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Mt. Wilhelm: ein Trek im Lehm, ein Gipfel selten im Schnee

Wir verabschieden uns von unserem Clan in Mt. Hagen, fahren mit dem Minibus entlang des Hochlands nach Osten. Nächste Station: Kegsugl. Ein Dorf, abgelegen, mit einer Straße vom Highway verbunden, die mehr Schlaglöcher als Meter hat (57 km). aber der einzige Zugang zum höchsten Berg Papua Neuguineas ist: Mt. Wilhelm (4.509 m). Dennoch sind die drei Stunden Fahrzeit auf der Ladefläche eines Pickups nicht verloren – das Straßenleben hat was, die Kids laufen einem mit einem Lachen nach und bei kurzen Stops deckt sich Beate mit Erdbeeren und frischen Erbsen ein.

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die Bus-Stops zählen zu den weniger sauberen Plätzen

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auf der Ladefläche eines Pickups zum Fuß von Mt. Wilhelm

Der Aufstieg selbst teilen wir in zwei Tage auf: vom Dorf gehts 800 Höhenmeter zum „Basecamp“, wo wir uns für die Nacht in einer sehr einfachen Hütte einrichten. Mit dabei ist Arnold, unser Wegführer, mit Gummistiefel und Windjacke. Wir sind schnell (2 Stunden), und Arnold lässt sich für den Gipfeltag erweichen, etwas später in der Nacht zu starten als die üblichen 01.00. Wir legen um halb drei los, stampfen in dem am Vortag vom Regen aufgeweichten Weg. Der Lehmbelag ist rutschig wie Seife, und wir müssen unsere Schritte gut wählen. In der Dunkelheit gehen wir leise das Tal hinauf, und auf einem kleinen Sattel holt uns der Nebel ein. Der Wind bläst, und es ist frisch.

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schaut aus wie Vogelbeeren

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Tellerwäscherin für eine japanische Reisegruppe

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am Gipfel des Mt. Wilhelm

Wie schon auf anderen Bergen (Cotopaxi) sind wir wieder einmal zu schnell. Um 05.20 stehen wir bereits am felsigen Gipfel des Mt. Wilhelm, aber wir sehen nichts ausser Dunkelheit und Nebelschwaden. Diesmal warten wir etwas windgeschützt, frühstücken jeder ein Erdnussbutter-Sandwich, bevor sich das Morgenlicht kurz vor Sechs zeigt und den Nebel etwas unterhalb des Gipfels drückt.

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im Morgenlicht am Abstieg

Der Abstieg dauert fast gleich lange wie der Aufstieg – er ist anstrengend und sehr rutschig. Es passieren immer wieder Unfälle, manche enden sehr tragisch. Wir erreichen die Hütte am Basecamp gegen 08.20, und unsere Lodge oberhalb von Kegsugl später am Vormittag. Wir sind müde, trotzdem waschen wir unsere Schuhe und Überhosen vom Lehm frei. Die Sonne scheint, und deren Wärme gilt es zu nutzen.

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schöne Trasse im oberen Bereich

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zwei Seen unterhalb des Mt. Wilhelm

Mt. Hagen: Nachtwandern im Bergregenwald

Das Licht meiner Stirnlampe versucht meinen nächsten Tritt auszuleuchten. Aber in dieser Finsternis des Waldes, des faden Mondlichts und der scheinbaren Enge des Weges, der von allen Seiten überwuchert und eingefasst wird, vom Fuß bis über den Kopf, das ist fast unmöglich. Der Weg ist schlüpfrig, rutschig durch den Lehmboden, der kaum Stufen kennt, übersät mit Schlammlöchern und Wasserlachen, bedeckt mit Moos, durchdrungen von Wurzeln. Ich bin froh um meinen Wanderstock.

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schon über der Baumgrenze

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Blick zurück in den Regenwald

Bald gebe ich es auf, den Schlammlöchern auszuweichen. Die großen Schritte, besonders in die Höhe, kosten viel Kraft, und ich riskiere dabei immer, beim Abstoß oder beim Auftritt noch mehr auszurutschen. Spinnen hängen vor unseren Gesichtern, Dornen reissen unsere Hautflächen auf, das Elefantengras schneidet in den Handrücken. Sam und Jeremia, unsere zwei Boys, tun ihr Bestes, um Mister Mark und Mary Bea den Weg mit ihren Macheten freizumachen. Dennoch verfangen wir uns oft, schlagen mit dem Kopf an einem Ast an, weil wir uns so sehr auf unsere Füße konzentrieren, verlieren wiedermal den Halt in diesem glitschigen Hang. Einmal rolle ich fünf Meter durch den Busch hinunter, weil eine Wurzel, an der ich mich über eine Steilstufe hochziehen will, nachgibt. Im Dunkeln ist mir gar nicht klar, wie weit ich den Wald abgeräumt habe, aber ich brauche einige Schritte, um wieder zu meiner Ausgangsposition zu gelangen. Ein andermal versinke ich Waldboden, bis zur Brust. Der Weg war gar kein richtiger Weg, sondern ein riesiger, überwucherter und umgestürzter Baum. Wir laufen auf ihm, und nur ein paar Zentimeter zur Seite steige ich dieses überwucherte Loch, und bin eine Etage im Wald tiefer. Jeremia hilft mir raus, und weiter gehts.

