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Herbstliche Kletterei am Mattstock

In Kanada sind wir leider nicht zum Klettern gekommen. Und die meiste Ausrüstung wartet nun im Büssle in Anchorage auf uns. Etwas improvisiert und entfremdet geht es daher heute zum Mattstock über dem Walensee. Wir marschieren in ca. 1h15 von Amden (903 m) zum Einstieg der Südostwand Platte. Um 11 Uhr sind schon einige andere Seilschaften vor Ort, wir wählen deshalb die am wenigsten frequentierte: den Wasserrillenweg.

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in den Wasserrillen

Wie der Name schon verspricht, kraxeln wir mehrere Seillängen in Wasserrillen. Die Route ist gut abgesichert, braucht keinerlei Keile oder Friends. Hätten wir auch nicht. Wir sind bald oben. Der Blick auf den Walensee ist unbeschreiblich. Nun folgen wir dem Grat zum Gipfel des Mattstocks. An manchen Stellen muss abgeklettert werden, und sonst rufen die vielen Latschen am Grat zur Vorsicht. Am Gipfel (1.935 m) bleiben wir, bis die Jause aufgegessen ist. Das fällt leicht, denn hier oben ist keine Hektik und das Wetter ist angenehm. Der Hatsch hinunter ist zwar etwas lästig, aber wie heißt es so schön: “Nach oben ist freiwillig, nach unten ist Pflicht”.

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der nette Grat von der Südwestplatte zum Gipfel

Lady MacDonald – windig, neblig, Felskontakt

Die Rockies sind da und mit uns eine Schlechtwetterfront. Also kein Klettern am ersten Tag nach Calgary in Canmore, dafür ein Wanderausflug zur Lady MacDonald (2.606 m). So nah am Banff Nationalpark rechnen wir mit reichlich Grizzly Aktivität, besorgen uns einen Bärenspray und marschieren durch den Wald hinauf zum abgebrochenen TeaHouse. Einzig ein Moufflon-Pärchen kommt uns entgegen. Es bleibt bewölkt, aber trocken, und als wir nun an den nackten Gipfelgrat kommen, zieht Nebel auf. Endlich können wir in leichter Kraxlerei am Grat etwas Felskontakt haben – wie haben wir das schon seit Wochen vermisst. Am Steinmann-Gipfel bleiben wir eine Jause-lang, bevor wir wieder zurück eilen. Erst in Canmore fängt es leicht zu tröpfeln an.

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Nördlich von Canmore: die Kananaskis

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Blick ins Tal nach Canmore

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am Gipfelgrat kurz bevor Nebel aufzieht

Auch in der Stadt sind wir “erfolgreich”. Wir finden eine passable Infrastruktur vor, mit allen Möglichkeiten für den Winter – Langlauf, Skitouren etc. Könnte mal eine Winter-Idee sein. Wir ergänzen unsere Vorräte und Infos zur Gegend, und fahren am späten Nachmittag weiter nach Banff. Hier geht es wesentlich touristischer zu, ist uns aber auch recht. Am Info-Center sehen wir, welche Wanderwege wegen Bärenaktivitäten, Hochwasser oder sonstigem gesperrt sind. Einen Stellplatz finden wir etwas oberhalb der Stadt, ein Karibu kommt uns im Wald entgegen und wir freuen uns schon auf die Hot Springs. Da lassen wir uns wieder so richtig aufweichen, bevor die nächsten Berge dran sind. Sehr easy hier, das Leben im Büssle.

After Work Climb: Stoss

Auch Hierzulande gehen uns schön langsam die Wände aus, und alles was unter drei Stunden Zustieg (Anfahrt und der eigentliche Zustieg) ist, ist nicht mehr. Nun beginnen also die Variationen, und nach einem Arbeits-Samstag, der mich spät Nachts ins Bett bringt, und Beate gar erst am Sonntag Vormittag, sind die Routen am Stoss eine valiable Art, die zweite Sonntagshälfte passabel durchzuziehen.

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Blick auf die Alpe Lui

Viel Vorbereitung für diese leichte alpine Tour braucht es nicht, waren wir schon letztes Jahr am Stoss zum Klettern. Diesmal nehmen wir uns einen Nachbarn der damals begangenen Familienroute vor: “King Louis“. Letztlich ist es ein Mix geworden aus den beiden Routen und einigen Metern irgendwo dazwischen im freien Gelände. Ist auch gut möglich, denn potentielle Sanduhren sind überall. Die Herausforderung dieser Wand sind die ausgespülten Wasserrinnen. Sie verlangen eine eigenen Kletterstil. Hat man es einmal heraus, ist es Genuss.

