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Kootenay Pass: Tiefer Winter, dann Frühling

‚Mel Gibson ist Australier, Arnold Schwarzenegger ist Österreicher. So merke ich mir den Unterschied zwischen Australia and Austria‘, erklärt uns der Grenzbeamte an der US-Kanadischen Grenze, gibt uns wieder unsere Pässe und wünscht uns eine gute Reise. Wir sind wieder in Washington, auf dem Weg nach Spokane.

Nach unserer Tour am Vermilion Peak kehren wir bei Rob in Invermere ein. Rob ist ja ein Bergkamerad von den Wapta Icefields, und so lernen wir seine Familie kennen. Es gibt allerhand auszutauschen, und wir werden kräftig mit neuseeländischer Bergliteratur versorgt. Und mit Geschichten über Conrad Kain, der vielleicht bedeutendste Bergsteiger des frühen kanadischen Alpinismus. Bei uns sehr unbekannt, genießt der aus Nasswald stammende Bergführer und Alpinist in British Columbia Kultstatus. Sein Denkmal steht in Invermere, wo er seine letzten Jahre verbracht hat.

Nach dem Abendessen fahren wir alle in die Fairmont Hot Springs. Wir zahlen keinen Eintritt, die Dame an der Kasse lässt uns kostenlos herein – das Bad schließt in fünfzehn Minuten. Zeit genug. Eine weitere kleine Episode kanadischer Gastfreundschaft und Kundenorientiertheit. Eine kostenlose Reepschnur, weil ein Preis nicht angeschrieben ist. Zwei Dosen Bier an der Windschutzscheibe, weil wir uns im White-out auf den Mt. Hector wagen. Gratis Kaffee, weil das kostenlose (!) WiFi im Lokal nicht funktioniert. Yep!

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am Kootenay Pass

Am frühen Morgen brechen wir nach Süden auf. Es schüttet, die Straßen sind voll mit Wasser und das konzentrierte Fahren ist ermüdend. Drei Stunden und eine letzte Kaffeepause bei Tim Hortons später stehen wir am Kootenay Pass (ca. 1.700 m). Es schneit dicke Flocken, der Straßenpflug fährt die Passstraße auf und ab und wir entscheiden uns, das Auto zu verlassen und uns die Beine zu vertreten. Es wird eine Mini-Tour zu einem nahe gelegenen Pass. Tiefer Winter hier, tiefer Schnee. Auf der Fahrt nach Süden wird es dann immer frühlingshafter, und kurz vor Spokane blüht dann schon fast jeder zweite Baum.

Jetzt horten wir wieder einige Vorräte, unser Bus ist fast leer gegessen. Wir bringen uns in Stellung, die North Cascades warten auf uns. Die großen Vulkan-Gipfel, die mit den berühmten Namen. Wir wechseln nun für die nächsten Wochen definitiv in das Fach des Skibergsteigens, das Seil wird zur fixen Größe im Rucksack. Es wird nun eine Spur ernster.

Vermillion Peak: Durch den Lawinenstrich zum Spiegelei-Sandwich

Es kracht, es donnert, wir blicken hinüber, etwas links, dann etwas rechts, und dann sehen wir es, wieder eine dieser dunklen, trägen Feuchtlawinen, die sich vom Fels löst oder darüber liegenden Wechten fallend ausgelöst wird. Es ist Frühling, es ist warm, und wir hören dieses Geräusch den ganzen Tag lang, bis wir den Paint Pot Parkplatz nahe des Vermilion Pass verlassen.

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Das Tagesziel in Wolken – Vermilion Peak über den Lawinenstrich

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Beate in der Lawinenbahn

In der Nacht regnete und schneite es leicht, am Morgen ist der Himmel tiefblau mit einigen tiefhängenden Restwolken. Wortlos machen wir uns auf den Weg (1.200 m), es ist eine etwas leichtere Tour, und so fängt es an, die ersten 1500 m einfach nur flach. Beate gähnt unaufhörlich. Dann kommt der Lawinenstrich, in den wir einbiegen. Und nicht mehr verlassen. Denn das eigentliche Aufstiegsgelände scheint uns unangenehm: harter, rutschiger Schnee. In der Lawinenbahn können wir zumindest schnurstracks, wenn auch steil, auf harter Piste aufsteigen.

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Die Reste des großen Waldbrandes von 2003

Der Lawinenstrich verengt sich an einem Felsband, das wir zu Fuß überwinden, und weiter geht’s mit den Ski gegen den Westhang. Der Schnee bleibt hart, und so auch wir in der Bahn, die wir in gut zwei Stunden durchsteigen und uns dem Sattel südlich des Vermilion Peak nähern. Wir nehmen wieder mal eine Abkürzung, steil, hoch, und dann Skidepot unterhalb des Grats. Wir erklimmen diesen in etwa 30 Metern, dann setzen wir jeden Schritt sehr vorsichtig entlang des Grats bis zum Gipfel des Vermilion Peak (2.620 m): der Grat ist mächtig überwechtet.

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Der Gipfel des Vermilion Peak sehr nah

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wir umgehen riesige Grat-Wechten großzügig

Die Abfahrt ist überraschend gut. Die Sonne weicht den Westhang schon gegen 11.00 leicht auf, so dass wir oben noch Pulver und in der Mitte etwas nassen Lockerschnee haben. Der Lawinenstrich bleibt hart, und wir passieren entsprechend flott die mehreren Hundert Meter Abfahrt bis zum Flachstück, und mit den Fellen zurück zum Parkplatz. Die Sonne trocknet unsere Felle und Innenschuhe, und es gibt ein Spiegelei-Sandwich. Es donnert wieder irgendwo in einem Südhang, Schnee, Geröll, während ich einen Bissen nehme. Schmeckt hervorragend.

