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Martha, wir wollen nicht gehen

Die letzten Abende brechen in Yelizovo an. Müde von unserer finalen Tour vom Mutnovsky, aber so freudig erregt über das warme Zimmer, können wir gar nicht einschlafen. Es wäre einfach zu schnell vorbei. So sind wir bis zwei Uhr wach. Wir träumen vom Frühstück, welches wir vor allen anderen in Angriff nehmen. Martha steht schon in der Küche, und liefert mir den Kaffee wenige Minuten später vor die Hände. Auf diesen Augenblick habe ich die Nacht lang gewartet.

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Blick auf die Avacha Bucht

Wir fahren mit Bus No 104 nach Petropavlovsk-Kamchatski. An der Endhaltestelle wartet schon Aleksey auf uns. Wir haben uns verabredet, wollen seine Heimatstadt anschauen, aber vor allem seine Familie kennen lernen. Die Stadt ist definitiv ein Außenposten der Zivilisation. Rauh, kalt, und doch voller feiner, russischer Details eines Lebens zwischen Wohnblöcken, Schneemassen und dem Pazifischen Ozean.

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Petropavlovsk-Kamchatski: kein architektonisches Highlight, aber sehr liebenswert

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unsere Vulkane über der Bucht

Von der Veranda vom Haus von Aleksey und Svieta überblicken wir die Avacha Bucht. Schaut klasse aus, und wir haben eine Menge zu erzählen, auch wenn Katja und Vova die beiden ordentlich auf Trab halten. Später brechen wir auf, und besuchen Igor, seine Frau Irina und Sohn Mischa. Es wird ein lustiger Abend mit Bier, Wein, geräuchertem Fisch, Käse, und viel Süßem. Wir sind im Paradies und plaudern über unsere Reise, die Zukunft in Kamchatka und planen ein Wiedersehen. Ich könnte mir vorstellen, hier länger zu bleiben. Martha, Alexksey, Igor und alle anderen, die wir hier kennen lernen, sind unvorstellbar nette Menschen. Das Land macht einen tollen Eindruck, und eigentlich will ich hier gar nicht weg.

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es gibt auch Holzhäuser in Petropavlovsk

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Familienbild

Mutnovsky: Ausbruch

Die Ausrüstung, die wir hier am Mutnovsky zum Einsatz bringen, ist nur bedingt tauglich. Die Schuhe sind zu kalt, die Handschuhe nicht schneedicht genug und für Feinarbeiten nicht geeignet. Ein Seil wäre im Sturm nicht schlecht. Wenn es am nächsten Tag weiter stürmt, muss ich wohl im Biwaksack in den Wind vor das Haus, am Strick und nochmals das Satellitentelefon bedienen. Die Antenne ist für Schönwetter-Poster gemacht, aber nicht für den Mutnovsky.

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wir verlassen die Hütte im Sturm

Aleksey erzählt oft von seinen Kindern, Katja und Vova. Man fühlt mit, wenn er von ihnen Geschichten preis gibt. Alle wollen gesund und lebend nach Hause kommen. Spannung baut sich auf, langsam, aber stetig. Trotzdem, wir sind guter Dinge und warten darauf, die 35 Kilometer in einem Kraftakt durchzuziehen.

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starker Wind, aber die Sicht ist bestens

Der nächste Morgen bringt die Enttäuschung. Es stürmt weiter. Einen vierten Tag in der Hütte? Wir schlafen nochmals eine gute Stunde. Dann stehe ich auf und schaue nochmals hinaus. Das Fenster ist fast vollständig von Schnee zugemauert. Aber zwischen dem Stäuben von Wildschnee flunkert irgendetwas Blaues. Kann das der Himmel sein? Aleksey ist gleich bei mir. Ja, das Wetter ist besser. Beate steht auch parat. Es wird alles gepackt, Frühstück gemacht, der Ausgang ausgeschaufelt. Vor Aufregung kann ich nur wenig essen. In dreissig Minuten stehen wir bereit. In voller Sturmmontur. Wir kriechen hinaus, ich sehe auf die andere Seite des weiten Tales: der Gorilye ist zu sehen! Jetzt oder nie, das ist unser Zeitfenster.

