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Pyramid Creek: Wandern mit Ski und Stock

In Tahoe will einfach kein Schnee fallen. Der Schnee ist rar und die Suche danach langwierig. Ich mache Kaiserschmarren zum letzten Frühstück mit Josh und Casey, dann verlasse ich die beiden. Wir hatten eine prima Zeit, und ich das Glück auf ein eigenes Gästezimmer – ich glaube, das letzte private Zimmer hatte ich in Chiyai, Taiwan. Aber jetzt übersiedle ich wieder ins Büssle, werfe den Motor an und fahre den Highway 50 nach Westen.

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mein “Gestrüpp-Gelände”

Gestern, vom Gipfel des Cracked Crag konnte ich den Pyramid Peak aus der Ferne gut einsehen, zumindest seine östliche Flanke bis zum hochgelegenen Wald. Aber von meinem Parkplatz sehe ich nichts anderes als eine steile Buschböschung, mehrere hundert Meter lang und steil. Und da soll die Tour hinaufführen, quer durch die Vegetation. Ich packe die Schischuhe in den Rucksack, die Ski oben drauf, und marschiere drauf los. Kein Weg, keine Hinweise. Das Durchwurschteln durch das dichte Gestrüpp dauert eine Stunde, dann bin ich erledigt und steige wieder zum Ausgangspunkt ab. Keine Chance hier in einem vernünftigen Tempo diese Gestruppstrecke zu durchqueren.

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die Landschaft verzaubert

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Blick von meiner zweiten Anhöhe nach Süden

Ich entscheide mich, dem Trail entlang des Pyramid Creek zu folgen. Ich weiss, dass ich so den Gipfel nicht erreichen kann (ein steiler Canyon wird mich daran hindern). Doch der Tag ist prächtig, ich voller Energie und der Weg einfach. Nach einer halben Stunde verlasse ich den Weg. Großflächige Platten weisen den Weg seitlich nach oben, und ich bin einfach zu neugierig. Ich will wissen, ob es da oben eine Verbindung zu meiner eigentlichen Tour gibt. Ich steige nochmals eine gute Stunde hoch. Leichtes Felsgelände, aber mit den Ski am Rucksack immer auch ein bißchen Training. Auf dem höchsten Punkt angekommen, sehe ich, dass wieder ein weiterer Canyon dazwischen liegt. Es wäre sehr umständlich aber nicht unmöglich, diesen zu umgehen. Ich genieße die Pause und die Aussicht, klettere dann wieder ins Bachbett des Pyramid Creek ab. So kann’s gehen. Ich steige ins Auto, und fahre zunächst nach Norden, Carson City und Reno, und dann auf der Interstate 80 durch Nevada gegen Osten: nach Utah wartet.

Cracked Crag: Mission completed

Meine dritte Tour in Tahoe (Stevens Peak, Elephant’s Back) bringt viel Buschwerk, lange Anmarschwege und eine interessante Streckenführung auf einen Nebengipfel des Cracked Crag (2.677 m). Mit Josh und James marschieren wir zunächst über einen Wanderweg vom Lily Lake zur Alpine Spring. Später füllt sich der Weg mit Schnee, und wir müssen nach einigen Umwegen den Weg quer durch den Busch nehmen. Der Busch entpuppt sich als ein herausforderndes Gelände: übergroße Felsblöcke, Bachgerinne, Bäume, Eisfälle. Wir brauchen mehrere Stunden, um uns einen Weg freizumachen und endlich in den richtigen Canyon einzusteigen.

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Fallen Leaf Lake

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Josh in Pose – welchen Couloir soll ich abfahren?

Als wir den Einstieg finden, ist es schon 13.00. Eine weitere Stunde, und wir sind bereits auf dem Grat zum Cracked Crag. Der Nebengipfel ist unser Ziel, denn Josh’s Auge für steile Couloir hat dort eine Möglichkeit zur Abfahrt gefunden. Ich bin noch nicht ganz überzeugt, denn es schaut sehr schmal und steil aus. Ich steige auf den Gipfel, ess’ einen Apfel und bereite mich für die steile Abfahrt vor. Ich schaue nochmals hinunter, die ersten zehn Meter durch die Felsrinne sind extrem steil. Josh ist erfreut.

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Pyramid Peak von Keith’s Dome aus gesehen

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James im unteren Teil der Abfahrt

Als ich durch die Rinne durchfahre, abschwinge und die Ski unter Kontrolle bringe, atme ich kurz durch. Dann noch ein paar Schwünge, und raus aus der Absturzzone. Die restliche Abfahrt ist gemütlicher, wenn auch immer mit einem wachsamen Auge auf felsige Kanten und hölzerne Überraschungen im Schneeuntergrund. Müde, aber sehr glücklich kommen wir nach 6,5 Stunden wieder am Wagen an. Mission completed. Die nächste Aufgabe: am Abend für acht Personen Kaiserschmarren machen. Jetzt bin ich wirklich nervös.

Elephant’s Back: Ski Base Jump abgesagt

Tomorrow, I will go for a ski base jump with a friend. Wanna join?” Na, so was lässt man sich nicht zwei mal sagen. Nach meiner Skitour am Stevens Peak treffe ich meinen Freund Josh aus South Tahoe und komme bei ihm und Freundin Casey Lucas, ebenso eine Pro-Snowboard-Fahrerin, zuhause unter. Wir kennen uns von einer Tour letzten Mai am Bloody Mountain. Großes Wiedersehen, alte Geschichten und viele Neuigkeiten.

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Elephant’s Back

Für den nächsten Tag plant Josh mit Freund John einen Ski Base Jump etwas abseits des Elephant’s Back. Ein Ski Base Jump ist recht einfach erklärt: man fährt mit den Ski auf einen Abhang zu, springt die Klippen hinunter und öffnet, je nach Fallhöhe, früher oder später seinen Gleitschirm. Nicht ungefährlich das Ganze. Base Jumping wird bei den meisten Unfallversicherungen dezidiert ausgeschlossen. Das sagt alles. John ist ein Springer der frühen Stunde in der Geschichte des Ski Base Jumping. Mit dem 2009 verstorbenen Shane McConkey verband ihn eine Freundschaft, die über das Ski Base Jumping hinaus geht. Heute mit 42 Jahren hat John mehrere hundert Sprünge hinter sich. Und immer noch nicht müde – hier sein Video-Channel auf YouTube!

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Josh checkt die Absprungstelle

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Suche nach der besten Abfahrt

Josh Daiek kommt aus dem Freeride Skisport. Er ist auf den Ski ein Profi, fährt unglaubliche Linien und Klippen, und lässt alle anderen neben sich alt aussehen. Ich sehe sehr alt aus. Wir steigen also gemeinsam vom Carsson Pass zum Elephant’s Back (2.922 m) auf, ein kurzer Anstieg, und dann kommt böiger Wind auf. Die Beiden wissen sofort, das wird heute nichts, trotzdem wir über den Sprung debattiert und gerätselt. Ich schau’ mir die Landschaft an, und sehe viel Fels in den Hängen. Tahoe leidet wie der Rest Kaliforniens nun das vierte Jahr unter der Dürre. Der Schnee ist da, aber mager für das Schnee-verwöhnte Tahoe.

