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University Peak: wandern, kraxeln, baden

Das letzte Wochenende in der Sierra Nevada bricht an. Von Aspendell (Mt. Lamarck) orientiere ich mich weiter nach Süden, über Bishop und Big Pine (Mt. Sill) nach Indepence. Die Gegend um die 395 kenne ich mittlerweile nicht schlecht. Ich nehme eine Autostopper mit, er will auch zum Trailhead im Onion Valley (2.800 m).

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Morgenstimmung im Onion Valley

Die nordamerikanische Trekker-Psyche ist eine gänzlich andere als wir sie kennen. Mehr-Tages-Trips sind die Norm, und da es kaum Hütten gibt, ist das Übernachten draussen – im Zelt oder Biwak – eine völlig natürliche und normale Sache. Da sieht man dann recht große Rucksäcke, die durch die Gegend geschleppt werden. Bären-Container, Iso-Matten, Camelbacks, da baumelt einiges. Stöcke sieht man eher seltener, dafür Hüte mit breiter Krempe. Und weil uns (im Alpenraum) das Biwakieren so reglementiert und meist verboten ist, kommen wir zuhause selten in den Genuss einer klaren Sternennacht in den Bergen, eines Abendessens an einem Bergsee oder die Elemente, die Flora und Fauna unentwegt zu fühlen, zu riechen und zu sehen. So ist das europäisch-alpine Erlebnis ein Ausflug, der nordamerikanische Zugang ein Eintauchen. Ersteres bietet den sicheren Rückzug, aber auch wenig Verständnis für die Zusammenhänge in der Natur und meine Rolle darin; letzteres ist immer ein „risky business“, weil man sich der Natur hingibt. Und so lernt der Einzelne ungemein mehr über die Umwelt, aber auch über den eigenen Charakter.

Robinson Lake

Robinson Lake

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Südostcouloir zum University Peak (Bildmitte)

Hier im Onion Valley gibt es viele Kreuzungspunkte für Weitwanderwege in Kalifornien, aber auch der gesamten US-Westküste. An einem Samstag ist es hier entsprechend belebt, meist der Tag, an dem viele für ein paar Tage oder Wochen aufbrechen. Auf den University Peak über den Robinson Lake will aber keiner. Ich bin wieder allein, breche um 05.30 auf. Nicht weil der Weg so weit ist, sondern weil die Sonne den Schnee schon gegen 08.00 einweicht. Als ich um 08.30 am Südost-Couloir ankomme, ist es bereits deutlich zu spüren. Entsprechend lange dauert der Aufstieg, den ich dann im oberen Drittel abbreche und in den felsigen Ostgrat wechsle. Die Kletterei ist abwechslungsreich, und ich unterschätze die Länge des Aufstiegs, muss einem Gratabbruch nach links unten weit ausweichen, dann wieder etwas schwieriger hochklettern. Heute klettere ich mit meinem vollen Rucksack, vielleicht ist es heute deshalb ein wenig schwieriger.

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am Ostgrat, re das Ende des SO-Couloirs

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fast wie aus Lego, nur schöner

Am Gipfel des University Peak (4.142 m) bleibe ich keine fünf Minuten. Snickers, Blick zum Mount Gould (geplante Tour für morgen), und schneller Abstieg über den gesamten SO-Couloir. Ich versuche ein wenig auf den Alpinstiefeln zu gleiten, denn der Schnee ist bereits sehr eingeweicht. Alles dauert nun länger. Als ich dann den Robinson Lake von der Ferne sehe, weiss ich, was ich als nächstes tun werde.

Mt. Sill: Risskletterei zum Gipfel

Man kann nicht sagen, gestern war ein verlorener Tag, weil es mein erster Nicht-Bergtag seit San Francisco war. Meine Zehen und Fersen brauchten mal einen Tag Havaianas. Luft. Ruhe. Für mich hingegen ist so ein Tag ein Kampf. Rumsitzen und Kaffee trinken. Rucksack nähen. Im Internet recherchieren. Am Abend bin ich fast desillusioniert und hab keinen Hunger. Am Mt. Basin war ich schon nicht ganz glücklich – lange Anmarschwege, große Hitze, kein Skitouren, und dann auch noch sehr tiefer, feucht-nasser Schnee. Da kommt eine Tour zum Mt. Sill gerade richtig.