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35 Kilometer können sehr weit sein

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Spuren von Zivilisation, denen wir gerne folgen

Die ersten Hindernisse sind die vielen Tobel entlang des Weges. Wir umfahren sie großzügig. Mehr Kilometer, mehr Sicherheit. Da der Schnee verblasen und die Oberfläche hart ist, kommen wir gut vorwärts. Wir machen richtig Kilometer. Der Mutnovsky verschwindet hinter uns, die Hütte schon lange. Ich spüre, wir kommen hier nochmals davon. Über einen weiten, zugefrorenen See queren wir auf die kaum sichtbare Passstraße zu. Und dann plötzlich ein schneidendes Motorengeräusch, zwei Skidoos rasen über unsere Spur und bleiben neben uns ruckartig stehen. Igor stürmt auf uns zu, grinst, “you survived my friend”, und wir wissen, jetzt wird alles einfacher. Igor und sein Kollege Roman sind eigentlich auf einem Rettungseinsatz zu einer 4-köpfigen Gruppe irgendwo am Mutnovsky. Sind dort seit Tagen eingeschneit und kommen nicht mehr weg. Wir schmeissen unsere Rucksäcke auf den Schlitten, fahren ein paar Kilometer mit. Dann müssen sie uns für zwei Stunden wieder selbst Meter machen lassen, der Rettungseinsatz geht vor. So stampfen wir fast bis zum Vilschinsky Pass, als uns die beiden einholen. Im Schlepptau vier Moskoviter. Bald sind wir also zwei Fahrer, zwei am Schlitten, und fünf am Seil.

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die letzten zwanzig Kilometer im Skidoo-Schlepptau

Eine heiße Dusche ist unfassbar. Noch mehr eine Toilette, die man ohne Skischuhe betreten kann. Wir schlagen uns den Bauch voll, genießen das Heimelige bei Martha. Sie ist definitiv unsere Mama hier. Sie freut sich, als sie uns wieder sieht. Wir umarmen uns. Wir sind vom Mutnovsky wieder zurück.

Mutnovsky: Gefangenschaft

Die Nacht am Mutnovsky bringt überraschend früh den Sturm. Um zwei Uhr morgens sehe ich eine Schneesäule vom Tisch zum Fenster gewachsen, gute 50 cm im Durchmesser. Das Fenster hat sich nun von selbst abgedichtet, ich lasse den Schnee so wie er ist und schlafe weiter, kontrolliere aber alle Stunde alle anderen Fenster und Türen, was da sonst noch in unseren Raum einströmt. Am nächsten Morgen bietet ein einziges Fenster etwas Licht, alle anderen sind komplett zugeschneit. Es dauert eine knappe Stunde, bis wir den Eingang freigeschaufelt haben. Ca. 150 cm hat es hier über Nacht verfrachtet.

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Ab sofort teilen wir den Esstisch mit dieser Schneesäule, die aus dem Fenster kam

Solange wir Gas und Benzin haben, verdursten wir hier nicht. Schnee gibt es ja genug, draussen wie drinnen. Unser Leben auf zehn Quadratmetern ist vom ständigen Wassermachen geprägt. Ausrüstung putzen, trocknen, pflegen. Essen. Etwas erzählen. Nachdenken, faulenzen, schlafen. Holz hacken. Gähnen, Zähne putzen. Tüfteln, über den nächsten Tag grübeln. Ein ewiger Kreislauf. Draussen donnert es unentwegt, manchmal scheint der Wind das Dach zu heben.

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Ofen, Schnee im hinteren Teil der Stube – was braucht man mehr?

Nach dem Essen kommt wieder einmal der Moment der Wahrheit – der Gang auf die ‘Toilette’. Was schon beim Zelten in der Nacht sehr lästig ist, ist hier sehr mühsam. Der Hüttenausgang ist bis zur Decke zugeschneit. Wieder eine Stunde schaufeln, um überhaupt hinaus zu kommen. Für das kleine Geschäft sammeln wir leere Plastikflaschen. Denn raus will keiner. Das ist wie ein Orkan. Draussen steht man in voller Montur, Stirnlampe an, Skibrille auf, drei Paar Handschuhe. Ich muss mal raus, um den Wetterbericht per Satellitentelefon abzurufen. Ich robbe unter dem Dach zur Türe hinaus, halte mich am Giebel fest. Der Sturm wirbelt mir den Schnee ins Gesicht, und manchmal halte ich mir das Schaufelblatt vor die Augen, damit ich weiss, wo unten und wo oben ist. Es ist wie Fernsehen, wenn es keinen Empfang gibt. Nur noch schwarze und weisse Punkte. Ein Blizzard, wie ich ihn noch nie erlebt habe. Ich fürchte, morgen werden wir auch die Innentüre nicht mehr aufbekommen. Wohin werde ich den Schnee überhaupt hinschaufeln? Nur noch nach innen, ins Haus.