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hier gehts steil runter

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John nimmt ein paar Schwünge

Die Abfahrt ist in Ordnung, etwas hart, aber an steilen Stellen finden wir weichen Schnee, in dem es sich halbwegs drehen lässt. Viel mehr zählt für mich die kontrastreiche Landschaft, der dunkle Himmel und die Tatsache, wieder eine Abfahrt mehr in den Beinen zu haben. Ich brauche mehr davon.

Stevens Peak: Frühlingsschilauf

Ohne nur den Fuß bewegen zu müssen habe ich von meiner Liegeposition den schönsten Sonnenaufgang über der Wüste von Nevada. Mein Stellplatz ist auf einer kleinen Anhöhe über Lee Vining, mit Blick gegen den flachen Osten und Lake Mono. Die Scheiben sind vereist, aber nur vorne, so dass ich perfekt aus dem Schlafsack durch die hintere Scheibe das Schauspiel beobachten kann. Ein Coyote rennt zwischen den Büschen herum, und dann ist es Tag.

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Sierra Landschaft

Das Büssle fährt nach Norden, nach Lake Tahoe, vielleicht das bekannteste Skigebiet Kaliforniens. Ich will endlich auf die Ski. Zwei Tage Eiskletterei und gestern Fels in der Owen River Gorge waren prächtig, aber jetzt muss ich für die Rocky Mountains Skitouren Saison zu trainieren beginnen. Die letzte Skitour liegt gute 3 Monate zurück, am Mt. Brewster in Neuseeland war das, sehr schön. Hier in Tahoe hat es etwas mehr Schnee als in Mammoth Lakes, aber auch nicht viel mehr als im Oktober auf der Südinsel Neuseelands.

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super gsi!

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Steven’s Peak

Die erste Skitour ist immer auch ein Wiedererlernen aller Routinen – von der Vorbereitung, dem Packen des Rucksacks, die Wahl der Kleidung bis hin zur Skitourentechnik. Das Setting der Schuhe beim Aufstieg und Abfahrt, das Handling der Felle, und und und. Dazu kommt noch, dass ich noch neue Skitouren-Ski habe: letztes Jahr im Juni noch in Kalifornien von Black Diamond sehr unkompliziert als Ersatz für die Alten ausgefasst, in Mammoth die Bindung montiert, und an diesem Tag zum ersten Mal eingestiegen.

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Skidepot, und meine neuen Ski! Big Thanks to Black Diamond in Utah!

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Red Lake Peak, vom Gipfel des Stevens Peak aus gesehen

Mein Gipfel für diese erste Tour ist eine kurze, unkomplizierte: der Stevens Peak, den ich direkt von der 88 (Nähe Carsons Pass) angehen kann. Start in 2.264m, ohne Tragepassagen, durchgehend zum Skidepot unter dem Gipfelgrat. Den Gipfel (3.060m) erreiche ich in fünf Minuten über leichtes Blockgelände. Die Gipfelrast ist ruhig – ich bin der Einzige weit und breit. Die Sonne scheint, es ist frühlingshaft warm, und der Schnee ist in den Südhängen firnig oder gar verschwunden. Sonst ein buntes Misch aus dünner Decke und hartem Schmelzdeckel. Also nicht das Feinste, aber genau das richtige Trainingsgelände. Als ich unten ankomme, weiss ich, dass ich noch ein paar Hänge brauche, um wieder bombensicher auf dem Ski zu stehen.

Owens River Gorge: Back to Business im Felsklettern

Nach zwei Tagen Eisklettern oberhalb von Lee Vining geht es für mich zusammen mit Vicente weiter südlich wieder in die Nähe von Bishop. Die Owen River Gorge, ein tiefeingeschnittener, enger Canyon ist von der 395 nicht zu sehen, aber atemberaubend, wenn man an seinem Abbruch steht. Wir steigen über einen steilen Steig hinab und suchen uns einige annehmbar leichte Routen in diesem ausserordentlich umfassenden Klettergebiet.

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ein schönes Wandergebiet: der Owens River

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… mit unendlich vielen Kletterrouten

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Vicente locker im Vorstieg

In der Owens River Gorge wird seit den 90ern im Basalt geklettert und entsprechend auch Routen eingerichtet. Die Sportkletterrouten gehen bis in die höchsten Schwierigkeitsgrade. Für mich, der über ein Jahr lang nicht mehr mit Kletterfinken unterwegs war, eine besondere Herausforderung, Rost abzuwerfen und den Körper wieder langsam an Felswände zu gewöhnen. Die ersten Seillängen sind mühsam. Keine Beintechnik, kein Gleichgewicht, keine Kraft, und kein Vertrauen in sich selbst. Erst als mir schon die Unterarme brennen und die Zehen weh tun, in der letzten Länge einer Riss-Kletterei mit Überhang, da glaube ich zu erkennen, dass alte Bewegungsmuster wiederkommen. Kaum wieder am Boden, aus dem Seil ausgebunden und einen Riegel verzehrt, schaue ich in meine zerkratzten, aufgepumpten Hände und denke über meinen Trainingsplan für das Frühjahr nach. Es hat mich wieder, das Felsklettern. Danke Vicente!

Auf dünnem Eis in Lee Vining

Der Winter hat mich wieder. Mit Vicente geht’s nach Lee Vining zum Eisklettern. Die Luft ist klar, angenehm bei -5° C und trotzdem sind die Felswände hier kaum mit Schnee oder Eis bedeckt. Wir fahren in einen kleinen Canyon unweit der Passstraße (Tioga Pass) und treffen dort auf John, meinen Freund aus Rainbow. Gemeinsam mit Hund Mountain steigen wir zu den Eisfällen hoch.

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Zustieg zu unserem Canyon

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John übt sich über Eisbuckel

Die Dürre in Kalifornien hat auch hier seine Spuren hinterlassen. In normalen Wintern sind hier mehrere Dutzend Routen zum Eisklettern vorhanden, diesmal finden wir gerade mal zehn. Aber die sind genau richtig, um wieder ins Eisklettern zurückzufinden. An diesem Tag klettere ich alles top-rope, finde zurück zu meiner Technik.

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meine zweite Route am ersten Tag

Als wir am nächsten Tag wiederkommen, um die schwierigeren Routen anzugehen, ist ein Freund von Vicente dabei: Johnnie aus Vancouver. Ich mache meinen Vorstieg, klettere WI4 und Mixed, baue Stände und Abseilstationen. Der Tag ist kurzweilig, jeder von uns erzählt von seinen Ideen und Plänen für die nächsten Touren, ob im Fels, Eis oder Schnee. Unter uns gibt’s nichts anderes als Berggeschichten. Müde aber sehr glücklich kehre ich wieder ins Tal nach Lee Vining zurück. Wir haben noch einen Tag gemeinsam und spekulieren mit Felsklettereien.