Temple Creg

Temple Creg im Morgenlicht

Ich wollte vom Mt. Basin lernen. Also stehe ich um 04.00 auf, um 05.00 bin ich in Bewegung. Die Sonne geht am Horizont auf, aber es bleibt kühl. Gut so, denn auch hier ist der Anmarschweg beträchtlich: 11 Kilometer ein Weg. Und dann wieder retour. Plus gute 2.000 Höhenmeter wieder. Aber ein Großteil der Marschstrecke ist ein gut sichtbarer Weg, so dass ich erst ab der Schneegrenze in meine Alpinstiefel wechsle, Gamaschen hochziehe und mich orientiere. Der Schnee ist immer noch hart, so dass ich sehr gut vorankomme. Am Gletscherrand sehe ich das Amphitheater, das aus scharfen Wänden und Spitzen besteht: die Pallisades. Mt. Sill ist eher am östlichen Rand dieser Gipfelsammlung und auch der Höchste von diesen. Ich wende mich gegen Osten, um einen kleinen Sattel (Glacier Notch) zu erklimmen, und dann sehe ich zwischen Apex (ca. 3.700 m) und Mt. Sill (4.313 m) hinein. Ein mäßig steiler Gletscher, der zum Wandfuss führt.

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Mt. Sill im Hintergrund, davor das L-Couloir

Ich betrachte die Wand und zeichne in Gedanken meine Aufstiegsroute. Ich bin zuversichtlich, auch ohne Seil sicher hinauf und hinunter zu kommen, trotz zweier Bergsteiger, die ich am Anmarschweg getroffen und befragt habe. Sie kamen vom Mt. Sill und meinten, es sei nicht schwer. Da sehe ich bei einem ein Bergseil aus dem Rucksack zappeln. Ob sie es genutzt haben. Ja sicher, da gäbe es ein paar Stellen, da wäre es gut. Aha! Mehr wollte ich nicht wissen, und wir gingen getrennte Wege. Jetzt am Wandfuss denke ich das Gleiche.

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Blick vom Glacier Notch zu Mt. Sill (li) und Apex (re)

Die Kletterei (Nordostwand) beginnt als lockeres Bouldern. Dann ein paar Schuppen und ein-zwei Traversen, die lästigerweise über eine mit Schnee zugedeckte Felspartie führen. Da heißt es aufpassen. Alles geht klar, und ich komme endlich zum Mittelstück: einem langen Kamin. Herrlich! Tritte und Griffe zum Überfluss, stoßen, spreizen, ziehen. Am Ausgang muss ich wieder ein Schneefeld traversieren, dann ein paar Schuppen, und unter dem Gipfel dann der große Riss: sicher 40 cm breit. Das wollte ich schon immer ausprobieren, und zwänge mich in 4.300 m Höhe in diesen Riss. Hier gibt es nur eine Methode: sich breit machen. Ich bewege mich wie eine Raupe, nur mit der Reibung meiner Unterarme, Knie und meines Hintern. Da kann man, wer will, eine hübsche Pause machen und was essen, ohne Tritte und Griffe. Ich komme aus dem Riss heraus, kraxle über ein paar Blöcke und stehe am Gipfel des Mt. Sill. Es ist kein Mensch zu sehen und zu hören, die gesamten Pallisaden sind zu meiner Verfügung. Wieder so eine tolle Kletterei wie am Matterhorn Peak und Mt. Humphreys!

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die Pallisades vom Gipfel des Mt. Sill

Die Abkletterei wird interessant, weil ich einen etwas anderen Weg nehme, den Kamin lasse ich mir aber nicht entwischen. Unterwegs entdecke ich wieder allerhand Eisenware und Seile, die hier für den weniger Geübten oder für schlechte Verhältnisse angebracht wurden. Bei einigen bin ich mir aber fast sicher, dass sie nicht absichtlich zurückgelassen wurden, sondern eher aus der Not: Friends, Keile, extra lange Expressen. Ich komme wieder gut zum Rucksack zurück und mache mich auf den langen Weg zurück. In Summe wieder 13 Stunden auf dem Weg. Ich freu’ mich schon wieder auf’s Bett, und eine Limo.