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der Eingang – noch ist Platz nach oben

Die Nacht bleibt ereignislos, ausser dem ständigen Heulen und Fauchen des Windes und des Schnees am Fenster. Wir schlafen also lange, denn der Sturm tobt und wir sind den zweiten Tag in der Hütte wie festgenagelt. Die Türe bekommen wir nur mehr unter großer Mühe auf, und die Schauflerei bringt letztlich auch nicht viel, weil die zwei Meter mal zwei Meter sowieso in einer Stunde wieder zu sind. Später am Tag versuche ich nach draussen zu gehen, um nochmals den Wetterbericht abzurufen. Ich schaffe es unter das Vordach, aber als ich mich nur einen halben Meter weiter wage, verschwindet das Haus. Ich habe keinen Empfang so nah am Gebäude, ich mache mich so klein wie möglich, denke kurz darüber nach, noch weiter zu gehen und die Verbindung zu bekommen, aber ich lasse es bleiben. Ich fürchte, ich finde nicht mehr ins Haus zurück. Es tobt, es wirft mich umher, auf allen Vieren will ich zum Eingang zurück. Ich tappe im weissen Nichts, greife irgendwo einen Pfosten, ziehe mich heran, erkenne das Vordach und schlüpfe intuitiv darunter, plötzlich durch ein breites Loch hinab zur Eingangstür, klatsche in den Vorraum. Drehe mich um, packe die Schaufel und räume den angefüllten Vorraum aus, damit die Türe wieder zugeht. Mit etwas Gewalt gelingt das auch, dann dichte ich die Türe mit etwas Stoff ab. Das hält nun. Als wäre man auf einem lecken Schiff, in das überall Wasser eindringt.

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die Tage werden lang, unser Kühlschrank zum Gefängnis

Die Tage vergehen. Drei Tage Sturm, drei Tage Aufregung, dass wir bald wieder hinaus können. Drei Tage Ungewissheit, was der Wetterbericht, den ich schließlich am dritten Tag draussen vor der Hütte abrufen kann, bringt. Denn der Mutnovsky hat sein eigenes Mikroklima. Und wir müssen bald aufbrechen. Denn zum Abholpunkt benötigen wir gute zwei Tage. Und diese zwei Tage haben wir noch, am dritten haben wir den Flieger. Plötzlich wird die Zeit knapp.

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die Fenster sind fast komplett zugeschneit, daher müssen wir schon früh mit Stirnlampe arbeiten

Mutnovsky: Entdeckungen

Den Mutnovsky höre ich zum ersten Mal, als wir uns der kleinen Hütte am ersten Tag annähern. Es hört sich an, als säße man am Rande einer russischen Luftwaffenbasis. Zuerst dachte ich, da fährt jemand wie Igor mit seinem Skidoo haarscharf an mir vorbei. Aber jetzt sind nur noch wir da, und der Mutnovsky. Kein eigentlicher Gipfel, sondern ein stark zersplitterter Kraterring, zerfetzt mit mehreren aktiven Feldern, aus dem fortwährend Rauch aussteigt.

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Aleksey vor unserer Hütte

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Der Mutnovsky und wir

Nach der ersten Nacht in der Mutnovsky-Hütte steigen wir erst recht spät in den Berg ein. Es ist eine abwechslungsreiche, kurvige Strecke, die uns an tiefen Canyons vorbei führt. Der Schnee ist pulvrig, aber tief. Es macht große Mühe weiterzukommen. Die Temperaturen in der Sonne sind angenehm, gute – 10° C. Herrlich. Der Mutnovsky aber schweigt heute den ganzen Tag, Rauch steigt auf und es riecht nach Schwefel. Aber kein Dröhnen. Wir wenden uns einem Hang am Kraterrand zu, steigen hoch und fahren den Pulver ab.

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der zerklüftete Gipfel des Mutnovsky

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der Weg zieht sich

Auch am nächsten Tag bleibt das Wetter strahlend, und mit noch tieferen Temperaturen. Wir steigen wieder zum Mutnovsky hoch. Den Gorilye haben wir uns abgeschminkt, bei dem Schnee ist er unerreichbar weit weg. Diesmal ziehen wir unsere Spur in den Krater hinein, durch einen wilden Tobel, der wohl ein früherer Lava-Ausfluss war. In der Sonne ist es heiß, und Beate leert bald eine ganze Flasche. Beim ersten Thermalfeld ist dann Schluss, wir machen hier Mittag, und beobachten eine Helikopterlandung gar nur wenige hundert Meter von uns entfernt. Touristen. Wir fahren ab. Am Nachmittag gibt es außer Sonnen und Lesen nicht viel zu tun. Ich grabe mir ein Schneeloch als Notbiwak. Wir alle brauchen Ideen für eine Beschäftigung – denn eine Schlechtwetterfront kommt auf uns zu.