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Johnnie in einem Mixed-Abschnitt

Eastern Sierra: Winter in der Wüste

Zwei Tage bin ich nun auf der Straße von Los Angeles nach Norden in die Eastern Sierra unterwegs. Langsam, weil’s so schön ist. Es sind bekannte Stationen. Meine Ko-Pilotin ist noch nicht eingetroffen, Beate weilt noch in Südost-Asien, und dennoch habe ich keine Veranlassung, in den Straßenatlas zu schauen, wohin ich den Wagen steuern muss. Das Büssle schnurrt nach einem Total-Service in Santa Monica, die Lebensmittel sind gebunkert und der Verkehr dünnt sich dermaßen aus, dass ich einfach mal ohne Nachdenken am Pannenstreifen stehen bleibe, um die Szenerie zu genießen. Winter in der Wüste.

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Santa Monica

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südliche Eastern Sierra

Ja, Winter in der Wüste. Der warme Braun-Ocker Ton des Sandsteins, das Graue der niedrigen Büsche, das Weiße des Schnees in den Rinnen der nahe liegenden Berge, und dann das Oliv-Grüne der kalifornischen Nadelbäume. Eine wunderbare Farbmischung, an der ich mich nicht satt sehen kann. Besonders im Morgenlicht gewinnt die Landschaft nochmals an Dramatik. So viele Erinnerungen an den letzten Mai! Lone Pine, Bishop, Tom’s Place. Und dann Mammoth Lakes. Ein Bergsport-Ort erster Güte. Ski, Fels und Eis. Ich warte auf Vicente (mein geplanter Kletterpartner vom Alpamayo/Peru, der mit einer Darmgrippe ausfiel), mache die Ski startklar (Dynafit-Bindungen in den USA montieren zu lassen ist nicht überall zu haben) und fülle den Gastank auf. Hey hey, lass’ die Eiskletterei beginnen!

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auf der 395 nach Norden

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Mt. Tom

Rückkehr und Start in Kalifornien

Mit Taiwan geht die Runde um den Pazifik zu Ende – in China im Januar 2014 angefangen, in Taiwan am 31. Dezember 2014 abgeschlossen. Der Inselstaat hat mich nicht enttäuscht, ja ein Höhepunkt der Reise: eine tolle Mischung aus angenehmer Lebensweise, Frieden, Freiheit in den Bergen und Essen für jeden Geschmack. Jetzt wartet der Hochwinter in den Rocky Mountains auf uns, das Büssle-Leben, viel Kaffee am Morgen und jede Menge alter Bekannter.

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eine interessante Flugroute mit zwei Silvester-Abenden

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San Francisco im Abendlicht

Im Flieger verbringe ich meinen Silvesterabend, sehr einfach. Ein Glas Weisswein. Die Besatzung ist gar nicht auf Neujahr eingestellt, liegt wohl daran, dass es eine chinesische ist. Das Essen ist unverträglich, leider, und die riesige A380 ist eng bestuhlt und voll. Irgendwo südlich der Aleuten rutsche ich wieder ins Jahr 2014 zurück. Niemand an Bord feiert. Stunden später ziehe ich die Fensterklappe hoch und sehe die kalifornische Küste, dann San Francisco im Abendlicht unter mir. Wohin fliege ich eigentlich? Ich stelle das Bordradio auf Country, die Assoziationen und Erinnerungen fangen an zu fliessen, und der Himmel wird an diesem 31. Dezember ein weiteres Mal dunkel. Los Angeles empfängt mich mit einem Lichtermeer bis zum Horizont. Überrascht wie effizient die neuen SB-Immigrationsgeräte arbeiten warte ich dann doch sehr lange auf das Gepäck. Draussen vor dem Terminal ist die Luft angenehm kühl, der Verkehr dicht. Ich bin zurück in Kalifornien.

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Los Angeles Union Central

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John’s Airstream

Lange schlafe ich aus, die Odyssee vom Flughafen bis nach Rainbow zu unserem Freund und Büssle-Aufpasser John zieht sich bis zwei Uhr früh. Der Tag ist herrlich, der Kaffee noch besser. Wir durchstreifen auf einer kurzen Runde die Hügel in der Umgebung, und Mountain, der schwarze Rüde, steckt seine Nase in jedes Schneeloch. Ja, hier hat es Schnee. Nicht viel, aber genug, um die Berge in Weiss zu tauchen. Das hat es vielleicht einmal in 15 Jahren gegeben. Der Tag vergeht, das Büssle brummt, die Tacos sind verspeist und im Morgengrauen des nächsten Tages mache ich mich auf nach Santa Monica. Ein langer Tag wartet – Autoservice und andere Notwendigkeiten für den Start in den nordamerikanischen Winter. Die letzten drei Monate von Ring of Fire haben begonnen.

Bald in Los Angeles

Ich habe die Sierra Nevada hinter mir gelassen. Die Fahrt nach Süden ist eine Fahrt in die Wüste. Die Landschaft wird zusehends trockener, überall Bewässerungsanlagen, die im Sparbetrieb laufen. Die Dürre hat Südkalifornien im Griff. Je weniger Wasser, desto mehr Verkehr, scheint es. Die Städte werden größer, die Straßen breiter, und die Sonne brennt unermüdlich.

In Lancaster habe ich einige Besorgungen zu machen, und auch später in Santa Clara. Alles dient der „Einwinterung“. Reifenschutz. Solar-betriebenes Batterie-Ladegerät. Insekten- und Nagetier-Abwehr. Ich nähere mich Los Angeles, etwas benommen von der Hitze, suche ich etwas Abkühlung am Meer bei Malibu. Die leichte Meeresbrise macht die Stunden am Strand erträglich. Ich schließe meine Augen, ziehe die Krempe meines Huts nach vorne. Es kommt Freude auf – Freude auf den nächsten Winter in den Rockies. Freude auf die vielen kommenden Dinge, ganz besonders Südamerika.

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auch bei Malibu gibt es Strände mit Ruhe

Ich atme tief durch, schäle eine Orange, und schaue zurück, auf die letzten drei Wochen in der Sierra. Ich habe so viele schöne Dinge gesehen. Viel geschwitzt, mich gut geschlagen. Solo und frei geklettert, alleine Skitouren gemacht und Gletscher überquert. Solo-Unternehmungen sind, ohne Frage und für mich nun bewiesen, machbar und, abhängig von den Verhältnissen, genauso sicher wie unsicher mit jemand an der Seite oder in einer Gruppe. Es ist letztlich immer die Frage, die man sich selbst stellen muss, weshalb man eine Unternehmung in den Bergen macht. Wenn das Soziale im Vordergrund steht, dann ist eine Solo-Tour natürlich Nonsens. Fitness? Bergerlebnis? Herausforderung? Etwas Adrenalin? Dann ist man alleine genauso gut dran, meine ich. Es fühlt sich am Anfang etwas „unnatürlich“ an. Zweifel. Befürchtungen, die einen ständig pieksen. Ich erinnere mich. Ich bleibe vom ersten Tag dran, habe mein Programm, Tag für Tag in den Bergen, und dann entdecke ich die interessanten Seiten einer Solo-Tour. Das vielleicht Wichtigste: der Umfang und die Geschwingkeit, mit der ich lerne. Ich habe nun mehr Vertrauen in jemand, der seit einem Jahr solo in die Berge geht, als in jemand, der zwanzig Jahre in Gruppen auf den Bergen herum gelaufen ist.

