunter kommen. Erst am Skidepot gibt es endlich Mittag – Nussstollen und Tee. Und ein Blick auf den Silvrettagletscher.

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böig, dunkel

Die Abfahrt wird zunächst eine reine Wegsuche. Dann unterhalb des Gletschers ein ständiges Stein-Vermeiden & Stein-Aufschlagen Spiel. Nicht wie oft wir über Steine donnern ist die Frage, sondern ob die Skikanten es überleben. Erst ab dem Snowcat-Weg zur Wiesbadener können wir es etwas laufen lassen, oder noch besser, die Felle wieder aufschnallen und um den Stausee wieder zurück eilen. Der Wind hat unsere Gesichter rot gefärbt, und die vielen Felsen Narben auf unseren Ski hinterlassen.

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ein romantisches Plätzle unter dem Silvrettahorn

Sarotlaspitzen: Einsame Seelen

Ich kann mich an den Morgen nicht mehr genau erinnern, weiss nur, dass der Kaffee seine Wirkung tat und ich wenig essen konnte. Das Aufstehen fiel nicht leicht, Nebel und Dunkelheit da draussen, mit Rucksack, Ski und den Rest hinaus stolpernd, das Auto setzt sich in Bewegung, es geht ins Montafon. Ein ruhiger Sonntag für mich. Ski ausladen, Auto absperren, sich durch Tschagguns (692 m) ins Gampadelstal wurschteln – durch Hecken, über steile Wiesen, Ski geschultert durch Straßen, die noch keinen Schnee bieten. Es ist ruhig, nur ein Hund bellt.

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Nur die Spur zeugt hier von meiner Existenz

Die Ruhe bleibt, den ganzen Tag. Die Tschaggunser Mittagsspitze schaut auf mich herab. Ganz allein ziehe ich eine Spur, zunächst recht einfach entlang des Güterwegs bis zum Stausee Fischkaller (1.572 m). Es ist so leise, dass nicht einmal die Gemsen, die zum Fressen in die Niederungen kommen, mich wahrnehmen. Ich bleibe drei Meter hinter ihnen stehen, schaue, pfeiffe, sie schauen, sie pfeiffen, und weg sind sie. Der Schnee wird nun tiefer, und an der Engstelle des Tilisunabachs wähle ich den weiten Umweg des Fahrwegs – die Alternative und die eigentliche Route scheint mir nicht gangbar. Wie ich später während der Abfahrt feststelle, müsste es mit etwas Murcksen gehen. Man spart sich jedenfalls eine Menge Meter. Denn die langen Serpentinen sind flach und enden in einem kleinen Tunnel. Einige Meter sind stark eingeweht, der Weg wie verschwunden. Entlang der Südwand des Tilisuna Seehorns schleiche ich mich zur Tilisuna Alpe (1.996 m) für eine willkommene, kurze Rast. Tee, Früchtebrot, Mandarine. Das ist es, und mehr braucht’s nicht. Was folgt ist ein Labyrinth aus Kuppeln, Gräben, Durchgängen und Steilrinnen. Ich nehme sie alle, immer das Ziel im Auge, verliere hin und wieder etwas Höhe, aber letztlich biege ich in das letzte Seitental nach Süden ein, sehe meinen letzten Anstieg, der sich nun in der Sonne von seiner besten Seite zeigt. Der Plasseggenpass (2.354 m) liegt westlich nun unter mir, als ich die letzten Meter erklimme (ca. 2.530 m) und ein Sonnenplätzchen aussuche.

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Blick auf die Weißplatte und Sulzfluh (rechts)

In aller Ruhe entwickelt sich diese Gipfelrast. Mein Blick geht in die Ferne, ich versuche etwas zu hören, aber da ist nichts, außer dem Strohhalm am Boden, das der Wind auf dem Eis dreht. Ich höre einen Strohhalm. Und später, als die Stille immer gewaltiger wird, bekommen gar Gedanken Geräuschcharakter. Es ist völliger Stillstand hier oben, diese Berge haben die Einsamkeit gepachtet, sind einsame Seelen und ich geselle mich zu ihnen. Ich staune, dass es in Vorarlberg solche Plätze gibt und schnalle meine Schischuhe für die Abfahrt zu. Es geht abwärts, schnell, der Schnee trägt gut. Pulver, hab ich das schon erwähnt?   Die Einsamkeit ist vollkommen hier. Ich und das Bergpanorama, ich lasse die Ski laufen; nehme die Stöcke in eine Hand, schaue mich um, während die Ski mich nach unten chauffieren. Ich bin ein Teil dieser Berge, zumindest für diese Stunden, jetzt.

