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Mount Fairview: im Eiskanal nach Lake Louise

Unsere letzte Tour in/um Lake Louise bricht an. Der Morgen ist nass-kalt, wir können die Fensterscheiben kaum aufbekommen, sie sind von aussen angefroren. Trotzdem sind wir die Ersten, die den Weg vom Lake Louise Castle (1.750 m) zum Saddle Pass (ca. 2.200 m) nehmen. Die Orientierung gestaltet sich einfach, ein breiter Skitouren-Trampelpfad führt durch den Wald und über mehrere ausgeräumte Lawinenstriche. Wie in den letzten Tagen (Wapta Icefields, Mount Hector, Cathedral Mountain) ziehen Wolken am Vormittag rasch auf, es wird windig und es beginnt zu schneien. Die Schlechtwetterprognose hat uns gestern dazu getrieben, den Mount Fairview wegen seiner Kürze und Einfachheit auszuwählen. Und das ist gut so.

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in einer Lawinenschneise unter Mount Fairview

Am Saddle Pass liegen die Wolken noch über uns, aber als wir kontinuierlich nun den Osthang zum Gipfel des Mount Fairview (2.744 m) hochsteigen, wird die Sicht rasant schlechter. Wir müssen Harscheisen anlegen, auf einer Eiskruste liegen vielleicht zehn Zentimeter Pulver. Zu wenig für einen einfachen Aufstieg in steilem, baumlosen Gelände. Wir queren gegen Norden, hoffen auf einen etwas flacheren Aufstieg, den wir auch finden. Von einer Schulter geht es in einem Nordhang langgezogen zum Gipfel, der überraschend kleinräumig wirkt. Kurz strahlt uns die Sonne auf den letzten einhundert Höhenmetern an, bevor sie bei der Abfahrt wieder verschwindet.

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am Saddle Pass, Blick zum Haddo Peak

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am Gipfel des Mount Fairview, Blick zum Lake Louise und Mount Niblock (in den Wolken)

Das fahle Licht macht den Nord- und Osthang nicht einfacher. Der Ärger kommt erst in der engen Waldspur auf. Sie ist immer noch glatt und hart, und so eng, dass man im Pflug-Modus fast überall hängen bleibt – an Bäumen, Wurzeln und Schneewänden. Der Weg ist steil, und ein Bremsen fast schon ein Stunt. Wir brauchen etwas, bis wir wieder am Parkplatz sind. Ohne Brüche, ohne Wehwehchen. Die Kong-Brothers hätten hier ihre Feuertaufe erlebt.

Wir reisen weiter. Banff ist unser Nachmittagsziel, Schwimmbad und Fitnesscenter, Reisevorbereitungen für die nächsten Tage, Wettercheck. Das Leben ist einfach geworden.

Mount Hector: Mit Eispickel zum Gipfel

Was für eine Tour! Am Tag nach der 3-Tages-Traverse des Wapta-Icefields ist Beate in Höchstform. Kein Murren, kein Mjaulen, sondern geradlinig zum Gipfel gestürmt. Wir starten am Highway 93 im Banff NP beim Hector Lake und folgen einigen Spuren durch den Wald entlang eines eingeschneiten Bachs. Die Sicht ist gut, Wolken sind nur im Westen zu sehen. Zwei Stunden später, nach dem “Erklettern” eines Wasserfalls, zieht der Himmel zu, die Wolken senken sich, und als wir den Gletscher betreten, fast keine Sicht mehr. Noch ist es einfach, wir folgen alten Spuren, die sich bald als frische erweisen: kurz unter dem Sattel zum Mount Hector kommen uns vier Skitouren-Geher entgegen: sie brechen ab, der Wind und die Sicht, Schneefall, nichts für einen Aufstieg.

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so gefällt mir ein Morgen um 08.00

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Beate durch den Wasserfall

Ab jetzt heißt es also selbst die Spur suchen und machen, auf einem Gletscher bei kaum Sicht keine angenehme Sache. Hab ich schon gesagt, dass Beate heute nur den Gipfel kennt, Wind und Wetter keine Rolle spielen? So stark! Wir finden den Sattel und hanteln uns gegen Osten bis zu einer Felswand, die wir fälschlicherweise schon für den Gipfel halten. Skidepot. Steigeisen an, Pickel gegen Skistöcke, und auf geht’s in den Sturm. Es bläst hier nun ordentlich, der Schnee kommt von allen Richtungen und Beate denkt gar nicht daran abzubrechen. Ich bin entzückt, und sie übernimmt die Führung, als wir den steilen Hang entlang der Felswand seilfrei Schritt für Schritt in Angriff nehmen. Der Schnee ist hier tief, wir müssen uns abwechseln, aber ohne Rucksack und Ski am Rücken ist alles leicht. Ich erinnere mich an die harten Meter am Mount Fuji. Wir kommen auf ein kleines Plateau, aber da sehen wir weiter östlich wieder Felsen, eine Anhöhe, nur schemenhaft, aber da muss es irgendwo hinaufgehen. Wir steuern einfach gegen die Höhe, erklimmen einen weiteren, steilen Schneehang, dann taucht ein Felsband auf. Ich erklettere zwei Passagen, dann kommt Beate nach. Hier wechseln wir wieder, in einer geraden Linie steigt sie zu einem Kamin hoch, umrundet den Felsen und steht zwei Meter unter dem Gipfel, der mit einer großen Schneehaube auf uns wartet. Mit wenigen Hieben säubert sie den Fels, hakt sich ein und zieht sich hoch, bis sie mit den Händen den Gipfelturm des Mt. Hector (3.394 m) umgreifen kann.

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‘Little Hector’ in Sicht, noch ist der Himmel recht blau

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am Col unterhalb des Mt. Hector

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kurze Kletterstelle

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White-out Classics

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nicht mehr weit zum Gipfel, den wir von hinten erklimmen

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am Gipfel des Mt. Hector

Im Abstieg folgen wir unseren Spuren, aber die sind beinahe vom Schnee und Wind verdeckt. Ich muss genau hinschauen. Es dauert vielleicht fünfzehn Minuten, bis wir am Skidepot sind. Es stürmt, Steigeisen ab, Pickel fixieren, Felle weg, bereit für die Abfahrt? Seil fehlt noch, denn bei dieser Suppe sehen wir keine zehn Meter weit, und die Aufstiegsspuren sind längst weg. Beate macht sich vorne am Seil auf die Suche, während ich hinten sichere und auf die Seilführung achte. Es dauert eine Ewigkeit, bis wir uns aus dem Gletscher hinausmanövrieren. Am Seil fahren, das ist Teamsache. Alles geht gut, Spalten erfolgreich gemieden, Seil weg, und dann eine wilde Abfahrt, die mit der Schlüsselstelle “Wasserfall” seinen Höhepunkt findet. Im Wald sind wir schon recht souverän, kommen nach sechs Stunden wieder beim Büssle an. Wow! Zwei Bierdosen stehen auf unserer Windschutzscheibe, wohl von den vier Skitouren-Gehern aus Jasper, die am Sattel umgedreht sind. Vielen Dank! Mittlerweile geht der Schneefall in Regen über, wir versuchen wieder unsere Sachen zu trocknen. Die Aufgabe des Nachmittags…