Ich öffne meine Augen, nehme einen Schluck Wasser und packe meine Sachen zusammen. Es geht nach Los Angeles, und wenige Tage später geht das Bergleben weiter. In der Zwischenzeit bekomme ich das “Baywatch”-Kalifornien zu Gesicht. Wachtürme der Rettungsschwimmer. Breite Sandstrände. Pfahlhäuser am Strand, Surfer, Cabrios am Strassenrand. Bekannte Szenen, obwohl man noch nie hier war. Ich fahre durch, und mühe mich durch den Stadtverkehr von Santa Monica, Venice und der Marina zum Flughafen. Ich habe eine Verabredung.

Mt. Whitney: der letzte und höchste Gipfel der Sierra Nevada

Es musste einmal kommen, das Ende meiner Solo-Partie in der Sierra Nevada. Entsprechend muss auch etwas her, was Rang und Namen hat – Mt. Whitney (4.417 m) kommt mir gerade recht. Mt. Whitney ist der höchste Gipfel Kaliforniens. Da hier kaum noch Schnee vorhanden ist, ausschließlich in wenigen Nordflanken und steilen, schattigen Couloirs, bleiben auch bei dieser allerletzten Tour, bevor es wieder an die pazifische Küste geht, die Ski im Büssle. Die Sierra wird mir in bester Erinnerung bleiben – tolle Klettereien (Mt. Humphreys, University Peak, Mt. Sill, Matterhorn Peak), rassige Abfahrten (Bloody Mountain, Mt. Dade) und lange, abenteuerliche Bergtouren (Red Slate Mountain, Mt. Dana, Mt. Morgan). Und noch einige Touren mehr…

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Blick zurück zum Lone Pine Lake

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die Szenerie wird alpin – re hinten die Sierra Nevada Crest

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entlang der Sierra Nevada Crest, hinten flach Mt. Whitney

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die tolle Ost-Wand um Mt.Whitney

Zeitig kurz nach 05.00 marschiere ich den gut ausgebauten Wanderweg durch den National Forest, immer gegen Westen. Mal steil, mal flach, die Landschaft wird nie langweilig: schöne Sequoia-Wälder, grauer, glatt-geschliffener Granit, Wasserfälle. Die Gegend ist so beliebt, dass es hier eine tägliche Quota gibt, wieviele in die Whitney-Zone rein dürfen. Dafür musste ich am Vortag einen Permit lösen. Etwas lästig, aber dafür hält sich der Andrang in Grenzen. Dennoch, Gruppe für Gruppe überhole ich, die meisten von ihnen haben die Nacht weiter oben in den Almen übernachtet. Der Weg zieht sich (ca. 16 Kilometer) bis zum Gipfel. Der schönste Abschnitt ist sicherlich der Weg unterhalb der Sierra Crest auf der westlichen Seite.  Nach vier Stunden und 45 Minuten habe ich die 2.000 Höhenmeter zum Gipfel des Mt. Whitney hinter mich gebracht. Eine lange Pause am Gipfel folgt (ist eher ein etwas größeres Gipfelplateau), dann der zeitlich fast gleich lange Abstieg (ca. 3,5 Stunden).

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Wohin als Nächstes? Die Zukunft, offen…

Ein Vormittag am Gold Trout Lake

Es sind gemütliche Tage hier im Onion Valley. Baden am Robinson Lake auf dem Weg retour vom University Peak. Etwas kochen, Auto säubern. Dann früh schlafen. Und heute morgen, noch in der Morgendämmerung, Aufbruch zum Gold Trout Lake.

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University Peak von Nord

Der Weg schlängelt sich an einem Wasserfall vorbei. Viel Buschwerk dabei, und später wie üblich einige Altschneefelder. Der Gold Trout Lake ist bald erreicht, er ist teilweise noch mit einer Eisdecke versehen. Ich gehe weiter, über eine Anhöhe weiter zum Talende, wo mich dann eine tiefe Mulde, gefüllt mit Wasser, erwartet. Sie liegt zentral unter Mt. Gould, und ich umrunde die Senke auf der rechten Seite, steige auf großen Bouldern hoch, dann rechts an einem steilen Schneefeld über einige Granitplatten. Ich sehe nach links, kaum 150 Höhenmeter unter dem flachen Grat, der zum Mt. Gould führt. Ein einziges großes Schotterfeld, dann nur einige Felsbrocken höher der Gipfel (3.964 m). Ich drehe um. Das Schotterfeld ist ein rutschiger Hatsch hinauf und zurück.

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Aufstieg zum Gold Trout Lake

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Mt. Gould (li)

Drei Stunden später hole ich mir mein Permit für die Mt. Whitney Wilderness in Lone Pine. Die Tage in der Sierra Nevada gehen plötzlich schnell zu Ende.

University Peak: wandern, kraxeln, baden

Das letzte Wochenende in der Sierra Nevada bricht an. Von Aspendell (Mt. Lamarck) orientiere ich mich weiter nach Süden, über Bishop und Big Pine (Mt. Sill) nach Indepence. Die Gegend um die 395 kenne ich mittlerweile nicht schlecht. Ich nehme eine Autostopper mit, er will auch zum Trailhead im Onion Valley (2.800 m).

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Morgenstimmung im Onion Valley

Die nordamerikanische Trekker-Psyche ist eine gänzlich andere als wir sie kennen. Mehr-Tages-Trips sind die Norm, und da es kaum Hütten gibt, ist das Übernachten draussen – im Zelt oder Biwak – eine völlig natürliche und normale Sache. Da sieht man dann recht große Rucksäcke, die durch die Gegend geschleppt werden. Bären-Container, Iso-Matten, Camelbacks, da baumelt einiges. Stöcke sieht man eher seltener, dafür Hüte mit breiter Krempe. Und weil uns (im Alpenraum) das Biwakieren so reglementiert und meist verboten ist, kommen wir zuhause selten in den Genuss einer klaren Sternennacht in den Bergen, eines Abendessens an einem Bergsee oder die Elemente, die Flora und Fauna unentwegt zu fühlen, zu riechen und zu sehen. So ist das europäisch-alpine Erlebnis ein Ausflug, der nordamerikanische Zugang ein Eintauchen. Ersteres bietet den sicheren Rückzug, aber auch wenig Verständnis für die Zusammenhänge in der Natur und meine Rolle darin; letzteres ist immer ein „risky business“, weil man sich der Natur hingibt. Und so lernt der Einzelne ungemein mehr über die Umwelt, aber auch über den eigenen Charakter.