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Ein Blick für die Ewigkeit – rechts ins Valzifenztal, links ins Vergaldatal

Breitfielerberg: Combat Back Country Skiing

Traue nie einem Skiguide. Regel Nummer 1 einer Skitourenplanung. Weil: die Autoren sind die Touren entweder gar nie gegangen oder vor ewiger Zeit. “Ewig” meint, dass der Wald Zeit hatte nachzuwachsen. So geschehen heute. Die erwähnte Schneise im Aufstieg von Partenen (1.050 m) zur Bergstation Tromenier (1.732 m) sollte eine alte Pistenabfahrt sein. Ja, da ist schon eine. Aber was für eine. Jungwald. Baumstümpfe, Tobel-artige Kaskaden. Den Aufstieg legen wir bald auf eine andere Route, versuchen uns durch andere, schmalere Schneisen nach oben, legen irgendwann einmal die Ski auf dem Rücken und stampfen hoch zur Bergstation. Manchmal hüfttief, manchmal durch Sträucher und über Felsen.

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einsam am Breitfielerberg

Von dort geht’s zunächst zick-zack durch die Lawinenverbauungen, und später in die freie Wildbahn oberhalb der Baumgrenze in eine bucklige, steile Schneewelt. Wir spüren noch das Crossfit-Training von gestern abend, aber die Hänge schauen einfach zu gut aus hier, und die Sonne scheint prächtig. Also über Ost auf eine Anhöhe, und dann durch teilweise glatte, abgeblasene Passagen kurz unter den Gipfel des Breitfielerbergs (2.417 m) zum Skidepot. Es ist hier oben sehr felsig, da der Wind den Schnee herausgeblasen hat. Skidepot-Rast, Blicke zum Vermuntstausee und Hochmaderer, dann Abfahrt. Zunächst etwas dünne Decke, später aber in den Mulden reichlich Pulver, hin und wieder Steinkontakt. Die besten Passagen folgen von ca. 2.200m bis etwa auf Höhe der der Bergstation Tromenier. Reichlich kuppiertes Gelände, super Turns, genügend Steilheit, und feiner Schnee.

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Ski-Depot, hinten naht die Schlechtwetterfront

Eine kurze Einfahrt in die Schneise der alten Abfahrt ist eine “Sackgasse”. Das Gelände ist fast zugewachsen, mühsam zu begehen. Wir wählen den Wanderweg als Abstieg, tragen die Ski gute 300 Höhenmeter hinunter durch aperen Wald, bis wir wieder auf einen breiten Weg stoßen, den wir abfahren können, direkt bis zur Talstation. Zwei-Meter Sprung vom Hang über eine Stützmauer rundet diese sehr kampfbetonte Route ab. Wie vermutet, waren wir die einzigen in der Gegend. Schön für uns.

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Traum-Abfahrt, und dann kommt das Combat-Gelände

Riedkopf – erster Skigipfel einer potentiell langen Saison

Im Tal grau, Beate in Graz, und ich mit Arbeit eingedeckt. Nicht so am Sonntag, denn direkt vom Bludenzer Bahnhof schnappe ich mir Beate und wir fahren hinauf nach Gargellen (1.423 m). Der Nebel lichtet sich, der Blick ist frei für schneebedeckte Berge. Das schaut gut aus, und wir werden nicht enttäuscht. Bereits 2009 dienten uns diese Hänge als Übungstouren, damals kamen wir bis zum St. Antönienjoch (2.379 m). Heute steigen wir auf der schweizer Seite zum Vorgipfel des Riedkopf (2.552 m) hoch, lassen unsere Ski zurück und balancieren am Grat zum Gipfelkreuz.

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Aufstieg zum Riedkopf

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Am St. Antönien Joch

Am Gipfelkreuz dann eine merkwürdige Begegnung: ein Gams-Kitz dreht sich wie wahnsinnig um die eigene Achse, wieder und wieder. Und es nimmt uns nicht wahr, zumindest läuft es nicht davon, als wir uns auf fünf Meter annähern. Die Gams ist wie verwirrt. Wir steigen ab und wissen, diesen Winter wird das Tier so nicht überleben. Bei der Abfahrt treffen wir auf den Jäger, der mit Ski und Hund schon zum Joch hinaufsteigt. Auf unsere Frage meint er, das Tier ist gemsblind. Manchmal heilbar, manchmal nicht. Er schaut sich das mal aus der Nähe an.

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über den Grat zum Riedkopf

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das verwirrte Kitz am Gipfel

Die Abfahrt ist in den meisten Passagen Pulver pur. Weiter oben gab’s Schmelzharsch, weiter unten feuchten Schnee. Die Beine spüren aber jeden Meter. So ist das zu Saisonstart. Aber was will mehr von einem Novembertag: Sonne, Wärme, Pulver!

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herrlicher Pulver

Davenna im Laufschritt und in Wolken

Das etwas wechselhafte Wetter hindert uns daran, eine letzte größere alpine Unternehmung durchzuführen. Zuhause herumsitzen geht schon gar nicht, deshalb gehört der Sonntag wieder einmal einem Run & Hike Ausflug. Diesmal: auf die Davenna (1.881 m). Direkt hinter Lorüns und über der Ill-Brücke (ca. 600 m) starten wir bei der Unterquerung der Montafon-Bahn im gemütlichen Lauftempo. Hier ist die Straße breit und trocken und schlängelt sich sehr bald durch den Wald bis zur Materialseilbahn für die Alpe Valleu. Aber hier wird der Weg schmal und steiler, manchmal ist ein Laufen nicht mehr möglich. Der Wald taucht immer wieder in Nebelschwaden, die Szenerie wirkt dunkel und friedlich, denn wieder einmal sind wir die Einzigen hier.