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irgendwann sind wir im Krater

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und auf dem Heimweg

Das Highlight des kalten Hüttenlebens ist wohl das Abendessen, auch wenn es für die nächsten Tage immer dasselbe ist: Reis, Butterbrote, geräucherter Fisch, Tee und Kaffee, Cracker, Schokolade. In unserem Kühlschrank lässt es sich vorerst aushalten, auch wenn der Sturm die Hütte früher trifft als wir es erwarten.

Mutnovsky: Kamchatka lehrt uns die Weite

Die Augen suchen schon seit einer halben Stunde den Horizont nach der Hütte ab. Wir sind schon Stunden unterwegs, und die mehr als 10 Kilometer Spurarbeit durch tiefen Schnee mit schwerem Rucksack hinterlassen Müdigkeit. Aleksey schaut immer wieder auf sein GPS, denn bei diesen Sichtverhältnissen wissen wir bald nicht mehr, wo oben und wo unten ist. Kamchatka. Mit dem langsam finster werdenden Licht werden die Kontraste der Schneeoberfläche immer schwerer zu lesen, wir tappen bald wie im Nichts. In einer guten Stunde wird es dunkel, und von der Hütte keine Anzeichen. Im Kopf arbeitet jeder schon an den Vorbereitungen für eine Nacht im Zelt. Aber wir werden fündig. Endlich erhebt sich die Hütte in der Ferne, gerade noch identifizieren wir das Ziel in der Landschaft. Riesige Schneemengen, Schneewechten und steile Canyons stehen uns im Weg, und im Lichtkegel unserer Stirnlampen suchen wir uns einen Weg durch dieses Labyrinth in einer immer kälter werdenden Nacht. Die letzte Steigung müssen wir die Ski auf den Rucksack schnallen, so steil und eisig ist es hier. Aleksey lässt den Schlitten zurück.

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die ersten 25 Kilometer legen wir im Schlepptau eines Skidoo zurück

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dann gibt es nur noch uns und die Weite

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die Hütte liegt unterhalb des Mutnovsky Vulkans – in den Wolken in der Bildmitte. Das Wetter am frühen Nachmittag ist prächtig. Das ändert sich rasch.

Die Hütte öffnet sich nicht, innen ist der Vorraum dermaßen mit Schnee aufgefüllt, dass die Türe bombensicher verschlossen ist. Doch eine Nacht im Zelt? Also müssen wir von hinten über ein zerbrochenes Fenster einsteigen, den Raum von innen von Schnee befreien und so den Eingang zu einem Eingang machen. Die Stube wird zur Stube: Schnee überall, die Betten sind keine Betten, der Boden voller Sand, das Dach nach unten beängstigend durchgebogen – da oben auf dem Dachboden liegt wohl noch viel mehr Schnee. Aleksey kehrt nochmals in die Büsche zurück und holt den Schlitten zurück. Ein 12-Stunden-Tag auf den Ski liegt hinter uns. Der auch in der Nacht weiter geht: Kaltes Kribbeln am Hals reisst mich aus den Träumen, die Fantasien nach Martha’s Fisch vom Vorabend sind abrupt zu Ende, ich mache die Stirnlampe an. Schnee liegt in meinem Schlafsack. Auf meinem Kopf, und es kommt noch mehr durch das nicht ganz dichte Fenster oberhalb von mir. Der Sturm der Nacht bläst das kalte Weiss hinein, und ein Blick um mich herum zeigt, dass ich in einer Schneehöhle hause. Die Schuhe sind bis auf den Rand gefüllt, meine Hose zugedeckt. Ich beginne mich zu wehren. Es ist vier Uhr morgens, als ich aus dem Schlafsack kriechen muss. Beate schaut mich groß mit einem “Was isch?” an. “Nichts, ausser 30 cm Neuschnee in der Hütte.” Sie packt traumwandlerisch ihre Sachen und sucht sich eine noch trockene Ecke in der Stube am kalten, dreckigen Boden, schläft sofort weiter. Ich habe nun eine Stunde des Aufräumens, Trocknens, Fensterabdichtens vor mir. Meine Finger frieren, den ich stopfe die Fensterlücken mit Schneebällen zu. Es funktioniert. Aber der Schnee in der Stube bleibt, und das für die Zeit bis wir wieder die Hütte verlassen. Wir leben in einem Kühlschrank. Dafür aber mit genug Schnee für die Wasserzubereitung. Wir schlafen an diesem Morgen lange, denn ein kurzer Blick am Morgen sagt uns: keine Sicht, nur Schneefall und starker Wind. Das ändert sich alles kurz vor Mittag und wir sind bald frohen Mutes auf einen ersten Ausflug zum Mutnovsky Krater.