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7 Seillängen hinter sich, nun wieder abseilen…

Der Vorteil des Sonntag-Nachmittags ist, dass die meisten Seilschaften schon in der Wand oder aus der Wand sind, wir also freie Bahn haben. Dafür brennt die Sonne ganz schön. Der Hang ist ja recht hübsch nach Süden gerichtet. Die Abseilerei ist auch immer so eine Sache hier. Büsche und scharfe Kanten verklemmen das Seil beim Abziehen gerne.

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Alpstein…

Klettertraining 4 Tage en suite

Freunde von uns fliegen nach Kirgistan, Bekannte nach Georgien (mehr dazu auch hier), und wir sitzen mit Arbeit eingedeckt in der Hitze im Büro. Die Hoffnung liegt also im Wochenende. Doch nichts ist schlimmer als faul zu werden. In Vorbereitung auf eine alpine Woche im Juli haben wir diese Woche jeden Abend eine Klettergarten-Einheit eingeplant – im Rheintal und Bregenzerwald. Kaum zu glauben, wie schnell die Abende hierbei vergehen. Schön, dass es jetzt doch so lange hell bleibt. Und vielleicht mal den einen oder anderen Sprung in die Ach machen können!

Beate Pocksberg

Beate am Pocksberg

Dolce Vita in San Vito: Klettern, Sonnen, Nachthimmel

Endlich haben wir die großen Schnellstraßen in Palermo passiert, der Verkehr ist dicht, und auch groß Einkaufen muss mal sein – für die letzten Tagen auf sizilianischem Boden. Wir folgen also der Autobahn nach Trapani, mit einem kurzen Abstecher nach Segesta, der bekannten Ruinenstätte. Trapani selbst bietet nicht viel, dafür die etwas abseits liegenden Küstendörfer: Bonagia, Custonaci, Casteluzzo und letztlich San Vito.

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in Segesta

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Custonaci

Custonaci dient uns als willkommener Ort für eine Übernachtung. Die Szenerie kann schöner nicht sein – wilde Wellen, Wind, dunkle Wolken und Sonnenschein. Wir genießen es, und der Wind läßt über Nacht nach. Der Morgen ist erfrischend herrlich, kaum Wolken am Himmel, und wir besorgen uns eine Topo-Karte des Klettergebietes um San Vito herum. Dort finden sich massenhaft Routen, und wir gelangen über einen Weg durch die Klippen an den Strand zum Sektor “Bunker”. Die Sektoren sind so weitläufig, dass sich die Seilschaften gut über die Küste verteilen, auch wenn vom nahen Camping zahlreiche Kletterfans zu uns herübermarschieren. Wir klettern einige Stunden, bis uns die Fingerhaut langsam empfindlich wird – der Fels hier ist sehr scharf. Fein für den Halt der Füße, hart für die Fingerspitzen.

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Felskletterei um San Vito

In San Vito ist für Abwechslung gesorgt. Wir liegen faul am Strand, lesen, stürzen uns in das kältere Meerwasser. Es ist Dolce Vita hier, anders kann ich es nicht benennen. Ohne Sorgen verbringt man hier seinen Tag, und den Abend nicht unweit des Camping direkt am Meer – einen feineren Stellplatz kann man sich nicht vorstellen. Das abendliche Ritual folgt – Essen kochen, Wein trinken, den Nachthimmel anschauen, eindösen.

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es geht heimwärts

Auch am nächsten Morgen ist die Welt dieselbe. Wir trinken einen Cappuccino in San Vito. Wir klettern an den Klippen. Wir erholen uns am Strand. Und doch ist etwas anders: es ist unser letzter Tag in Sizilien. Wir müssen nach Palermo, und dann noch viel weiter. Kaum hat alles angefangen, ist es schon wieder vorbei. Wir denken an die Möglichkeit, es einmal anders zu machen.

