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Live and let live – Leben auf den Straßen Bengalens

Der Lebensraum ist ein Begriff der Humanwissenschaften und entspricht den Begriffen “Habitat” oder “Biotop” in der Biologie und Ökologie. Er bedeutet einen bewohnten und beanspruchten Raum einer sozialen Gruppe. In Bengalen (Kalkutta nordwärts sowie Bangladesh) und Ost-Indien (Assam und alles östlich davon) ist die Straße der Lebensraum großer Teile der Bevölkerung.

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Landstraße in Assam – außergewöhnlich unbelebt

Primär ist die Straße auch hier eine Verkehrsverbindung zwischen A und B, mit seinen Regeln, Sitten und fahrtechnischen Eigenheiten. Asphaltbelag haben theoretisch nur die wichtigen Verbindungen, aber Baustellen und (noch schlimmer) fehlende Abschnitte sind eher die Norm als die Ausnahme. Schlaglöcher, enge Passagen, einspurige Brücken reduzieren das Tempo der schnelleren Verkehrsteilnehmer auf 30-45 km/h. Das ist für unsere Verhältnisse extrem langsam, und bei einer recht kurzen Distanz von 200 km wird das bald zu einem Tagesausflug. Ist man aber einmal in diesem Verkehrsfluss, dann ist man froh, mit einer so geringen Geschwindigkeit unterwegs zu sein. Überholmanöver beginnen und enden mit der Hupe, grundsätzlich hat dabei der Gegenverkehr Nachrang. Dass in Indien rund 13 Menschen – pro Stunde! – auf den Straßen umkommen, wundert einen nicht.

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Verkaufskiosk 1m x 1m x 1m am Straßenrand – da passt nur ein Kind als Verkäuferin hinein

Die Verkehrsteilnehmer sind sehr vielfältig. Vom Fussgänger über den Radfahrer bis zum Groß-LKW fährt hier alles. Am seltensten sind dabei private Klein-PKWs. Insofern müsste Bengalen ein Vorbild grüner Verkehrspolitik sein, ist doch fast alles mit eigener Muskelkraft betrieben. Ruß-LKWs und vor sich hin rottende Busse machen zwar durch Abgase und Lärm auf sich aufmerksam, spielen aber im Gesamtkonzert des Straßenwesens keine dominante Rolle, betrachtet man deren absolute Anzahl. Transportiert wird alles und mit allem. Auf dem Land sind eher Motorfahrzeuge (drei-rädrige Mini-Taxis oder Jeeps als Mini-Busse) im Einsatz, in den Städten Rickshaws mit Menschenfracht oder als Lastfahrzeuge.

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Shared Taxis – die beliebte und schnelle Alternative zum Bus

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Besonders im städtischen Bereich sehr populär: das Rickshaw

Allen Fahrzeugen gleich ist deren künstlerische Dekoration. Rickshaws weisen auf ihrer Rückseite Bemalungen auf, LKWs werden oft mit religiösen Symbolen “individualisiert” oder mit netten Sprüchen versehen. Was wir schon auf den Philippinen oft gesehen haben, findet sich auch in Bengalen wieder: die Bitte um (göttlichen) Schutz im Straßenverkehr. Die Hinterseite vieler Fahrzeuge fordert zudem andere Verkehrsteilnehmer auf, die Hupe zur Kommunikation zu nutzen und auch den Verstand einzuschalten. Wir fragten uns bei den jeweiligen Fahrweisen, ob der Fahrer je seine eigenen Sprüche gelesen hat; in allem, sie sind vielleicht nicht wirkungsvoll, aber doch unterhaltend. Den besten Spruch fanden wir an einem LKW: “Keep slow: no vacancy in heaven”. Hin und wieder fanden sich auch am Straßenrand entsprechende Aufforderungen, die nicht minder kreativ waren: “Live and let live”.

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Bengalische LKW-Fahrer motzen ihr Fahrzeug gerne mit dem Pinsel auf

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Lebendtransport von Hühnern am Fahrrad in Kalkutta

“Live and let live” ist nicht nur an die Fahrer der Brummis gerichtet, Fußgänger und Radfahrer zu verschonen. Der Lebensraum Straße ist weit mehr, und er wird mit den Anwohnern der Hütten an den Straßen sowie deren Tieren geteilt. Eine Straße ist nicht nur Straße, sie ist auch Arbeitsplatz, Spielplatz, Treffpunkt, Platz zum Trocknen von Feldfrüchten, Futterstelle und Schlafplatz. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Menschen mitten auf der Straße einfach liegen und schlafen, und die Tiere schauen sich das ab. Insofern ist der Autofahrer in Bengalen vielen Hindernissen ausgesetzt, und er muss gut aufpassen, dass er nichts überfährt. Bei dem Durcheinander von Fahrzeugen und Menschen ist es stets nur eine Frage der Zeit, bis es wieder mal jemand oder etwas erwischt. Hunde, Ziegen, Kühe, Hühner, Gänse und Schafe, alles kreuzt und quert die Wege, bringt den Verkehr zum Stillstand, kaum zum Ärgernis der Fahrgäste. “Live and let live” ist das Motto hier und jetzt, praktiziert wird es im alltäglichen Leben.

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Zivilisierter Stau von Taxis

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Straße heißt in Indien auch gleichzeitig kochen und essen

Die Straßen in Assam und auch die kurvenreiche Straße nach Shillong in die “Rock-City” Indiens hat nicht jedem Fahrgast gefallen. Manche kotzten aus dem Fenster, und manche wollten das ewige auf der Achse hüpfen vorbei haben. Auch auf die Abfahrt in die Tiefen an die Grenzen Bangladeshs hätten viele gerne verzichtet, so schien es mir. Ich hatte eine Freude an den Panoramaausblicken. Eine eigene Welt abseits des Brahmaputra-Betts, die Luft klar und frisch, die Hänge dicht und grün. Shillong selbst war dagegen eine seltsame Mischung. Fein zum Ausgehen, aber eine Stadt, die aus halbfertigen Häusern bestand. Es schien, als hätten Bauherren irgendwann einfach eine Pause gemacht, und sich später entschlossen, die Fertigstellung auf irgendwann zu verschieben. Shillong war eine Station, die wir reise-technisch eingehen mussten, und das war auch gut so. Das Kapitel hatten wir schnell abgeschlossen und ließen es hinter uns. Live and let live.

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Früh morgens in Shillong – kaum Verkehr, aber noch Dreck vom Vorabend