Erst als die Vögel zu singen beginnen, wissen wir, dass der Tag bald beginnt und wir endlich mit etwas mehr Licht durch den Bergregenwald gehen werden. Es ist feucht, wenn auch nicht schwül, und wir schwitzen den Weg hinauf, zu einer ersten kleinen Lichtung, zu einer ersten kleinen Rast. Essen Kekse, und sehen zum ersten Mal, wie wir nach drei Stunden ausschauen – recht braun. Gegen neun Uhr erreichen wir den Gipfel des Mt. Hagen (3.791 m), nach einer kurzen Passage über weites Grasland, welches eher einem Morast gleicht. Der Ausblick ist wie erwartet erhellend, und wir verbringen etwas Zeit am Berg. Unseren Boys ist es bald zu kalt da oben, wir hingegen sind froh um die Kühle. Wir steigen ab, um kurz vor der Waldgrenze ein Feuer zu zünden und unsere Süßkartoffeln zu braten.

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am Gipfel mit Sam und Jeremia

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Süßkartoffel-Braterei

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der lange Abstieg ins Tal

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der Regen lässt nicht lange auf sich warten

Nach einem anstrengenden Abstieg sind wir kurz nach Mittag wieder im Dorf unseres Clans. „Unser“ meint wirklich unser: wir sind nun Mitglieder des Opa-Clans. Wir haben über den Kontakt eines Priesters in Mt. Hagen Unterkunft hier gefunden. Dieser Clan von ungefähr 50 Personen hat sein Land um den Berg des Mt. Hagen herum. Als wir ankommen, werden wir freudig begrüßt. Es dauert nicht lange, und wir sind mit allen beste Freunde, und wie sich später herausstellt, am Tag unserer Abfahrt, auch Mitglieder der Familie. In mehreren Hütten bewohnt der Clan dieses Stück Land, welches von großen Gärten eingefasst ist. Süßkartoffeln, Brokkoli, Karotten, Tomaten, weiße Kartoffeln, Zwiebeln, Knoblauch und Kohl gedeiht hier prächtig. Die Hütten sind im traditionellen Stil mit Strohdach und geflochtenen Wänden errichtet, und wir wohnen bei Tante Rachel, die in ihrem früheren Leben gar Stewardess bei Air Nguini war. Nun lebt sie wieder bei ihrer Familie, und wir dürfen uns in ihrem Haus einrichten.

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typische Hütte

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ein Teil unseres Clans mit Tante Rachel in der Mitte

Es wird hier alles geteilt – vor allem Essen und Geschichten („Stories“). Ich fühle mich wie in einem Anthropologen-Traum. In meiner Doktorarbeit habe ich Ethnographie in virtuellen Welten betrieben, doch hier ist es ein direktes, nahes Leben inmitten und mit diesem Clan. Es dauert nicht lange, wir werden in die Gartenkunde eingeführt, lernen die ersten Brocken Pingin (die lingua franca in Papua), teilen unser Wissen aus beiden Welten. Wir bleiben zwei Nächte in einer Welt ohne Strom und Internet, aber mit vielen lachenden Kindern und sehr lieben Menschen. Der Abschied fällt schwer, vor allem für unseren Clan. Sie sind traurig, versuchen uns zum Bleiben zu überreden, machen uns das Leben bei ihnen schmackhaft. Wir sollen wiederkommen, und dann bekommen wir von ihnen Land und eine neue Hütte, dann können wir gemeinsam am Feuer sitzen und Stories teilen. Sam und Jeremia begleiten uns zurück in die Stadt, und dann müssen wir auch von ihnen Abschied nehmen. Ich hätte nie gedacht, dass Neuguinea mich so in Besitz nehmen würde. Wir sind in einer anderen Welt. Nein, wir sind auf einem anderen Planeten, in Gedanken nun für immer verbunden mit unserem Clan am Fuß des Mount Hagen.

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Tante Jenny beim Zocken mit den anderen Aunties

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Kids – wie immer fasziniert von Kameras