Kletterei in Statte

Alberobello und Locorotondo liegen nun hinter uns, es wird langsam Mittag, und wir durchstreifen Puglia auf Nebenstraßen auf der Suche nach unserem ersten Kletterspot. Es soll in der Umgebung von Stratte liegen, gute 10 Kilometer nördlich von Taranto. Aber unsere Landkarte ist zu grob, und bald verirren wir uns auch noch in den engen Gassen der Kleinstadt. Da sind wir um ein kleines Auto froh. Mit einem großen Camper wären wir stecken geblieben. Erst als wir nach Nachfragen den entscheidenden Tipp (“Cimitero” aka Friedhof) bekommen, gelangen wir mit etwas Spürnase zum richtigen Parkplatz. In Statte gibt’s aber gar keine Berge, sondern nur Schluchten. Und deshalb ist die Suche auch etwas mühsam. Der Zustieg letztens auch, weil er mit einem steilen Abstieg beginnt – und dieser will gefunden werden.

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feine Kletterei in Statte

Die Sektoren in Statte sind vielfältig und bieten für unser eins alles im Bereich 5 bis 6 (frz. Skala). Trotz der Tageszeit finden sich auch andere Kletterer dort ein – alles Einheimische. Wir haben aber kein Problem, freie Routen zu finden, denn das Gelände verteilt sich ganz schön. Das Wetter ist herrlich, und wir jammern auch nicht wegen der Hitze. Was will man beim Klettern mehr als eine trockene Wand? Nach gut drei Stunden brechen wir wieder auf, wollen noch über Tarent den Stiefel weiter südwestlich abfahren, irgendwo ins Meer springen und dann in den Nationalpark del Pollino kommen.

Das Meer erfrischt, der Strand ist so gut wie leer, irgendwo finden sich wilde Marillen-Bäume. Stürmischer Wind kommt uns aus dem Nationalpark entgegen, aber keine Wolke. Selbst die Schlangen treibt es aus den Büschen auf den Straßenasphalt. An einem Stausee haben wir dann für heute genug, suchen uns einen feinen Stellplatz mit Aussicht, es gibt Tomaten mit Mozarella, und eine ruhige Nacht. Wie jeden Abend freuen wir uns schon auf den nächsten Morgen – diesmal im Parco Nazionale del Pollino.

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unser Stellplatz am Lago di Monte Contugo

Klettern in Antalya

Nach den wenigen, beschaulichen Tagen an der türkischen Riviera dürfen wir endlich am Fels aktiv werden. Um Antalya herum finden sich zahlreiche Klettergebiete, die sicherheits-technisch recht gut erschlossen sind und ein weites Spektrum an Schwierigkeitsgraden bieten. Das wollen wir ausprobieren.

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Blick auf “unsere” Berge von Antalya aus

Unser Weg führt uns nordwestlich von Antalya nach Geyikbayiri, ein übersichtliches wenn auch zersiedeltes Dorf am Berghang. Die Straße hinauf führt entlang der 35 Sektoren, die sich links und rechts des guten Fahrweges aufbauen. Man kommt aus dem Schauen nicht heraus: überall Wände, Höhlen, Säulen. Insgesamt sind hier 618 Routen erschlossen. Da ist die Auswahl recht groß. Das Klettergebiet ist übrigens sehr gut beschrieben im Führer “A Rock Climbing Guide to Antalya”, der uns gute Dienste leisten sollte.

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in einer der 618 Routen

Die Weitläufigkeit des Geländes verheißt aber nicht, dass man sich hier alleine bewegt. An den Klettertagen hatten wir stets Nachbarn, und manchmal muss man richtig nach einer freien Route suchen. Die großartigen Möglichkeiten, auch bei Schlechtwetter und in den Winter hinein zu klettern, locken viele Kletterfreunde in diese Gegend. Wir hatten sogar Schwierigkeiten, in einen der vielen Kletter-Camps eine Unterkunft zu finden. Erst im Dorf Geyikbayiri fanden wir ein Zimmer auf der Eko-Ranch Rasayana, welches von einer Familie geleitet wird, die sich auf Öko-Produkte ihrer Landwirtschaft spezialisiert hat. Der Garten ist dementsprechend ein Augenschmaus aus Olivenbäumen und Rosmarinsträuchern, dazwischen Granatäpfel und Orangen.