Mt. Humphreys: Granitkletterei auf über 4.000 Meter

Die Sonne brennt bereits um 08.00 herunter. Der Cowboy-Hut tut hier gute Dienste. Ich bin seit eineinhalb Stunden unterwegs, gehe entlang einer Offroad-Piste. Ich wundere mich, ob hier vielleicht wieder ein Fahrzeug vorbeikommt und mir den Zustieg um viele Kilometer verringert. Es kommt nicht.

Gestern komme ich in Bishop an. Müde vom Mount Dade mache ich alle notwendigen Besorgungen: tanken, Wasser nachfüllen, einkaufen, Kaffee trinken, alle Geräte aufladen. Beim großen Kundenparkplatz von Vons stehen einige große Reisemobile. Ich stelle mich einfach dazu. Und gehe mit einer Portion Kartoffel-Wedges in der Hand über die Straße zum Rodeo.

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der Schnee ist schon etwas dünn gesät

Um fünf stehe ich etwas müde auf. Die Esel und Maultiere vom Rodeo haben die halbe Nacht gewiehert. Ich schaufle meine Haferflocken herunter, starte den Wagen und fahre über die 168 gegen Westen. Nach einer Abzweigung wird die Straße ruppig, und ich muss früher als erwartet den Wagen abstellen. Zu ausgewaschen für’s Büssle. Das freut mich gar nicht. Das wird ein langer Tag – 32 Kilometer und 2.000 Höhenmeter.

Ich sehe schon von Weitem, dass in der Gegend der Schnee etwas mager verteilt ist. Die Couloirs sind gefüllt, und eventuell die Gletscherwannen, in die ich nicht hineinsehe. Was ich sehe sind lange Wege. Und das genügt. Die Ski bleiben im Wagen, und ich mache mich auf. 13 Stunden später bin ich ausgehungert, durstig und glücklich wieder beim Büssle.

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Twin Couloir re vom Mt. Humphreys (Mitte)

Der Weg zieht sich, naturgemäß. Zumindest ist er sichtbar und ohne dichtes Gebüsch. Nach wenigen Stunden stehe ich am McGee Lake, zum Fuß des Mt. Humphreys und anderer Anhöhen. Ich finde eine Quelle, die aus dem Fels sprudelt, und fülle meine Flasche nach. Ich bin spät dran, wie ich finde, dennoch will ich zum Gletscherrand und mir zumindest das Couloir unterhalb des Gipfelturms anschauen. Als ich oben ankomme, gehe ich einfach weiter. Es schaut so nah aus. Aber schon der Weg um das Gletscherbecken ist mühsam: tiefer, weicher Schnee. Jeder Tritt wird dreimal gemacht, damit ich nicht weiter einsinke als bis zum Knie. Der Bergschrund macht keine Probleme, und so schaue ich nach oben und denke, das müsste eigentlich gehen. Die Twin Couloirs steilen sich nach oben auf und ziehen sich über 150 Höhenmeter. Ich merke, dass das eine lange Sache sein wird – der Schnee ist sehr weich, nass und tief. Es braucht viel Kraft, das linke Couloir zu erklimmen, wobei ich am Schluss in den Felsen nach rechts aussteige und diesen erklettere. Ich stehe am Nordgrat unterhalb des Gipfelturms. Und das mit Stil: mit Cowboy-Hut durch das Couloir!