Robinson Lake

Robinson Lake

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Südostcouloir zum University Peak (Bildmitte)

Hier im Onion Valley gibt es viele Kreuzungspunkte für Weitwanderwege in Kalifornien, aber auch der gesamten US-Westküste. An einem Samstag ist es hier entsprechend belebt, meist der Tag, an dem viele für ein paar Tage oder Wochen aufbrechen. Auf den University Peak über den Robinson Lake will aber keiner. Ich bin wieder allein, breche um 05.30 auf. Nicht weil der Weg so weit ist, sondern weil die Sonne den Schnee schon gegen 08.00 einweicht. Als ich um 08.30 am Südost-Couloir ankomme, ist es bereits deutlich zu spüren. Entsprechend lange dauert der Aufstieg, den ich dann im oberen Drittel abbreche und in den felsigen Ostgrat wechsle. Die Kletterei ist abwechslungsreich, und ich unterschätze die Länge des Aufstiegs, muss einem Gratabbruch nach links unten weit ausweichen, dann wieder etwas schwieriger hochklettern. Heute klettere ich mit meinem vollen Rucksack, vielleicht ist es heute deshalb ein wenig schwieriger.

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am Ostgrat, re das Ende des SO-Couloirs

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fast wie aus Lego, nur schöner

Am Gipfel des University Peak (4.142 m) bleibe ich keine fünf Minuten. Snickers, Blick zum Mount Gould (geplante Tour für morgen), und schneller Abstieg über den gesamten SO-Couloir. Ich versuche ein wenig auf den Alpinstiefeln zu gleiten, denn der Schnee ist bereits sehr eingeweicht. Alles dauert nun länger. Als ich dann den Robinson Lake von der Ferne sehe, weiss ich, was ich als nächstes tun werde.

Mt. Lamarck: mein erster 4.000er in Laufschuhen

Meine Zehen brauchten noch einen Tag mehr frei. Der Tag am Mt. Sill ist nicht ohne Wirkung geblieben, eine Blase musste ich aufstechen, der Rest blieb etwas blutig. Auch meine Augen haben gelitten – blöderweise die Sonnenbrille im Auto vergessen und dann dafür heftig gebüsst. Trotz Schönwetter viel im Schatten und im Dunkel gesessen und kalte Aufschläge genossen. Wie Sandpapier in den Augen war das.

Grass Lake

Grass Lake

Mt. Lamarck liegt etwas südlich von Mt. Humphreys und Mt. Basin. Am Stellplatz (2.840 m) kann ich meine Füsse ins kalte Wasser stecken, und noch vor 05.00 starte ich mit der üblichen Ausrüstung ohne Ski in die Berge. Der Rucksack ist voll, aber nicht schwer. Meine Beine sind top-fit, der Wind bläst, und die Sonne kommt langsam am gegenüberliegenden Berghang zum Vorschein. Die 7 Kilometer zum Gipfel schrecken mich überhaupt nicht – ich erwarte wenig Schnee und einen recht guten Weg. Und so ist es.

Mt Lamarck und Lamarck Col

Mt. Lamarck im Hintergrund, vorne der Sattel

Bald erreiche ich den Grass Lake, marschiere dann Serpentinen hoch auf einen Kamm, dann ein bißchen auf und ab in felsigem Gelände, bevor sich der Weg auflöst und Schneefelder bald mehr werden. Noch ist die Schneedecke hart, also bleibe ich bei meinen Laufschuhen, und entdecke eine Linie, die mich frei von Schnee zum Gipfel führen wird. Links hinauf über einen langen Grat zum Lamarck Col, und dann etwas sick-zack zum Gipfel. Bald bin ich am Sattel, und noch schneller am Gipfel (4.090 m). Ohne Schuhwechsel. Noch schöner ist der Weg retour, weil ich ebenso die etwas weich gewordenen Schneefelder  fast gänzlich meiden kann. Ich steige querfeldein zu den Lamarck Lakes ab, und dann im Eiltempo den Berg hinunter zum Stellplatz. So leicht hatte ich es noch nie bei einem 4.000er.

Lamarck Lakes

die zwei Lamarck Lakes

Mt. Sill: Risskletterei zum Gipfel

Man kann nicht sagen, gestern war ein verlorener Tag, weil es mein erster Nicht-Bergtag seit San Francisco war. Meine Zehen und Fersen brauchten mal einen Tag Havaianas. Luft. Ruhe. Für mich hingegen ist so ein Tag ein Kampf. Rumsitzen und Kaffee trinken. Rucksack nähen. Im Internet recherchieren. Am Abend bin ich fast desillusioniert und hab keinen Hunger. Am Mt. Basin war ich schon nicht ganz glücklich – lange Anmarschwege, große Hitze, kein Skitouren, und dann auch noch sehr tiefer, feucht-nasser Schnee. Da kommt eine Tour zum Mt. Sill gerade richtig.

Temple Creg

Temple Creg im Morgenlicht

Ich wollte vom Mt. Basin lernen. Also stehe ich um 04.00 auf, um 05.00 bin ich in Bewegung. Die Sonne geht am Horizont auf, aber es bleibt kühl. Gut so, denn auch hier ist der Anmarschweg beträchtlich: 11 Kilometer ein Weg. Und dann wieder retour. Plus gute 2.000 Höhenmeter wieder. Aber ein Großteil der Marschstrecke ist ein gut sichtbarer Weg, so dass ich erst ab der Schneegrenze in meine Alpinstiefel wechsle, Gamaschen hochziehe und mich orientiere. Der Schnee ist immer noch hart, so dass ich sehr gut vorankomme. Am Gletscherrand sehe ich das Amphitheater, das aus scharfen Wänden und Spitzen besteht: die Pallisades. Mt. Sill ist eher am östlichen Rand dieser Gipfelsammlung und auch der Höchste von diesen. Ich wende mich gegen Osten, um einen kleinen Sattel (Glacier Notch) zu erklimmen, und dann sehe ich zwischen Apex (ca. 3.700 m) und Mt. Sill (4.313 m) hinein. Ein mäßig steiler Gletscher, der zum Wandfuss führt.

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Mt. Sill im Hintergrund, davor das L-Couloir

Ich betrachte die Wand und zeichne in Gedanken meine Aufstiegsroute. Ich bin zuversichtlich, auch ohne Seil sicher hinauf und hinunter zu kommen, trotz zweier Bergsteiger, die ich am Anmarschweg getroffen und befragt habe. Sie kamen vom Mt. Sill und meinten, es sei nicht schwer. Da sehe ich bei einem ein Bergseil aus dem Rucksack zappeln. Ob sie es genutzt haben. Ja sicher, da gäbe es ein paar Stellen, da wäre es gut. Aha! Mehr wollte ich nicht wissen, und wir gingen getrennte Wege. Jetzt am Wandfuss denke ich das Gleiche.