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im gemütlichen Gemeinschaftsraum unseres Guesthouse

Die Kletterei selbst ist zunächst von Schlechtwetter geprägt. Regen, Nebel, dunkle Wolken. Und trotzdem trocknen die Südwände in Regenpausen recht rasch, so dass wir in den wenig geschützten Routen der gemäßigten Schwierigkeitsgraden unsere täglichen Längen absolvieren können. Der Kalkfels erinnerte mit ein wenig an Ferentillo, wobei er noch lange nicht so poliert ist. Die Orientierung gelingt dank Guide recht gut, die Zustiege sind kurz und einfach. Oft warten wir einen kurzen Regenschauer ab, klettern manch feuchte Stelle durch und sind später im Dunkeln im Abstieg. Auf dem Weg zurück zur Ranch essen wir noch bei kleinen, unscheinbaren Restaurants frische Forellen. Im großen Gästezimmer sitzen wir dann noch mit den anderen Kletterern, erzählen uns vergangene Geschichten und schließen Freundschaften. Wir gehen müde ins Bett, die Finger brennen immer noch vom Klettern, die Augenlider schließen sich. Das Leben ist gut.

Klettertage im Val d’Albigna

Wir hatten so etwas wie ein längeres Wochenende. Das schreit förmlich nach einem Ausflug, bei dem Übernachtungen irgendwo weit weg inkludiert sind. Schon lange vorgehabt, und nun aufgrund der sich verschlechternden Wetterlage am Nordrand der Alpen eine interessante Alternative: das Val d’Albigna, ein Seitental im Schweizer Bergell. In dieser Gegend haben wir uns noch nie bewegt, es einmal im Rahmen einer Graubünden-Tour mit dem Mountainbike gestreift (vom Septimerpass kommend über den Malojapass Richtung Pontresina). Auch unsere Skitouren sind stets nördlich des Val Bregaglia geblieben (z.B. Piz Turba, Motta da Set, Roccabella).

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Aufstieg zum Albigna-See

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am Albigna-See, Blick nach Süd-Ost Richtung Cab d’Albigna

Am Freitag geht es sehr früh mit dem Auto über den Julierpass bis nach Pranzaira zum Talstation der Seilbahn unterhalb des Stausees Lägh da L’Albigna. Noch ziemlich verschlafen wuchten wir die großen Rucksäcke auf unsere Rücken, steigen in gut 2,5 Stunden zur Staumauer auf. Prächtiges Wetter, wenig Leute, und schon finden wir ein nettes Plätzchen, um unsere sieben Sachen zu verstauen. Mittagspause, bevor es in die Südwand des Spazzacaldeira einsteigen. Die Wand ist zerfurcht und hat an ihrem Ende zahllose Zähne und Türme. Unsere Route ist sehr plattig, aber gut abgesichert. Wir finden keine Topo dafür, schätze aber dass sie sich im 5. Grad bewegen muss, vielleicht 5+ oder 6-. Die Kletterei ist schön, mit den vielen Flechten aber auch nicht immer rutschfrei.

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Südost-Ansicht des Spazzacaldeira

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We love our Zeltplatz

Am späten Nachmittag, sobald die Sonne hinter der Westkante von Al Gal und Piz Frachiccio verschwindet, bauen wir unterhalb der großen Blöcke, also recht weit von möglichem Steinschlag, unser Nachtlager auf. Wir köcheln Tee, genießen die Ruhe und haben im Zelt wohliges Licht mit unserer kleinen Zelt-Leuchte. Am morgen strahlend blauer Himmel, Rauhreif in der Wiese, und frische Heidelbeeren, am Vorabend gesammelt, in unserem Frühstück von Adventure Food. Schlafsäcke werden ausgelüftet, das Zelt in der Morgensonne getrocknet, bevor wir in unsere heutige Route (NO-Kante) am Spazzacaldeira einsteigen. Das Topo ist schwierig zu interpretieren, irgendwann sind wir, wieder einmal, irgendwo abseits der Route in schwierigerem Gelände, manövrieren uns wieder zurück zur Kante, steigen zum Gipfel auf, seilen zum Abstieg ab, klettern, gehen, abseilen, bis auf die Südseite. Der Tag ist wunderbar warm, wenn man auf der richtigen Seite des Berges klettert.

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Beate in der Nordost-Kante

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Sonntag-Morgen – wild und schön

Auch an diesem Nachmittag wird in der Sonne gedöst, die Gegend ist einfach perfekt dafür. Eine kurze Katzenwäsche im Stausee, dessen Wasser durch unseren Filter zu Trinkwasser wandeln, und dann wieder köcheln. Am späten Abend sieht man Wolken von Norden heranziehen, aber es bleibt schön und ruhig am Albigna-See. Auch Beate gewöhnt sich an die Zeltnächte, trotz mitgebrachten Schnupfen. Wir würden gerne mehr Zeit hier oben verbringen, aber am Sonntag morgen sind alle Gipfel im dichten Nebel, der flechten-bewachsene Fels feucht. Plattenkletterei bei solchen Bedingungen ist nicht das Beste, wir packen zusammen und steigen ins Tal ab. Eine gradiose Gegend für ein großartiges Wochenende.

