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Transalp 2012: Ein Schicksalsberg? Nein, die Schneebergscharte.

In den ersten Tagen unserer Transalp hatte ich stets das Gefühl, von einem tiefen Tal in ein noch tieferes zu gelangen, und über einen hohen Pass noch einen höheren zu erklimmen. Das Wetter wirkte bedrohlich, und so hatten Tag 1 und Tag 2 etwas von einer Reise ins Ungewisse. Auch als wir von der Sattelalm (1.637 m) aufbrechen, fahren wir in den Morgennebel, der sich in den Berghängen des Grenzkammes am Brenner festsetzt. Wie Frodo und Sam auf ihrem Weg zum Schicksalsberg suchen wir unseren Weg im dichten Wald hinauf zum Sattelberg (2.115 m), hören Glocken, sehen Weiden, und irgendwann das Gipfelkreuz. Für Momente, denn es verschwindet wieder und wieder, bis wir auf der Südtiroler Seite dem Kamm folgen, auf breiten, aber abschüssigen Militärstraßen.

grenzkamm

am Brenner Grenzkamm

Diese Momente sind eigentlich die Schönsten. Wir sind hier oben ganz allein, der Wind spielt mit den Nebelbänken, und wir gleiten über das hügelige Gelände vorbei an alten Kasernen, Stellungen und Schießscharten. Eine alte, vergessene Welt, an der wir vorbei fahren und sie im Nebel zurück lassen. Später, als wir das Steinjoch, das Kreuzjoch, den Lorenzenberg und schließlich das Sandjöchl passiert haben, nach einer langen Abfahrt nach Gossensaß (1.100 m), da ist die Zivilisation und die Wärme, das Vertraute und das Laute. Über die Bundesstraße kommen wir nach Sterzing (945 m), und biegen ab ins Ridnauntal.

bergbaumuseum

ausrangierte Erzwaggons

Die Fahrt verläuft zunächst gemächlich, vorbei am Liftbauer Leitner, und schön langsam hoch – Dorf für Dorf. Erst in Mareit (1.070 m) verschaffen wir uns Zugang zu einem kleinen Markt, halten eine kurze Mittagsrast am Gehsteig, fühlen uns bereit für einen langen Anstieg über Ridnaun (1.357 m) bis nach St. Lorenzen und seinem Bergbaumuseum. Hier beginnt das Reich der Knappen und der Schienen, des Eisens und der Stollen. Und die der Vergangenheit. Die Bergwerke sind alle schon längst still gelegt, nach Jahrhunderten reger Grabtätigkeit. Im Zick-Zack geht es hinauf, sehr steil, später flach ins Lazzacher Tal, der Himmel dunkelgrau und bedrohlich, und wieder niemand außer uns auf diesem langen Weg zu einer Scharte, von der wir nicht wissen, ob und wie sie begehbar ist. Das lange Tal hört dann irgendwann mal auf, zumindest für uns, als wir das verfallene Poschhaus erreichen, wieder so ein markanter Punkt dieser Bergbauvergangenheit.

schneebergscharte

aus den Stollen …

schneebergscharte

… hinauf zur Schneebergscharte

Bald beginnt das Schieben und Tragen, denn es ist so unfahrbar steil und steinig, dass selbst der Gehweg mühsam wird. Wir stoßen die Räder im Nebel hinauf, können die Scharte nicht ausmachen, also schieben wir auf Verdacht. Es ist nass, aber es regnet nicht, und der Schnee zeigt sich ebenso wenig. Überall Stollen, rostige Schienen, verfaulende Holzbalken, historische Momente. Unter uns im Berg der Poschhausstollen, über uns auf 2.700 m Seehöhe die Schneebergscharte, die wir dann schließlich nehmen. Auch auf der anderen Seite tragen wir die Räder, der Weg ist hier nicht anders. Aber diese Scharte haben wir passiert, und damit ist die Transalp 2012 auf einem guten Weg. Diese Wendepunkte sind eindeutig, und man bemerkt sie in jenem Moment, in dem sie überschritten werden.

schneeberghuette

unser Paradies für eine Nacht: die Schneeberghütte

Wie in einem schlechten Film öffnet sich der Himmel, und wir fahren die letzten Kilometer auf holprigem Trail zur Schneeberghütte, dem ehemaligen Schutzhaus der Bergbauarbeiter, ab. Wir trauen unseren Augen nicht. Diese Hütte ist eine kleine Siedlung, und wir auf einem paradiesischen Eiland innerhalb einer bedrohlichen See. Schnell sind wir in der Hütte, schnell haben wir geduscht, verbringen die nächsten fünf Stunden brav am Tisch in der Stube beim Studium diverser Alpen-Magazine, essen uns wieder einmal durch die Speisekarte und trinken reichlich. Bald träumen wir von der kommenden Nacht, und wissen, dass wir am nächsten Tag schon wieder im Büssle zu nächsten Zielen aufbrechen werden. Die Ungewissheit des Weges war die Voraussetzung für eine befriedigte Seele.