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Blick vom Gipfel zum McGee Lake

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der Granit-Turm fein zum Hochkraxeln

Der Turm ist nochmals gute 150 Höhenmeter hoch. Schnee liegt zwischen den Blöcken, und ich lasse die Steigeisen, Pickel und alles andere zurück. Der Granit ist trocken und nur gelegentlich mit Eis überzogen. Ich klettere meine eigene Linie, sicher im 3.Grad. Wunderbare Schuppen, schöne Risse. Es dauert fast eine Stunde bis ich oben am Gipfel des Mount Humphreys (4.263 m) stehe. Von dort sehe ich, dass viele Schlingen, Bergseile und Sicherungen parallel zu meiner Route angebracht wurden, damit auch wirklich jeder hier hoch und runter kommt. Meist ist das Abklettern eines solchen Turms aufregender als andersrum. Ich brauche 20 Minuten dafür, und nochmals die gleiche Zeit, um das Couloir abzusteigen. Es ist mühsam, der Schnee um 16.00 ist sehr weich, ich sinke oft bis zum Becken ein. Als ich am McGee Lake endlich den Gletscher hinter mir lasse, bin ich entspannt, wechsle meine klatschnassen Alpinstiefel gegen trockene Joggingschuhe. Das Paar Bergsocken ist zum Auswinden nass, ich steige ohne Socken in die Schuhe, und blute später dafür. Es ist fünf, und ich habe noch viele Kilometer zu laufen. Die Wasserquelle aus dem Felsen tut mir da gute Dienste.

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nur in der Sierra Nevada: der Mountain-Cowboy; im Hintergrund “mein” Twin-Couloir”

Gemsplanggenstock: 14 Seillängen für einen perfekten Wochenabschluss

Vom Bergseeschijen kommen wir rechtzeitig (Parkuhr) ins Tal hinunter, essen einen Happen, packen unsere Rucksäcke um (denn hier im Tal ist nix mit Biwak) und verlegen unser Fahrzeug weiter Richtung Göschenen. Es geht wieder weiter, und wir müssen wieder hoch, gute 1.000 Höhenmeter zur Salbithütte (2.105 m). Der Weg braucht gute 2 Stunden, er ist steil, aber sehr gut begehbar. Uns freuen die vielen Bäche besonders, am Nachmittag ist es schwül-heiss, da können wir nicht genug oft den Kopf hineinstecken.

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Salbitschijen (links in der Sonne), Gemsplanggenstock (rechts davon, Spitze bereits in der Sonne)

Wir passieren die Baumgrenze. Das offene Weideland mit den vielen, runden Grantiblöcken war schon auf dem Weg zur Bergseehütte ein Highlight für die Augen. Die Salbithütte liegt schön über dem Tal, mit Blick auf seinen “Hauptgipfel”, den Salbitschijen. An einem Samstag Nachmittag ist die Hütte aber hoffnungslos überlaufen, zumal erst jetzt die Wander- und Klettersaison wirklich beginnt – der Schnee ist immer noch massig auf hohen Wegen und Abstiegen. Wir bekommen also kein Lager, Biwak geht auch nicht, da ist der Dachstuhl der Hütte gerade gut genug – Matratze und Decke und gut ist. Den Raum, der fast an ein Biwak erinnert, teilen wir uns spät abends mit sieben anderen Gestrandeten, plus Hauskatze. Wir schleichen also am nächsten Morgen um 06.00 aus dem Haus, hinaus zum Gemsplanggenstock (2.752 m).

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super gsi!

Während sich am Süd- und Ostgrat des Salbitschijen mehrere Seilschaften das Vorwärtskommen gegenseitig schwierig machen, sind wir auf dieser neuen Route (offiziell “Hüttengrat”, inoffiziell “Drecksprojekt No. 2”) so allein wie man zu zweit nur sein kann, unterwegs. Die einzelnen Seillängen sind alle irgendwo bei 45 m, das heißt, man kann sich auf ordentlich Seilzug einstellen, wenn man nicht gelegentlich die Zwischensicherungen verlängert. Die Schwierigkeiten liegen eigentlich bei allen Passagen irgendwo bei 4, einmal etwas höher (UIAA). Die Route wird auch als “ideale Eingewöhnungsroute für alpine Neulinge” beschrieben. Zu leicht ist auch nicht gut, und damit dies wirklich als Drecksprojekt durchgehen kann, wird der Rucksack noch schwerer gemacht und die Alpinstiefel bleiben dran, die Kletterfinken harren derweil im Rucksack aus.