Letztes Kapitel Hexenstein

Der letzte Tag auf unserer Tour durch Südtirol bricht an. Eine feine, frische Nacht liegt hinter uns, Sternenhimmel, ruhiger Stellplatz, und als Ausblick Morgenröte, die von einer sich verändernden Wettersituation warnt. Die Rucksäcke sind schon gepackt, großen Hunger haben wir nicht, aber ein Kaffee geht immer. Wir lassen das Büssle zurück und marschieren vom Passo Valparola nach Osten hinab zum Klettergarten, und dann noch einmal 90° um den Hexenstein, bevor wir die Südkante einsehen.

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noch schnell Zähne putzen, dann geht’s los

Was für zehn Tage sind das gewesen! Im Schnee und Regen mit den Mountainbikes über die Alpen, dann im Nebel zum Monte Cevedale, und schließlich herrliche Kletter- und Wanderrouten auf die Sellatürme, die Drei Zinnen und den Monte Antelao. Und nun als Draufgabe der Hexenstein (2.477 m), den wir heute nur mit einer anderen Seilschaft teilen müssen. Der Einstieg in die Kante ist mit ein wenig Suchen zu finden, aber es sind keine Markierungen oder Stände zu Beginn vorgegeben. Also wacker drauf losklettern (am richtigen Turm…), und dann mehr oder weniger immer den Haken und Rostgurken nach.

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Hexenstein, Südkante (Mitte nach rechts verlaufend, IV+, 7SL, 200 m)

Ab der zweiten Länge sind die Stände gebohrt oder betoniert, und die Route läuft die ersten 6 Seillängen recht klar immer an der Kante, meist etwas rechts davon, entlang. Das Topo unseres Kletterführers “Dolomiten vertikal” ist allerdings in der 7. SL derart unpräzise, dass wir uns zunächst versteigen, dann die nachfolgende tschechische Seillschaft vorlassen. Deren Topo (aha: auch aus dem Web!) zeigt die Route äußerst detailliert. Nun ist die Routenführung hinter dem Turm und unter dem Klemmblock klar.

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die 6. SL: in den Spalt hinein, UNTER dem Klemmblock durchklettern

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Jiří in der Schlüssellänge

Ab jetzt klettern wir fast in einer Vierer-Seilschaft mit vier Halbseilen. Eine Mischung aus Deutsch, Tschechisch und Englisch entspinnt sich in der Wand, Jiří und Zombie (?) aus Pilsen, zwei Herren wohl älter als ich, klettern geradlinig “tak, tak, super, tak!” durch die Schlüssellänge (IV+), bevor ich mich im Vorstieg an ihre Fersen hefte. Dann nochmal ein Stand, bevor Beate zum Gipfelkreuz krabbelt und wir das obligate Foto geschossen kriegen. Die Pause fällt eher kurz aus, das Klettersortiment sauber ordnen, und schon geht es durch die Lauf- und Schützengräben aus dem 1. Weltkrieg, die den gesamten Hexenstein wie einen Termitenbau durchziehen, zurück zum Stellplatz.

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am Hexenstein, links hinten der Monte Antelao

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durch die Laufgräben der Geschichte zurück zum Büssle

Wir schauen uns an und wissen, jetzt wären wir soweit. Für eine Fortsetzung, für eine etwas längere Fortsetzung des Ganzen.

Im Steinhagel der Kleinen Zinne

Die UNESCO hat sie zum Weltnaturerbe erklärt, und das ist dank ihrer markanten Silhouette, ihrer Rolle im Alpinismus und ihres Status in den Dolomiten auch nicht anders zu argumentieren. Die Drei Zinnen finden sich fast auf jedem Naturkalender der Alpen wieder, in vielen Magazinen und Foto-Beiträgen. Die meisten Besucher, die zu den Drei Zinnen strömen, sind Naturliebhaber, die mal zehn Meter vom Auto treten und sich zu einem Hock in einem der leicht erreichbaren Hütten einfinden; viele andere wandern auch einmal um den Gebirgsstock, ein Unterfangen welches in mehreren Stunden dank des gut angelegten, leicht gewellten, breiten Weges für alle machbar ist; und dann gibt’s noch die, die unbedingt hinauf müssen, auf einen der vielen Gipfel, Vorgipfel und Türme der Drei Zinnen. Und das sind auch nicht so wenige. In Summe ergibt das mehrere große Autoparkplätze, Wanderwege gefüllt mit Menschen wie auf einem Jahrmarkt, und Wände voll mit Seilschaften, dass man die Kommunikation mit dem richtigen Seilpartner schwer aufrecht erhalten kann.