Transalp 2012: Durch die Tuxer Alpen

Das Wetter bessert sich nicht, Tag 2 der Transalp 2012 schaut aus wie Tag 1. Wir schauen aus dem kleinen Zimmerfenster hinaus, Wolken liegen auf den Bergen, die Wege sind nass, die Hänge weiterhin Schnee-bedeckt. Nach einem Frühstück, bei dem ich ordentlich zulangen kann, pushen wir unsere Räder sogleich über die ersten Steilstufen des Karrenweges. Der Puls schießt hoch, und wir sind froh, dass der Weg bald wieder moderater ansteigt. Unterhalb des Geiseljochs (2.291 m) kommen wir in den Schnee, müssen schieben, und sehen vom Joch nach Süden: die gesamte Flanke ist schneebedeckt. Also: mehrere hundert Höhenmeter das Rad nach unten tragen, durch nass-glitschigen Schnee. Die ersten Tättowierungen unserer Waden durch die Pedale der Mountainbikes folgen prompt.

nordkette

im Norden (Nordkette über Innsbruck) reißt die Wolkendecke auf, …

geiseljoch

aber im Süden zum Geiseljoch schaut’s trüb aus

Mühsam geht’s abwärts. Wir haben ja nicht die leichtesten Räder. Ich staune immer wieder, was da an High-Tech-Material unterwegs ist. Mein’s ist ja richtig nostalgisch (nett formuliert), mit Backenbremsen, 14kg Gesamtgewicht, 2mm Federweg vorne, hinten steif, Pedale ohne Klickverschluss. So ist das, und wir nennen es “Training unter erschwerten Bedingungen”. Und so ist auch die weitere Route. Zunächst prächtig von einer Alm im Hobarbachtal auf gutem Weg bis ins hintere Zillertal hinunter blasen, bei Vorderlanersbach (1.257 m) auf die Tuxerstraße wieder langsam hoch aber gemütlich nach Hintertux. Wir staunen ob der alpinen, Tiroler Tourismusarchitektur.

hintertux

das hintere Zillertal

Ab Hintertux (1.532 m) folgen wir einem Karrenweg, ich mache zwei Fotos, Beate fährt weiter, und schon haben wir uns aus den Augen verloren. Ein paar Abzweigungen später und jeder sitzt irgendwo. Gut, dass es Mobiltelefone und Empfang gibt, und dass der andere auch abnimmt. Irgendwie finden wir wieder zueinander, und merklich mühsamer geht es zur Sommerbergalm (1.986 m). Endlich mal eine Pause, die auch der Blick auf schneebedeckte Strecken nicht trüben kann. Zum Tuxer Jochhaus (2.310 m) müssen wir dann hin und wieder schieben, aber das ist auch wurst. Denn oben geht’s sich ein kurzer Abstecher zum Gipfel des Pfannköpfl (2.388 m) aus.

pfannkoepfl

Ausflug zum Pfannköpfl

Die Fahrt übers Tuxer Joch (2.339 m) ist wenig spektakulär, oben lauert ein Speichersee für die künstliche Beschneiung der Tuxer Skigebiete. Das Üble kommt erst: lange 600 Höhenmeter die Bikes hinuntertragen, teils auf rutschigem Schnee, in engen Windungen, auf nassen Pfaden. Sehr lästig, mühsam, unlustig. So stellt man sich keine Abfahrt vor. Erst beim Kaserer Bach können wir wieder auf den Sattel und heizen durch Kasern (1.625 m) vorbei ins Schmirntal nach St. Jodok am Brenner (1.129 m). Der Himmel ist nun fast wolkenlos, als wir ein kurzes Stück entlang der Brenner Bundesstraße bis Gries am Brenner (1.160 m) hochfahren.

Der Tag ist nun schon lang, aber noch nicht fertig. Das Wasser geht uns aus. Zunächst steigen wir nach Vinaders (1.269 m) hoch, und dann über eine steile Piste hinter der Kirche auf einen Karrenweg. Dieser schlängelt sich steil über dem Wipptal und dem Brennersee, und recht ausgelaugt kommen wir endlich zur Sattelalm (1.637 m). Fahrrad abstellen, duschen, und essen was das Zeug hält. Ich esse mich fast durch die ganze Menükarte durch, Beate zählt schon mal vorsichtshalber unser Geld. Das war ein anstrengender, toller Tag, auch wenn der Hintern ein wenig schmerzt. Tag 3 wird eh härter.

Mini-Transalp 2012

Wie in den letzten Jahren wollen wir auch dieses Jahr mit den Mountainbikes über die Berge. Die diesjährige Transalp ist etwas kürzer als 2010 und 2011: 4 Tage, 215 km, 8.100 Höhenmeter. Die Strecke führt im Wesentlichen von Schwaz im Tiroler Inntal über die Tuxer Alpen zum Brenner, und weiter in den Stubaier Alpen ins Passeiertal übers Eisjöchl nach Naturns im Südtiroler Vinschgau.

transalp-2012

Der Routenverlauf

Die Route im Detail:

transalp-2012

Wettersituation in den Tuxer Alpen

Insgesamt eine sehr schöne Tour, wenn auch zeitweilig mit einigen sehr lästigen Tragepassagen und längeren Asphaltwegen. Auch das Wetter war zeitweise etwas widerspenstig – Schnee und Kälte in der Höhe machte das Passieren der Pässe oft zu einer Rutschpartie, und das zweite Paar Handschuhe im Rucksack war keine schlechte Idee – wir hatten aus 2011 gelernt…