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am Gipfelgrat des Gemsplanggenstocks

Der Granit ist wieder einmal schön zu greifen, auch wenn die Flechten hier immer wieder ein Abrutschen anbieten. Der Grat ist nur so von Schuppen überzogen, da ist man auch mit den Alpinstiefeln gut dabei: die Finger in die Risse und schon geht’s weiter. Am Ende des Tages zeigen meine Unterarme und Hände, dass ich im Granit unterwegs war: rot, zerkratzt, blutig. Schön. Wir brauchen am Ende doch etwas mehr als vier Stunden, und während Martin langsam in das Seil- und Standhandling hinein kommt, türmen sich schon über den Salbitschijen die Cumulus-Wolken. Es bleibt aber noch genug Zeit für eine Gipfeljause, dann ein kleines Abklettern, eine Gratwanderung und letztlich ein Abseil-Akt zum steilen Couloir und Normalweg vom Salbitschijen. Dieser ist noch von Schnee ausgefüllt und macht, nicht jedem, Spaß. Solche Schneefelder (und dieses hier ist besonders lang und steil) passiert am besten, in dem man es abfährt und nicht ewig und langsam mit Pickel in der Hand Stufen schlägt. Auf diese Art verbringen Seilschaften eine gute Stunde in einer Steinschlag-gefährdeten Rinne. Es ist wie in einem Geröllfeld: hinunterlaufen, dabei die Fersen in die Steine drücken und Meter-weise “fahren” ist wahrlich ökonomischer als jeden Schritt zu sondieren. Wir fahren also dieses sehr lange Schneefeld ab, erreichen die Salbithütte, nur um kurz unser Abendessen und Badehose einzupacken. Hinter dem Haus ist nicht unweit ein kleiner Bergsee…

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der letzte Stand, dann über den Grat nach NW

Auch diesen See haben wir für uns allein, das Wasser ist herrlich kalt, da schmeckt das Chicken Curry dem Martin besonders. Wir bleiben lange am See, auf der Hütte gibt es für uns nicht viel zu tun, auch wenn die Hüttenmädels ein angenehmer Kontrast zum Bergsee-Hüttenwirt sind. Diesmal schlafen wir im echten Lager, hören Radio, lesen, planen den Wochenbeginn, der am nächsten Morgen gemächlich beginnt: eine Tasse Kaffee bei Sonnenschein. Das Meteo verspricht eine hohe Gewitterneigung ab dem Nachmittag, deshalb lassen wir eine längere Grattour sein und werfen uns in die Routen des nächst-gelegenen Klettergartens. Ein feiner Wochenbeginn, denke ich mir, hier oben alleine herumzuturnen, und auch ein guter Abschluss dieser vier Tage im Göschenen Tal: neben dem Klettern bauen wir zum Üben noch ein paar Stände mit mobilen Sicherungsmitteln. Der Weg zurück ins Tal ist kaum erwähnenswert (rund eine Stunde), außer dass uns schließlich am Oberalppass das vorhergesagte Gewitter einholt. Ich schaue zurück. Dieses Tal habe ich hoffentlich noch nicht das letzte Mal besucht.

Über den Südgrat auf den Bergseeschijen

Vier Tage nur Berge, das ist schon was. Da Beate in den Stubaier Alpen weilt, habe ich mit Martin zwei “Drecksprojekte” (O-Ton Beat Kammerlander zu mittelmäßigen Klettereien) in Angriff genommen und sind daraufhin in den Kanton Uri übersiedelt. Exakter heißt das: in das Göschener Tal, unweit von Andermatt, das fein und schön eine wunderbare Alpinkulisse bietet. Der ursprüngliche Plan, die Tage im Biwak zu verbringen und so auf null Luxus zurückzugreifen, scheitert allerdings früh am Hüttenwirt der Bergseehütte (2.370 m), der uns schon vor der Hütte abfängt und gleich auf das Zelt-Verbot im Tal hinweist. Derweil haben wir nicht einmal den Rucksack abgenommen, schon wurden wir auf die Buße von 500 Schweizer Franken aufmerksam gemacht. Sehr nett. Der SAC schimpft auf die steigenden Komfort-Bedürfnisse der Hüttenbesucher, kommt da aber mal jemand daher, der nicht einmal ein Zelt aufschlagen will, sondern sich unter einem Fels ein Plätzchen suchen will, wird man aggressiv. Das ist Alpen-Realität.