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Blick vom Glacier Notch zu Mt. Sill (li) und Apex (re)

Die Kletterei (Nordostwand) beginnt als lockeres Bouldern. Dann ein paar Schuppen und ein-zwei Traversen, die lästigerweise über eine mit Schnee zugedeckte Felspartie führen. Da heißt es aufpassen. Alles geht klar, und ich komme endlich zum Mittelstück: einem langen Kamin. Herrlich! Tritte und Griffe zum Überfluss, stoßen, spreizen, ziehen. Am Ausgang muss ich wieder ein Schneefeld traversieren, dann ein paar Schuppen, und unter dem Gipfel dann der große Riss: sicher 40 cm breit. Das wollte ich schon immer ausprobieren, und zwänge mich in 4.300 m Höhe in diesen Riss. Hier gibt es nur eine Methode: sich breit machen. Ich bewege mich wie eine Raupe, nur mit der Reibung meiner Unterarme, Knie und meines Hintern. Da kann man, wer will, eine hübsche Pause machen und was essen, ohne Tritte und Griffe. Ich komme aus dem Riss heraus, kraxle über ein paar Blöcke und stehe am Gipfel des Mt. Sill. Es ist kein Mensch zu sehen und zu hören, die gesamten Pallisaden sind zu meiner Verfügung. Wieder so eine tolle Kletterei wie am Matterhorn Peak und Mt. Humphreys!

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die Pallisades vom Gipfel des Mt. Sill

Die Abkletterei wird interessant, weil ich einen etwas anderen Weg nehme, den Kamin lasse ich mir aber nicht entwischen. Unterwegs entdecke ich wieder allerhand Eisenware und Seile, die hier für den weniger Geübten oder für schlechte Verhältnisse angebracht wurden. Bei einigen bin ich mir aber fast sicher, dass sie nicht absichtlich zurückgelassen wurden, sondern eher aus der Not: Friends, Keile, extra lange Expressen. Ich komme wieder gut zum Rucksack zurück und mache mich auf den langen Weg zurück. In Summe wieder 13 Stunden auf dem Weg. Ich freu’ mich schon wieder auf’s Bett, und eine Limo.

Mt. Basin: bereits am Vormittag zu spät

Der Wecker geht um 05.00. Ich schaue aus dem Fenster, es ist hell, die Sonne ist noch nicht über die White Mountains aufgegangen. Ich wende meinen Blick nach Westen und schaue zu meinem Tagesziel hinüber: Mt. Basin. Was ich sehe, macht mich munter: der Schnee gefüllte Couloir ist bereits in der Sonne.

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Mt. Basin (Bildmitte) um 05.45

Langsam mache ich mich für die heutige Tour fertig. Es ist eine reine Bergtour, genau wie gestern am Mt. Humphreys. Ohne Ski. Der Weg ist einige Kilometer kürzer und auch die Höhenmeter sind etwas weniger. Aber meine Beine sind fit. Erstaunlich, wie der Körper über Nacht regeneriert. Ich frühstücke genüsslich. Die Luft ist klar und kühl, und ich freue mich auf den Berg. Mit etwas Verspätung starte ich gegen Sieben, laufe wieder über die Sandpiste zu meiner Abzweigung, und dann etliche Kilometer entlang einer alten, aufgelassenen Strasse, die sich bald irgendwo in den Büschen verläuft. Ich muss diese Wand aus Dornen, Stacheln und Ästen großräumig umlaufen, es kostet mich eine gute Stunde, hier einen passenden Weg in dieser Halbwüste zu finden. Endlich komme ich auf den alten Minen-Weg, erreiche das Hochplateau unterhalb des Mt. Basin und sehe meinen Aufstiegsweg aus der Nähe. Der Weg dorthin ist querfeldein, und ich markiere mit Steinmännern einen Weg. An der Schneegrenze wechsle ich in meine Skischuhe und stampfe den ersten Schneehang hoch. Im Couloir geht es ebenfalls nicht steil hoch, aber mühsam wegen der Tiefe des Schnees, und kurz vor Mittag komme ich unter dem Gipfel des Mt. Basin aus dem Couloir heraus. Und dann bewegt sich der Hang.

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das Couloir unter Mt. Basin

Zuerst verstehe ich nicht, was da passiert. Als würde sich etwas aus der Tiefe des Schnees graben. Die Oberfläche beginnt zu schwimmen, und dann taucht erst der Bug, dann einen Augenblick später auch das Heck eines Kleinwagen-großen Granitblocks auf. Der Block bewegt sich langsam nach unten, schiebt den Schnee vor sich her, und dann wie ein Surfer, legt es sich über den Schnee und gewinnt an Geschwindigkeit, bekommt so etwas wie Aquaplaning unter sich und beschleunigt enorm. Es zischt. An einem Punkt jagt der riesige Block über einen Erdwall und “springt” in die Luft, so wie ein Rodel hin und wieder abhebt, wenn es über eine kleine Schanze jagt. Der Sprung ist vielleicht zwei Meter hoch, und das Eintauchen in den Schnee erzeugt eine große Schneefontäne, die links und rechts weitere kleine Rutsche erzeugt. Der Block rast weiter und kollidiert mit einem massiven Felsvorsprung, der ihn in zwei Teile reisst. Es donnert. Beide Hälften rutschen weiter über das Couloir bis zum Plateau-Boden und bleiben später im tiefen Schnee stecken. Wow! Ich stehe oberhalb des Couloirs und schaue nun nach oben zum Gipfel. Vielleicht eine Stunde, hin und zurück, vielleicht etwas mehr, wenn der Schnee nicht tief ist. Eine Stunde mehr für die Sonne. Eine Stunde mehr, Eis zu schmelzen, Schnee zu durchfeuchten, eine Stunde mehr, das Couloir vielleicht unpassierbar zu machen.

Ich wende mich nach wenigen Augenblicken vom Gipfel ab. Es ist höchste Zeit zu gehen, und es ist nicht einmal Mittag. Vorsichtig, aber flott, durchsteige ich das Couloir nach unten und bin bald aus dem Hochplateau heraus. Unter solchen Bedingungen muss ich nun Ost-Hänge bereits bei Tagesanbruch besteigen. Das hat Folgen für meine Tourenplanung der nächsten Tage. Die Zustiege dauern oft Stunden, und ich muss am Vormittag bereits im Abstieg sein. Beim Eiskaffee in Bishop flüchte ich aus der Hitze des Tages. Die Pause tut gut.

Mt. Humphreys: Granitkletterei auf über 4.000 Meter

Die Sonne brennt bereits um 08.00 herunter. Der Cowboy-Hut tut hier gute Dienste. Ich bin seit eineinhalb Stunden unterwegs, gehe entlang einer Offroad-Piste. Ich wundere mich, ob hier vielleicht wieder ein Fahrzeug vorbeikommt und mir den Zustieg um viele Kilometer verringert. Es kommt nicht.