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Die Sonne ist schon weg, wir blicken vom Schlafplatz nach Süden Richtung Cortina

Nach dem gestrigen Sellaturm und einer feinen Nacht fühlen wir uns fit. Im Morgengrauen sind wir schon auf dem Rad und fahren zum Rifugio Lavaredo. Auch diesmal läßt uns der Kletterführer “Dolomiten vertikal” mit seiner Zustiegsbeschreibung erbärmlich im Stich. Mindestens den halben Weg laufen wir zur Einstiegsstelle letztlich zurück, krabbeln von Süden den Geröllhang hoch zwischen die Große und die Kleine Zinne, bis wir in einer Scharte den vermeintlichen Einstieg lokalisieren. In der engen Scharte sind wir nicht die Einzigen. Und oberhalb am Normalweg der Große Zinne ist schon reger Betrieb. Rufe, Metallklimpern, Steinchen.

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im Morgenlicht: rechts der Preußturm, links außen der Vorgipfel zur Kleinen Zinne, dann unmittelbar rechts davon die “Nadel” – die kleine Zinne!

Wir machen uns in die erste Länge, schauen, orientieren, suchen, irgendwie finden wir die Stände, trotz ungenauem Topo, queren durch Schroffen, der nur so von losen Steinen strotzt. Mehr und mehr Steine prasseln auf die Sichernden herunter. Irgendwann schließen wir auf eine Seilschaft auf. Vor uns sind noch zwei andere. Beate führt eine Länge, als von oben, fast schon im Minutentakt “Stein!” nach unten hallt. Diesmal ist es ein angemessener Ruf, der Brocken, der durch die Luft nach unten saust, ist Rucksack-groß. So klein und winzig habe ich mich selten gemacht. Ein lautes Rauschen, dann eine Explosion, der Felsen zersplittert in dutzende Teile. Stille. Dann höre ich Beate, dann schaue ich hoch aus meiner Schutzhaltung, alles klar, alles bestens, es geht weiter. Keine zwei Minuten später prasselt es auf mich herunter wie in einem Hagel.

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der Vorgipfel …

Die Orientierung wird durch eine seilfreie Stelle nicht leichter. Jetzt kommen die eher engen, aber weniger Geröll-haltigen Passagen, wir klettern Länge für Länge, stehen bald auf dem Plateau zum Vorgipfel, der sehr luftig aussieht. Überhaupt ist diese Route nichts für Leute, die Höhe nicht vertragen. Aber wer sollte das schon beim Klettern? Die Innerkofler-Zsigmondy Route, die wir gehen (IV, 13 SL, 400 m), ist etwas ausgesetzt. Das verschärft den eigentlich sehr moderaten Schwierigkeitsgrad, und auch die schon deutlich polierten Griffe und Tritte in der Schlüsselpassage in der vorletzten Länge im etwas engen Kamin leisten ihren Beitrag für ein tieferes Durchschnaufen. Alles passt, wir kraxeln hoch zum Gipfelkreuz der Kleinen Zinne (2.857 m), das mit dem Rosenkranz, trinken aus unseren Sigg-Flaschen, staunen, scherzen mit den anderen Gipfelbezwingern, sind schon in Gedanken beim Abstieg, aber eigentlich eher im Grübeln, wie man von hier wieder herunterkommt.

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und der richtige Gipfel. Dahinter: die Große Zinne

Unser Topo gibt wieder mal nichts her als rudimentäre Anhalte. Ich frage mich, wozu ich es gekauft (das Buch), und dann hier hoch geschleppt habe. Alle anderen haben ihre Topos aus dem Web. Die Abseilstellen sind in den anderen Topos nicht nur markiert, sondern auch in der Länge und Weg beschrieben, sowie alte Abseilringe erwähnt, die man nicht nutzen sollte. Unsere Strategie in diesem etwas unübersichtlichen Gelände ist einfach schnell an den anderen dran zu bleiben. Das gelingt zunächst nur recht dürftig, weil von unten andere Seilschaften hinaufkommen, und das just in jenem Kamin, den auch die Absteiger nehmen müssen.

