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Ulleung-Do: Lunch im Krater

Die Tage auf Ulleung-Do vergehen wie im Flug. Beide Brüder sind nun ohne Ski auf festem Boden unterwegs. Derweil fahren wir mit Max wieder einmal vom Seonginbong ab. Diesmal auf die Nordseite des Eilands. Steile Hänge mit genug Platz zwischen den Bäumen. Der Tag ist gemütlich, am Berggipfel gibt’s heute Kekse, Kaffee und Plaudereien. Nach der flotten Abfahrt in den Krater der Insel lädt uns eine zufällig vorbeikommende Spaziergängerin zum Mittagessen ein. Wir sind ja verrückt, mit den Ski hier abzufahren. Und lacht. Das Essen ist genial, denn die ältere Dame führt ein Gasthaus und öffnet es für uns.

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Max vor der Abfahrt

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super gsi!

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austro-koreanische Freundschaft Teil 1…

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… und Teil 2

Wir warten auf unser Allrad-Fahrzeug, das demnächst auseinander fallen wird. Wir machen eine Tour um die Insel, bevor es wieder ein reiches Abendessen bei Oma gibt. Der Tag plätschert eher gemütlich vor sich hin, ich wälze Ideen für meine Rückkehr, Beate richtet sich wieder her und döst, und am nächsten Morgen brechen wir früh und nur zu zweit zu einem kurzen Aufstieg zur Pagode auf. Der Schnee ist jetzt hinüber, aber das ist auch egal, denn es ist unser letzter Tag auf der Insel. Heute fährt die letzte Fähre, das Wetter wird schlechter, und dann wird der Fährbetrieb eingestellt. Südkorea rocks! Thx Max!

Seonginbong: kleine Tour mit viel Action

Heute spielen wir wieder die Bergrettung auf Uleung. Diesmal für den älteren Bruder. Der Jüngere sitzt ja im Hotel mit dem Arm in der Schlaufe. Für den Älteren kommt es noch dicker. Der Aufstieg auf den Seonginbong (984 m) ist schon anstrengender als gedacht. Der Schnee ist schwer und besonders im unteren Teil recht durchweicht. Am Gipfel kocht Max Nudeln, der Tag ist herrlich ruhig, das Wetter passt. Die Abfahrt, die keine Stunde (wegen eines Gegenanstiegs) dauern sollte, wird zur Nachmittagsbeschäftigung.

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irgendwo im typischen Uleung-Gelände

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kurzer Fuss-Anstieg

Die Beine so weich wie Pudding ist es schwer, einen Bogen im tiefen, schweren Schnee zu ziehen. Da wird die Abfahrt im Wald unlustig, und wir nennen die Route nun „Hitparade“. Wieviele Crashes es nun waren, können wir nicht mehr nachvollziehen, aber an den Baum geraten ist Wonhyuk sicher eine ganze Handvoll. Das erste Mal so heftig, dass wir ihn schon im Spital sahen. Die anderen Male staunten wir, dass seine Beine gehalten haben. Der letzte Sturz war ausnahmsweise kein Baum die Ursache, sondern die Bindung, die nicht zuging und er mit einem Ski in der Hand über einen Abhang ausrutscht. Ein Bild für Götter – in Seemannsköpfler-Manier über ein zwei Meter Erdloch drüber gesaust, dann eine ganze Steilrinne (locker an die hundert Meter Länge) kopfvoraus hinunter gesegelt. Das muss man ihm hoch anrechnen, er hat bis zum Schluss durchgehalten. Kein Mucks, kein Herumgemaule. Aber am Abend ist er dann richtig fertig, wie nach einem Thai-Boxkampf verdroschen. Das rechte Jochbein geschwollen, der Nacken beidseitig verstaucht, die Brust ramponiert, beide Knie hochrot und verformt, … Wonhyuk nimmt noch alle Energie zusammen und lädt uns als Dankeschön zu einem Essen ein. Vom ersten bis zum letzten Sturz haben wir ihn ausgegraben, seine Ausrüstung zusammengesammelt, ihn aufgestellt und die Bindung wieder auf Vordermann gebracht.