Impressionen aus Yelizovo

Seoul kehrten wir den Rücken, die Einreise in den russischen fernen Osten gelang ohne Probleme, und nun zählen wir die letzten Stunden in der warmen Stube von Martha in Yelizovo, bevor es für acht Tage in die Wildnis geht. Kein Kontakt zur Aussenwelt, wir melden uns erst Mitte März wieder. Das Zelt steht bereit.

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russische Wintermode

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Kaviar in Kübeln

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jede Menge Fisch-Auswahl

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Trockenfrüchte für die nächsten 8 Tage im Schnee

Kamchatka: in eine neue Welt

Das Flugzeug ist voll, gepackt mit Russen und uns zwei. Die Sonne geht an Steuerbord auf, ein russisches Frühstück haben wir hinter uns. Genauso wie Arten, eine Kleinstadt am Rand des Flughafens von Vladivostok, und die Betrunkenen in der Reihe hinter uns. Sie schnarchen nun friedlich ihren Rausch der letzten Nacht weg, sabbern auf ihre T-Shirts aus dem offenen Mund. Ich weiss nicht, ob das ein komischer Beitrag werden soll. Das geht dann so: am Gang in der vorletzten Reihe zu sitzen ist geil. Ständig hat man die Hände der Leute, die von der Toilette zu ihren Sitzen zurück kehren, auf der Schulter. Oder die übergroßen Brüste alter Frauen im Gesicht, wenn sie sich just an meiner Sitzreihe an jemanden vorbei drängen. Das ist dann wie eine Watsche. Tatsch-Tatsch. Oder die Bierbäuche der Kerle Marke Trucker-Fahrer. Das ist dann wie ein Wischmopp. Die hübschen Mädels mit den langen Stiefeln bleiben derweil stets irgendwo vorne, stehen ab und zu auf und richten sich die Haare. Aber die versoffenen, aufgedunsenen Gesichter prägen das Kabinenbild. Da hilft kein Augenzumachen. Irgendwie tun mir die Stewardessen leid. Jeden Tag den Bier- und Vodkafahnen ein Frühstück ausschenken, sich an den Dickbäuchen vorbeidrängen. Das Leben über dem Ochotskischen Meer scheint kein leichtes. Ich hab ein Rückflugticket, andere nicht. Tatsch-Tatsch, wieder ein Packung im Gesicht, paschalusta, spaciba.

Stiefel sind hier sehr ‘in’. Stewardessen haben sie, die Zöllnerinnen haben sie (mit Absatz), auch die Streifenpolizistinnen – nebst Schlagstock und Halfter. Das übt schon eine gewisse Faszination aus. Eheringe haben hier auch viele. Scheint auch in zu sein.  Vielleicht weil es Sitte ist. Oder aus Gold, wie manche Zahnreihen. Ich trage schon lange keinen mehr, Ehering meine ich. Ist eine zu lange Story, wie es dazu kam. Jedenfalls fing die Spirale der Ereignisse, die zum Nicht-Tragen führten, an irgendeinem gewöhnlichen Arbeitstag vor etlichen Jahren an. Eigentlich so ziemlich bald nach unserer Hochzeit. Eine lange Nachtschicht im Krankenhaus, viel Stress, und schon findet Beate ihren Ring nicht mehr in ihrer Wäsche – geklaut oder verloren, wer weiss. Der Rest ist Geschichte, und hoffentlich bald auch die Füße meines schnarchend-sabbernden Hintermanns, die unter meinem Sitz hervor kriechen und meine Fersen kitzeln.

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‘Die Vulkane Kamtchatkas’ – ab morgen nicht nur auf der Kaffeetasse

Ist das Leben ein Ablaufdiagramm, das vordefinierte Bahnen, Ereignisse, Entscheidungen kennt? Je nach Input verschiedenen Output erzeugt, aber das Design dem Prinzip nach festgelegt ist? Wenn ja, dann suche ich den Ausgang. Den Sprung hinaus aus diesem Flieger, voller Bierbäuche, der Gedränge, des Gezerres. Es ist zu eng hier drin. Da kommt die Wildnis gerade recht, die Einsamkeit und Kamchatka.