Storm Mountain: Weltklasse-Kulisse, erstürmt

Wir verbringen einen ruhigen Abend in Banff. Das Recreation Center hat bis zehn Uhr abends geöffnet, und wir nutzen die Gelegenheit, unsere Geräte in der Lounge aufzuladen, gemütlich im Web zu recherchieren und einen Kaffee zu trinken. Das Training im Fitnesscenter hat nach der Morgen-Tour am Fairview Mountain gut getan, genauso wie die heiße Dusche. Auch die Nacht ist ruhig, am Parkplatz bei den Hot Springs in Banff.

Wir verlassen die Stadt, die jeden Sommer von Touristen überschwemmt wird. Jetzt ist Zwischensaison, alle Vorbereitungen auf das Geschäft des Jahres laufen. Wir hingegen gelangen über den Highway 93 und den Vermilion Pass in den Kootenay National Park. Kurz nach Acht stehen wir auf den Ski auf der kleinen Brücke über den Stanley Creek (ca. 1.600 m). Wir folgen dem vor kurzem abgebrannten Wald nach Osten, bis sich ein kleines Tal im Westen öffnet. Entlang einer angelegten Feuerschneise und später durch teils dichten Wald kommen wir gut voran. Wir entdecken das Bachbett, welches gut zugeschneit einen idealen Pfad durch die Vegetation bietet. Auf Wasserlöcher müssen wir dennoch achten, und hin und wieder Felsstufen, kleinen Engstellen oder Wasserfällen ausweichen. Schließlich, der Wald gibt uns frei und wir sehen in eine spektakuläre Kulisse, die sich mit jedem Schritt, den wir tun, erweitert und in seiner Dimension uns noch staunender macht. Rechts gehen mehrere hundert Meter senkrechter Fels hoch, der manchmal kleine Staublawinen nach unten bläst. Vor uns teilt ein Felskeil das Tälchen in zwei Teile, der rechte führt zu einem Turm, der linke öffnet seine Flanke in einem weiten Hang, der nach oben an Steilheit zunimmt. Das ist unser Weg.

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ein abgebrannter Wald

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jetzt wird’s genial, Mitte hinten Mt. Stanley

Wir spuren recht geradlinig in den Hang hinein, mit gehörigem Abstand zu den Felswänden links von uns: große Wechten warten darauf, herabzustürzen und etwas auszulösen, was wir hier nicht brauchen: eine Grundlawine. Unsere Linie zieht weiter in das Talende und auf der linken Talseite nach oben. Bald stehen wir über Klippen, die rechts von uns nach unten abbrechen. Das ist der unangenehmste Teil des Aufstiegs, weil man hier recht verwundbar ist. Wir entfernen uns nun im rechten Winkel von den Klippen gegen den Berghang, dann wieder Richtung Grat, den wir letztlich ohne Schwierigkeiten erreichen. War es bis jetzt auch ein Wettkampf mit der Sonne, ob und wieviel wir durch sie schwitzen, wird es nun ein Rennen mit einer aufkommenden dichten Bewölkung aus dem Süden – es zieht langsam zu. Kappe, Windjacke, dicke Handschuhe werden aus dem Rucksack geholt, aber die Ski auf diesen geschnallt. Denn der breite Grat ist abgeblasen. Auch wenn wir hier tragen müssen, alles besser als der Schneehang, der recht steil eingeblasen ist. Es wäre mühsam, hier hoch zu kommen, denn unter den 20cm Pulver liegt eine etwas härtere Kruste, auf der man ständig rutscht. Es heißt also Ski tragen, für gute zwei Hundert Höhenmeter. Entsprechend lange dauert der Weg hinauf, der Boden ist eisig und bricht gerne weg. Die Wolken holen uns ein, und am Gipfel des Storm Mountain (3.160 m) fetzen sie keine fünf Meter über unsere Köpfe hinweg.

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super gsi!

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es wird etwas steiler…

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… und steiler

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Blick zum Südgrat

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fast am Gipfel des Storm Mountain

Es ist Zeit zu gehen, ein kurzes „Berg Heil!“, Blicke rundherum, und dann schon ohne den Rucksack abzunehmen, mit den Ski am Rücken wieder nach unten, diesmal aber entlang des Ostgrates: er verspricht in einiger Entfernung vom Gipfel eine passable Schneedecke. Wir testen hier den Untergrund, entscheiden uns noch weiter zu gehen bis zur Kante, die uns eine steile Abfahrt in den Südhang ermöglicht, den wir beim Aufstieg gemieden haben. Die Sonne ist verschwunden, das fahle Licht macht die Sache nicht leichter, als wir einzeln in den Hang kippen und unsere Schwünge nehmen. Die Abfahrt ist lang und der Schnee pulvrig, aber die Wechten über uns machen uns etwas Sorgen und wir schauen, dass wir möglichst schnell den Talboden erreichen. Alles geht gut, und je weiter wir nach unten kommen, desto schneller und weiter werden unsere Bögen. Auch im Talboden bleibt uns Pulverschnee erhalten, und so wird die Waldabfahrt zu einer vergnüglichen Angelegenheit. Eine Sonnen- oder Skibrille ist aber immer anzuraten, den Äste im Gesicht sind eher die Norm als die Ausnahme. Dann noch die Feuerschneise herunter zur Straße, und der Rest ist Geschichte, der Nachmittag im Büssle gemütlich, die Köpfe schläfrig, der Durst gewaltig, und Beate’s Kochkünste einzigartig. Unser Leben auf sieben Quadratmeter.