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Schnee genug auf der Insel

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Chef Max beim Gipfel-Nudel-Koch

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Wonhyuk fährt in die “Hitparade” ein

Man sieht es immer wieder: auch bei kleinsten Touren gehören Erste Hilfe, Schaufel, Sonde, Werkzeug, Biwaksack und der Pieps zur Standardausrüstung. Denn auch Beate hat wieder einmal ein Lawinenerlebnis. Der Ausdruck ist wohl etwas übertrieben, aber der schwere, nasse Schnee ist wie Zement. Und wenn der einmal in Bewegung gerät, ist das wie eine Mure. So eine kleine Mure begräbt Beate bis zum Knie. Sie kommt nicht mehr raus, bis sie ihre Schaufel zum Einsatz bringen kann. Aber diese fünf Minuten sind kritisch, weil sie potentiell von einem Nachrutsch vollständig verschüttet werden kann. Alles geht gut und wir können einigen koreanischen Wanderern im untersten Teil ein paar alpinistische Kunststückchen (aka ‚ohne Sturz auf Skiern vorbeirasen‘) vorführen und gar eine Steiltreppe mit den Ski runterbrettern.

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frischer Fang am Kai

An Land in Uleung-do

Das halbe Schiff übergibt sich. Ob von dem Wellengang, oder dem überall präsenten koreanischem TV? Oder gar der Garküche, die ihren Duft im Schiffsinneren verteilt? Ich ziehe mir die Kapuze über den Kopf, schmiere mir eine duftende Handcreme unter die Nasenflügel und stecke die Kopfhörer an. Let’s rock. Während das Boot also schläft oder kotzt, liefere ich eine Karaoke-Luftgitarrenshow. Mehr und mehr, höher die Wellen, die Gischt knallt gegen die Scheiben, Träume, Träume, die Wellen in mir branden, Beate schläft wie immer, meine Träume klatschen mit der Brandung gegen das Boot. Ich frage mich: “Wie geht’s dir eigentlich?” Die Fähre von Pohang fährt mit uns ins Nichts hinaus, das Land hinter uns verschwindet. Ich suche den Horizont ab, aber es zeichnet sich nichts ab außer dunklen Wolken. Mir kommt Pink Floyd in den Sinn – “We’re just two lost souls swimming in a fishbowl”.

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stürmische Überfahrt

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Beate beobachtet südkoreanische Skibergsteiger-Künste

Unsere Insel für die nächsten Tage. Uleung-do steht stellvertretend für diese Reise, für dieses Projekt: der sichere Hafen, der Sturm, neue Freunde, der Aufstieg, der Kampf, der Gipfel. In Uleung starten wir in eine neue Phase des Projekts. Mit Max wollen wir hier ein paar Touren gehen. Er bringt zwei Freunde aus Seoul mit. Wir mieten uns in ein Ferienappartment ein, genießen die Ruhe hier – im Winter ist hier kaum was los, im Sommer dafür der Trubel der Cote d’Azur. Schon mal durch einen Bambus-Wald mit Ski abgefahren? Hier ist das möglich, und das machen wir auch am späten Nachmittag bei einer kleinen Eingehtour. Der Schnee ist soft, aber gut zu fahren. Auch der Apartment-Besitzer Heedon möchte mit den Österreichern mit. So steigen wir durch dichten Wald und im leichten Schneefall zu einer Pagode hoch. Wonhyuk und Jaehun haben ihre Freude, wollen sehen, wie die Europäer das so machen. Wir halten uns dezent zurück, bei der Abfahrt geht’s etwas mit uns durch. Baumslalom ist schon was Feines. Nicht für Jaehung, der sich dabei die Schulter auskegelt. Im Scheinwerferlicht unserer Stirnlampen verwende ich mein Fell, um den Oberarm zu fixieren, dann gehen und fahren wir langsam, bis uns die Bergrettung entgegen kommt.

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feine Abfahrt mit Baum-Slalom

Den Arm gestreckt, die Hand zur Faust geballt. Vorwärts, vorwärts, ruft es in mir, das Kommando ereilt, vorwärts, das Leben wartet, aber es kommt nicht von allein, es ist zu ergreifen, Freunde. Vorwärts in der Bewegung, dröhnt es in mir, in der Bewegung vorwärts! Der große Preis ist da draußen, auch wenn ich nicht weiss, wie er aussieht oder heißt. Neugierde heisst das Zauberwort, das jeder wahre Reisende kennt. Das ist der Schlüssel, meine Freunde, das Leben zu ergreifen und loszulassen.

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Oma kocht was feines – unter anderem Tintenfisch