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Beate in der letzten Abseillänge

Spätestens in der Abseilpiste haben wir aber wieder Anschluss gefunden. Ein zusammengebundenes Doppelseil (50m) ist hier gold wert, in der Abseilpiste haben wir letztlich nur vier mal eine Abseilstelle einrichten müssen. Ein Doppelseil ist in den Drei Zinnen gänzlich empfehlenswert – einer Seilschaft vor uns hat der Steinschlag einen Seilstrang fast zur Gänze abgetrennt. Gut, dass sie auch mit einem Doppelseil unterwegs waren. Kaum in der Mitte der Abseilpiste, dröhnt es laut und lauter über uns, ein Rettungshubschrauber senkt sich langsam in die Scharte zwischen Großer und Kleiner Zinne. Die Rotoren kreisen verdammt nah an der Wand, ein Retter wird am Stahlseil abgelassen und pickt einen ersten in Not geratenen Kletterer aus der Ostwand der Großen Zinne. Was genau passiert ist, wissen wir nicht, der Hubschrauber kehrte noch zwei mal zurück und holte den Rest der Seilschaft. Teufelskerle, diese Piloten und Flugretter!

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Wohlverdientes Abendmahl unterhalb der Drei Zinnen. Man beachte das Wetter, was für ein Unterschied zum Cevedale!

Der Abstieg gelingt, wir klatschen ab, packen schnell zusammen, um aus dieser Steinschlagzone zu verschwinden. Die Scharte durch das Geröll nach unten zu begehen ist genauso mies wie hinauf, und wir brauchen eine ganze Weile, bis wir wieder am Rifugio Lavaredo stehen, die Räder aufnehmen und durch die wandernden Massen zum Büssle zurückradeln. Müde und ausgelaugt, eher mental als körperlich, lassen wir uns in den Campingstühlen nieder, irgendein Alkohol muss her, und dann ein gutes Essen. Der Blick ins Tal ist gewaltig, und bald ist auch die imposante Südwand der Kleinen Zinne in den Hintergrund gerückt. Wir beschließen, den Tag hier oben ausklingen zu lassen, erst morgen nach San Vito zu fahren. Ein Wandertag steht an, zur Regeneration.

Sella: viele Türme zur Auswahl

Langsam nähern wir uns der Vertikalen. Nach den vier Tagen im MTB-Sattel über die Pässe der Alpen von Schwaz nach Naturns (Geiseljoch, Tuxerjoch, Sattelalm, Schneebergscharte und Eisjöchl) und den kleinen Abenteuern am Monte Cevedale wird’s am Sellajoch (2.240 m) nun wirklich steil. Die Sonne geht auf, noch ist wenig bis kein Betrieb am sonnigen Joch oberhalb des Grödnertals. Dreißig Minuten später sind wir schon unterwegs, versuchen den Einstieg in die Südwand des ersten Sellaturms zu finden. Da wir ein paar Kletterschuhe zu wenig dabei haben, und ich nun mit Alpinstiefeln klettern gehe, probieren wir eine etwas einfachere Route für den heutigen Vormittag. Die Wahl fällt auf die Kostner-Route in der Südostwand (IV, 9SL, 260m Kletterlänge).

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Der 1. Sellaturm vom Westen

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Blick zum Passo di Pordoi

Den Zustieg finden wir, aber erst nach etwas Sucharbeit. Unser Führer, “Dolomiten vertikal”, ist zwar ein prima Ideengeber, aber gerade was die Zustiege betrifft sehr unpräzise. Wie auch immer, ausgerüstet mit einem Rack an Friends, Keilen und Schlingen geht es an die Arbeit. Die erste Vierer-Stelle ist ein recht breiter Kamin, der sich vor allem durch polierte Griffe und Tritte auszeichnet. Haben wir den einmal überwunden, folgen etwas leichtere, teils aber ganz schön enge Passagen durch weitere Kamine und Verschneidungen. Auch die Wegführung ist nicht immer so einfach. Spätestens beim markanten Spreizschritt zwei Seillängen unter dem Gipfel wissen wir, dass wir richtig liegen.

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der besagte Spreizschritt über einen gut 100 m tiefen, offenen Kamin

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auf dem 1. Sellaturm

Die letzten Meter zur Spitze des ersten Sellaturms (2.533 m) sind fast ein Gehweg. Oben gibt’s ‘ne Pause mit Brot und Tee, obligate Fotos, und wir schauen hinüber zur Südwand des zweiten Sellaturms. Auch nicht besonders dramatisch, denke ich. Der Abstieg ist letztlich leichter zu finden als es zunächst den Anschein macht. Eine kleine Stelle wird abgeklettert, und schließlich auch noch gute 15 m abgeseilt.