Gestern komme ich in Bishop an. Müde vom Mount Dade mache ich alle notwendigen Besorgungen: tanken, Wasser nachfüllen, einkaufen, Kaffee trinken, alle Geräte aufladen. Beim großen Kundenparkplatz von Vons stehen einige große Reisemobile. Ich stelle mich einfach dazu. Und gehe mit einer Portion Kartoffel-Wedges in der Hand über die Straße zum Rodeo.

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der Schnee ist schon etwas dünn gesät

Um fünf stehe ich etwas müde auf. Die Esel und Maultiere vom Rodeo haben die halbe Nacht gewiehert. Ich schaufle meine Haferflocken herunter, starte den Wagen und fahre über die 168 gegen Westen. Nach einer Abzweigung wird die Straße ruppig, und ich muss früher als erwartet den Wagen abstellen. Zu ausgewaschen für’s Büssle. Das freut mich gar nicht. Das wird ein langer Tag – 32 Kilometer und 2.000 Höhenmeter.

Ich sehe schon von Weitem, dass in der Gegend der Schnee etwas mager verteilt ist. Die Couloirs sind gefüllt, und eventuell die Gletscherwannen, in die ich nicht hineinsehe. Was ich sehe sind lange Wege. Und das genügt. Die Ski bleiben im Wagen, und ich mache mich auf. 13 Stunden später bin ich ausgehungert, durstig und glücklich wieder beim Büssle.

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Twin Couloir re vom Mt. Humphreys (Mitte)

Der Weg zieht sich, naturgemäß. Zumindest ist er sichtbar und ohne dichtes Gebüsch. Nach wenigen Stunden stehe ich am McGee Lake, zum Fuß des Mt. Humphreys und anderer Anhöhen. Ich finde eine Quelle, die aus dem Fels sprudelt, und fülle meine Flasche nach. Ich bin spät dran, wie ich finde, dennoch will ich zum Gletscherrand und mir zumindest das Couloir unterhalb des Gipfelturms anschauen. Als ich oben ankomme, gehe ich einfach weiter. Es schaut so nah aus. Aber schon der Weg um das Gletscherbecken ist mühsam: tiefer, weicher Schnee. Jeder Tritt wird dreimal gemacht, damit ich nicht weiter einsinke als bis zum Knie. Der Bergschrund macht keine Probleme, und so schaue ich nach oben und denke, das müsste eigentlich gehen. Die Twin Couloirs steilen sich nach oben auf und ziehen sich über 150 Höhenmeter. Ich merke, dass das eine lange Sache sein wird – der Schnee ist sehr weich, nass und tief. Es braucht viel Kraft, das linke Couloir zu erklimmen, wobei ich am Schluss in den Felsen nach rechts aussteige und diesen erklettere. Ich stehe am Nordgrat unterhalb des Gipfelturms. Und das mit Stil: mit Cowboy-Hut durch das Couloir!

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Blick vom Gipfel zum McGee Lake

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der Granit-Turm fein zum Hochkraxeln

Der Turm ist nochmals gute 150 Höhenmeter hoch. Schnee liegt zwischen den Blöcken, und ich lasse die Steigeisen, Pickel und alles andere zurück. Der Granit ist trocken und nur gelegentlich mit Eis überzogen. Ich klettere meine eigene Linie, sicher im 3.Grad. Wunderbare Schuppen, schöne Risse. Es dauert fast eine Stunde bis ich oben am Gipfel des Mount Humphreys (4.263 m) stehe. Von dort sehe ich, dass viele Schlingen, Bergseile und Sicherungen parallel zu meiner Route angebracht wurden, damit auch wirklich jeder hier hoch und runter kommt. Meist ist das Abklettern eines solchen Turms aufregender als andersrum. Ich brauche 20 Minuten dafür, und nochmals die gleiche Zeit, um das Couloir abzusteigen. Es ist mühsam, der Schnee um 16.00 ist sehr weich, ich sinke oft bis zum Becken ein. Als ich am McGee Lake endlich den Gletscher hinter mir lasse, bin ich entspannt, wechsle meine klatschnassen Alpinstiefel gegen trockene Joggingschuhe. Das Paar Bergsocken ist zum Auswinden nass, ich steige ohne Socken in die Schuhe, und blute später dafür. Es ist fünf, und ich habe noch viele Kilometer zu laufen. Die Wasserquelle aus dem Felsen tut mir da gute Dienste.

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nur in der Sierra Nevada: der Mountain-Cowboy; im Hintergrund “mein” Twin-Couloir”

Mt.Dade: durch das Hourglass Couloir

Von der Spitze des Mt. Morgan streife ich über die Gipfel der Sierra Nevada. Im Nordwesten entdecke ich einen Hang, einen Zustieg und einen Couloir im prächtigen Weiss. Nach einigen Minuten Konsultationen im meinem Skitourgen-Guide bin ich mir sicher: es ist der Mt. Dade (4.145 m).

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mein Blick vom Mt. Morgan zum Mt. Dade (re oben), das Hourglass Couloir ist in der Bildmitte li

Die Nacht ist ruhig und angenehm, und bevor es dunkel wird, schlafe ich schon. Am morgen will ich gar nicht auf, um 05.30. Ein ordentliches Frühstück, und schon stampfe ich um Sieben entlang der kleinen Seen von Mosquito Flats (3.100 m) Richtung Tagesziel. Die Ski sind am Rucksack, und ich bin froh über den kleinen Weg, der fast bis zum letzten der Seenkette geht. Ab hier wird es etwas schwerer, Gebüsch, steileres Gelände und Schnee lassen mich die Ski immer wieder an- und ausziehen. Schließlich erreiche ich das Kopfende des Long Lake und folge dem fast zugeschneiten Bach nach Westen.

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das Hourglass Couloir immer im Auge (mi), Mt. Dade re

Mit den Ski geht es flott dahin. Durch kleine Canyons und zwischen den Treasure Lakes, deren Eis ich teste, stehe ich bald vor dem Hourglass Couloir. Aus der Entfernung schaut er sehr steil aus, aus der Nähe denke ich, ich kann hier steil hinauffellen. Und so ist es. Nicht ein einziges Mal muss ich die Ski auf den Rücken nehmen, der Schnee ist schon um 09.30 weich, so dass ich eine gute Spur ziehen kann, ohne zu rutschen. Einmal auf dem Sattel schaue ich nach rechts hinauf: der Schnee ist auch auf der Südseite des Mt. Dade vorhanden, und ich sehe eine Linie, der ich fast bis zum Gipfel folgen kann. Am Skidepot, wenige Meter unter dem Gipfel, trinke ich fast die ganze Flasche leer. Die Sonne brennt herunter, und den Rucksack mag ich auch nicht mehr tragen. Leicht, nur mit einem Stock, geht es über große Blöcke und im tiefen Schnee zum ausgesetzten Gipfelfelsen. Ich setze mich reiterlings auf den Felsen und essen genüßlich den mitgebrachten Apfel.

