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La Meije: From France with Respect

Wie ein Prüfungstermin lag mir eine bevorstehende Tour die letzten Tage im Magen. Gespannt auf das Kommende, gut vorbereitet auf das Ungewisse, aufgeregt auf die Herausforderung der Königin der Alpen. La Meije (3.983 m), im Parc National des Ecrins gelegen, gilt als “der Berg” der Alpen. Seine Süd- wie Nordwand sind Sinnbild für die Wildheit und Schönheit der Alpen, und die Traverse vom Hauptgipfel hinüber zum Doigt de Dieu (“Finger Gottes”) gilt als einer der schwierigsten Normalrouten unter den alpinen 3.000ern.

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Auf dem Weg zur Refuge La Promontoire, im Hintergrund die Südwand der Meije und der Traverse

Vor zwei Jahren hatten Beate und ich uns auf den ersten Hochtouren versucht, just in diesem Gebiet. Damals machte uns das Wetter beim Weg zum Dome de Neige einen Strich durch die Rechnung, letztlich konnten wir einen anderen schönen Gipfel, den Roche Faurio, für uns als Erfolg verbuchen. Dieses neueste Projekt, die eigentliche Herausforderung dieses Bergsommers, hatte ich über ein halbes Jahr mit meinem französischen Freund Mathieu geplant und vorbereitet. Mathieu war ja mit uns auf dem Piz Palü, auf dem Piz Bernina und dem Glarner Tödi.

Das Unternehmen war auf drei Tage ausgelegt: Anreise nach La Berarde und Aufstieg zur Refuge “La Promontoire”; Aufstieg zum Hauptgipfel des Meije und Bivak; Traverse über die vier Zähne bis zum Finger Gottes, le doigt de Dieu, und Abstieg über die Nordseite bis ins Tal bei Villar d’Arene. Voraussetzung für diese Variante der Traverse war stabiles Wetter. Mit dem Altweibersommer, der seit Wochen die Alpen herrliche Sonnentage beschert, hatten wir die idealen Bedingungen für unser Unterfangen.

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Mathieu auf dem Gipfelgrat

Etwas nervös packten wir unser Nachtlager (ein Zelt am öffentlichen Parkplatz) bei La Grave zusammen und fuhren nach La Berarde (ca. 1.650 m). Es ging endlich los, das Projekt der Bergsaison. Der Aufstieg aus dem wunderschönen Tal zur Hütte La Promontoire (3.082 m) ging ohne große Anstrengung vor sich, wir hatten genug Zeit und kamen nach rund 5 Stunden über Moränen zur fantastisch gelegenenen Refuge. Die Hütte war nicht bewirtet, aber der Hüttenwirt hatte uns sogar Bier dagelassen. Wir konnten nicht klagen.

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glücklich am Gipfel der Meije Central

Der eigentliche Ausstieg zum Pic Central der Meije kostete uns einen guten Tag. Wir brachen spät (09.00) auf, wir wollten ja nicht zu früh am Gipfel stehen. Dadurch hatten wir auch keine anderen Seilschaften um uns herum. Die Wand hatte rund neunhundert Meter Länge im Schwierigkeitsgrad 3 bis 4. Eigentlich nichts Dramatisches, aber:

  • kombiniertes Gelände aus Fels, Eis und Schnee
  • große Höhe
  • “Klettern” mit Bergstiefeln
  • “Klettern” mit einem rund 15kg schweren Rucksack und rund 50 Liter Volumen

machten die Sache um etliches schwerer. Die Tour wir in diversen Führern mit AD+ bis D- (Traverse) bewertet. Nach zahlreichen Seillängen, wunderschönen Passagen, ausgesetzten Routen und Bewältigung der Österreicher-Platte, des Katzenschritts oder des roten Reiters stiegen wir gegen 17.00 über den Gipfelgrat zum Tagesziel. Ein Traum, mit Blick zu den Gipfeln der Ecrins und weiter zum Mont Blanc und anderen Größen der Alpen. Wir hatten noch gut 2 Stunden Sonnenschein auf dem Gipfel, nutzten diese zum Bivakbau und zum Schmelzen von Schnee zur Wassergewinnung. Das Abendessen ging dann bei Sonnenuntergang über die Bühne, kurze Zeit später hatte ich meinen Schlafplatz auf fast 4.000 Meter Höhe bezogen.

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unser exponierter Bivakplatz für die Nacht am Gipfel

Die Nacht war klar, die Sterne so nah und in dauernder Bewegung. Jede Viertelstunde musste ich meinen Kopf kurz aus dem Schlafsack strecken, um das sich verändernde Nachtbild zu bewundern. Die Nacht dauerte lange, und plötzlich wurde es orange am Horizont, die Sonne ging auf, und wir hatten in wenigen Minuten das Lager geräumt, machten uns nach einer Tasse Kaffee und einem Snack schon zur Abseilstelle in die Zsigmondy-Lücke. Die Abseilerei kostete uns einige Zeit, aber dann kam schon das Kernstück der Traverse, die Umgehung des Zsigmondy-Zahns inklusive dem Aufstieg zum ersten Zahn des Gratrückens, über einen steilen Eis-Couloir. Wir kamen beide ins Schnaufen, mussten etwas Tempo rausnehmen, stiegen zuerst zum ersten Zahn hoch, stiegen ab, zum zweiten Zahn, seilten ab, und so ging das den ganzen Vormittag bis zum Doigt de Dieu, dem höchsten Punkt (3.973 m) dieser Zahnreihe. Alles musste mit Steigeisen geklettert werden, mit dem Pickel in der Hand, hin und wieder auf allen Vieren am Grat, der so steil und schmal war, dass man etwas unterhalb im den Füßen einen Stand suchte, mit den Händen die Gratfelsen als Halt absuchte.

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schon am Doigt de Dieu

Einmal auf dem Doigt de Dieu, ging es nur noch abwärts. Einige Seillängen abseilen bis über den Bergschrund, der uns beide beim Abseilen bis zur Hüfte schluckte. Überraschend lag recht viel Schnee in der Nordwand, so dass der Durchstieg des Gletschers bis zum Refuge L’Aigle (3.450 m) eine recht mühsame Angelegenheit darstellte. So auch der finale Abstieg bis ins Tal bei Villar d’Arene (3 Stunden) – der Weg war teils Eis oder Schnee-bedeckt, so dass wir weiterhin mit Steigeisen marschieren mussten.

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die Traverse von Norden (La Meije ist rechts außen)

Sehr glücklich warf ich mich beim Auto noch kurz in den eiskalten Gletscherbach – drei Tage ohne Körperpflege, die latente Müdigkeit, das waren Motive genug. Wir verschlangen viel, tranken noch mehr, begutachteten unsere Wunden (aufgeschnittene Hände, aufgeriebene Beine) und waren zufrieden, im Auto unterwegs zu sein. Es wird noch Tage dauern, bis wir realisieren, welche Route wir da gegangen sind!

Allgemeine Infos zur Route: beim Aufstieg zum Hauptgipfel finden sich in der Route immer wieder Pitons oder Bänder, die für eine Sicherung genutzt werden können. Einige sich wirkliche Verhauer – da macht sich das Leben unnötig schwer. Ein Set von Keilen, Friends und Bandschlingen ist unbedingt notwendig, will man stressfrei klettern. Einige Fixseile, die sich auf den Zähnen der Traverse fanden, sind nicht empfehlenswert. Das Metallkabel zur Umgehung des Zsigmondy-Zahns ist teilweise unter dem Eis, so dass es nicht benutzt werden kann.