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hübsch da, im Göschenen Tal

Zurück zum “Drecksprojekt Nummer 1”. Eine Gratbegehung am Bergseeschijen (2.816 m). Keine große Sache, zehn Seillängen, Stände sind vorbereitet, die Absicherungen sind da, auch wenn der Grat ein wenig alpin ist und hin und wieder eine Schlinge angebracht wird. Ansonsten klettert man halt ein paar Meter solo. Bei dem feinen Granit auch kein großes Thema, wären da nicht im oberen Teil große Flächen von Flechten am Stein. Dieser bröselt nur so unter dem Fuß oder der Hand wie feiner Sand weg und bietet de facto sehr wenig Halt. Ich habe mir eine Bürste gewunschen. Der Zustieg zur Bergseehütte ist ein angenehmer Fußmarsch, mit etwas Höhenmetergewinn (ca. 600). Die Abwechslung an diesem Tag bietet neben dem Hüttenwirt auch sein Schäferhund, der gerne Stöckchen spielt, und eine desolate Slackline, an der wir uns versuchen. Später am Nachmittag erkunden wir den Zustieg zur Route, die wir am nächsten Morgen zeitig aufsuchen.

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Martin in der ersten Seillänge

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Wann geht’s wieder weiter?

Die zehn Seillängen sind schnell absolviert, die Linien-Orientierung nicht schwierig, und Friends und Keile würde ich das nächste Mal im Tal lassen. Einzig die Schlingen sind hin und wieder hilfreich, auch um Expressen zu verlängern um den Seilzug etwas zu minimieren. Der Abstieg über den Ostgrat ist teilweise versichert, gutes Schuhwerk ist aber angebracht, auch unsere Gamaschen waren was wert: es liegt noch einiges an Schnee da oben. Der Hatsch zurück zur Hütte geht flott, wir packen unsere Rucksäcke und ziehen wieder in den Talboden ab. Das zweite Projekt wartet.

Mixed-Klettern am Mont Blanc du Tacul

Nach einem interessanten Ski-Tag am Aiguille du Midi und dem Gletscher-System am Mont Blanc Massif ging der erste Teil des Chamonix-Ausflugs mit einer leichten Eiskletterei in der Nähe von Argentière zu Ende. Für mich war es eine Akklimatisation der besonderen Art. In dieser gewaltigen Bergwelt komme ich mir sehr rasch ganz klein und unbedeutend vor, Ehrfurcht entsteht.

Auch am nächsten Tag habe ich dieses Gefühl, wenn es mit der Kabinenbahn auf die Aiguille du Midi hinauf geht. Gewaltiger Granit in braun-oranger Farbe türmt sich hier überall auf, wir steigen vorsichtig zum Skidepot ab und fahren zur Refuge des Cosmique ab.

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Auf dem Weg zum Mont Blanc du Tacul; der rechte Rand des Felsriegels ist unser Ziel

Deutlich leichter (Gepäck bliebt im großen und ganzen auf der Hütte zurück) marschieren wir zum Wandfuß des Mont Blanc du Tacul (4.187 m). Ausgehend von ca. 3.670 m Seehöhe überwinden zunächst einen etwas lästigen Bergschrund. Die erste Seillänge führe ich im leichten Gelände (45°) über Eis und Schnee, Mathieu dann die nächste zum ersten Felsen. Oberhalb von uns wehen zwei Seilschaften ständig Schnee und Eis herunter, wir duschen an diesem Tag ausgiebig. Kleinste Schneebretter schießen über meinem Helm nach unten hinweg, als ich mich in die Eistrasse in der Goulotte Chéré wage. Das Eis ist gut, nicht spröde, meine Steileisgeräte liegen gut. Ich finde immer genug Halt, um meine Eisschrauben zu setzen, hänge währenddessen genüsslich an meiner Leine, die sich Mathieu in der Zwischenzeit (nach unserem Weisstannental-Gekraxle) auch besorgt hat. Hin und wieder nutze ich auch einen Riss im Fels für einen Friend, ich steige und steige, ich fühle mich sehr sicher.