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am letzten der Treasure Lakes, dann etwas links zum Sattel oberhalb des Hourglass Couloirs

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vom Skidepot Blick nach Nordosten

Die Abfahrt leidet etwas unter dem bereits schwer gewordenen Schnee. Um 11.45 ist der Gipfelhang noch halbwegs fahrbar, das Hourglass Couloir schon etwas mühsam. Ich löse ständig kleine Rutsche, die langsam an mir vorbeigleiten, aus. Ich komme gut herunter, überquere die Treasure Lakes und komme bald zum Long Lake, wo ich wieder die Ski auf den Rücken packe. Hier ist es vorbei mit der Ruhe. Oben konnte ich alleine meine Spur ziehen, hier unten am Wanderweg ist es fast wie am Karren. Nur das „Servas“ ist bei den Amerikanern gleich ein mehrsätziger Plausch, und da ich prominent mit den Ski spazieren gehe, will jeder wissen, wie der Schnee oben ist und ob ich Ski fahren war. Soft, und ja, ich war skifahren, da oben. Dann zeige ich auf den weit sichtbaren Couloir, und marschiere schnellen Schrittes weiter. Heute habe ich wirklich ein Publikum.

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und hinein in den Couloir…

Mt. Morgan: grandioser Weitblick

Nach einem ausgiebigen Bad in den Hot Springs unweit des Mammoth Lakes Airports schaue ich bei Werner und Marianne vorbei. Beide sind in den 50ern aus Deutschland zunächst nach Long Beach, und wenige Jahre später nach Mammuth Lakes gezogen. Es wird ein interessanter Abend voller Geschichten der Region, dem Aufstieg des Ski-Tourismus und aus dem Leben. Besonders neugierig machen mich die Erzählung über den Senior-Chef der Fa. Doppelmayr, ein Vorarlberger Parade-Unternehmen.

Mich beeindrucken Leute, die das Wagnis eingehen, was gänzlich Neues auszuprobieren und durchzuziehen. Nicht nur darüber reden oder träumen, sondern es auch tun. So wie meine Eltern. Wie sie ihr Leben uns Geschwistern vorgelebt haben, das ist nun in uns. Immer bereit für einen Neu-Anfang. Bereit, das Alte hinter sich zu lassen.

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schöner geht’s nicht

Am frühen Morgen fahre ich aus Mammoth Lakes hinaus und fahre zum Rock Creek Lake (2.926 m). Die Straße ist offen, das erspart mir viele Kilometer Gehen. Die Ski bleiben heute im Bus, ich vermute zuwenig Schnee in der Höhe. Die ersten 3 Meilen des Weges, welches sich an Seen vorbei und durch lichte Pinienwälder schlängelt, bestätigen auch diese Vermutung. Später wird das Gelände durch Schneefelder und Halden mit großen Gesteinsbrocken bestimmt. Es ist zu wenig um hinaufzufellen, zu viel um bequem sich in die Höhe zu schrauben. Der Schnee wird tiefer, und die Felsen darunter mit Eis überzogen sind tückisch. Ich erreiche das Talende, sehe aber bald, das es noch ein gutes Stückchen zum Gipfel des Mt. Morgan South ist. Das Stückchen zieht sich, aber um 12.15 stehe ich am höchsten Punkt (4.190 m). Die Aussicht ist grandios, aber der Schnee hält sich auch auf der anderen Anhöhen in Grenzen. Ich picke mir ein-zwei Gipfel raus, die mir fahrbar erscheinen. Für morgen.

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zu wenig Schnee für eine Skitour…

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… aber auch recht viel für’s Bergsteigen

Der Abstieg dauert, den der Untergrund bleibt tückisch und weicht in unteren Lagen sehr auf. Die Ski wären für ein paar hundert Höhenmeter gut gewesen. Und wieder eine 8-Stunden-Tour. Müde mache ich mir ein paar Sandwiches, dann strecke ich die Beine aus.

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Blick vom Francis Lake zum Mt. Morgan South

Bloody Mountain: durch das Powder-Couloir

Ich wache um 05.00 auf. Regen weckt mich auf. Ich schaue hinaus, dunkle Wolken, etwas Schnee. Ich drehe mich nochmals um, aber bald bin ich am frühstücken. Ich muss da hinauf, da oben ist Schnee. Die letzten beiden Touren will ich abhaken (Koip Peak, Red Slate Mountain). Bloody Mountain (3.823 m) wartet auf mich, und ich will wieder eine richtig gute Abfahrt. Eine halbe Stunde später marschiere ich im leichten Regen den Weg zum Laurel Lake. Es vergeht keine halbe Stunde und einige Rehrudel, dass mich von hinten ein Pickup einholt. Ich kann auf der Ladefläche mitfahren.

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es gibt bessere Sichtverhältnisse

Kurz vor dem Laurel Lake ist dann auch für das Geländeauto auf dieser sehr rauben Straße Schluss. Ich steige ab und wir machen uns bekannt. Josh und Dan wollen auch auf den Bloody Mountain. Zu dritt geht es durch nebelverhangenes Gelände, und der Einstieg ist nicht einfach zu finden. Die Ski tragen wir am Rucksack, und das bis zum Gipfel. Zunächst, weil es über das Geröll zu wenig Schnee hat. Und dann, als wir den Eingang zum Bloody Couloir finden, weil es zu steil ist. Es liegt gut zwanzig bis dreissig Zentimeter Pulver auf einer harten Unterlage. Der Aufstieg ist lang und anstrengend, aber mit den zwei Jungs wechsle ich mich in der Führungsarbeit gut ab. Als wir  dann endlich aus dem Couloir treten und die letzten Meter zum Gipfel laufen, brauchen wir eine Pause. Müde, aber vor allem wegen der Sicht. Die Abfahrt verspricht viel, und wir wollen dabei viel Licht.

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ca. in der Hälfte des Couloirs

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am Gipfel des Bloody Mountain

Nach einigen Minuten zeichnen sich einige Wolkenlücken ab. Sofort fahren wir einzeln und phasenweise ab. Genial, eng, steil. Josh, der auch heuer auf der Freeride World Tour dabei war, geht nochmals einige hundert Meter hinauf, um ein zweites Mal ein noch steileres Couloir zu nehmen. Dan und ich warten in der Zwischenzeit in sicherer Position im Hang. Auch der Rest der Abfahrt ist eine reine Freude, die beste Abfahrt in der Sierre Nevada bis jetzt. Später, nachdem mich die beiden wieder beim Büssle abgeliefert haben, fahren wir zu natürlichen Becken mit heißem Wasser. So richtig aufweichen. Tolle Tour, tolle Skifahrer! Jetzt geht es nach Mammoth Lakes, die nächste Tour wartet. Wie es sich später herausstellt, sehe ich Josh im Januar 2015 in Tahoe wieder.

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Josh donnert durch das Bloody Couloir

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ein letzter Blick auf Bloody Mountain