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Blick auf Bludenz von der Davenna

Ab der Alpe Valleu (1.238 m) wird’s nochmals steiler und richtig nass. Wir schreiten hier nurmehr durch kniehohes Gras, bis der Weg von Latschen umsäumt wird. Hier läuft’s sich wieder leicht, denn der Boden ist griffig. Wir reden nicht viel. Jeder konzentriert sich auf seine Schritte, und das ist auch die beste Methode, gegen Monotonie oder Willensschwäche anzugehen. Bald erreichen wir einen kleinen Sattel, und nach ein paar Metern auf und ab gelangen wir zur Davenna (1.881 m). Eigentlich ein recht unbekannter Gipfel, würde ich meinen, aber bei dieser Aussicht auf das Walgau und das Klostertal völlig zu Unrecht. Wir machen kehrt, laufen zurück Richtung Itonskopf und kommen beim Zwölferkopf (1.843 m) praktisch vorbei, den wir auch schnell besteigen.

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am Zwölferkopf

Der Lauf hinunter ist ein vorsichtiges Traben, denn der Weg ist nass und entsprechend rutschig. Eine Gams läuft uns über den Weg, später auch zwei-drei Wanderer. Die Wolken bleiben, und wir fahren. In jedem Wetter lässt sich etwas machen, denke ich, anpassen muss man sich, auch wenn die Davenna nicht das große Abenteuer verspricht.

Valschavieler Maderer: Geniale Tour im Verwall

Das längere Wochenende hatte es wahrlich in sich: am Samstag die Drusenfluh via Blodigrinne, am Sonntag im Schlechtwetter auf die Schafwies, und heute die Draufgabe: der Valschavieler Maderer. Das ist auch so ein Berg, denn man nur an wenigen Tagen im Jahr gehen kann – die Hänge sind risikoreich. Aber da bei uns in Vorarlberg momentan optimale Tourenbedingungen herrschen, pickt man sich die Rosinen…

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unterhalb der Bizul-Alpe erstmals in der Sonne

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der Westgrat des Valschavieler Maderer

Von Gaschurn (979 m) starten wir noch im Dunkeln – wir marschieren zunächst die Straßen hoch bis zum Waldweg ins Valschavieler Tal. Der Weg hat genau die richtige Steigung, um schön langsam auf Touren zu kommen. Bevor wir zum Maisäß (1.480 m) kommen, müssen wir die Ski bereits zwei Mal abnehmen: eine Bachquerung und ein verschütteter Weg. Überraschend zahm dann der Aufstieg vom Maisäß durch den Wald hinauf zur Bizul-Alpe (1.824 m). Die Sonne scheint bereits auf die Ost- und Süd-Hänge, die Morgenkälte verfliegt und wir steigen weiter hoch Richtung Wörmser Höhenweg. Am Ausläufer des Westgrats des Maderer (ca. 2.250 m) müssen die Skier wieder ab: eine hohe Wechte versperrt uns denn weg, wir müssen uns wieder einmal durchgraben (wie an der Schesaplana).

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um die Ecke ins Maderertäli

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sehr steiler Hang am Westgrat

Nun sehen wir zum ersten Mal “um die Ecke”, die Hänge sind steil und eigentlich unbefahren, bis auf eine Spur, die von Westen heraufkommt. Wir queren steile Hänge, drehen ein in das Maderertäli und nutzen die angelegte Spur am rechten Rand des Täli zum Aufstieg. Dieser Hang ist bei einer anderen Schneelage sicher extrem heikel. Wir haben keine Probleme hier, und weiter oben brauchen wir nicht mehr allzu lange bis zum Skidepot an der nördlichen Schulter des Valschavieler Maderer. Von jetzt an geht es über einen felsigen Grat hinauf zur Spitze, wir klettern vorsichtig, ein Ausrutscher wäre eine 200m-Abfahrt über Klippen. Wir kommen gut nach oben, und auch wieder nach unten. Die Fernsicht vom Gipfel (2.769 m) ist gewaltig.

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der Gipfelgrat zum Valschavieler Maderer

Die Abfahrt wird wieder ein Leckerbissen. Zunächst im Täli schöne Pulverhänge im Schatten, dann aber auch die Südhänge gar nicht schlecht, bißchen schwerer aber trotz allem pulvrig. Und dann natürlich die Abfahrt durch den Wald bis nach Gaschurn – schöner, tiefer Pulver! Grandiose Tour für alle, die Einsamkeit und Herausforderungen lieben.

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eine der vielen Belohnungen bei der Abfahrt…