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am Bergschrund, und dann geht’s nur noch hinauf durch die Enge der Goulotte Chéré

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super gsi!

Nach fünf langen Seillängen wird uns langsam wärmer, aber da sind wir schon am Ende der Route angelangt. Wir machen alles fertig für den Abstieg, seilen uns nacheinander durch den engen Couloir und letztlich über den Bergschrund zu unserem Skidepot ab. Mich trennt nur noch eine halbe Stunde von einem großen, heissen Kaffee.

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Mathieu schlägt sich durch

La Meije: From France with Respect

Wie ein Prüfungstermin lag mir eine bevorstehende Tour die letzten Tage im Magen. Gespannt auf das Kommende, gut vorbereitet auf das Ungewisse, aufgeregt auf die Herausforderung der Königin der Alpen. La Meije (3.983 m), im Parc National des Ecrins gelegen, gilt als “der Berg” der Alpen. Seine Süd- wie Nordwand sind Sinnbild für die Wildheit und Schönheit der Alpen, und die Traverse vom Hauptgipfel hinüber zum Doigt de Dieu (“Finger Gottes”) gilt als einer der schwierigsten Normalrouten unter den alpinen 3.000ern.

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Auf dem Weg zur Refuge La Promontoire, im Hintergrund die Südwand der Meije und der Traverse

Vor zwei Jahren hatten Beate und ich uns auf den ersten Hochtouren versucht, just in diesem Gebiet. Damals machte uns das Wetter beim Weg zum Dome de Neige einen Strich durch die Rechnung, letztlich konnten wir einen anderen schönen Gipfel, den Roche Faurio, für uns als Erfolg verbuchen. Dieses neueste Projekt, die eigentliche Herausforderung dieses Bergsommers, hatte ich über ein halbes Jahr mit meinem französischen Freund Mathieu geplant und vorbereitet. Mathieu war ja mit uns auf dem Piz Palü, auf dem Piz Bernina und dem Glarner Tödi.

Das Unternehmen war auf drei Tage ausgelegt: Anreise nach La Berarde und Aufstieg zur Refuge “La Promontoire”; Aufstieg zum Hauptgipfel des Meije und Bivak; Traverse über die vier Zähne bis zum Finger Gottes, le doigt de Dieu, und Abstieg über die Nordseite bis ins Tal bei Villar d’Arene. Voraussetzung für diese Variante der Traverse war stabiles Wetter. Mit dem Altweibersommer, der seit Wochen die Alpen herrliche Sonnentage beschert, hatten wir die idealen Bedingungen für unser Unterfangen.

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Mathieu auf dem Gipfelgrat

Etwas nervös packten wir unser Nachtlager (ein Zelt am öffentlichen Parkplatz) bei La Grave zusammen und fuhren nach La Berarde (ca. 1.650 m). Es ging endlich los, das Projekt der Bergsaison. Der Aufstieg aus dem wunderschönen Tal zur Hütte La Promontoire (3.082 m) ging ohne große Anstrengung vor sich, wir hatten genug Zeit und kamen nach rund 5 Stunden über Moränen zur fantastisch gelegenenen Refuge. Die Hütte war nicht bewirtet, aber der Hüttenwirt hatte uns sogar Bier dagelassen. Wir konnten nicht klagen.

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glücklich am Gipfel der Meije Central

Der eigentliche Ausstieg zum Pic Central der Meije kostete uns einen guten Tag. Wir brachen spät (09.00) auf, wir wollten ja nicht zu früh am Gipfel stehen. Dadurch hatten wir auch keine anderen Seilschaften um uns herum. Die Wand hatte rund neunhundert Meter Länge im Schwierigkeitsgrad 3 bis 4. Eigentlich nichts Dramatisches, aber:

  • kombiniertes Gelände aus Fels, Eis und Schnee
  • große Höhe
  • “Klettern” mit Bergstiefeln
  • “Klettern” mit einem rund 15kg schweren Rucksack und rund 50 Liter Volumen

machten die Sache um etliches schwerer. Die Tour wir in diversen Führern mit AD+ bis D- (Traverse) bewertet. Nach zahlreichen Seillängen, wunderschönen Passagen, ausgesetzten Routen und Bewältigung der Österreicher-Platte, des Katzenschritts oder des roten Reiters stiegen wir gegen 17.00 über den Gipfelgrat zum Tagesziel. Ein Traum, mit Blick zu den Gipfeln der Ecrins und weiter zum Mont Blanc und anderen Größen der Alpen. Wir hatten noch gut 2 Stunden Sonnenschein auf dem Gipfel, nutzten diese zum Bivakbau und zum Schmelzen von Schnee zur Wassergewinnung. Das Abendessen ging dann bei Sonnenuntergang über die Bühne, kurze Zeit später hatte ich meinen Schlafplatz auf fast 4.000 Meter Höhe bezogen.

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unser exponierter Bivakplatz für die Nacht am Gipfel

Die Nacht war klar, die Sterne so nah und in dauernder Bewegung. Jede Viertelstunde musste ich meinen Kopf kurz aus dem Schlafsack strecken, um das sich verändernde Nachtbild zu bewundern. Die Nacht dauerte lange, und plötzlich wurde es orange am Horizont, die Sonne ging auf, und wir hatten in wenigen Minuten das Lager geräumt, machten uns nach einer Tasse Kaffee und einem Snack schon zur Abseilstelle in die Zsigmondy-Lücke. Die Abseilerei kostete uns einige Zeit, aber dann kam schon das Kernstück der Traverse, die Umgehung des Zsigmondy-Zahns inklusive dem Aufstieg zum ersten Zahn des Gratrückens, über einen steilen Eis-Couloir. Wir kamen beide ins Schnaufen, mussten etwas Tempo rausnehmen, stiegen zuerst zum ersten Zahn hoch, stiegen ab, zum zweiten Zahn, seilten ab, und so ging das den ganzen Vormittag bis zum Doigt de Dieu, dem höchsten Punkt (3.973 m) dieser Zahnreihe. Alles musste mit Steigeisen geklettert werden, mit dem Pickel in der Hand, hin und wieder auf allen Vieren am Grat, der so steil und schmal war, dass man etwas unterhalb im den Füßen einen Stand suchte, mit den Händen die Gratfelsen als Halt absuchte.

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schon am Doigt de Dieu

Einmal auf dem Doigt de Dieu, ging es nur noch abwärts. Einige Seillängen abseilen bis über den Bergschrund, der uns beide beim Abseilen bis zur Hüfte schluckte. Überraschend lag recht viel Schnee in der Nordwand, so dass der Durchstieg des Gletschers bis zum Refuge L’Aigle (3.450 m) eine recht mühsame Angelegenheit darstellte. So auch der finale Abstieg bis ins Tal bei Villar d’Arene (3 Stunden) – der Weg war teils Eis oder Schnee-bedeckt, so dass wir weiterhin mit Steigeisen marschieren mussten.

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die Traverse von Norden (La Meije ist rechts außen)

Sehr glücklich warf ich mich beim Auto noch kurz in den eiskalten Gletscherbach – drei Tage ohne Körperpflege, die latente Müdigkeit, das waren Motive genug. Wir verschlangen viel, tranken noch mehr, begutachteten unsere Wunden (aufgeschnittene Hände, aufgeriebene Beine) und waren zufrieden, im Auto unterwegs zu sein. Es wird noch Tage dauern, bis wir realisieren, welche Route wir da gegangen sind!

Allgemeine Infos zur Route: beim Aufstieg zum Hauptgipfel finden sich in der Route immer wieder Pitons oder Bänder, die für eine Sicherung genutzt werden können. Einige sich wirkliche Verhauer – da macht sich das Leben unnötig schwer. Ein Set von Keilen, Friends und Bandschlingen ist unbedingt notwendig, will man stressfrei klettern. Einige Fixseile, die sich auf den Zähnen der Traverse fanden, sind nicht empfehlenswert. Das Metallkabel zur Umgehung des Zsigmondy-Zahns ist teilweise unter dem Eis, so dass es nicht benutzt werden kann.