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beim Abstieg Passagen zum Abklettern…

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… und zum Abseilen

Wir kehren zum Sellajoch zurück, zufrieden über den Vormittag. Hier am Joch ist aber schon Volksfeststimmung. Viele Rennradler sind hier oben, und dann auch noch zahlreiche Reisebusse, die hier Stop machen. Die Passagiere ergießen sich über die näheren Hügel und schauen über die faszinierende Landschaft. Wenige Minuten später merken wir auf der Wiese hinter unserem Büssle nichts mehr vom Trubel. Beate sonnt, ich ordne unsere Kletterausrüstung. Später geht es nach Bruneck, Kletterschuhe besorgen, und nach einem kurzen Stadtspaziergang folgen wir der Straße durch das Pustatal bis Toblach und weiter nach Süden zum Toblacher See. Wieder so eine erfrischende Waschgelegenheit… Bevor es dunkel wird, passieren wir die Mautstelle zum Rifugio Aurenzo. Saftige 22 Euro sind zu löhnen. Hoch oben unterhalb der Südwand der Drei Zinnen parken wir endlich für die Nacht – und genießen den Sonnenuntergang mit Blick auf den Süden, bevor wir am nächsten Morgen in die Wand einsteigen.

Vallüla: Doch kein Regen, dafür Gratkletterei

Nach einem Arbeitswochenende kam die Belohnung am Mittwoch. Das Wetter hielt, trotz versprochenen Regens ab Nachmittag, und wir schon um 07.00 auf der Bieler Höhe (2.037 m). Es geht gemütlich hinauf zum Vallüla-Scharte (auf etwa 2.500 m), mit schönem Blick ins Paznauntal und hinauf zum Rauhen Kopf (3.101 m). Die Sonne ist heraussen, der Weg aber immer noch nass-feucht. Wir passieren die Scharte nach Norden, steigen wieder etwas ab, fast bis zum Unteren Vallülasee. Dort suchen wir uns einen geeigneten Einstieg auf den Nord-West-Grat zur Vallüla (2.813 m).

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zur Vallüla in der Morgensonne

Den Einstieg, wie im Kletterführer Vorarlberg beschrieben, verfehlen wir und steigen etwas höher und westlicher über Grasbänder, nasse Platten und Schotterrinnen zum Grat hinauf. Wir steigen vorsichtig auf, die Grasbüschel sind hintertückisch, die nassen Flechten am Stein verführerisch rutschig. Am Grat selbst fühlen wir uns wohler.

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jetzt geht’s auf den Grat

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kurze Abseilstelle im Überhang

Dennoch: die meist mit 2er und 3er Stellen versehenen Grat-Abschnitte schrecken uns zunächst nicht. Auf dem Papier ist das ein Spaziergang. Doch das ändert sich: auch hier ist der Fels – nicht immer – rutschig, so dass wir oft nur mit den Händen steigen oder auf allen Vieren am Grat herumkrabbeln. Die einfache Route wird nun lang, und wir suchen in diesem Gelände, welches bis auf eine Abseilstelle ohne vorbereitete Stände und Haken auskommt, unseren besten Weg. Es gelingt ohne Zwischenfälle, wir gehen die letzten Seillängen im Sicherungspunktverfahren. Das geht flott, wir sichern meist mit Expressen, Karabinern und jede Menge Bandschlingen.

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Vallüla von Westen

Von der Spitze der Vallüla lacht uns der Piz Buin und seine Nachbargipfel entgegen. Wie klein die Gletscher hier geworden sind! Der Abstieg nach einer kurzen Pause folgt dem Normalweg, den Wanderer hier hinaufnehmen. Aber auch er hat kleine Kletterstellen, rutschige Wege und Schotterrinnen parat. Also sicher kein Weg für Familien mit Kleinkindern. Ein Helm ist empfehlenswert.

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Abstieg von der Bielerspitze zur Bieler Höhe

Auf halben Weg retour entschließen wir uns, noch zum Bielerkopf (2.350 m) und darüber die Bielerspitze (2.545 m) mitzunehmen. Auch hier tolle Ausblicke auf den südlichsten Teil Vorarlbergs. Und immer noch kein Regen.